Das Erbe, das wir verteidigen – Vorwort zur türkischen Ausgabe

Von David North
27. Juni 2017

Ich freue mich über die Veröffentlichung von Das Erbe, das wir verteidigen in der Türkei, einem Land, das in der Geschichte der trotzkistischen Bewegung eine so wichtige Rolle gespielt hat. Auf einer kleinen Insel vor Istanbul fand Leo Trotzki seine erste Zuflucht, nachdem ihn das stalinistische Regime 1929 aus der Sowjetunion ausgewiesen hatte. „Prinkipo ist ein Ort, an dem es sich gut mit der Feder arbeiten lässt“, schrieb er damals. Während seines vierjährigen Aufenthalts verfasste Trotzki eine ganze Reihe seiner herausragendsten Werke: Mein Leben, Geschichte der russischen Revolution und seine unvergleichlichen Beiträge zum Kampf gegen den Faschismus in Deutschland. Trotzki beschrieb Prinkipo zwar als „Insel des Friedens und der Vergessenheit“, doch seine Anwesenheit machte das idyllische Fleckchen im Marmarameer von 1929-1933 zum glühenden Zentrum des internationalen Marxismus, von dem aus revolutionäre Ideen in die ganze Welt ausstrahlten.

Leo Trotzki in Prikipo

Nicht nur die Beziehung zwischen Trotzkis Exil in der Türkei und der Geschichte der Vierten Internationale verleiht dieser neuen Übersetzung von Das Erbe, das wir verteidigen besondere Bedeutung. Da die Türkei in der Geopolitik des imperialistischen Weltsystems eine Schlüsselstellung einnimmt, wird der Klassenkampf in diesem Land gigantische Dimensionen annehmen. Dies macht den Aufbau der trotzkistischen Bewegung in der Türkei zu einer zentralen strategischen Aufgabe der Vierten Internationale. Zu diesem Zweck müssen die fortgeschrittenen Teile der türkischen Arbeiterklasse und Jugend die Geschichte des langen Kampfs kennenlernen, den die orthodoxen Trotzkisten gegen den antimarxistischen Revisionismus in seinen verschiedenen Formen geführt haben – insbesondere in der Form der liquidatorischen Auffassungen von Michel Pablo (1911-1996) und Ernest Mandel (1923-1995).

James P. Cannon

Das Erbe, das wir verteidigen entstand vor 30 Jahren nach der Desertion der britischen Workers Revolutionary Party (WRP) vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI). Wie das Internationale Komitee daraufhin in zahlreichen Dokumenten nachwies, lag die Ursache für das Renegatentum der WRP darin, dass sie über mehr als zehn Jahre hinweg immer weiter von den trotzkistischen Prinzipien abgerückt war, zu deren Verteidigung sie einst einen entscheidenden Beitrag geleistet hatte. Die WRP entstand 1973 als Nachfolgeorganisation der britischen trotzkistischen Organisation, die 1953 gemeinsam mit der amerikanischen Socialist Workers Party (SWP) und der französischen Parti communiste internationaliste (PCI) das Internationale Komitee gegründet hatte. Gerry Healy (1913-1989), der Führer der WRP, hatte den historischen „Offenen Brief an die trotzkistische Weltbewegung“ unterzeichnet, in dem James P. Cannon (1890-1974) die Revisionen Pablos und Mandels am Programm der Vierten Internationale verurteilt hatte. Im Offenen Brief vom November 1953 wurden die Grundsätze des IKVI formuliert:

1. Der Todeskampf des kapitalistischen Systems droht, die Zivilisation durch immer schlimmere Depressionen, Weltkriege und barbarische Erscheinungen wie den Faschismus zu zerstören. Die Entwicklung von Atomwaffen unterstreicht heute diese Gefahr auf das Ernsteste und Nachdrücklichste.

2. Der Sturz in den Abgrund kann nur verhindert werden, indem der Kapitalismus weltweit durch eine sozialistische Planwirtschaft ersetzt und so die Spirale des Fortschritts, die der Kapitalismus in seiner Frühzeit in Gang gesetzt hat, wieder aufgenommen wird.

3. Dies kann nur unter der Führung der Arbeiterklasse geschehen, da sie die einzige wahrhaft revolutionäre Klasse in der Gesellschaft ist. Doch die Arbeiterklasse selbst ist mit einer Krise der Führung konfrontiert, obwohl die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse auf Weltebene noch nie so günstig wie heute dafür waren, dass die Arbeiter den Weg der Machteroberung beschreiten können.

4. Um sich für die Durchsetzung dieses welthistorischen Zieles zu organisieren, muss die Arbeiterklasse in jedem Land eine revolutionäre Partei nach dem Muster, wie es Lenin entwickelt hat, aufbauen; d. h. eine Kampfpartei, die in der Lage ist, Demokratie und Zentralismus dialektisch zu vereinen – Demokratie in der Entscheidungsfindung, Zentralismus bei der Durchführung dieser Beschlüsse –, mit einer Führung, die von den einfachen Mitgliedern kontrolliert wird, Mitgliedern, die fähig sind, diszipliniert vorzugehen, auch wenn sie unter Feuer stehen.

5. Das Haupthindernis hierfür ist der Stalinismus, der dadurch, dass er das Ansehen der Oktoberrevolution von 1917 in Russland ausnutzt, Arbeiter anzieht, nur um dann später ihr Vertrauen zu missbrauchen und sie entweder in die Arme der Sozialdemokratie, in Apathie oder zurück zu Illusionen über den Kapitalismus zu treiben. Den Preis für diese Verrätereien hat dann das arbeitende Volk zu zahlen, in Form einer Stärkung faschistischer oder monarchistischer Kräfte und durch neue Kriege, die der Kapitalismus hervorbringt und vorbereitet. Seit ihrer Gründung stellte sich die Vierte Internationale als eine ihrer Hauptaufgaben den Sturz des Stalinismus innerhalb und außerhalb der UdSSR.

