Studien belegen: BAföG reicht nicht zum Überleben

Von Verena Evan und Sven Heymanns
26. Juli 2017

In den letzten Wochen sind zwei Studien des Deutschen Studentenwerks veröffentlicht worden, die einen Blick auf die Lebensrealität heutiger Studierender in Deutschland ermöglichen. Sie zeigen auf, dass die staatliche Unterstützung für Studenten, das BAföG, für die Sicherstellung des Lebensunterhalts völlig unzureichend ist. Darüber hinaus belegen sie, wie sehr die finanzielle Eigenständigkeit junger Menschen im Studium vom Bildungsstand ihrer Eltern abhängt.

Die erste Studie wurde vom Deutschen Studentenwerk (DSW) beim Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Auftrag gegeben. Ziel der Studie war die „Ermittlung der Lebenshaltungskosten von Studierenden“, um diese mit den BAföG-Sätzen zu vergleichen. Denn obwohl das BAföG (kurz für „Bundesausbildungsförderungsgesetz“) schon 1971 eingeführt worden war, um angehenden Akademikern das Studium unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zu ermöglichen, wurde zur Ermittlung seiner Höhe nie die Lebensrealität der Studenten herangezogen. Stattdessen stützte sich der jeweilige BAföG-Höchstsatz auf grobe Schätzungen über die vermeintlichen Lebenshaltungskosten, die sich aus unterschiedlichen Quellen ergaben.

Wie die Studie nun aufzeigt, ist der Höchstsatz des BaföG viel zu niedrig angesetzt. Während er seit dem vergangenen Wintersemester bei 735 Euro liegt, benötigen Studenten in Deutschland tatsächlich etwa 920 bis 950 Euro pro Monat, um sich finanzieren zu können.

Die Studie hat insbesondere die verschiedenen Kriterien überprüft, anhand derer festgestellt wird, ob und ggf. wie viel BAföG ein Student erhält. Dazu zählen die Einkommen der Eltern, die Lebenshaltungskosten, die Miete, Kranken- und Pflegeversicherung und eventuelle Kinder. In vielen Bereichen wies die Studie nach, dass die bisher angelegten Maßstäbe viel zu kurz greifen, um Studenten wirksam zu unterstützen.

Vor allem die Mietkostenpauschale spiegelt nicht annähernd die prekäre Situation auf dem Wohnungsmarkt wider. Sie „reicht allenfalls in wenigen Ausnahmefällen aus“, wie es in der Studie heißt. Grund dafür sind zum einen die massiv angestiegenen Mieten insbesondere in den Großstädten. So liegt die durchschnittliche Nettomiete in München beim diesjährigen Mietspiegel schon bei 11,23 Euro pro Quadratmeter – eine Steigerung von 10,9 Prozent verglichen mit dem Jahr 2013. Auch in zahlreichen anderen Städten sind in den letzten Jahren bezahlbare Wohnungen durch massive Privatisierungen des öffentlichen Wohnungswesens rar geworden. Allein in Berlin hatte der Senat aus SPD und Linkspartei zwischen 2001 und 2009 etwa 150.000 Wohnungen aus Landesbesitz verkauft.

Zum anderen hält der Ausbau von bezahlbaren Wohnheimen der Studentenwerke nicht ansatzweise mit der gestiegenen Zahl der Studienanfänger in den letzten Jahren Schritt. In Berlin beispielsweise gibt es derzeit nur ein einziges Wohnheim, bei dem Studierende auf ein freiwerdendes WG-Zimmer nicht mindestens zwei Semester warten müssen. Auf Wohnungsportalen im Internet werden inzwischen sogar bloße Hochbetten auf WG-Fluren angeboten. Gerade zu Semesterbeginn, wenn viele neue Studenten in die Städte ziehen, sind auch Hostels und Jugendherbergen oft über Wochen ausgebucht, weil Studenten keine andere Möglichkeit sehen, als dort zu teuren Preisen unterzukommen. Selbst hier wurden allerdings die Plätze knapp, nachdem seit 2015 viele Städte auch Flüchtlinge in Hostels einquartieren, weil sie nicht genügend Aufnahmekapazitäten für sie geschaffen haben. Auch auf Campingplätzen haben sich Studierende niedergelassen, die keine Wohnung fanden.

Die prekäre Situation auf dem Wohnungsmarkt, die viele Studierende dazu zwingt, überteuerte Zimmer und Wohnungen in Anspruch zu nehmen, hat mitunter auch unmittelbare Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Der Studie zufolge geht die mangelnde Kostendeckung für die Miete „möglicherweise mit einer unzureichenden Ernährung einher“, weil „die unzureichende Mietpauschale durch geringere Ausgaben bei anderen Positionen kompensiert werden muss“.

