VW war Komplize der brasilianischen Militärdiktatur

Von Ludwig Weller
8. August 2017

Die kriminellen Machenschaften des VW-Konzerns erschöpfen sich nicht mit dem Dieselabgasskandal und der Bildung eines Autokartells. Volkswagen, der größte deutsche Autobauer, dessen Aufstieg unter Hitlers Naziregimes begann, ist erneut von seiner Geschichte eingeholt worden. Recherchen der Fernsehsender NDR und SWR sowie der Süddeutschen Zeitung bestätigen, dass sich der VW-Konzern in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 herrschte, aktiv an der politischen Verfolgung von Regime-Gegnern beteiligte.

Der firmeneigene Werkschutz im VW-Werk São Paulo agierte demnach wie ein Geheimdienst. Er spionierte VW-Beschäftigte aus, erstellte Listen politischer Oppositioneller, die in den Händen der Behörden landeten, nahm militante Arbeiter fest und übergab sie der Politischen Polizei, ermöglichte die Festnahme von Arbeitern durch die Militärpolizei auf dem Werksgelände und lieferte sie damit der Folter aus. Der Vorstandschef in Wolfsburg wurde bereits 1979 persönlich über die Verhaftungen informiert.

Am 24. Juli sendete die ARD einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Komplizen? – VW und die brasilianische Militärdiktatur“. Der Film zeigt, wie VW do Brasil oppositionelle Arbeiter im Werk und im Privatleben durch den Werkschutz bespitzeln ließ. Der bloße Verdacht, es könnte sich um gewerkschaftlich oder kommunistisch organisierte Arbeiter handeln, reichte aus, um sie der Militärjunta auszuliefern. Hunderte von oppositionellen Arbeitern wurden danach in Foltergefängnissen misshandelt und umgebracht.

Seit Jahren prangern überlebende VW-Arbeiter aus São Paulo den VW-Konzern in Deutschland an und verlangen Wiedergutmachung. Vor zwei Jahren haben sie ein Sammelklage eingereicht, seitdem ermittelt die Bundesstaatsanwaltschaft in São Paulo gegen VW.

Ein Interview mit dem heute 91-jährigen ehemaligen VW-Chef Carl Hahn, der damals dem Aufsichtsrat der Konzerntochter in Brasilien angehörte, offenbart die bis heute fortdauernde Kaltschnäuzigkeit des Konzerns. Hahn leugnet schlicht, irgendetwas von der Komplizenschaft gewusst zu haben. Auf die jüngsten Ermittlungen angesprochen, entgegnet er zynisch, sie sollten doch machen, wir hätten hier Wichtigeres zu tun.

Mit der Militärdiktatur habe man im Übrigen das gemeinsame Interesse gehabt, vorankommen zu wollen, ergänzte Hahn und fügte mit einem süffisanten Lächeln hinzu: „Wir sind keine Kommunisten gewesen, muss ich ihnen allerdings bekennen.“

Auch der VW-Sprecher in Wolfsburg gibt sich einsilbig. Zu den Ermittlungen meint er nur lapidar: „Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen, Anschuldigungen müssten natürlich belegt werden. Wir sollten ein bisschen abwarten und keine voreiligen Schlussfolgerungen ziehen.“

Eine zentrale Figur des 45-minütigen Dokumentarfilms ist der ehemalige Werkzeugmacher Lúcio Bellentani, der seine Leidensgeschichte erzählt. Kurz nach dem Militärputsch 1964 begann der damals 19-Jährige seine Arbeit bei VW do Brasil. Er engagiert sich schon bald politisch im Umfeld der brasilianischen Kommunistischen Partei.

Im Sommer 1972 wird er während der Nachtschicht an seinem Arbeitsplatz im Presswerk mit einer Maschinenpistole im Rücken von zwei Geheimpolizisten verhaftet und in Handschellen abgeführt. Auch der bewaffnete VW-Werkschutz und VW-Angehörige sind zur Stelle. Erste Verhöre finden in der Personalabteilung statt. Er wird geschlagen, soll Namen von anderen Gewerkschafts- und Parteiaktivisten preisgeben. Weil er schweigt, wird er in das berüchtigte Foltergefängnis (DOPS) der politischen Polizei gebracht.