6. Viele Sektionen der Vierten Internationale, wie auch Parteien und Gruppen, die mit ihrem Programm sympathisieren, stehen vor der Notwendigkeit einer flexiblen Taktik. Es ist daher umso dringender, dass sie wissen, wie man den Imperialismus und alle seine kleinbürgerlichen Agenturen (wie z. B. nationalistische Organisationen und Gewerkschaftsbürokratien) bekämpft, ohne vor dem Stalinismus zu kapitulieren; dass sie umgekehrt wissen, wie man gegen den Stalinismus kämpft (der letzten Endes eine kleinbürgerliche Agentur des Imperialismus ist), ohne vor dem Imperialismus zu kapitulieren.[1]

Ernest Mandel

Der Offene Brief fasste in knapper Form die strategischen Konzeptionen des Trotzkismus zusammen, die Pablo und Mandel zurückgewiesen hatten. Die trotzkistische Charakterisierung des Stalinismus als konterrevolutionär ersetzte der Pablismus durch eine Theorie, die der Kremlbürokratie und ihren Agenturen eine historisch progressive und revolutionäre Rolle zuschrieb. Anstatt auf den Sturz der stalinistischen Regime durch politische Revolutionen hinzuarbeiten, erwarteten die Pablisten eine Selbstreform der Bürokratie, in deren Verlauf die Trotzkisten den stalinistischen Führern beratend zur Seite stehen und sie sachte nach links drücken sollten. Den „deformierten Arbeiterstaaten“ Osteuropas, die von lokalen Statthaltern des Kremls regiert wurden, sagten Pablo und Mandel eine Zukunft von mehreren Jahrhunderten voraus.

De Kapitulation der Pablisten vor dem Stalinismus war nur ein Aspekt ihres Abrückens von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Sie lehnten es ab, in der Arbeiterklasse für marxistisches Bewusstsein zu kämpfen und sie unabhängig von allen bürgerlich-nationalen und kleinbürgerlichen Agenturen des Imperialismus politisch zu organisieren.

Obwohl die britischen Trotzkisten bei der Verteidigung der Vierten Internationale in den 1950er und 1960er Jahren eine zentrale Rolle gespielt hatten – vornehmlich durch ihre Opposition gegen den Bruch der amerikanischen SWP mit dem Internationalen Komitee und deren Wiedervereinigung mit den Pablisten 1963 – drifteten sie in den 1970er Jahren, insbesondere nach der Gründung der Workers Revolutionary Party im November 1973, erkennbar selbst in Richtung Revisionismus ab. In den frühen 1960er Jahren hatten die britischen Trotzkisten von der Socialist Labour League (Vorläuferin der WRP) die Verherrlichung des radikalen Nationalismus Fidel Castros durch die SWP einer vernichtenden Kritik unterzogen. Sie hatten die Vorstellung widerlegt, dass der kubanische Führer mit seiner kleinbürgerlichen Guerilla einen Weg zum Sozialismus aufgezeigt habe, bei dem es sich erübrige, eine auf die Arbeiterklasse gestützte und in ihr verwurzelte trotzkistische Partei aufzubauen.

Doch Mitte der 1970er Jahre begann die WRP, den Anti-Imperialismus diverser nationaler Bewegungen im Nahen Osten – beispielsweise die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und das radikale nationalistische Regime unter Muammar Gaddafi in Libyen –in einer Weise zu übertreiben, die der antitrotzkistischen Politik der Pablisten sehr nahe kam.[2] Die Ursache für das Abgleiten der WRP in den Pablismus lag nicht einfach in den persönlichen Fehlern einzelner Führungsfiguren. Die fortdauernde Vorherrschaft stalinistischer und sozialdemokratischer Parteien und Gewerkschaften über die organisierte Arbeiterbewegung weltweit machte die trotzkistischen Organisationen anfällig für den gesellschaftlichen und ideologischen Druck, der in den 1960er und frühen 1970er Jahren von der Massenradikalisierung breiter Schichten des Kleinbürgertums, insbesondere der Studenten ausging.

Die schwierige Integration neuer Mitglieder aus dem Kleinbürgertum in die trotzkistische Bewegung erforderte nicht nur eine feste politische und praktische Orientierung auf die Arbeiterklasse, die von einer unversöhnlichen Opposition gegen die stalinistischen und sozialdemokratischen Bürokratien getragen wurde. Notwendig war vor allem ein konsequenter Kampf gegen den Pseudo- und offenen Antimarxismus der „neuen Linken“, die von den Pablisten gefeiert wurden. Hierzu zählten der „westliche Marxismus“, der „Staatskapitalismus“ und die bürgerlich-nationalistischen „Befreiungsbewegungen der Dritten Welt“, d. h. Marcuse, Adorno, Horkheimer, Gramsci, Lefort, Castoriadis, Guevara, Fanon und Malcolm X, um nur die Bekanntesten zu nennen. Zu dieser langen Liste gehört auch der Maoismus, eine rabiat reaktionäre Spielart des Stalinismus, die eine große Anziehungskraft auf kleinbürgerliche Intellektuelle ausübte und Arbeiter und Jugendliche rund um die Welt in eine blutige Niederlage nach der anderen führte.

Die opportunistische Politik der WRP stieß innerhalb des Internationalen Komitees auf Widerstand. In den Jahren 1982 bis 1984 erarbeitete die Workers League, die amerikanische trotzkistische Organisation, eine umfassende Kritik der neopablistischen Politik der WRP. Deren wichtigste Führer – Gerry Healy, Michael Banda (1930-2014) und Cliff Slaughter (geb. 1928) – unterdrückten die Bemühungen der Workers League, ihre Kritik innerhalb des Internationalen Komitees zur Diskussion zu bringen.[3] Infolge dieses prinzipienlosen Verhaltens brach im Herbst 1985 in der WRP eine offene politische Krise aus. Um einer Diskussion über die theoretischen und politischen Ursachen des Zusammenbruchs der WRP weiterhin auszuweichen, versuchten Slaughter und Banda, dem Internationalen Komitee die Schuld an dem opportunistischen Kurs zuzuschieben, den die britische Sektion seit mehr als zehn Jahren verfolgt hatte.

Michael Banda

Im Februar 1986 veröffentlichte die WRP ein Dokument, in dem sie ihren Bruch mit dem Trotzkismus kundtat. Es trug den Titel „27 Gründe, weshalb das Internationale Komitee sofort begraben und die Vierte Internationale aufgebaut werden muss“; der Verfasser war Michael Banda. Die WRP verkündete mit lautem Getöse, dieses Dokument werde dereinst als Klassiker des Marxismus gelten. In Wirklichkeit war Bandas Papier ein Amalgam aus Verdrehungen, offenen Lügen und Halbwahrheiten, mit dem nicht nur das Internationale Komitee, sondern die gesamte Geschichte der Vierten Internationale in den Schmutz getreten werden sollte. Seine Verlogenheit zeigte sich schon im Titel. Denn hätten die „27 Gründe“ auch nur einen Funken Wahrheit enthalten, hätte sich der Fortbestand der Vierten Internationale auf der Stelle erübrigt. Aufgrund der Schlussfolgerungen, die sich zwangsläufig aus seiner eigenen Argumentation ergaben, veröffentlichte Banda innerhalb von weniger als einem Jahr eine gehässige Denunziation Trotzkis und bekannte seine grenzenlose Bewunderung für Stalin. Mit dieser Zurückweisung des Trotzkismus nahm Banda die politische Entwicklung all der Führer und Mitglieder der WRP vorweg, die sein Dokument unterstützt hatten. Sie schlossen sich in erheblicher Zahl der stalinistischen Bewegung an. Andere wechselten ins Lager des Imperialismus und beteiligten sich aktiv am Krieg der Nato gegen Serbien. Die größte Gruppe ließ sich von Cliff Slaughter nicht lange bitten, wies die von Lenin und Trotzki ererbte Konzeption der revolutionären Partei samt und sonders von sich, schwor dem Kampf für den Sozialismus ab und widmete sich fortan einem möglichst behaglichen Privatleben.

