Die Übernahme von Whole Foods durch Amazon und die Forderung nach Vergesellschaftung

23. Juni 2017

Am 16. Juni gab Amazon seine Absicht bekannt, die amerikanische Supermarktkette Whole Foods für 13,7 Milliarden Dollar zu übernehmen. Die Verhandlungen sollen bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Als Reaktion darauf schossen die Aktienkurse von Amazon in die Höhe und Vorstandschef Jeff Bezos wurde an einem einzigen Tag um 2,88 Milliarden Dollar reicher.

Mit der Übernahme von Whole Foods gewinnt Amazon ein Standbein in der 800 Milliarden Dollar schweren Lebensmittelbranche und wird zum Eigentümer von 460 Lebensmittelgeschäften in den USA, Kanada und Großbritannien. Diese Expansion ist Ausdruck einer beispiellosen Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen einer kleinen Gruppe von Konzernen, die die kapitalistische Weltwirtschaft kontrollieren.

Das Wall Street Journal schrieb am 17. Juni, die Übernahme von Whole Foods sei „nur das extremste Beispiel für ein größeres Phänomen, das sich daraus ergibt“. Dies sei die Tatsache, dass viele Unternehmen in verschiedensten Branchen „aufgekauft oder dem Erdboden gleich gemacht werden, sodass sich die Macht und der Reichtum in den Händen einiger weniger Unternehmen konzentrieren wird. Dies wird Ausmaße annehmen wie man sie seit dem Vergoldeten Zeitalter [1877 bis zur Jahrhundertwende] nicht mehr gesehen hat... Als Land und als Zivilisation werden wir uns fragen müssen, ob es uns damit gut geht, dass so wenige Unternehmen so viel Macht in ihren Händen halten.“

Auf die Übernahme wird ein gnadenloser Angriff auf die Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten von Whole Foods folgen, der ein neues Stadium im Angriff auf alle Beschäftigten im Einzelhandel einläuten wird. Laut Bloomberg News will Amazon „weniger Beschäftigte in den einzelnen Whole-Foods-Märkten und die verbleibenden Beschäftigen sollen nicht länger einfache Aufgaben erledigen, sondern Produktexperten sein.“ Die Horrorgeschichten der Amazon-Beschäftigten über die extreme Ausbeutung geben den Arbeitern von Whole Foods eine Ahnung davon, womit sie konfrontiert sind.

Amazon hat sich nicht nur zum größten Online-Händler entwickelt, sondern bringt auch zunehmend die Infrastruktur des Marktes selbst in seinen Besitz. Jeder zweite Dollar, der online ausgegeben wird, landet bei Amazon. Täglich kontrollieren seine Algorithmen den Verkehr von Gütern im Wert von Milliarden von Dollar über die ganze Welt. Die Vorherrschaft auf dem Onlinemarkt hat das Unternehmen als Sprungbrett für die Ausdehnung auf andere Branchen genutzt. Amazon setzt seine wirtschaftliche Schlagkraft zur künstlichen Senkung der Preise ein, drängt schwächere Unternehmen aus dem Geschäft und übernimmt dann ihre Marktanteile.

Lina Khah schrieb 2017 in einer Ausgabe des Yale Law Journal über Amazons zunehmende Monopolstellung: „Amazon ist nicht nur ein Einzelhandels-, sondern auch ein Marketingunternehmen, ein Liefer- und Logistiknetzwerk, ein Zahlungsservice, ein Kreditinstitut, ein Auktionshaus, ein wichtiger Buchverleger, ein Fernseh- und Filmproduzent, ein Modedesigner, ein Hardwarehersteller und ein führender Anbieter von Cloud-Serverplätzen und Verarbeitungskapazitäten. Zu diesen Branchen hat sich Amazon überwiegend durch den Aufkauf bereits bestehender Unternehmen Zugang verschafft.“

Amazons Cloud-Datenspeicherdienst kontrolliert beispielsweise 33 Prozent des gesamten Marktes und damit mehr als Microsoft, IBM und Google zusammen. Zu Amazons Kunden gehören einige der größten Konzerne sowie die CIA, die NSA und das US-Verteidigungsministerium.

