Nach der Brandkatastrophe in London: Wuppertaler Hochhaus evakuiert

Von Dietmar Henning
1. Juli 2017

Nach dem Inferno vom Grenfell Tower in Westlondon gaben in Deutschland die verantwortlichen Politiker zu Protokoll, eine solche Katastrophe könne hier aufgrund der strengen Sicherheitsrichtlinien und Bauvorschriften nicht passieren.

Das war gelogen. Keine zwei Wochen später mussten am Dienstag, den 27. Juni, 72 Bewohner eines Hochhauses in Wuppertal ihre Wohnungen Hals über Kopf verlassen. Das Gebäude wurde evakuiert, weil es eine ähnliche Fassade aufweist wie der Londoner Grenfell Tower.

Beim Brand des Grenfell Tower starben laut offiziellen Meldungen 79 Menschen. Die wirkliche Opferzahl liegt mit Sicherheit weit höher.

In Wuppertal sollen die Bewohner des elfstöckigen Gebäudes auf der Hilgershöhe erst wieder in ihre Wohnungen zurückkehren können, wenn die Fassade entfernt ist. Das könnte Monate dauern.

Wie Wuppertals Baudezernent Frank Meyer erklärte, besteht die Fassade aus Kunststoffpaneelen, die auf einer Holzkonstruktion befestigt sind. Die Zwischenräume sind mit Holzwolle-ähnlichem Isoliermaterial gefüllt. Sowohl die Fassadenelemente, als auch das Holz und das Dämmmaterial sind leicht brennbar.

Brandriegel zwischen den Stockwerken, um das Übergreifen eines Feuers zu verhindern, gibt es nicht. Somit könnte sich das Gebäude, ähnlich wie der Grenfell Tower in London, bei einem Brand in Windeseile in eine unkontrollierbare Flammenhölle verwandeln.

Hinzu kommt, dass es keine automatische Brandmeldeanlage gibt, und dass die Rettungswege fehlen. Der einzige Fluchtweg, das Treppenhaus, ist nur über kleine Balkone zugänglich. Würde nun die Fassade lichterloh brennen, könnten die Balkone nicht mehr betreten werden, und der Fluchtweg wäre abgeschnitten.

Die großen damit verbundenen Gefahren waren der Stadt seit sieben Jahren, seit einer Brandkontrolle der Feuerwehr 2010, bekannt. Doch erst jetzt wurde gehandelt. Jochen Braun, Ressortleiter der Stadt Wuppertal für Bauen und Wohnen, sagte der Rheinischen Post: „Wir wussten zwar schon länger von den Problemen, aber nach dem Hochhausbrand in London haben wir die Gefahr neu bewertet.“ Insgesamt sei man allein in Wuppertal dabei, 70 Hochhäuser zu überprüfen.

Die Evakuierung des Hochhauses wurde am Vormittag beschlossen und am Nachmittag bereits umgesetzt. Die Stadt ging dabei äußerst rigoros vor. Die Polizei sperrte alle Zugänge zum Gebäude ab. Vom frühen Nachmittag an klingelten Mitarbeiter des Ordnungsamtes bei den anwesenden Mietern und erklärten diesen, sie hätten genau 20 Minuten Zeit, um einen Koffer mit dem Nötigsten zu packen und das Haus zu verlassen. Bewohner, die später nach Hause kamen, durften das Gebäude nur noch in Begleitung einer Security-Person des Ordnungsamts betreten, um Sachen aus ihren Wohnungen zu holen.

Die Rheinische Post berichtet in einer Reportage über wütende und verzweifelte Bewohner, unter ihnen Familien mit kleinen Kindern und mehrere Senioren. „Gegen 19 Uhr verlässt die letzte und älteste Bewohnerin das Gebäude“, schreibt die im nahen Düsseldorf erscheinende Zeitung. „Johanna Klosa ist 89 Jahre alt und lebt seit 47 Jahren in dem Hochhaus.“ Gestützt auf einen Polizisten und ihre Enkelin habe sie das Gebäude verlassen. Die Enkelin sagte: „Meine Oma ist sehr verwirrt und hat bitterlich geweint.“ Sie verstehe nicht, warum den Bewohnern nicht mehr Zeit gelassen wurde. Die Großmutter habe die große Sorge, „dass sie nicht mehr zurückkehren wird“.

