Massenandrang auf Amazon-Jobmessen und Rekordwert für den Dow Jones

4. August 2017

Vor langer Zeit hieß es, dass ‚die Hälfte der Welt nicht weiß, wie die andere Hälfte lebt‘." – Jacob Riis, 1890

Am Mittwoch spielten sich in Amerika zwei Szenen ab, die einen Einblick in zwei getrennte Welten lieferten. In einer von ihnen lebt eine kleine, wohlhabende Elite; in der anderen die Arbeiterklasse, die zusammen ungefähr die unteren 90 Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Kurz nach Beginn des Handelstags an der Wall Street überschritt der Dow Jones Industrial Average zum ersten Mal in seiner Geschichte die Marke von 22.000 Punkten. Die Mainstreampresse reagierte darauf mit überschwänglichen Schlagzeilen. Später war das Ereignis das Topthema in den Abendnachrichten von NBC.

Einen Tag zuvor hatte Präsident Trump getwittert: „Die Konzerne haben NOCH NIE so viel Geld gemacht wie heute“. Die Faktencheck-Seite Politifact bezeichnete diese Behauptung als zumindest teilweise wahr, wenn auch mit dem Vorbehalt, dass die Unternehmensprofite unter Barack Obama sogar noch höher waren. Die reichsten zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung besitzen mehr als 75 Prozent des Volksvermögens. Für sie ist Obamas Aussage von 2016, Amerika gehe es "momentan verdammt gut", eine Tatsache.

Doch noch während der Dow Jones die 22.000er-Marke überschritt, standen zehntausende Arbeiter vor der landesweiten Berufsmesse von Amazon Schlange, um sich bei dem Unternehmen zu bewerben. Es war die größte derartige Veranstaltung in der Geschichte Amerikas.

Eine Schlange von Arbeitssuchenden bei der Amazon-Berufsmesse in New Jersey

Die Bilder von langen Schlangen von Arbeitssuchenden um Gebäude herum und über Parkplätze erinnern an die Große Depression. Auch die Lebensbedingungen der großen Masse der arbeitenden Bevölkerung erinnern immer mehr an die „hungrigen Dreißiger“.

Die World Socialist Web Site sprach mit Arbeitern aus verschiedensten Teilen der Gesellschaft – mit Schwarzen und Weißen, Immigranten und gebürtigen Amerikanern, Jungen und Alten –, die gemeinsam Schlange stehen, um eine Stelle in einem Amazon-Lager zu ergattern. Auf die Gewinner in diesem Wettbewerb wartet ein Arbeitsplatz ohne Rente, mit allerdürftigster Krankenversicherung und ohne die Garantie auf einen Acht-Stunden-Tag oder eine 40-Stunden-Woche.

Die Arbeiter erzählten der WSWS, Amazon fordere bereits für das Ausfüllen der Bewerbung einen Drogentest und einen Hintergrundcheck. Viele waren enttäuscht und verärgert, dass Amazon Bewerbern keine Angebote machte, die sich zuvor nicht online beworben hatten.

Eine Schlange von Bewerbern in Ohio

Die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse sind so schlecht, dass tausende den Durchschnittslohn bei Amazon von 12,50 Dollar pro Stunde als Verbesserung gegenüber dem Dienstleistungsbereich sehen, in dem viele von ihnen nur den staatlichen Mindestlohn von 7,25 Dollar pro Stunde verdienen. Doch laut dem Handbuch der Arbeitsstatistiken des US-Arbeitsministeriums ist der Durchschnittslohn eines amerikanischen Amazon-Arbeiters real nur halb so hoch wie der eines Kohlebergarbeiters im Jahr 1935. Die meisten Arbeiter verdienen noch weniger, vor allem Zeitarbeiter.

Amazon veranstaltet seine Jobmessen in etwa einem Dutzend besonders betroffener Regionen im ganzen Land. Baltimore, Maryland und Buffalo, New York, wurden durch jahrzehntelangen Arbeitsplatzabbau und Bevölkerungsrückgang schwer getroffen. Vorortgebiete wie Etna, Ohio, Whitestown, Indiana, Romeoville, Illinois und Hebron, Kentucky gehören zu den Schwerpunkten einer Drogenkrise, die letztes Jahr etwa 60.000 Todesopfer gefordert hat.

In ehemaligen Industriezentren wie Fall River, Massachusetts, Robbinsville, New Jersey und Kenosha, Wisconsin gab es früher besser bezahlte Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie. Diese Gebiete verwandeln sich heute in Industrieparks, in denen Arbeiter für niedrige Löhne und fast ohne Zusatzleistungen in Lagerhäusern schuften. Unter anderem hat Foxconn letzte Woche den Bau einer Niederlassung mit 10.000 Arbeitsplätzen angekündigt.

Bewerber in Wisconsin

Trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Hintergründe stehen die Arbeiter im Alltag grundsätzlich vor den gleichen Herausforderungen und Sorgen um das Wohlergehen ihrer Familien und Angehörigen. Sie machen sich Sorgen, dass ihre Kinder ihr ganzes Leben lang verschuldet sein und in ausweglosen Arbeitsplätzen festsitzen werden, oder dass Familienmitglieder in Alkoholismus und Drogensucht abrutschen, um ihren körperlichen und geistigen Schmerz zu vergessen. Sie plagt das Wissen, dass ein krankheitsbedingter Notfall oder Probleme mit ihrem Auto sie in die Insolvenz treiben könnten.