Bellentanis einziges Vergehen: Verteilen von Flugblättern und organisieren von Gesprächskreisen. Im Gefängnis trifft er auf weitere VW-Kollegen, deren qualvolle Schreie er nie vergessen kann. Erst nach 47 Tage Haft und Folter darf ihn seine Frau mit den zwei kleinen Kindern besuchen. Nach insgesamt zwei Jahren wird er entlassen.

Lúcio Bellentani hat zwar seinen Humor behalten, ist aber bis heute von dieser Zeit gezeichnet. Er und andere ehemalige Kollegen treffen sich seit Jahren regelmäßig, sie wollen unter keinen Umständen den VW-Konzern aus seiner Verantwortung entlassen. Deshalb setzen sie große Hoffnung auf die Sammelklage, die sich auch auf ihre Aussagen stützt.

Doch VW spielt mal wieder auf Zeit. Der ehemalige VW-Chefhistoriker Manfred Krieger, der bereits 2014 Brasilien besucht und eine Erinnerungsstätte für die Arbeiter gefordert hatte, wurde im Herbst 2016 entlassen. Interviews für den Doku-Film wurden ihm untersagt.

Daraufhin stellte VW den Bielefelder Historiker Christopher Kopper ein, Sohn des langjährigen Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, in der Hoffnung, er möge bei der Aufarbeitung der brutalen Unterdrückungsmethoden von VW do Brasil die Konzerninteressen in den Vordergrund stellen.

Doch wider Erwarten kommt auch dieser Historiker, der seinen Abschlussbericht im Herbst vorlegen soll, zu ähnlichen Ergebnissen wie die Recherche von NDR, SWR und Süddeutsche Zeitung, die Ermittlungsakten, interne Unternehmenspapiere von VW aus jener Zeit, Unterlagen des VW-Aufsichtsrats, Berichte des Auswärtigen Amts und als geheim eingestufte Papiere des Foltergefängnisses DOPS aus der Diktaturzeit ausgewertet haben.

Das Fazit ist eindeutig: „Aus alldem ergibt sich das Bild, dass Volkswagen nicht nur als Helfer mit dem Militärregime kollaborierte, sondern ein eigenständiger Akteur der Repression war. Ein guter Komplize.“

Während VW do Brasil militante Arbeiter verfolgte und an die Schergen des Militärregimes auslieferte, beschäftigte und schützte es gleichzeitig hochrangige Nazi-Verbrecher. Nachdem das neue VW-Werk in São Paulo 1959 eröffnet worden war, gehörte zu den ersten, die dort eingestellt wurden, Franz Stangl. Der SS-Hauptsturmführer war laut einem späteren Gerichtsurteil am nationalsozialistischen Euthanasieprogramm „T4“ beteiligt gewesen und hatte das „Kriegsverdienstkreuz I. und II. Klasse mit Schwertern“ erhalten. 1942 war er zum Kommandanten der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka befördert worden.

Nach Kriegsende war er dann wie viele andere Nazi-Größen nach Brasilien geflohen. Dort arbeitete Stangl acht Jahre lang unbehelligt unter seinem richtigen Namen in der „Werksinstandhaltung“ von VW do Brasil. Nicht ganz geklärt ist die Frage, ob er auch im Werkschutz tätig war. Ganz in der Nähe baute er sich ein Haus, wo der weltweit gesuchte Kriegsverbrecher völlig unbehelligt lebte.

Auf die Frage, ob ihm denn bekannt gewesen sei, dass auch der KZ-Kommandant Franz Stangl mit seinem Klarnamen jahrelang bei VW do Brasil beschäftigt gewesen war, erwiderte Ex-VW-Chef Hahn: „Wir kannten sicher nicht die Namen von KZ-Kommandanten auswendig... und das die dort eingestellt werden, wenn die aus Deutschland kommen, das war, glaube ich, eine ganz normale Geschichte.“

Ohne die Recherchen von Simon Wiesenthal, der weltweit nationalsozialistische Verbrecher aufspürte, wäre Stangl vermutlich nie ausfindig gemacht und verhaftet worden. Im März 1967 beklagte sich Wiesenthal in einen Brief an den nordrhein-westfälischen Justizminister Josef Neuberger darüber, „dass das Volkswagenwerk in Sao Paulo Stangl seinen Anwalt gegeben hat, Dr. Garzia, der sich natürlich bemüht, der Auslieferung entgegenzuwirken“. Basileu Garcia galt damals als einer der renommiertesten Strafverteidiger Brasiliens. Außerdem, so Wiesenthal, übten deutsche Industriekreise einen großen Druck auf brasilianische Wirtschaftskreise aus, damit die Auslieferung vereitelt werde.