Auch die durch das BAföG bereitgestellte Pauschale für die Kranken- und Pflegeversicherung decke den tatsächlichen Bedarf oft nicht ab, wie es in der Studie heißt. Höhere Kosten entstehen vor allem dann, wenn Studenten das 14. Fachsemester überschreiten oder das 30. Lebensjahr erreichen, weil sie dann aus der studentischen Kranken- und Pflegeversicherung herausfallen. Dadurch fallen oftmals Mehrkosten von 60 bis 100 Euro monatlich an. Auch die Bezahlung von Medikamenten, die nicht oder nur teils von den Krankenkassen getragen werden, wird durch das BAföG nicht berücksichtigt.

Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass das notwendige monatliche Budget mit zunehmendem Alter der Studierenden steigt und darüber hinaus vor allem von der konkreten Lebenssituation abhängt. Das gegenwärtige pauschale BaföG wird den unterschiedlichen Bedürfnissen der Studenten demnach in keiner Weise gerecht und ist darüber hinaus insgesamt grundsätzlich zu niedrig angesetzt.

Bei der zweiten Studie handelt es sich um die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, die die wirtschaftliche und soziale Lage der Studenten in Deutschland erfasst. Ihre Ergebnisse unterstreichen die herausgearbeiteten Tendenzen der BAföG-Studie und gehen noch detaillierter auf die Lebenssituation der Studenten ein.

Die Sozialerhebung betont in erster Linie, wie stark eine akademische Laufbahn vom Bildungsstand der Eltern abhängig ist. Zudem stellte die Studie heraus, dass die Bildungsherkunft der Studenten starke Einflüsse auf die Studienfinanzierung hat.

Die Autoren der Studie unterscheiden dabei zwischen Studierenden mit „hoher Bildungsherkunft“ (beide Eltern haben akademische Abschlüsse) und „niedriger Bildungsherkunft“ (höchstens ein Elternteil ist Akademiker). Im Sommersemester 2016 kamen 52 Prozent aller Studenten aus einem Elternhaus, in dem mindestens ein Elternteil über einen akademischen Abschluss verfügt. Vergleicht man die beiden genannten Gruppen, so fällt auf, dass sie sich vor allem darin unterscheiden, aus welchen Quellen sich die Studierenden jeweils finanzieren.

Die monatlichen Einkünfte von Studenten aus Akademikerhaushalten liegen mit 945 Euro zwar nur leicht über denen von Studenten mit „niedriger Bildungsherkunft“, denen monatlich im Durchschnitt 903 Euro zur Verfügung stehen. Doch Studenten, deren Eltern beide Akademiker sind, erhalten fast zwei Drittel ihrer monatlichen Einnahmen durch elterliche Zuwendung (66 Prozent), während sich das Budget der anderen Gruppe nur zu einem Drittel (33 Prozent) aus Geldzahlungen der Eltern zusammensetzt.

Umgekehrt sind Studenten aus akademischem Hause in geringerem Ausmaß auf Verdienste durch eigene Arbeit angewiesen. Ihr Budget setzt sich nur zu 20 Prozent aus eigenen Verdiensten zusammen, während bei der anderen Gruppe 30 Prozent auf eigene Arbeit entfallen.

Beachtlich ist außerdem, wie sich die Zusammensetzung des studentischen Budgets aus nicht-akademischen Elternhäusern innerhalb der letzten vier Jahre verändert hat. Bei ihnen ist nämlich der Anteil, den das BaföG am monatlichen Budget einnimmt, rapide gesunken. Während im Jahr 2012 das BaföG noch 35 Prozent ihres Monatseinkommens ausmachte, waren es 2016 nur noch 21 Prozent. Umso mehr waren diese Studenten auf eigene Zuverdienste oder auf Zuwendungen ihrer Eltern angewiesen.

Dass sich das Monatsbudget der Studenten mit „niedriger Bildungsherkunft“ binnen vier Jahren von 817 auf 903 Euro erhöht hat, ist nicht etwa ihrer verbesserten sozialen Lage geschuldet, sondern schlichtweg der Notwendigkeit, vor allem für gestiegene Mieten wesentlich mehr Geld aufbringen zu müssen. Im Vergleichszeitraum hat sich zwar auch das Budget der Studenten mit akademischem Elternhaus erhöht (von 872 auf 945 Euro), doch die Zusammensetzung ihres Budgets ist weitgehend gleich geblieben.

Dabei ist das BaföG für viele Studenten insbesondere aus nicht-akademischem Elternhaus essentiell. Etwa vier von fünf Studenten (79 Prozent), die Leistungen aus dem Bafög erhalten, geben an, dass sie „ohne BaföG nicht studieren könnten.“

Insgesamt ist der Anteil der Studenten, die überhaupt BaföG-Leistungen erhalten, seit 2012 noch einmal deutlich gesunken. Erhielt damals noch fast jeder vierte Student (24 Prozent) Unterstützung durch BaföG, so war es 2016 nicht einmal mehr jeder fünfte Student (18 Prozent). Insgesamt liegt die Quote der durch BaföG geförderten Studenten auf dem niedrigsten Niveau seit Beginn der 1990er Jahre.

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