Damit niemand unerlaubt zurückkehrt, hat die Stadt sogar die Türschlösser austauschen lassen und einen Sicherheitsdienst engagiert. „Wir können nicht zulassen, dass sich jemand mit einem Ersatzschlüssel Zugang verschafft“, sagt eine Sprecherin der Stadt Wuppertal. „Die Gefahr ist einfach zu groß.“

Das Muster ist sattsam bekannt: Immer, wenn eine Katastrophe passiert ist, werden alle möglichen Initiativen als Alibifunktion ergriffen. Wenn sich die öffentliche Aufregung dann gelegt hat, ändert sich in der Regel aber nichts.

Das Beispiel zeigt, dass vielerorts die gleichen Verhältnisse herrschen, die in London zur Katastrophe geführt haben. Das Haus gehört heute einer Immobiliengesellschaft namens Intown Property Management mit Sitz in Berlin. Diese kauft Wohn- und Geschäftshäuser im ganzen Bundesgebiet auf, um sie profitträchtig weiterzuverkaufen oder zu vermieten. Auf der Website von Intown steht der Satz: „Unser höchstes Ziel ist die Wertsteigerung von Immobilien“.

Laut Leipziger Volkszeitung gehört Intown „zum äußert intransparenten Firmenreich des milliardenschweren Fonds-Experten Amir Dayan“. Er sei in Osteuropa, Schweden, den Benelux-Staaten und vor allem in Deutschland aktiv und nutze als Sitz von Gesellschaften häufig Zypern. „Dayan gilt als sehr öffentlichkeitsscheu, aus seinen Firmen dringt nur selten etwas nach außen.“

Eine Sprecherin der Stadt Wuppertal erklärte, man habe Intown und auch die vorherigen Besitzer mehrmals angemahnt, die Fassaden zu erneuern. „Wir haben die wechselnden Besitzer angeschrieben, Fristen gesetzt und Zwangsgelder verhängt, aber keiner der Besitzer hat darauf reagiert.“

Als die Stadt Wuppertag entschied, das Haus müsse geräumt werden, verweigerte Intown zunächst jede Beteiligung an der Maßnahme. Erst zwei Tage später sagte die Gesellschaft zu, man werde die Fassade sanieren, ohne jedoch Einzelheiten oder klare Fristen zu nennen. Für die Bewohner bedeutet das, dass sie weiter im Ungewissen sitzen, ob sie überhaupt je wieder einziehen können, und wenn ja, wie lange sie darauf warten müssen.

Inzwischen läuft die politische Beschwichtigungsmaschinerie auf Hochtouren. Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) versprach, die Länder würden jetzt zügig weitere gefährliche Gebäude im Bundesgebiet ausfindig machen. Die Bauministerkonferenz werde „kurzfristig erheben, wo es solche Bauten geben kann“.

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im NRW-Landtag, Sarah Philipp, betonte, jetzt müsse „die Sicherheit der Bewohner von Hochhäusern an erster Stelle stehen“. Sie forderte den zuständigen Minister der neuen nordrhein-westfälischen CDU-FDP-Landesregierung auf, alle Wohngebäude, die höher als 22 Meter sind, auf die Brennbarkeit der Fassaden zu überprüfen. Sie verschwieg dabei, dass sich die abgewählte SPD-Grünen-Landesregierung selbst nicht darum gekümmert hat.

Die neue Regierung wird aber in dieser Beziehung auch nichts Grundlegendes ändern. Ein Sprecher der nordrhein-westfälischen CDU-Fraktion sagte: „Wir gehen davon aus, dass alle Kommunen entsprechend der Zuständigkeit ihrer Aufsichtspflicht nachkommen.“

Laut den Bauordnungen, die in Deutschland in die Zuständigkeit der Länder fallen, gelten Gebäude als Hochhaus, wenn der Fußboden des obersten Geschosses mindestens 22 Meter über dem Erdboden liegt. So weit reichen die Drehleitern der Feuerwehr. Ab dieser Höhe gelten besondere Brandschutzanforderungen, und auch die Fassaden-Dämmung unterliegt strengeren Kriterien.

