Diese Woche in der Russischen Revolution

7.–13. August: Trotzkis Meschrayonzy schließen sich den Bolschewiki an

9. August 2017

Auf dem von den Bolschewiki einberufenen Sechsten Parteitag der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei schließt sich die 4.000 Mitglieder starke Zwischenbezirksorganisation (Meschrayonzy), geführt von Trotzki und Lunatscharski, offiziell mit den 240.000 Mitglieder starken Bolschewiki unter Lenin zusammen.

Währenddessen wütet in Russland die Konterrevolution weiter. Nach dem Zusammenbruch der Kerenski-Offensive und der Unterdrückung des Juli-Aufstands erlässt die Regierung uneingeschränkte repressive Vollmachten. Sie räumt sich das Recht ein, Versammlungen zu verbieten, die die nationale Sicherheit oder die Fortführung des Krieges in Frage stellen. Führende Bolschewiki werden verhaftet oder in den Untergrund getrieben, und bolschewistische Zeitungen werden angegriffen und zensiert. Die opportunistischen Parteien und Volkstümler im Petrograder Sowjet unterstützen lauthals dieses Ordnungs-Gebot.

Auf dem Parteitag führt Lenins Vorschlag, den Slogan Alle Macht den Sowjets fallen zu lassen, in der neugewählten bolschewistischen Führung zu tiefen Spaltungen.

8. August (26. Juli): Beginn des Sechsten Parteitags der Bolschewiki und Meschrayonzy gemeinsam

Ehrenpräsidium und Präsidium des Sechsten Parteitags. Obere Reihe, v.l.n.r.: Lenin, Sinowjew, Trotzki, Kamenew, Kollontai und Lunatscharski. Untere Reihe: Olminski, Stalin, Swerdlow, Jurenew und Oppokow.

 

Seit seiner Rückkehr im April vertritt Lenin im Wesentlichen die internationale strategische Perspektive, die Trotzki nach der Revolution von 1905 ausgearbeitet hat. Gemäß Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution können die demokratischen Aufgaben der Russischen Revolution – Eliminierung des Zarismus, Agrarreform, Befreiung von der nationalen Unterdrückung – nur erfüllt werden, wenn die Arbeiterklasse die Macht erobert. Sobald sie die Macht erobert habe, werde die Arbeiterklasse notwendigerweise rasch zur sozialistischen Reorganisation der Gesellschaft – als Teil einer sozialistischen Weltrevolution – übergehen.

Inzwischen hat Trotzki bei seiner Rückkehr nach Petrograd eingeräumt, dass Lenin zu Recht auf einem organisatorischen Bruch mit den Opportunisten und sozialdemokratischen Landesverteidigern und auf der Gründung einer neuen Internationale beharrt habe. Die Hauptaufgabe besteht nun darin, ihre beiden Fraktionen zusammenzuschließen.

Zu den zahlenmäßig schwächeren Meschrayonzy gehören zahlreiche herausragende künftige Revolutionsführer, darunter Leo Trotzki, Adolf Joffe, Anatoli Lunatscharski, Moissei Urizki, David Rjasanow und viele andere mehr. Als Trotzki im Mai den Zusammenschluss mit den Bolschewiki vorgeschlagen hat, war er noch in der Minderheit. Jetzt aber haben er und Lunatscharski genügend Meschrayonzy auf ihre Seite gewonnen. So kann der Zusammenschluss vollzogen werden, obwohl die wichtigsten Führer verhaftet sind und die revolutionäre Presse zensiert wird. Stolz gibt die Prawda bekannt, dass Trotzki jetzt zu ihrem Redaktionsstab gehört.

Außerhalb des Parteitags wütet die Konterrevolution seit den Juli-Tagen weiter. Drei Tage vor Eröffnung des Parteitags wird Trotzki am 5. August (23. Juli nach gregorianischem Kalender) verhaftet. Auch Kamenew und Sinowjew verbleiben in Gefangenschaft, und Lenin muss sich verstecken. Auf dem Parteitag erhalten Lenin, Sinowjew, Kamenew und Trotzki die meisten Stimmen bei der Wahl zum Zentralkomitee, obwohl keiner von ihnen persönlich anwesend sein kann.