Sie fragen sich, wie sie das Geld für die Pflege ihrer Eltern oder für das Studium ihrer Kinder auftreiben sollen. Sie kennen Veteranen, die das Grauen der imperialistischen Kriege traumatisiert hat. Die Regierung, die sie in diese Kriege geschickt hat, verweigert ihnen jetzt den Zugang zu sozialer Unterstützung. Sie wissen auch, dass ihre Freunde und Kollegen im Grunde die gleichen Probleme haben.

Arbeiter vor der Amazon-Niederlassung in Robbinsville, New Jersey

In der Welt der Reichen, die so weit entfernt scheint und doch auf der gleichen sozialen Realität basiert, herrschen ganz andere Sorgen. Die treibende Kraft ist das Verlangen, den persönlichen Reichtum, die Privilegien und die soziale Stellung zu erhöhen.

Das gesamte politische Establishment, darunter beide Parteien, die Mainstreammedien, die Universitäten, Denkfabriken und die offiziellen staatlichen Institutionen, konzentrieren sich ausschließlich auf die Bedürfnisse der Reichen. Ein Teil des Kleinbürgertums betreibt aus Wut über die Verteilung der Ressourcen zwischen den reichsten zehn Prozent eine selbstfixierte Politik, die auf den Kategorien ethnischer und geschlechtlicher Identität basiert und versucht so, in privilegierte Stellungen aufzurücken.

Auch wenn zwischen den verschiedenen Schichten der obersten zehn Prozent Differenzen bestehen, ist die bürgerliche Politik ein Fraktionskampf zwischen Gruppen, die letzten Endes auf der gleichen Seite stehen (Obama sprach von einem „intramural scrimmage“). Diese Tatsache zeigt sich in den Bereichen, in denen sich Demokraten und Republikaner einig sind: ständiger Krieg und massive Ausgaben für das Militär, Überwachung der Bevölkerung, Kürzungen bei Sozialprogrammen, Steuersenkungen für Reiche und die Militarisierung der Polizei, um den Widerstand der Arbeiterklasse zu unterdrücken.

Lucinda, eine Großmutter und Bewerberin bei Amazon aus Ohio, äußerte sich kritisch über die derzeitigen Kriege der USA

In der Arbeiterklasse wächst der Widerstand gegen den zunehmend oligarchischen Charakter der amerikanischen Gesellschaft. Der Amazon-Bewerber Eric Childs erklärte in Illinois gegenüber einem Team der WSWS: „Ich habe erlebt, wie viele Leute viel verloren haben.“ Lucinda, eine vierfache Mutter, die sich auch um vier Enkel kümmert und sich in Ohio um einen Job bewarb, sagte: „Wenn wir mehr für Arbeitsplätze ausgeben würden und weniger für Kriege gegen Leute, mit denen wir nichts zu tun haben, ginge es dem Land viel besser.“ Andrea, die sich ebenfalls in Ohio bewarb, äußerte die Frustration vieler Arbeiter über die Kandidaten in der Präsidentschaftswahl 2016: „Hillary hat alles verkörpert, was mit der Regierung falsch läuft, und Trump alles, was in der Gesellschaft falsch läuft.“

Die gleichen wirtschaftlichen Bedingungen, die die soziale Ungleichheit hervorbringen, bergen auch ihre Lösung. Die Entstehung von Riesenkonzernen wie Amazon, deren Versorgungsketten sich über die ganze Welt erstrecken, haben Milliarden von Arbeitern weltweit im Produktionsprozess vereint. Neue Technologien, u.a. Handys, das Internet oder moderne Transportsysteme, revolutionieren die sozialen Beziehungen und verändern die Interaktion der Menschen aller Ethnien und Nationalitäten.

Die Entwicklung der Produktivkräfte hat die Menschheit in die Lage versetzt, Hunger, Armut und Krankheit aus der Welt zu schaffen. Doch in den Händen der Kapitalistenklasse werden diese Fortschritte zu Waffen. Sie werden benutzt, um Arbeitsplätze und den Lebensstandard der Arbeiter auf der ganzen Welt zu zerstören und die Umwelt zu verseuchen. Weil sich die Konzerne und Banken in privater Hand befinden, ist die Wirtschaft der Profitgier der kapitalistischen Oligarchen untergeordnet. Gleichzeitig äußert sich der Konflikt zwischen dem zunehmend integrierten Charakter der Weltwirtschaft und dem Nationalstaatensystem auch in Form von Militarismus und Krieg und birgt damit die Gefahr der nuklearen Vernichtung der Welt.

Es ist die Aufgabe der Arbeiterklasse, die Produktivkräfte der Welt aus dem Würgegriff der Konzerne zu befreien und die gewaltigen wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte zu benutzen, um die Bedürfnisse der Menschheit zu erfüllen.

Die Konzerne müssen in öffentliches Eigentum umgewandelt und demokratisch von den Arbeitern selbst kontrolliert werden. Die Vermögen dieser Konzerne und ihrer Vorstandschefs, ihrer größten Aktionäre und Anleihenbesitzer müssen beschlagnahmt und eingesetzt werden, um gut bezahlte Arbeitsplätze, allgemeine Krankenversicherung, Bildung, Wohnungen, Drogenrehabilitationsprogramme, Renten und andere notwendige Sozialleistungen zu garantieren. Dies erfordert einen politischen Kampf zur weltweiten Vereinigung der Arbeiter gegen die Parteien der Kapitalistenklasse und für die sozialistische Umgestaltung der Weltwirtschaft.

Eric London