Das Beispiel von Wuppertal zeigt jedoch, dass in der Wirtschaft der Druck, die Profitrate zu erhöhen, stärker ist als alle Sicherheitsrichtlinien. Das gilt ganz besonders in der Immobilien- und Baubranche. So wählte die Firma, die in London die Fassade des Grenfell Tower verkleidet hatte, das leichter brennbare Material, um 5000 Pfund zu sparen. In Wuppertal sah bisher in all den Jahren weder die Stadt noch die Immobiliengesellschaft einen Anlass, die regelwidrige und hochgefährliche Fassade zu erneuern.

Darüber hinaus weisen Sachverständige und Feuerwehren auf die bestehende Grauzone bei weniger hohen Wohngebäuden hin: Gefährlich ist die Lage in den Häusern, die zwar über mehrere Stockwerke verfügen, aber knapp unter 22 Metern liegen. Dort wird das leicht entflammbare Dämmmaterial ungehindert weiter verbaut.

Für die Feuerwehr sei dies ein großes Problem, sagte Dietmar Grabinger vom Verband der Feuerwehren in NRW. „Die stellen uns vor enorme Herausforderungen, weil sie schnell in Brand geraten.“ Manchmal reiche ein überspringender Funke aus, zum Beispiel aus einer Aschentonne direkt an der Fassade, um sofort ein Haus in Brand zu setzen, so der Experte.

Bei Gebäuden unterhalb der 22 Meter überprüfen die Bauämter die Fassaden in der Regel überhaupt nicht. „Bei Häusern mit mittleren Höhen gibt es bei uns keine gesonderten Kontrollen“, bestätigte eine Sprecherin der Stadt Duisburg.

Gerade für diese Häuser fordert der Leitende Branddirektor der Frankfurter Feuerwehr Reinhard Ries einen besseren Brandschutz. Ries zufolge hat eine Fassadenkonstruktion im Jahr 2012 in Frankfurt und 2016 in Duisburg zu ähnlichen Vorfällen wie in London geführt, wenn auch nicht mit so vielen Toten.

In Duisburg war im Mai letzten Jahres ein Brand im Erdgeschoss über die Fassade in vier darüber liegende Geschosse übertragen worden. Eine 33-jährige Mutter und ihre acht und 14 Jahre alten Söhne starben, 28 Personen wurden, zum Teil schwer, verletzt. Zur Katastrophe wurde der Zimmerbrand, weil die Flammen rasend schnell an der leicht brennbaren Wärmedämmfassade bis zum Dachgeschoss hochjagten. „Wie eine Zündschnur in einem Kamin“, beschrieb dies damals Duisburgs Feuerwehrchef Oliver Tittmann in der Regionalpresse.

Branddirektor Ries fordert daher: „Das Erdgeschoss muss so verkleidet sein, dass es nicht brennbar ausgestaltet ist und dass es nach jedem Geschoss einen Brandriegel gibt.“ Ries warnt besonders vor Polystyrolschaum als Dämmstoff. Noch unmittelbar vor dem Unglück in London hätten die Berufsfeuerwehren und der Deutsche Feuerwehrverband ein Papier darüber mitveröffentlicht.

Die leicht entflammbaren Polystyrol-Dämmplatten wirken bei einem Feuer als Brandbeschleuniger, außerdem erzeugen sie beim Verbrennen giftige Dämpfe. Die Feuersbrunst im Grenfell Tower war durch einen kleinen Brand in einer Wohnung des vierten Stocks durch einen defekten Kühlschrank ausgelöst worden und konnte sich über die Fassade innerhalb von Minuten auf das ganze Gebäude ausbreiten. Die giftigen Rauchgase, die dabei freigesetzt wurden, ließen vielen Bewohnern keine Möglichkeit zu entkommen. Inzwischen ist bekannt, dass die brennbare Außenfassade im Gebäude tödlichen Cyanwasserstoff (Blausäure) freisetzte. Viele Bewohner starben durch das Einatmen des toxischen Rauchs.