Dem Internationalen Komitee war sofort klar, dass Bandas Dokument einer ausführlichen Erwiderung bedurfte. Innerhalb von zwei Monaten erschien Das Erbe, das wir verteidigen als Serie in den Zeitungen, die von den Sektionen des Internationalen Komitees herausgegeben wurden. Ich hatte nicht vorausgesehen, dass die Antwort auf Banda ein Buch mit mehr als 500 Seiten erfordern würde. Doch bei der Lektüre von Bandas Dokument wurde mir klar: Er versuchte den Umstand auszunutzen, dass die Geschichte der Vierten Internationale – insbesondere die entscheidenden Jahre zwischen der Ermordung Trotzkis 1940 und der Spaltung mit den Pablisten 1953 – nicht hinreichend erforscht und dem Kader der trotzkistischen Bewegung weitgehend unbekannt war. Es genügte nicht, Bandas Renegatentum zu verurteilen. Es war notwendig, die Geschichte der Vierten Internationale aufzuarbeiten und ihren Kader auf dieser Grundlage auszubilden.

Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass das Erbe auch nach drei Jahrzehnten noch Bestand hat. Es ist als Einführung in die Geschichte der Vierten Internationale von bleibendem Wert und behandelt Probleme von Theorie, Programm und Strategie des Marxismus, die für den Aufbau der internationalen trotzkistischen Bewegung auch heute noch von großer Relevanz sind.

Gerry Healy

 

Das Erbe, das wir verteidigen ist nach wie vor das einzige Werk über die Geschichte der Vierten Internationale, in dem die Entstehung und der Widerstreit politischer Tendenzen auf der Grundlage des historischen Materialismus erklärt werden. Im Gegensatz zu einer subjektiven Herangehensweise, die nach den guten oder schlechten Eigenschaften einzelner Führer und nach deren edlen oder unedlen Motiven fragt, geht es im Erbe darum, welche objektiven gesellschaftlichen und politischen Prozesse den Konflikten in der Vierten Internationale zugrunde lagen – Prozesse, die aus den Widersprüchen des Weltkapitalismus und aus der globalen und nationalen Entwicklung des Klassenkampfs im Anschluss an den zweiten imperialistischen Weltkrieg hervorgingen. Nicht die subjektiv empfundenen Absichten der Hauptakteure – Cannon, Pablo, Mandel und Healy – stehen im Zentrum, sondern die realen objektiven Triebkräfte des Klassenkampfs, die sich, um mit Engels zu sprechen, „in den Köpfen der handelnden Massen und ihrer Führer – der sogenannten großen Männer – als bewusste Beweggründe ... widerspiegeln“.[4]

Im Kontext der komplexen und raschen Veränderungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg analysiert das Erbe die Konflikte innerhalb der Vierten Internationale, mit denen sich die Auseinandersetzung anbahnte, die nach dem Dritten Weltkongress 1951 begann und in der historischen Spaltung von 1953 gipfelte. In diesem Zusammenhang werden zwei revisionistische Tendenzen behandelt, die in den 1940er Jahren die politische Rechtsentwicklung großer Teile der radikalen kleinbürgerlichen Intelligenz widerspiegelten. Diese Verschiebung schlug sich in anhaltenden und zunehmenden politischen Spannungen innerhalb der Vierten Internationale nieder.

Aus den Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) ging eine Gruppe hervor, die nach ihren „Drei Thesen“ benannt war (oder auch als „Rückschrittler“ bezeichnet wurde). Sie bestand aus emigrierten deutschen Trotzkisten unter der Führung von Josef Weber (1901-1959). Ihre Rolle in der Geschichte der Vierten Internationale war vor dem Erscheinen des Erbes mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Ihre Konzeptionen waren jedoch prägend für die antitrotzkistischen und antimarxistischen Tendenzen, die sich nicht nur in der Vierten Internationale, sondern auch unter breiten Schichten kleinbürgerlicher Radikaler entwickelten.

Im Oktober 1941 veröffentlichte die IKD ein Papier, in dem sie die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution als politisches Hirngespinst abtat. Die Zukunft der modernen Welt gehöre nicht dem Sozialismus, sondern der Barbarei. Mit den Siegen des Faschismus in Europa sei die Arbeiterklasse auf den Zustand aus der Zeit vor 1848 zurückgeworfen worden. Der militärische Sieg der Nazis, den die IKD als endgültig wertete, habe ein neues Stadium der Weltgeschichte eingeleitet. „Die Gefängnisse, die neuen Ghettos, die Zwangsarbeit, die Konzentrationslager und selbst die Kriegsgefangenenlager sind nicht nur politisch-militärische Übergangseinrichtungen, sondern gleichzeitig neue wirtschaftliche Ausbeutungsformen, Begleiterscheinungen der Entwicklung eines modernen Sklavenstaates, die einem beträchtlichen Teil der Menschheit zum dauernden Schicksal werden sollen.“[5]

Laut der Drei-Thesen-Gruppe musste der Kampf für den Sozialismus aufgrund des historischen Rückschritts dem „Streben nach nationaler Freiheit“ weichen.[6] In einem späteren, 1943 entstandenen Dokument distanzierte sich die IKD ausdrücklich von der historischen Analyse der imperialistischen Epoche, die von Lenin im Kampf gegen den Verrat der Zweiten Internationale entwickelt worden war und den Bolschewiki 1917 als Grundlage für ihre Strategie im Jahr 1917 gedient hatte. „Im Rückblick auf den ersten Weltkrieg und die damalige Gesamtkonstellation müssen wir zugeben, dass der erste Weltkrieg ungeachtet aller kausalen Zusammenhänge, die seinen Ausbruch bedingten, lediglich ein historischer Unglücksfall des Kapitalismus war, ein zufälliges Ereignis, mit dem sich der Zusammenbruch des Kapitalismus im Rahmen der historischen Notwendigkeit früher als historisch notwendig vollzog.“ Wenn jedoch der Weltkrieg ein Zufall war, dann galt dies auch für den Zusammenbruch der Zweiten Internationale, den Sieg der Oktoberrevolution und die Gründung der Dritten Internationale. Damit wurde die objektive Grundlage der marxistischen Strategie im 20. Jahrhundert, wie sie Lenin und Trotzki formuliert hatten, als Ganzes geleugnet.

