Wie rechtsextreme Positionen gesellschaftsfähig gemacht werden

Von Sven Heymanns
29. Juli 2017

Die Schließung eines kleinen Esoterik-Buchladens im Berliner Stadtteil Neukölln war in der vergangenen Woche Thema in mehreren großen Zeitungen. Wer sich auf die Berichterstattung in der Berliner Zeitung, der Frankfurter Rundschau oder der Welt verließ, musste den Eindruck bekommen, die beiden israelischen Ladenbesitzer seien wegen einer umstrittenen Buchvorstellung so lange mit einer Online-Hetzkampagne aus der linken Szene Berlins gemobbt worden, bis sie ihr Geschäftsprojekt schließlich entnervt aufgaben.

Ausgangspunkt war eine für Februar dieses Jahres angekündigte Veranstaltung über den faschistischen Esoteriker Julius Evola, die im genannten Buchladen hätte stattfinden sollen. Nachdem eine Berliner Antifa-Gruppe auf Facebook das Vorhaben heftig kritisiert hatte, entschlossen sich die beiden Männer, die Veranstaltung abzusagen. Dass sie jetzt, fünf Monate später, ihren Laden gänzlich schließen mussten, sei wohl nicht zuletzt auf die hässliche und völlig ungerechtfertigte Kampagne ihrer linksradikalen Kritiker zurückzuführen – so jedenfalls der mediale Tenor. Erst ein gut recherchierter Feuilletonbeitrag in der Süddeutschen Zeitung, der gestern erschien, brachte einiges Licht ins Dunkel.

Was war geschehen?

Der Buchladen „Topics“ in der Neuköllner Weserstraße wurde bis zu seiner Schließung Mitte Juli von Doron Hamburger und Amir Naaman, zwei jungen Männern aus Israel, betrieben. Inhaltlich widmeten sich die beiden mit ihrem englischsprachigen Geschäft vor allem Fragen von Esoterik und Spiritualität. Wenngleich der Laden auch religiöse Themen behandelte, stand er inhaltlich keineswegs in einem ausdrücklichen Zusammenhang mit dem Judentum oder Israel.

Mitte Februar wurde auf der Facebook-Seite des Ladens zu einer Veranstaltung über Julius Evola eingeladen, die Anfang März stattfinden sollte. Bei Evola handelt es sich um einen der wichtigsten Theoretiker des Faschismus und der heutigen Neuen Rechten.

Ideologisch stand Evola sowohl Vertretern der Konservativen Revolution, insbesondere Oswald Spengler, als auch den Nationalsozialisten nahe. Vor der SS hielt er mehrere Vorträge. Im Jahr 1937 verfasste Evola das Vorwort zu einer italienischen Ausgabe der antisemitischen Hetzschrift „Protokolle der Weisen von Zion“. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bekannte er sich offen zu seinen faschistischen Auffassungen. Heute erhält das Werk von Evola in ultrarechten Kreisen erneut Zuspruch. So berief sich Steve Bannon, Chefideologe von Donald Trump, ebenso positiv auf ihn wie Alexander Dugin, führender russischer Neofaschist.

Ziel der Veranstaltung war es offensichtlich, über die Nähe von Esoterik und rechtem Denken im Werk von Evola zu diskutieren. Das ist an sich legitim. Doch wer, wie im Einladungstext geschehen, eine solche Veranstaltung mit den Worten ankündigt, der Faschist Evola sei ein „komplexer, missverstandener und zunehmend einflussreicher Denker“, sollte sich nicht darüber wundern, wenn es politische Kritik hagelt.

Etwa eine Woche nach Ankündigung der Veranstaltung rief denn auch eine Berliner Antifa-Gruppe auf ihrer Facebook-Seite empört zu einem „Shitstorm“ auf. Es folgten einige Dutzend Kommentare auf der Seite der Veranstaltung, die sich vor allem gegen eine Verharmlosung Evolas richteten.

Einer dieser Kommentare deckte dann Entscheidendes zum Hintergrund des angekündigten Referenten auf: Bei D.C. Miller, der über Evola vortragen sollte, handelte es sich um jemanden aus dem Umfeld der Londoner Galerie LD 50. In dieser Galerie waren damals bereits zahlreiche Vertreter der internationalen Ultrarechten aufgetreten, auf die sich u.a. der norwegische Massenmörder Anders Breivik berief.

Nur einen Tag später sagte das „Topics“ mit Hinweis auf diesen kritischen Kommentar die geplante Evola-Veranstaltung ab.

Über den Online-Shitstorm auf Facebook hinaus sei nichts weiter geschehen, betonten die Ladenbesitzer gegenüber zahlreichen Medien. Es sei zu keinem physischen Angriff gegen sie oder das Geschäft gekommen. Es habe keinerlei antisemitische Vorhaltungen gegeben. Und niemand habe in irgendeiner Form zum Boykott ihres Buchladens aufgerufen. Einzig der sowieso geringe Umsatz des Ladens sei seit der geplanten Evola-Veranstaltung noch weiter eingebrochen. „Vielleicht wurde ihre kleine Zielgruppe durch den Evola-Vorfall dann so verschreckt, dass das wackelige Geschäftsmodell zusammenbrach“, schließt die Süddeutsche. Immerhin lagen zwischen dem Vorfall und der Schließung noch ganze fünf Monate.

