Berlin: Warum musste Slavissa D. sterben?

Von Silas Kozi und Andy Niklaus
9. August 2017

Vor drei Wochen stürzte sich der Arbeiter Slavissa D. aus dem vierten Stock seiner Wohnung in Berlin-Wedding, um einer spontanen Verhaftung seitens der Polizei zu entgehen. Er brach sich die Beine und verstarb im Krankenhaus wenige Stunden später an inneren Blutungen.

Wie sich kurz danach herausstellte, war der Haftbefehl, den die Polizeibeamten an seiner Wohnungstür präsentierten, falsch. Er galt nicht Slavissa D., sondern einer anderen Person. Der zuständige Beamte, der die Daten per Telefon an die vor Ort anwesenden Polizisten weitergegeben hatte, war „mit dem Finger eine Zeile zu weit nach unten“ gerutscht, hieß es als Entschuldigung seitens der Behörde.

V.l.n.r.: Brancika D., die Frau des Toten, seine Tochter Vanessa und seine Schwester Ruzica R.

Der 44-jährige Familienvater hinterlässt seine Frau und drei Kinder, und er wäre bald zum dritten Mal Großvater geworden.

Der schockierende Tod von Slavissa D. war den meisten Lokalmedien in Berlin nur wenige Zeilen wert, die sich im Wesentlichen auf die Angaben der Polizei beschränkten. Es war „nur“ ein Fehler der Polizei, wenn auch ein tragischer, so der Tenor.

Die WSWS suchte die Familie des Toten auf, um die genaueren Umstände seines Todes zu erfahren. In welchen sozialen Verhältnissen lebte Slavissa D., und wie kam es aus der Sicht seiner Angehörigen zu seinem Tod? In seiner Wohnung traf der WSWS-Reporter neben der Frau des Toten, Brancika D., auch seine Mutter, seine Schwester Ruzica R. und seine schwangere Tochter Vanessa.

Slavissa D. wurde als Sohn von jugoslawischen Gastarbeitern 1972 in Berlin-Tempelhof geboren. Er ging hier zur Schule und arbeitete danach bei verschiedenen Bauunternehmen als Baggerfahrer. Unter anderem war er auch am Aufbau des Glasdaches des Reichstagsgebäudes beteiligt, wie die Familie stolz berichtet. Später arbeitete er als Gabelstaplerfahrer und in den letzten Jahren zusammen mit seiner Frau als Reinigungskraft.

Als seine drei Kinder in den 1990er und 2000er Jahren geboren wurden, geriet die Familie wie viele andere unter starken finanziellen Druck. Nach dem Fall der Mauer führten Privatisierungen, Werksschließungen und massive Sparmaßnahmen in allen öffentlichen Bereichen zum Abbau Tausender Arbeitsplätze und zu drastischen Lohneinbußen.

Berlin entwickelte sich zur Hauptstadt der Armut, und für Arbeiter wie Slavissa D. wurde es immer schwieriger, ihre Familien über die Runden zu bringen. Manche Bezirke oder Viertel rutschten in soziales Elend, Kriminalität und Drogenhandel ab, auch die Koloniestraße in Berlin-Wedding, in der die Familie D. lebt.

Slavissa wurde selbst drogenabhängig, ging durch eine Entzugsmaßnahme und wurde danach rückfällig. Er nahm Kokain und begann, die magere Hartz-IV-Unterstützung, von der die Familie inzwischen lebte, mit Fahrraddiebstahl aufzubessern. Vor vier Monaten musste er deswegen eine Gefängnisstrafe von zwanzig Tagen absitzen.

Umso panischer reagierte er, als ihm die Polizei am 19. Juli erklärte, er werde wegen einer noch nicht bezahlten Geldbuße von 1500 Euro verhaftet.

„Die Umstände seines Todes sind fragwürdig“, sagt Tochter Vanessa der WSWS. Sie und ihre Mutter schildern das tragische Ereignis. Slavissa D. habe die Polizei selbst gerufen, da ihn offensichtlich mehrere Männer der Drogenszene vor seiner Wohnungstür bedroht hatten.

„Als die Polizei klingelte, öffnete Alexander“, berichtet sie weiter. „Die Polizisten verschafften sich unaufgefordert Eintritt und entdeckten im Flur einige Fahrräder, darunter ein als gestohlen Gemeldetes.“ Nach dem Abrufen der Daten ihres Vaters erklärten plötzlich die Beamten, die mit zwei Streifenwagen angerückt waren, es läge ein Haftbefehl wegen der nicht gezahlten Geldbuße vor. Er solle „sich ein paar Sachen einpacken und dann mitkommen“.

„Mein Sohn wurde ganz bleich“, wirft Slavissas Mutter ein. Wie benebelt sei er gewesen. Er habe den ganzen Tag nichts gegessen, nur Kokain genommen. Die Beamten hätten noch das zynische Angebot gemacht, er werde „nicht verhaftet, wenn er die 1.500 Euro sofort zahlt“. Eine Familie, die von Hartz IV lebt, könne doch nicht „1.500 Euro Bargeld im Haus haben“.