Die IKD zeichnete ihren politischen Pessimismus in pechschwarzen Farben. Die Arbeiterklasse sei als revolutionäre Kraft erledigt. Sie sei „zerstückelt, atomisiert, zersplittert, in einander entgegengesetzte Schichten gespalten, politisch demoralisiert, international isoliert und manipuliert ...“.[7] Sie sei unfähig, den Kapitalismus zu stürzen, so verfault dieser auch sein möge. Den „häufigsten Fehler“ der trotzkistischen Bewegung, der auf „einem völlig falschen Verständnis des Marxismus“ beruhe, sah die IKD darin, dass „die Negation des Kapitalismus ausschließlich als Aufgabe der proletarischen Revolution aufgefasst wird“. In Anbetracht der Ohnmacht der Arbeiterklasse als revolutionärer Kraft, so die IKD, bleibe keine andere Option als die Rückkehr zum „Jahrhunderte alten“ Kampf um Demokratie.[8] Der Forderung der Vierten Internationale nach Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa hielt die IKD entgegen:

Bevor sich Europa in Form „Sozialistischer Staaten“ zusammenschließen kann, muss es sich erst erneut in unabhängige und eigenständige Nationen aufspalten. Es geht ausschließlich darum, dass die zersplitterten, versklavten, zurückgeworfenen Völker und das Proletariat wieder Nationen bilden ...

Wir können die Aufgabe folgendermaßen formulieren: Wiederaufbau der gesamten zurückgeschraubten Entwicklung Rückeroberung aller Errungenschaften der Bourgeoisie (einschließlich der Arbeiterbewegung) zwecks Erreichen und Übertreffen der höchsten Errungenschaften ...

Das dringendste politische Problem ist die Jahrhunderte alte Frage aus der Frühzeit des industriellen Kapitalismus und des wissenschaftlichen Sozialismus – Erringung der politischen Freiheit, Errichtung der Demokratie (auch in Russland) als unerlässliche Vorbedingung für nationale Befreiung und Gründung einer Arbeiterbewegung.[9]

Ausdrücklich betonte die IKD, dass ihr Aufruf, den politischen Kalender auf das Zeitalter vor 1848 zurückzudrehen und das Ziel des internationalen Sozialismus zugunsten der nationalen Souveränität und bürgerlichen Demokratie aufzugeben, für alle Länder gelte.

Mit entsprechenden Anpassungen gibt es dieses Problem [der Demokratie und nationalen Befreiung] überall in der Welt: in China und Indien, Japan und Afrika, Australien und Kanada, Russland und England. Mit anderen Worten, in ganz Europa sowie Nord- und Südamerika. Nirgendwo gibt es ein Land, in dem die demokratische und nationale Frage nicht stark zugespitzt wäre, nirgendwo gibt es eine politisch organisierte Arbeiterbewegung.[10]

Als zentrale Parole, so die IKD, müsse die „nationale Freiheit“ ausgegeben werden.

Damit wollen wir sagen: Die nationale Frage gehört zu jenen Episoden der Geschichte, die notwendigerweise zum strategischen Ausgangspunkt für die Wiedererrichtung der Arbeiterbewegung und der sozialistischen Revolution werden. Wer diese historisch notwendige Episode nicht begreift und nicht zu nutzen versteht, versteht und begreift nichts vom Marxismus-Leninismus.[11]

In Wirklichkeit warf die IKD das Programm von Lenin und Trotzki über Bord. Die Trennung des Kampfs für demokratische Forderungen vom Sturz des Kapitalismus war ein glatter Bruch mit der Theorie und dem Programm der permanenten Revolution. Wie Trotzki erklärte, bedeutet die Theorie der permanenten Revolution in Bezug auf Länder mit verspäteter bürgerlicher Entwicklung, „dass die volle und wirkliche Lösung ihrer demokratischen Aufgabe und des Problems ihrer nationalen Befreiung nur denkbar ist mittels der Diktatur des Proletariats als des Führers der unterdrückten Nation und vor allem ihrer Bauernmassen“.[12]

Es war schlimm genug, dass die IKD in den weniger entwickelten Ländern demokratische von sozialistischen Forderungen trennte. Doch ihr Versuch, in den hoch entwickelten Zentren des Weltkapitalismus wieder ein bürgerliches Programm der nationalen Befreiung aufzulegen und den Kampf für den Sozialismus als unzeitgemäß ad acta zu legen, ließ erkennen, dass ihre politische Demoralisierung pathologische Züge angenommen hatte. Mitarbeiter und Freunde des IKD-Führers Josef Weber erinnerten sich später daran, dass er Mitte der 1940er Jahre häufig die Vermutung geäußert hatte, die Herrschaft der Nazis über Europa werde 30, 40 oder sogar 50 Jahre Bestand haben.[13]

Die Position der IKD wurde von den Anhängern Shachtmans aufgegriffen und verbreitet. Nachdem die Shachtman-Fraktion 1940 mit der Vierten Internationale gebrochen hatte, betrachtete sie die Argumente der IKD als völlig im Einklang mit ihrer eigenen Position, dass die Sowjetunion kein Arbeiterstaat sei und nicht gegen den Imperialismus verteidigt werden müsse. Die weitere Entwicklung der IKD in den 1940er Jahren zeigte, dass die Shachtman-Gruppe mit dieser Einschätzung der Rückschrittstheorie durchaus richtig lag.