Das Unternehmen kontrolliert einen bedeutenden Teil der Logistiksysteme des internationalen Vertriebs und etwa 400.000 Lagerarbeiter in Hunderten von Lieferzentren auf fünf Kontinenten. Dazu verfügt Amazon über eine ganze Flotte von Lastwagen, Frachtschiffen, Drohnen und Flugzeugen sowie ein Heer von Fahrern für flexible Lieferdienste, die, ähnlich wie das Unternehmen Uber, Güter in über 100 Länder transportieren.

Amazons zunehmende Dominanz ist Teil einer breiteren Konzentration von Macht in allen Branchen. Der Anteil der 100 größten Konzerne der USA am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zwischen 1994 und 2013 von 33 auf 46 Prozent gestiegen. Die fünf größten amerikanischen Banken kontrollieren 45 Prozent aller Vermögenswerte der Finanzbranche, im Jahr 2000 waren es nur 25 Prozent.

Jede einzelne Branche - Luftfahrt, Telekommunikation, Gesundheitsversorgung, Computer, Pharma, etc. - wird von immer weniger Konzernen dominiert. Diese Entwicklung ist das Ergebnis einer bewussten Politik sowohl der Demokratischen als auch der Republikanischen Partei. Diese Politik bestand in einer radikalen Deregulierung der Wirtschaft und in der Aushöhlung der ohnehin schwachen Kartellgesetzgebung des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts.

Als Folge davon sind Megakonzerne entstanden, die durch ein gemeinsames Netzwerk von Eigentümern verbunden ist. Das Herz dieses Netzwerks ist die Finanzindustrie. Nur eine Handvoll Wall-Street-Firmen besitzen den Großteil von Amazon und Whole Foods. Institutionelle Anleger besitzen 62 bzw. 93 Prozent der beiden Konzerne. Ganze drei Finanzunternehmen – BlackRock, Vanguard und State Street – gehören sowohl im Fall von Amazon als auch bei Whole Foods zu den größten institutionellen Anteilseignern.

Wenn man ihre Unternehmensanteile kombiniert, repräsentieren diese drei Finanzfirmen den größten Aktienbesitzer von 1.662 der 3.900 börsennotierten amerikanischen Unternehmen, die zusammen über 23 Millionen Menschen beschäftigen und deren Marktkapitalisierung beinahe dem BIP der USA entspricht.

Die Dominanz der Banken und Monopole verschärft die Konkurrenz unter den Unternehmen. Diese pressen dann in immer schärferer Form den Mehrwert aus der Arbeit ihrer Belegschaften und verschärfen damit dramatisch die soziale Ungleichheit.

Zwei Forscher von der Colombia University und der Universität von Girona in Spanien veröffentlichten 2017 eine Studie mit dem Titel „Die Finanzbranche und der Niedergang des Anteils der Lohnarbeit am weltweiten Einkommen“. Sie kamen zu dem Schluss, dass bis zu 57 Prozent des Rückgangs beim Anteil der Arbeitslöhne am internationalen Gesamteinkommen durch die wachsende Dominanz des Finanzkapitals über die Weltwirtschaft zu erklären sind. Die Finanzoligarchie wurde immer reicher. Laut den Daten der Ökonomen Saez, Picketty und Zucman von 2016 kontrollieren die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung in den USA 89 Prozent des gesamten Unternehmenskapitals.

Das gewaltige Ausmaß der internationalen Aktivitäten des Amazon-Konzerns verdeutlicht einen weiteren, weniger sichtbaren Prozess in der Weltwirtschaft. Durch die Organisation globaler Versorgungsketten, die durch Fortschritte in den Bereichen Kommunikation, Transport und Technik beflügelt wurde, verändern sich auch die sozialen Beziehungen. In bisher nie dagewesenem Maße ist die internationale Arbeiterklasse in unterschiedlichen Bereichen heute im Produktionsprozess miteinander verbunden.