In den meisten Medienkommentaren ist vom faktischen Hintergrund der Topics-Schließung jedoch nichts zu lesen. Stattdessen erhält der Leser den Eindruck, zwei unbedarfte Buchhändler seien aus heiterem Himmel heraus Opfer einer Hetzkampagne geworden. Die israelische Herkunft der beiden Buchhändler wird derart oft hervorgehoben, dass sich unweigerlich das Bild einer Kampagne mit antisemitischem Einschlag ergibt. Und niemand sieht sich veranlasst, den rechtsextremen Hintergrund des Referenten D.C. Miller oder die zumindest problematisch formulierte Einladung zur Veranstaltung zu erwähnen.

Besonders übel ist dahingehend ein Kommentar von Harry Nutt, der sowohl in der Frankfurter Rundschau als auch in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. Glaubt man seinen Ausführungen, so sei es den beiden Ladenbesitzern bei der Diskussion des Werkes von Evola um eine „geistige Herausforderung“ gegangen. Das aber habe „einen Shitstorm seitens eines erregten linken Antifa-Milieus ausgelöst“.

Es bedürfe eben, so Nutt, „einer intellektuellen Aufgeschlossenheit“, um sich unvoreingenommen auch mit einem faschistischen Theoretiker auseinanderzusetzen. Doch eine solche Aufgeschlossenheit werde „immer öfter verweigert“.

Bezeichnenderweise zieht Nutt dann eine Parallele zwischen dem Fall des Buchladens Topic und der Kritik an den Professoren Herfried Münkler und Jörg Baberowski. In allen drei Fällen seien die „Angriffe … Ausdruck einer sich unangenehm ausbreitenden illiberalen Grundstimmung“, bei der „die Verbreitungsdynamik der sozialen Medien … das Meinungsgeröll schnell in eine irrwitzige demagogische Lawine“ verwandle. Die Schließung des Buchladens stehe „für einen unschätzbaren gesellschaftlichen Verlust eines öffentlichen Raumes, an dem es offenbar nicht mehr möglich war, sich unvoreingenommen über dies und das und das politisch Abseitige auszutauschen“.

Baberowski, der an der Berliner Humboldt-Universität Geschichte lehrt, war von der WSWS, der trotzkistischen Jugendorganisation IYSSE und mehreren Studentenvertretungen kritisiert worden, weil er erklärte, Hitler sei nicht grausam, den Vernichtungskrieg der Nazis verharmloste, gegen Flüchtlinge hetzte und sich auf faschistische Ideologen wie Carl Schmitt und Armin Mohler berief. Inzwischen hat sogar ein Gericht bestätigt, dass Baberowski als Rechtsradikaler bezeichnet werden darf. Eine Klage, die dem Bremer Asta verbieten sollte, ihn einen Rassisten und Rechtsradikalen zu nennen, musste er zurückziehen.

Herfried Münkler, ebenfalls Professor an der Humboldt-Universität, leugnet die deutsche Schuld im ersten Weltkrieg und wirbt dafür, dass Deutschland Hegemon und „Zuchtmeister“ Europas wird. Er war deshalb im Blog „Münkler-Watch“ auch von eigenen Studenten kritisiert worden, was in den Medien einen Sturm der Empörung auslöste.

Dass Nutt nun eine Story über den Bankrott eines obskuren Buchladens, den außer einer Handvoll Esoteriker kaum jemand kannte, verfälscht und aufbauscht, um die Kritiker Münklers und Baberowskis zu diskreditieren, zeigt, worum es ihm wirklich geht: Rechtsextreme und faschistischen Positionen sollen wieder diskurs- und gesellschaftsfähig gemacht und Kritik daran als autoritärer Zensurversuch diskreditiert werden.

Es ist noch nicht allzu lange her, da hätten ehemals linksliberale Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau dagegen protestiert, wenn ein rechtsextremer Referent über einen faschistischen Theoretiker wie Julius Evola hätte vortragen wollen. Doch jetzt gilt ein Buchladen, der zur offenen Diskussion über einen faschistischen Esoteriker lädt, als „intellektuell aufgeschlossen“ und liberal, während seine linken Kritiker als autoritär dargestellt werden, weil sie die Diskussion verweigern.

Ähnlich argumentiert auch Baberowski. Der rechtsradikale HU-Professor hat in zahllosen Zeitungskommentaren und Interviews das Klagelied angestimmt, die gesellschaftliche Stimmung werde von „Tugendwächtern“ diktiert, die ihm das freie Sprechen unmöglich machten. So klagte er vor wenigen Wochen in der Neuen Züricher Zeitung: „Wer über Rassismus, Kolonialismus, über Krieg und Frieden oder das Verhältnis der Geschlechter anders urteilt, als es der hegemoniale Diskurs erlaubt, wird moralisch diskreditiert.“

Baberowski wird bis heute von zahlreichen Medien und akademischen Gremien verteidigt, einschließlich der sozialdemokratischen Präsidentin der Humboldt-Universität Sabine Kunst, obwohl seine rechtsradikalen Standpunkte offensichtlich und gerichtsnotorisch sind. Man kann dies nur als Ausdruck eines umfassenderen gesellschaftlichen Prozesses verstehen: Mit der Rückkehr des deutschen Militarismus und der Verschärfung der gesellschaftlichen Spannungen kehren die herrschenden Eliten wieder zu ihren autoritären und rechtsradikalen Traditionen zurück.

Das im Mehring-Verlag erschienene Buch "Wissenschaft oder Kriegspropaganda?" dokumentiert den Kampf der IYSSE und der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) gegen die Wiederkehr des deutschen Militarismus in den vergangenen zwei Jahren.

Wer nicht bereit ist, die Wiederbelebung des deutschen Militarismus und die Verwandlung der Universitäten in staatlich gelenkte Kaderschmieden für rechte und militaristische Ideologien hinzunehmen, muss dieses Buch lesen. 

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