Die demoralisierte Perspektive der IKD, die sich von der Vierten Internationale lossagte, fand schließlich in Form der Morrow-Goldman-Tendenz ein Echo innerhalb der Socialist Workers Party – eine weitere Tendenz, deren Bedeutung vor dem Erbe nicht hinreichend untersucht worden war. Sie entstand 1944 als Oppositionsgruppe innerhalb der Socialist Workers Party. Ihre beiden wichtigsten Führer hatten in der Vierten Internationale und in der amerikanischen Partei eine wichtige Rolle gespielt. Albert Goldman (1897–1960) hatte Trotzki 1937 als Rechtsanwalt vor der Dewey-Kommission vertreten. 1941 hatte er SWP-Mitglieder verteidigt, die unter dem Smith Act vor Gericht gestellt worden waren. Auch er selbst war angeklagt und als eines von 18 Parteimitgliedern zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Felix Morrow (1906–1988) war Mitglied des Politischen Komitees der SWP und ein herausragender sozialistischer Journalist, der sich vor allem durch sein Buch Revolution und Konterrevolution in Spanien einen Namen gemacht hatte. Auch er gehörte zu den Parteimitgliedern, die nach dem Smith-Act-Prozess im Gefängnis landeten. Ein weiteres wichtiges Mitglied der Morrow-Goldman-Fraktion war Jean van Heijenoort (1912–1986), der in den 1930er Jahren als Sekretär Trotzkis und während des Zweiten Weltkriegs de facto als Sekretär der Vierten Internationale tätig gewesen war.

Felix Morrow

Das Erbe, das wir verteidigen geht die Positionen der Morrow-Goldman-Tendenz im Einzelnen durch. Allerdings sind seit der Erstveröffentlichung des Buchs dank des Internets zahlreiche weitere interne Diskussionsbulletins der SWP zugänglich geworden, anhand derer genauer eingeschätzt werden kann, inwieweit die Morrow-Goldman-Tendenz von der IKD beeinflusst war. 1942 hatten sich Morrow und Van Heijenoort (der unter dem Namen Marc Loris schrieb) gegen die Standpunkte gewandt, die in den „Drei Thesen“ vertreten wurden. Doch Mitte 1944 änderten sie ebenso wie Goldman ihre Haltung von Grund auf. Morrow argumentierte, dass die Vierte Internationale unter den zum Ende des Zweiten Weltkriegs gegebenen Bedingungen mit ihrem Festhalten am Programm der sozialistischen Revolution in Europa keine politische Rolle mehr spielen könne. Gestützt auf eine zutiefst konservative und defätistische Auslegung der Ereignisse in Europa – insbesondere in Frankreich und Italien – hielt die Morrow-Goldman-Fraktion eine sozialistische Revolution für schlicht ausgeschlossen. Der Vierten Internationale bleibe nichts anderes übrig, als sich in eine Bewegung für bürgerlich-demokratische Reformen zu verwandeln und ein Bündnis mit der Sozialdemokratie und verschiedenen demokratisch gesonnenen bürgerlichen Bewegungen einzugehen.

Neben der Verwandlung der Vierten Internationale in ein linkes Anhängsel der bürgerlichen Demokratie forderten Morrow und Goldman auch die Wiedervereinigung mit den Shachtman-Anhängern, die sich gerade beeilten, von der Ablehnung der Verteidigung der Sowjetunion zur offenen Unterstützung für den Kampf des amerikanischen Imperialismus gegen den „kommunistischen Totalitarismus“ überzugehen. Zu Recht wiesen die Vierte Internationale und die SWP die demoralisierte Perspektive von Morrow und Goldman mit Nachdruck zurück.

Der Streit um die „richtige Linie“ zu den Ereignissen in Europa war keine abstrakte theoretische Auseinandersetzung. In der damaligen höchst veränderlichen und instabilen Lage, in der das Ergebnis der politischen Nachkriegskrise noch nicht feststand, versuchten die Trotzkisten das ganze revolutionäre Potenzial zum Tragen zu bringen. Sie gingen bei ihrer Arbeit vom objektiven Potenzial für den Sturz des Kapitalismus aus und nahmen nicht von vornherein an, dass seine erneute Stabilisierung unvermeidlich sei. In der schweren Zeit vor Hitlers Machtantritt war Trotzki einmal gefragt worden, ob die Lage „hoffnungslos“ sei. Dieser Ausdruck, antwortete er, komme im Wortschatz von Revolutionären nicht vor. „Darüber“, so Trotzki“, „wird im Kampf entschieden.“ Dieselbe Antwort verdienten diejenigen, die mitten im ungeordneten und chaotischen Nachkriegseuropa behaupteten, die revolutionäre Sache sei hoffnungslos und die Stabilisierung des Kapitalismus unvermeidlich. Hätten sich die Trotzkisten, wie von Morrow und Goldman gefordert, von vornherein geschlagen gegeben, dann wären sie selbst zum Faktor für die Restabilisierung des Kapitalismus geworden.

Die gegensätzlichen Standpunkte zum richtigen Verhältnis zwischen demokratischen Forderungen und einem revolutionären sozialistischen Programm spiegelten unterschiedliche Klassenpositionen wider. Die führenden Vertreter der Morrow-Goldman-Tendenz gingen ausnahmslos mit großem Tempo nach rechts. Goldman trat aus der SWP aus, schloss sich vorübergehend der Shachtman-Bewegung an und sagte sich kurz darauf vom Marxismus los. Morrow wurde 1946 aus der SWP ausgeschlossen, wandte sich von sozialistischer Politik ab, unterstützte den Kalten Krieg des amerikanischen Imperialismus und brachte es schließlich als Herausgeber okkulter Literatur zu Wohlstand. Auch Van Heijenoort kehrte der Vierten Internationale den Rücken, verurteilte die Sowjetunion als „Sklavenstaat“, verabschiedete sich von sozialistischer Politik und machte als Mathematiker Karriere.

Die politische Entwicklung dieser Individuen war Teil eines umfassenderen gesellschaftlichen Prozesses: Der Kalte Krieg, die wirtschaftliche Stabilisierung im Nachkriegseuropa und die Erstickung der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse durch die Bürokratien hatten Auswirkungen auf die politische Haltung der linken kleinbürgerlichen Intelligenz. Der Marxismus musste dem Existenzialismus weichen. Die einstige Beschäftigung mit gesellschaftlichen Prozessen machte der Sorge um persönliche Probleme Platz. Politische Ereignisse wurden nicht mehr wissenschaftlich, sondern aus psychologischer Sicht betrachtet. Zukunftsentwürfe, die auf dem Potenzial der Planwirtschaft basierten, wurden durch utopische Tagträume abgelöst. Die ökonomische Ausbeutung der Arbeiterklasse war als Thema nicht mehr interessant. Ökologische Probleme, losgelöst von Fragen der Klassenherrschaft und des Wirtschaftssystems, rückten in den Vordergrund.