Die Vorbedingungen dafür, die Weltwirtschaft mit den Bedürfnissen der Menschheit in Einklang zu bringen, sind bereits vorhanden. Im Kapitalismus werden diese fortschrittlichen Tendenzen jedoch gegen die Arbeiterklasse und die ganze Gesellschaft eingesetzt. Technologische Fortschritte und die globale Integration der Produktion werden in den Händen der Kapitalistenklasse zu Waffen, mit denen sie Arbeitsplätze und den Lebensstandard der breiten Masse der Bevölkerung zerstören. Gleichzeitig bricht der Konflikt zwischen dem globalen Charakter der Wirtschaftsweise und dem Nationalstaatensystem des Kapitalismus in Form von Militarismus und Krieg auf.

Die sozialistische Umgestaltung der Weltwirtschaft, die Enteignung des Vermögens von Konzernen wie Amazon und deren Umwandlung von gewinnorientierten Ausbeutungsriesen in internationale öffentliche Dienstleister, die von den Arbeitern selbst organisiert und demokratisch gelenkt werden, ist eine Notwendigkeit.

Amazons internationales Logistiknetzwerk ist ein hervorragendes Beispiel. Statt die Aktionäre von Amazon noch reicher zu machen und die Ausbeutung der Arbeiterklasse zu fördern, könnte die Präzision und Rationalität von Amazons Versorgungsketten genutzt werden, um die Verteilung von Gütern auf der ganzen Welt rational zu organisieren - aus jeder Region nach ihren Mitteln, für jede Region nach ihren Bedürfnissen, und in Echtzeit.

Die riesigen Datenbanken und das Amazon Echo könnten benutzt werden, um Notfälle, Katastrophen oder Gebiete mit allgemeiner sozialer Bedürftigkeit zu erkennen. Per Knopfdruck könnten Arbeiter die Verteilung von medizinischer Ausrüstung, Baumaterial, sauberem Wasser und Nahrungsmitteln aus allen Winkeln der Welt dirigieren. Tausende von Schulen, Bibliotheken, Museen, Krankenhäusern, Theatern, Kläranlagen und Parks könnten gebaut werden. Die Verfügbarkeit von Ressourcen würde weder durch geografische Beschränkungen bestimmt werden, noch durch das kulturelle Niveau der Bewohner einer Region.

Im Mai begann das Internationale Komitee der Vierten Internationale mit der Veröffentlichung der Onlinepublikation International Amazon Workers Voice (IAWV). Sie berichtet über die Kämpfe von hunderttausenden Amazon-Arbeitern und legt eine politische Strategie dar, die auf der Erkenntnis beruht, dass der Kampf gegen diesen internationalen Megakonzern eine international vereinte Reaktion erfordert. Die IAWV stieß bei Arbeitern in Dutzenden Ländern auf überwältigenden Zuspruch. Tausende von ihnen verfolgen die Publikation auf Facebook.

Im wachsenden Widerstand unter Amazon-Arbeitern gegen die Diktatur des Unternehmens drückt sich die Antwort der Arbeiterklasse auf die soziale Ungleichheit und die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen einiger weniger Banken und Konzerne aus.

Um ihre Rechte zu verteidigen, müssen Arbeiter ihre eigenen Fabrikkomitees aufbauen. Diese Organe müssen auf dem Prinzip des Klassenkampfs beruhen und völlig frei vom Einfluss des Unternehmens, der nationalistischen und prokapitalistischen Gewerkschaften und den politischen Parteien der herrschenden Klasse sein. Diese Komitees müssen sich die Vereinigung der Arbeiter mit ihren Klassenbrüdern und -schwestern auf der ganzen Welt zu einem gemeinsamen Kampf zum Ziel machen. Dies muss wiederum verbunden werden mit einem politischen Kampf der gesamten Arbeiterklasse für ein Ende der Diktatur der großen Banken und Konzerne und für den Aufbau einer Gesellschaft, die den gesellschaftlichen Bedürfnissen Vorrang vor den Profitinteressen der Kapitalbesitzer einräumt.

Abonniert noch heute die International Aamazon Workers Voice, um mehr zu erfahren, und beteiligt euch am Kampf für den Sozialismus.

Eric London