Militärhistoriker Sönke Neitzel beschwört Wehrmachtstradition der Bundeswehr

Von Christoph Vandreier
18. Juli 2017

Im April wurde in der Bundeswehr ein weit verzweigtes Neonazi-Netzwerk aufgedeckt, das Terroranschläge auf hochrangige Politiker plante und sich positiv auf Hitlers Wehrmacht bezog. Knapp drei Monate später veröffentlicht der Spiegel ein Interview mit dem Militärhistoriker Sönke Neitzel, in dem dieser die Wehrmacht glorifiziert und den Rechtsterror verharmlost.

Neitzel besteht darauf, dass sich die Bundeswehr in die Traditionslinie der Wehrmacht stellt, weil sie ein „Instrument des Kampfes“ sein müsse. Man könne „Panzergrenadieren oder Fallschirmjägern“ doch „nicht lauter nicht kämpfende Vorbilder anbieten“. Sie „sollen kämpfen und töten können“ und könnten sich deshalb nicht auf „Traditionselemente“ beschränken, „die der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entsprechen“.

Die Bundeswehr sei „eine militärische Organisation und keine Außenstelle der Bundeszentrale für politische Bildung“, erklärt der Professor weiter. Zu dieser Ausrichtung passe es nicht, nur den Widerstand innerhalb der Wehrmacht als traditionsstiftend zu akzeptieren. Man könne „auch in einem totalen Krieg für ein verbrecherisches Regime vorbildlich handeln […], etwa in der Menschenführung oder als erfolgreicher Soldat wie [Helmut] Lent.“

Lent, den Neitzel hier rühmt, war Kommodore des Nachtjagdgeschwaders 3 und wurde von der Nazi-Propaganda als Kriegsheld stilisiert. Hermann Göring bezeichnete ihn bei seiner Grabrede als „Anhänger unserer nationalsozialistischen Weltanschauung“ und selbst das um Entlastung bemühte Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) kommt in einem Gutachten zu dem Schluss, dass es sich bei Lent um einen „karrierebewussten Luftwaffenoffizier“ gehandelt habe, „der sich weitgehend angepasst und systemkonform verhielt“.

Für Neitzel sollen nicht nur solche Propagandahelden der Nazis für ihre militärischen Leistungen verehrt werden, sondern Hitlers Wehrmacht als Ganze: „Die Initiative, siegen zu wollen, Vorwärtsdrang, Pflichttreue, das sind alles militärische Eigenschaften, die unverändert Gültigkeit haben.“

Seine Verherrlichung der Wehrmacht geht unmittelbar mit der Relativierung der bestialischen Verbrechen einher, für die die deutsche Armee verantwortlich ist. Den unprovozierten Angriff auf die Sowjetunion, der mit dem Ziel geführt wurde, 30 Millionen slawische Zivilisten zu vernichten, verniedlicht Militärhistoriker Neitzel als eine problematische Kriegstaktik.

„Es gibt in jedem Krieg Entscheidungsmöglichkeiten“, schreibt Neitzel, „und die deutsche Armee hat damals in vielen, vielen Situationen die gewalttätigste Lösung gewählt. Das darf uns aber nicht den Blick darauf verstellen, dass die Wehrmacht als ‚fighting organisation‘ eben auch erfolgreich war.“

Man fragt sich, von welchen Erfolgen Neitzel spricht. Von den Massakern an Zivilisten? Dem Massenmord an Kommunisten? Der Vernichtung der europäischen Juden? Man bekommt eine Ahnung davon, wenn der Professor über das „Unternehmen Zigeunerbaron“ sagt, dass unter den Opfern „wohl auch unschuldige Zivilisten“ gewesen seien.

Tatsächlich war das „Unternehmen Zigeunerbaron“ eine brutale Anti-Partisanen-Operation, bei der in den Wäldern um Brjansk alle männlichen Zivilisten zwischen 15 und 65 verhaftet, die verbliebene Bevölkerung vertrieben und die Dörfer niedergebrannt wurden. Schätzungen zufolge waren nur 20 bis 30 Prozent der mehr als 1.500 Todesopfer tatsächlich Partisanen, der Rest Zivilisten.

Neitzel selbst erklärt die Verharmlosung solcher Gräueltaten und die Glorifizierung der Wehrmacht implizit für traditionsstiftend und notwendig, um die Bundeswehr zu einem „Instrument des Kampfes“ zu machen.

Er umreißt damit ein Projekt, an dem er und andere Professoren wie Herfried Münkler und Jörg Baberowski schon seit geraumer Zeit arbeiten. Angesichts massiver Aufrüstungspläne und der rasanten Wiederkehr des deutschen Militarismus versuchen sie, die Geschichte umzuschreiben. Der deutsche Imperialismus soll von seinen historischen Verbrechen reingewaschen werden, um neue Kriege vorzubereiten.