Dieser gesellschaftlich bedingte geistige „Rückschritt“ wird durch die Entwicklung der Führer der IKD veranschaulicht. Nachdem die IKD die Beziehungen zur Vierten Internationale abgebrochen hatte, sagte sich Josef Weber vollständig von marxistischer Politik los und wurde zum Propheten eines anarchistisch angehauchten ökologischen Utopismus. Zu seinen wichtigsten Jüngern zählte ein ehemaliges Mitglied der Socialist Workers Party, Murray Bookchin (1921-2006), der ihm sein 1971 erschienenes Buch Post-Scarcity Anarchism (Der Anarchismus nach den Zeiten der Knappheit) widmete. Bookchin, der zu einem erbitterten Gegner des Marxismus geworden war, dankte seinem Mentor dafür, dass er „vor mehr als zwanzig Jahren die Umrisse des utopischen Projekts formuliert hat, das in diesem Buch dargelegt wird“.[14] Bookchins Schriften fielen Abdullah Öcalan in die Hände, nachdem der Führer der bürgerlich-nationalistischen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) 1999 vom türkischen Staat verhaftet und ins Gefängnis geworfen worden war. Er fand darin Gedanken, die seinen Vorstellungen eines „demokratischen Konföderalismus“ entsprachen. Die PKK ehrte Bookchin nach dessen Tod als „einen der größten Gesellschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts“.[15]

In der Politik herrscht die Logik der Klasseninteressen. Diese elementare Wahrheit wird oft vergessen, insbesondere von Akademikern, die politische Fraktionen gern aufgrund subjektiver Kriterien beurteilen. Darüber hinaus lassen sie sich bei der Beurteilung von Auseinandersetzungen zwischen Opportunisten und Revolutionären von ihren eigenen, unausgesprochenen Vorurteilen leiten. Dem kleinbürgerlichen Akademiker erscheint die Politik der Opportunisten in der Regel „realistischer“ als die der Revolutionäre. Doch es gibt keine unschuldige Politik, ebenso wenig wie eine unschuldige Philosophie. Ob vorhergesehen oder nicht, jedes politische Programm hat objektive Folgen. Die Vierte Internationale und die SWP erkannten in den 1940er Jahren, dass das Programm der überhistorischen nationalen Befreiung und universalen Demokratie, wie es die IKD vertrat, ein Ausdruck fremder, dem Sozialismus feindlicher Klasseninteressen war.

Anfang der 1950er Jahre nahmen die Auffassungen der Rückschrittler in Form anarchistischer und ökologischer Theorien eine neue Gestalt an. Etwas später gewannen die Auffassungen Josef Webers durch Vermittlung des Antimarxisten Bookchin breitere gesellschaftliche und politische Unterstützung unter diversen Teilen des Kleinbürgertums – darunter den kurdischen Nationalisten, die ständig zwischen den imperialistischen Großmächten manövrieren und mit ihnen zusammenarbeiten. Es ist bemerkenswert, dass sich Michael Banda nach seiner Abkehr vom Trotzkismus wieder dem bürgerlichen Nationalismus zuwandte und zum glühenden Bewunderer Öcalans und aktiven Unterstützer der PKK wurde.

Vor dem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund der 1940er Jahre teilten die Shachtman-Gruppe, die Rückschrittler und die Morrow-Goldman-Tendenz eine wesentliche politische Auffassung, die sich etwas später auch der pablistische Revisionismus zu eigen machte: die Zurückweisung des revolutionären Potenzials der Arbeiterklasse. Diese Position nahm im Einzelnen unterschiedliche Formen an. Shachtman spekulierte, dass die Sowjetunion eine neue „kollektivistische“ Gesellschaftsform darstelle, an deren Spitze eine bürokratische Elite stehe, die sich gerade in eine neue herrschende Klasse verwandle oder bereits verwandelt habe. Eine andere Spielart der Shachtman-Theorie besagte, dass die Sowjetunion eine Form des „Staatskapitalismus“ sei. Die Drei-Thesen-Gruppe gelangte ebenso wie kurz darauf die Morrow-Goldman-Tendenz zu dem Schluss, dass die Sache der sozialistischen Revolution historisch verloren sei.

Pablo und Mandel kleideten ihren Bruch mit dem Trotzkismus in bombastische Phrasen. Doch die führende Kraft für die Errichtung des Sozialismus war aus ihrer Sicht die stalinistische Bürokratie, nicht die Arbeiterklasse. Die Pablisten hatten die Theorie Shachtmans auf eigenartige Weise umgedreht. Während die Shachtman-Gruppe den stalinistischen Staat als Vorläufer einer neuen Ausbeutungsgesellschaft namens „bürokratischer Kollektivismus“ verdammten, erklärten die Pablisten die bürokratischen stalinistischen Regime, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa eingeführt worden waren, zur notwendigen Form des historischen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Auf jeweils eigene Weise begründeten alle diese Tendenzen ihre politische Perspektive auf die nicht revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse. Sie war keine aktive, geschweige denn entscheidende Kraft mehr im historischen Prozess.

Im September 1939, ganz zu Beginn des Kampfs gegen die von Max Shachtman und James Burnham geführte kleinbürgerliche Opposition innerhalb der Socialist Workers Party, machte Trotzki auf die Grundfrage der historischen Perspektive aufmerksam, die in dem Disput beinhaltet war. Die Vierte Internationale, schrieb Trotzki, hielt nicht nur an der revolutionären Rolle der Arbeiterklasse fest. Sie hielt es auch für möglich, die Lehren aus vergangenen Niederlagen zu ziehen, die Verräter am Sozialismus von ihren bürokratischen Machthebeln zu vertreiben und in der Arbeiterklasse die Führung aufzubauen, die sie für einen siegreichen Kampf um die Macht brauchte. Diese grundlegende revolutionäre Perspektive, schrieb Trotzki, wurde von der kleinbürgerlichen Linken abgelehnt:

All die verschiedenen Arten der ernüchterten und entmutigten Vertreter der Pseudomarxisten gehen dagegen von der Annahme aus, dass der Bankrott der Führung nur die Unfähigkeit des Proletariats „widerspiegelt“, seinen revolutionären Auftrag zu erfüllen. Nicht alle unsere Gegner bringen diesen Gedanken klar zum Ausdruck, aber alle – Ultralinke, Zentristen, Anarchisten, ganz zu schweigen von den Stalinisten und Sozialdemokraten – schieben die Verantwortung für die Niederlagen von sich selbst auf die Schultern des Proletariats. Keiner von ihnen zeigt auf, unter welchen Umständen genau das Proletariat in der Lage sein wird, den sozialistischen Umsturz durchzuführen.