Am 28. Februar 1967 wird Stangl dann in São Paulo verhaftet und trotz den Widerständen nach Deutschland ausgeliefert. Es sollten nochmal fast vier Jahre vergehen, bis er endlich vom Düsseldorfer Landgericht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Das Urteil lautete: „Gemeinschaftlicher Mord an mindestens 400.000 Personen.“

Kurz nach Stangls Verhaftung rechtfertigte der damalige VW-Vorstandschef Friedrich Wilhelm Schultz-Wenk die Anstellung Stangls mit den Worten: „Außerdem verbietet es das brasilianische Gesetz, irgendwelche Fragen zu stellen bzw. Informationen über Arbeiter und Angestellte einzuholen.“ Das ist angesichts der Zusammenarbeit mit der Militärdiktatur bei der Verfolgung oppositioneller Arbeiter an Zynismus kaum zu überbieten. Friedrich Wilhelm Schultz-Wenk war übrigens selbst Mitglied der NSDAP gewesen.

Bis zum heutigen Tag weigern sich der VW-Konzern sowie die rot-grüne niedersächsische Landesregierung, sich inhaltlich zu den Vorwürfen der Kollaboration mit der Militärdiktatur und zum Fall Stangl zu äußern.

Was sagen die IG-Metall und ihre eingebetteten Betriebsräte bei VW dazu? Die Antwort lautet: Schweigen im Walde. Weder die IG-Metall noch die Betriebsräte in Wolfsburg haben zu der Frage Stellung bezogen. Kein einziges Wort der Anklage, keine Aufforderung an den VW-Vorstand, er möge sich für die verbrecherischen Taten bei den brasilianischen Arbeitern doch zumindest entschuldigen.

Dieses feige und unterwürfige Verhalten der Gewerkschaften und der Betriebsräte kann nur verwundern, wer entweder ein völlig unkritisches Verhältnis zu ihnen hat oder die nationalistische Gewerkschaftspolitik verteidigt.

1979 besuchte während eines großen Generalstreiks in Brasilien, an dem auch tausende VW-Arbeiter teilnahmen, ein kleine Delegation von VW-Arbeitern aus São Paulo Wolfsburg, um den VW-Vorstand mit den Machenschaften von VW do Brasil zu konfrontieren. Einer von ihnen stellte sich dem damaligen VW-Chef Toni Schmücker auf einem Gewerkschaftskongress in der Stadthalle Wolfsburg offen entgegen und berichtete über die Kollaboration zwischen dem VW-Werkschutz und der Militärdiktatur.

Der VW-Vorstand wiegelte ab und gab sich bedeckt. Aber auch die IG-Metall rührte keinen Finger. Solidaritätsveranstaltungen sind nicht bekannt, selbst Protestnoten an den Vorstand sind nicht überliefert. Das heutige Wegducken von gewerkschaftlicher Seite ist ein deutlicher Fingerzeig dafür, dass sich die IG-Metall bereits damals nicht nur völlig unsolidarisch gegenüber ihren verfolgten Kollegen zeigte, sondern auch Mitverantwortung für ihre Verfolgung trägt.

Selbst jetzt, wo der eigene VW-Haushistoriker diese dunkle Geschichte bestätigen muss, stehen die IG-Metall und ihre VW-Betriebsräte wie ein Mann hinter dem Vorstand. Die Arbeiter müssen daraus weitreichende Schlüsse ziehen, und nicht nur bei VW. Die gewaltige Krise in der Autoindustrie wird keinen Stein auf dem anderen lassen, gerade auch bei VW wird dies einen harten Kampf um Arbeitsplätze und Löhne erfordern, der nur mit einer sozialistischen Zielrichtung Erfolg haben kann.

Am Beispiel des Kampfs der ehemaligen VW-Arbeiter do Brasil zeigt sich auch in dieser Frage, dass Arbeiter gegen eine geschlossene Front von Konzernvorständen, Gewerkschaften und offizieller Politik anrennen. Die klagenden Ex-VW-Arbeiter drohen wegzusterben, ohne dass ihnen Recht und Entschädigung zugesprochen worden ist. Ohne einen Zusammenschluss der weltweiten VW-Belegschaften, der zu allererst einen Bruch mit den pro-kapitalistischen Gewerkschaften erfordert, können die Rechte der Arbeiter nicht verteidigt werden.

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