Der Politikwissenschaftler Münkler hatte das in Bezug auf den Ersten Weltkrieg auf den Punkt gebracht und erklärt: „Es lässt sich kaum eine verantwortliche Politik in Europa betreiben, wenn man die Vorstellung hat: Wir sind an allem Schuld gewesen. Bezogen auf 1914 ist das eine Legende“. Neitzel selbst ging noch weiter und implizierte, dass sich Deutschland nur verteidigt habe. Die deutsche Führung habe „getrieben von Abstiegsängsten und Einkreisungssorgen“ ein „defensives Ziel“ verfolgt, schrieb Neitzel im Januar 2014 zusammen mit anderen Autoren in der Welt.

Zum 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion stellte er in einer Talkrunde auf Phönix zusammen mit dem rechtsradikalen Humboldt-Professor Jörg Baberowski die Planung des Vernichtungskriegs im Osten in Frage. Auf die Frage: „War das der Vollzug von Hitlers lang gehegtem Plan von Lebensraum nach Osten, oder reagierte er vor allen Dingen auf die Kriegslage?“, antwortete Neitzel: „Ein Stück weit war es beides. Es ist immer die Frage, ob wir wirklich daran glauben, dass Hitler einen Plan hatte.“ In diesem Jahr behauptete er gar, dass Hitler im Zweiten Weltkrieg kein Giftgas eingesetzt habe!

Die Verharmlosung der historischen Verbrechen des deutschen Imperialismus geht bei Neitzel direkt mit der Bagatellisierung der heutigen Neonazi-Netzwerke in der Bundeswehr einher. Der Professor versteht sehr gut, dass solche rechtsradikalen Seilschaften nicht nur Produkt der Militarisierung sind, sondern auch Voraussetzung für eine brutale Interventionsarmee.

„Da fliegt ein mutmaßlicher Rechtsterrorist auf, und aus Angst um ihr Amt bricht sie eine Traditionsdiskussion vom Zaun“, kommentiert Neitzel die Versuche von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, nach der Aufdeckung der Terrorpläne die eigenen Spuren zu verwischen und einige symbolische Gesten zu machen.

Nur ging es nicht, wie Neitzel behauptet, um das Auffliegen eines einzelnen, mutmaßlichen Rechtsterroristen, sondern um ein umfassendes Neonazi-Netzwerk, das von diversen Vorgesetzten systematisch gedeckt wurde. Zwei Offiziere der Bundeswehr wurden verhaftet, weil sie Waffen gestohlen und Terroranschläge auf hochrangige Regierungsvertreter und linke Politiker und Aktivisten geplant hatten.

Der enge Kreis der Terrorgruppe soll nach Erkenntnissen der Ermittler aus mindestens sieben Personen bestanden haben. Schnell zeichnete sich zudem ein weitverzweigtes Unterstützernetzwerk ab, das an der Bundeswehruniversität in München und in zahlreichen weiteren Standorten Standorte hat und enge Verbindungen zur rechtsradikalen identitären Bewegung unterhält.

In der Kaserne der beiden Hauptverdächtigen in Illkirch wurden in einem Aufenthaltsraum Wehrmachtsdevotionalien und Nazi-Schmierereien sichergestellt. Da der Zusammenhang zwischen der neonazistischen Terrorzelle und dieser Verherrlichung der Nazi-Armee zu offensichtlich war, leitete von der Leyen einige medienwirksame Untersuchungen ein. Doch Neitzel geht selbst das zu weit. Er bezeichnet die Suche nach „vermeintlichen Nazi-Devotionalien“ als „albern“ und verteidigt dann die Wehrmacht.

Neitzels Verharmlosung der Nazi-Verbrechen und heutiger Neonazi-Netzwerke muss sehr ernst genommen werden. Sie ist Ausdruck der Dynamik und Brutalität mit der der deutsche Militarismus wiederkehrt. Neitzel ist selbst eng mit der Bundeswehr verbunden und in höchsten Kreisen vernetzt. Der von ihm geleitete Studiengang „War and conflict studies“ an der Universität Potsdam beruht auf einer direkten Zusammenarbeit mit dem ZMSBw.

In den Jahren 2015 und 2016 war er an der Ausarbeitung des neuen Weißbuch 2016 der Bundeswehr beteiligt, der offiziellen außenpolitische Doktrin Deutschlands, die mehr Auslandseinsätze und den Einsatz der Bundeswehr im Innern vorsieht. Im April diesen Jahres forderte er in einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung, dass „die deutschen Generäle ihre Stimme erheben“ und verstärkt in die Politik eingreifen, um Deutschland aufzurüsten und auf Kriegskurs zu bringen.

Politische Unterstützung für seine extrem rechten und provokativen Thesen erhält Neitzel vor allem auch von der SPD. Es war die Sozialdemokratin Sabine Kunst, die Neitzel 2015 als damalige Wissenschaftsministerin in Brandenburg zum Professor für Militärgeschichte in Potsdam ernannt hat. Gegenwärtig erklärt Kunst als die amtierende Präsidentin der Humboldt-Universität jede Kritik an den rechtsextremen Standpunkten Baberowskis für „inakzeptabel“ und droht Kritikern mit Strafverfolgung.

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