Angenommen, es wäre wahr, dass der Grund für die Niederlagen in der sozialen Natur des Proletariats selbst verwurzelt ist, dann müsste man die Lage der modernen Gesellschaft als hoffnungslos bezeichnen.[16]

Der Pessimismus – man könnte sogar sagen, die Verzweiflung – hinter dem pablistischen Revisionismus gipfelte in der Theorie der „Kriegsrevolution“, die im Vorfeld des Dritten Weltkongresses 1951 entstand. „Die gesellschaftliche Wirklichkeit“, erklärten die Pablisten im entsprechenden Dokument, „besteht für unsere Bewegung im Wesentlichen aus der kapitalistischen Herrschaft und der stalinistischen Welt.“ Der Kampf für den Sozialismus werde die Form eines Kriegs zwischen diesen beiden Lagern annehmen, aus dem das stalinistische System als Sieger hervorgehen werde. Aus der Asche eines thermo-nuklearen Kriegs würden vom Stalinismus geschaffene „deformierte Arbeiterstaaten“ – ähnlich jenen in Osteuropa – emporsteigen, die für Jahrhunderte fortbestehen würden. In diesem skurrilen Szenario war kein Platz für eine unabhängige Rolle der Arbeiterklasse oder der Vierten Internationale. Ihre Kader wurden angewiesen, in die stalinistischen Parteien einzutreten und dort als linke Pressure Group zu wirken. Diese liquidatorische Perspektive beschränkte sich nicht auf die stalinistischen Parteien. Wie im vorliegenden Band erklärt wird:

Die Anpassung an den Stalinismus war ein wichtiges Merkmal der neuen, pablistischen Anschauung, aber es wäre falsch, allein darin ihre Wesensart zu sehen. Der Pablismus war (und ist) schrankenloses Liquidatorentum, d. h. die Zurückweisung der Hegemonie des Proletariats in der sozialistischen Revolution und der wirklich unabhängigen Existenz der Vierten Internationale als bewusster Ausdruck der historischen Rolle der Arbeiterklasse. Die Theorie der Kriegsrevolution war der Ausgangspunkt für die zentrale liquidatorische These, dass alle trotzkistischen Parteien in den politischen Tendenzen aufgelöst werden müssten, die gerade die Arbeiter- oder Massenbewegung in den Ländern beherrschten, in denen die Sektionen der Vierten Internationale arbeiteten.[17]

Die Spaltung vom November 1953 gehört zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte der sozialistischen Bewegung. Auf dem Spiel stand nicht weniger als das Überleben der trotzkistischen Bewegung – d. h. des bewussten und politisch organisierten Ausdrucks des gesamten Vermächtnisses aus dem Kampf für den Sozialismus. In diesem alles entscheidenden Moment in der Geschichte der Vierten Internationale bekräftigte Cannon in seinem Offenem Brief klar und deutlich die Grundsätze des Trotzkismus, die aus den strategischen Lehren der Revolutionen und Konterrevolutionen des 20. Jahrhunderts abgeleitet waren. Mit der Auflösung der Vierten Internationale hätte es keine politisch organisierte marxistische Opposition gegen den Imperialismus und seine politischen Agenturen in den stalinistischen, sozialdemokratischen und bürgerlich-nationalistischen Parteien und Organisationen mehr gegeben. Das ist keine spekulative Hypothese. Es ist eine verifizierbare historische Tatsache, bestätigt durch die katastrophalen Folgen des Pablismus in den zahlreichen Ländern, auf fast allen Kontinenten, in denen seine liquidatorische Politik umgesetzt wurde.

Im Hinblick auf das Schicksal der Sowjetunion ist festzuhalten, dass die Führer der Pablisten bis zum bitteren Ende der stalinistischen Herrschaft an der Theorie der bürokratischen Selbstreform festhielten. Während das Internationale Komitee bereits 1986 davor warnte, dass der Machtantritt Michail Gorbatschows und die Reformen seiner Perestroika die endgültige Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion einleiteten, feierten die Pablisten diese reaktionäre Politik als entscheidenden Fortschritt in Richtung Sozialismus. Ernest Mandel bezeichnete Gorbatschow 1988 als „bemerkenswerten politischen Führer“. Die Warnungen, dass Gorbatschows Politik zur Wiederherstellung des Kapitalismus führe, tat Mandel als „absurd“ ab und erklärte: „Der Stalinismus und Breschnewismus sind definitiv zu Ende. Das Sowjetvolk, das internationale Proletariat, die ganze Menschheit kann einen tiefen Seufzer der Erleichterung tun.“[18]

Mandels Schüler, der britische Pablist Tariq Ali, trieb die Begeisterung für die Politik der Gorbatschow-Regierung noch weiter. In seinem 1988 erschienenen Buch Revolution From Above: Where is the Soviet Union Going? (Revolution von oben: Wohin geht die Sowjetunion?) verband Ali mehrere typische Merkmale des Pablismus: uneingeschränkte Unterstützung für die stalinistische Bürokratie, grotesker Opportunismus und völlige Unfähigkeit, die politische Realität zu verstehen. Im Vorwort fasst er die These seines Buchs folgendermaßen zusammen:

In Revolution From Above wird der Standpunkt vertreten, dass Gorbatschow eine progressive, reformistische Strömung innerhalb der sowjetischen Elite vertritt, deren Programm im Erfolgsfall für Sozialisten und Demokraten weltweit von enormem Vorteil wäre. Die Größe von Gorbatschows Vorhaben erinnert an die Bestrebungen eines amerikanischen Präsidenten des 19. Jahrhunderts: Abraham Lincoln.[19]

Offenbar aus der Befürchtung heraus, dass er mit der Erhebung Gorbatschows auf eine Stufe mit Abraham Lincoln seine Ergebenheit für den Stalinismus noch nicht hinreichend bezeugt habe, widmete Tariq Ali sein Buch untertänigst „Boris Jelzin, einem führenden Mitglied der Kommunistischen Partei, der durch seinen politischen Mut im ganzen Land zu einem wichtigen Symbol wurde“.[20]

Die unverhüllte Unterstützung der pablistischen Führer für die beiden Politiker, die für die endgültige Zerstörung der Sowjetunion sorgten – Michail Gorbatschow und Boris Jelzin – war ein unwiderlegbarer historischer Beweis für den reaktionären Charakter des Pablismus und die Berechtigung des Kampfs, den das Internationale Komitee über Jahrzehnte hinweg gegen diese bösartige kleinbürgerliche Agentur des Imperialismus geführt hatte.