Sie und ihr Enkel Alexander seien gezwungen worden, auf der Wohnzimmercouch sitzen zu bleiben. Dann sei es schnell gegangen. Ohnmächtig habe sie zusehen müssen, wie sich ihr Sohn in Balkonnähe ein T-Shirt in eine Tüte packte, über das Balkongeländer stieg, sich den Personen im Wohnzimmer zuwandte und fallen ließ. „Mein Enkel schrie verzweifelt: Papi, mein Papi ist tot! Aber die Polizisten hielten ihn davon ab, hinunter auf die Straße zu laufen und nach ihm zu schauen. Eine Stunde lang wurden wir festgehalten. Niemand durfte die Wohnung verlassen.“

Slavissas Schwester Ruzica R. führt den WSWS-Reporter zum Balkon. Sie zeigt auf eine Stelle in unmittelbarer Nähe zum Balkon, wo eine Polizeibeamtin gestanden habe. Sie habe jedoch Slavissa nicht daran gehindert, zum Balkon zu gehen, so Ruzica aufgebracht. „Warum? Niemand half ihm oder hielt ihn ab zu springen. Warum haben sie ihm die Bewegungsfreiheit gelassen?“ Vanessa fügt hinzu: „Mein Vater hatte ja eine Meldepflicht als Drogenabhängiger, er war schließlich der Polizei bekannt.“

Slavissa sei kein Selbstmörder, betont Ruzica immer wieder. „Er stand unter Kokain-Einfluss. Er dachte bestimmt, ich krabble hier drüber und laufe dann schnell weg.“ Seine Frau Brancika, die unser Gespräch meist schweigend verfolgt, mischt sich an dieser Stelle ein. Nein, sagt sie, seit seinem Gefängnisaufenthalt habe sich Slavissa verändert. Während seiner Haft sei es zu Misshandlungen durch andere Gefängnisinsassen gekommen, und der Gefängnisarzt habe Anzeichen von Depressionen festgestellt. Er habe danach „panische Angst vor dem Gefängnis“ gehabt. „Zu mir sagte er: Dort will ich nie wieder hin – wenn ich dort bleibe, werde ich bestimmt bald nach Serbien abgeschoben.“

Slavissa D. und seine Frau haben keine deutsche Staatsangehörigkeit, lediglich ihre drei Kinder sind vor Abschiebung sicher. Seit Wochen wird eine Kampagne geführt, ausländische Straftäter abzuschieben, selbst wenn man ihnen nur kleinkriminelle Delikte vorwirft.

Seit dem Tod von Slavissa D. hat die Familie keinerlei Informationen von der Polizei erhalten. Bis zum heutigen Tag gibt es keine Nachricht über das Obduktionsergebnis. Ebenso wenig erhielten die unter Schock stehenden Angehörigen, darunter der 17-jährige Alexander, der unter Vormundschaft des Jugendamts steht, psychologische Betreuung. Am Freitag meldete sich endlich das Jugendamt, um einen Termin zu vereinbaren.

„Ich denke, der Polizei ist es egal, was passierte. Ein Ausländer, ein Junkie weniger!“ so der bittere Kommentar von Slavissas Schwester. „Dieser Bezirk hier ist die Katastrophe“, sagt sie weiter. „Ständig Polizeieinsätze, Gewalt und Kriminalität überall.“ Brancika stimmt ihr zu. Hier höre man öfter nachts Schüsse und Schreie. „Eine Frau wurde im Hinterhaus vor kurzem umgebracht.“

Das tragische Schicksal von Slavissa D. und seiner Familie wirft ein Schlaglicht auf die sozialen und politischen Spannungen in der Hauptstadt. In Berlin gelten derzeit mehr als 20 Prozent der Bevölkerung als arm. Jedes dritte minderjährige Kind ist in der Hauptstadt von Armut bedroht bzw. bereits arm. 570.000 Menschen erhielten in Berlin im Jahr 2016 unterstützende Sozialleistungen, weil sie entweder über gar kein Einkommen verfügten oder ihr Einkommen nicht zum Lebensunterhalt reichte. 410.000 unter ihnen sind erwerbsfähig, aber ohne Arbeitsplatz. 130.000 sind sogenannte „Aufstocker“. Sie arbeiten, jedoch liegen ihre Löhne unterhalb der Armutsgrenze.

Die Koloniestraße gilt seit langem als sozialer Brennpunkt. Mehr als zwei Drittel der Bewohner sind auf Hartz IV angewiesen. Über 80 Prozent der Jugendlichen und Kinder unter 18 Jahren haben einen Migrationshintergrund. Die Gegend ist außerdem bekannt für einen hohen Anteil an Drogenabhängigen. Insgesamt starben 2016 in Berlin 167 Menschen durch Drogenkonsum, vierzehn mehr als 2015, wie die Senatsverwaltung für Gesundheit mitteilte.

Die Antwort des seit Januar amtierenden rot-rot-grünen Senats auf die immer unerträglicheren Lebensverhältnisse ist Polizeischikane. SPD, Linkspartei und Grüne treiben systematisch die Aufrüstung und Verstärkung der Polizei voran, um eine wachsende Opposition unter Arbeitern, Arbeitslosen und Jugendlichen unter Kontrolle zu halten. Slavissa D., der wegen grober Fahrlässigkeit und Willkür der Polizei sein Leben verlor, ist ein Opfer dieser rechten, arbeiterfeindlichen Politik.

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