* * *

In den Jahren seit der Veröffentlichung von Das Erbe, das wir verteidigen 1988 wurde die Welt Zeuge tiefgreifender wirtschaftlicher, technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen, ganz zu schweigen von explosiven politischen Entwicklungen. Die Auflösung der Sowjetunion mündete nicht in ein neues Zeitalter des Friedens und schon gar nicht in das „Ende der Geschichte“, wie sich die Imperialisten auf dem Höhepunkt ihres postsowjetischen Triumphalismus einbildeten. Die Beschreibung der heutigen Weltlage als „Krise“ wäre eine Untertreibung. „Chaos“ trifft die Sache schon eher. Im letzten Vierteljahrhundert wurde ein Krieg nach dem anderen angezettelt. Immer größere Teile der Erde werden in einen geopolitischen imperialistischen Konflikt hineingezogen. Die USA, die es nicht verwinden können, dass sie nach 1991 doch nicht die Weltherrschaft erlangten, sehen sich zu immer hemmungsloseren Militäroperationen gezwungen. Die Grundlagen der imperialistischen Weltordnung, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs geschaffen wurden, lösen sich auf. Während sich der Konflikt Washingtons mit Russland und China zuspitzt, verschlechtern sich zugleich rapide die Beziehungen zwischen den USA und ihren wichtigsten imperialistischen „Partnern“, allen voran Deutschland.

An der wirtschaftlichen Front stolpert das kapitalistische System von einer Krise in die nächste. Die Folgen der Krise von 2008 sind nicht überwunden. Das Hauptvermächtnis des Crashs ist die zunehmende soziale Ungleichheit, die ein Ausmaß angenommen hat, das den Rahmen der Demokratie sprengt. Die Konzentration ungeheuren Reichtums in den Händen einer winzigen Elite ist ein globales Phänomen, das die bürgerlichen Regierungen zusehends destabilisiert. Überall auf der Welt nimmt der Klassenkonflikt zu. Durch die Globalisierung der kapitalistischen Produktion und der finanziellen Transaktionen wird die Arbeiterklasse in einen gemeinsamen Kampf hineingezogen.

Die objektiven Bedingungen bilden die Triebkraft für eine enorme Ausweitung des revolutionären Klassenkampfs. Doch diese objektiven Triebkräfte müssen in bewusstes politisches Handeln übersetzt werden. Und hier stellt sich die alles entscheidende Frage nach der Führung der Arbeiterklasse.

Trotz der tiefen Krise des globalen Kapitalismus und der allgemeinen Zerfallserscheinungen auf den Führungsebenen der Bourgeoisie stehen der Arbeiterklasse auf der Suche nach einem Ausweg Parteien und Organisationen im Wege, die ihren Einfluss dazu benutzen, sie zu knebeln und in die Irre zu leiten. Allerdings sind die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre nicht spurlos am Bewusstsein der Arbeiterklasse vorübergegangen. Der Bankrott der offiziellen „sozialistischen“ Parteien wird weithin erkannt. Doch wenn sich die Massen neuen Organisationen zuwenden, die wie Syriza in Griechenland eine radikalere Lösung für gesellschaftliche Probleme in Aussicht stellen, entpuppen sich deren Versprechungen sehr bald als hohl. Nachdem Syriza auf einer Welle von Protesten gegen die Europäische Union an die Macht gelangt war, brauchte sie nur wenige Monate, um jedes einzelne Versprechen gegenüber ihren Anhängern zu brechen. Eine Regierungsübernahme von Podemos in Spanien, Corbyn in Großbritannien oder Sanders in den USA würde zum gleichen Ergebnis führen.

Die Lösung der Krise der revolutionären Führung ist nach wie vor die zentrale historische Aufgabe, die sich der Arbeiterklasse stellt. Außerhalb des Internationalen Komitees der Vierten Internationale gibt es auf der Welt keine politische Organisation, die sich dieser Herausforderung stellt. Der Beweis für diesen Anspruch liegt in der Geschichte des IKVI, das seit nunmehr 65 Jahren das theoretische und politische Erbe Leo Trotzkis im Kampf für die sozialistische Weltrevolution verteidigt.

David North
Detroit
22. Juni 2017

Anmerkungen:

[1] Zitiert in Das Erbe, das wir verteidigen, Essen, Arbeiterpresse Verlag, 1988, S. 231f), online verfügbar unter http://www.wsws.org/de/articles/2013/11/16/offe-n16.html (Abruf 25.06.2017).

[2] Eine ausführliche Analyse der opportunistischen Degeneration der WRP ist zu finden in „Wie die Workers Revolutionary Party den Trotzkismus verraten hat, 1973-1985“, in: Vierte Internationale, Jg. 13 Nr.1, Sommer 1986.

[3] Die Dokumente der Workers League wurden veröffentlicht in „Das IKVI verteidigt den Trotzkismus“, in: Vierte Internationale, Jg. 13 Nr. 2, Herbst 1986.

[4] „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, in: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin, Band 21, 5. Auflage 1975, S. 289.

[5] „The National Question in Europe: Three Theses on the European Situation and the Political Tasks“ („Die nationale Frage in Europa: Drei Thesen zur europäischen Lage und zu den politischen Aufgaben“), datiert vom 19. Oktober 1941, veröffentlicht in der Fourth International vom Dezember 1942, aus dem Englischen.

[6] Ebd.

[7] „Capitalist Barbarism or Socialism“ („Kapitalistische Barbarei oder Sozialismus“), veröffentlicht in The New International, Oktober 1944, Hervorhebung im Original.

[8] Ebd.

[9] Ebd., Hervorhebung im Original.

[10] Ebd., Hervorhebung im Original.

[11] Ebd., Hervorhebung im Original.

[12] Leo Trotzki, Die permanente Revolution, Arbeiterpresse Verlag, Essen 1993, S. 183, Hervorhebung im Original.

[13] Marcel Van Der Linden, „The Prehistory of Post-Society Anarchism: Josef Weber and the Movement for a Democracy of Content (1947–1964)“.

[14] Ebd.

[15] https://roarmag.org/essays/bookchin-kurdish-struggle-ocalan-rojava/

[16] „Die UdSSR im Krieg“, in: Verteidigung des Marxismus, Berlin 1973, S. 17

[17] Das Erbe, das wir verteidigen, S. 193.

[18] Ernest Mandel, Beyond Perestroika (London: Verso, 1989), S. xvi.

[19] Tariq Ali, Revolution From Above (Surry Hills, Australia: Hutchinson, 1988).

[20] Ebd.

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