Die Eröffnung des Parteitags findet in einem privaten Sitzungssaal im Wyborger Bezirk statt. 267 Delegierte nehmen daran teil, 157 davon als Stimmberechtigte und 110 mit beratender Stimme. Diese Delegierten vertreten 162 Parteiorganisationen mit etwa 177 000 (von insgesamt 240 000) Mitgliedern. Weil die Bolschewiki jetzt halb-illegal sind, schreibt ihre Presse lediglich, dass ein Parteitag stattfindet, ohne aber den Tagungsort zu nennen.

Auf dem Parteitag werden folgende Bolschewiki zu Vollmitgliedern des Zentralkomitees gewählt: Wladimir Lenin, Gregori Sinowjew, Leo Trotzki, Josef Stalin, Lew Kamenew, Jakow Swerdlow, Viktor Nogin, Alexei Rykow, Nikolai Bucharin, Andrei Bubnow, Moissei Urizki, Wladimir Miljutin, Alexandra Kollontai, Fjodor Sergejew, Nikolai Krestinski, Felix Dscherschinski, Matwei Muranow, Gregori Sokolnikow, Ivar Smilga, Stepan Schahumjan und Jan Bersin.

Im Verlauf des Parteitags ergänzen die Bolschewiki ihr Parteistatut durch mehrere Zusatzbestimmungen. In den Absätzen über Zusammenschlüsse wird ausdrücklich betont, dass alle Parteimitglieder an die demokratisch beschlossenen Resolutionen gebunden sind. Außerdem muss jedes künftige Parteimitglied von zwei Mitgliedern empfohlen und von seiner Parteiorganisation bestätigt werden. Schließlich wird der Parteibeitrag auf ein Prozent des Lohnes festgelegt.

Glasgow, 9. August: Konferenz des Arbeiter- und Soldatenrats verboten

Der Stadtrat von Glasgow City verbietet eine für den 11. August geplante Regionalkonferenz des Arbeiter- und Soldatenrats. Das kurzfristige Verbot erfolgt auf Anweisung der Lloyd-George-Regierung.

Der Schottland-Minister rechtfertigt das Verbot damit, dass man mit Unruhen rechnen müsse, die außer Kontrolle geraten könnten. Die Erfahrungen der Londoner Versammlung des Arbeiter- und Soldatenrats zwei Wochen zuvor zeigen indessen, dass Störungen jeglicher Art höchstwahrscheinlich von der Polizei und den Sicherheitskräften gebilligt werden und letztlich darauf abzielen, die Versammlungen auseinander zu treiben.

Die Versammlung des Arbeiter- und Soldatenrats in Glasgow geht auf einen Aufruf der Leeds-Konferenz im Juni zurück, die ihre Unterstützung für die Russische Revolution erklärt hatte. Die Konferenz vom 11. August ist als Schottland-weite Konferenz konzipiert. Nicht überraschend distanziert sich der Vorstand der Labour Party von dieser Versammlung und empfiehlt seinen Unterorganisationen, das Gleiche zu tun.

Am 11. August versammeln sich etwa 8000 Menschen vor der St. Mungo Hall, um gegen das Verbot zu protestieren. Die Sprecher, darunter Ramsey MacDonald, E.C. Fairchild und Vertreter des Glasgower Gewerkschaftsbunds TUC, fordern einen demokratischen Frieden. Damit befinden sie sich auf einer Linie mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären in der Führung des Petrograder Sowjets. Diese sind bereit, den Krieg zur Landesverteidigung fortzusetzen. William Shaw, TUC-Sekretär in Glasgow, schlägt eine Resolution vor, die das Verbot der Konferenz verurteilt und verspricht, einen neuen Termin festzusetzen. Die Resolution wird einstimmig angenommen. Eine kleinere Demonstration findet am gleichen Tag in Edinburgh statt.

Washington D.C., 10. August: Verabschiedung des Lebensmittel- und Treibstoffgesetze

Karikatur von Oscar Cesare vom Januar 1918. Das US-Parlamentsgebäude ist mit Brettern vernagelt. Die Schilder tragen Aufschriften wie „geschlossen“, „kein Sprit“ und „Alle Geschäfte werden im Weißen Haus erledigt“, die auf den diktatorischen Charakter des Lever-Gesetzes anspielen. Cesare wird später nach Russland reisen und Porträtzeichnungen von Lenin und Trotzki anfertigen.

 

Die US-Regierung erlässt Gesetze, die dem Weißen Haus ermöglichen, Preise für Waren des Grundbedarfs festzusetzen und die Kontrolle über deren Verteilung und deren Austausch zu übernehmen. Die Gesetze erlauben der Regierung auch die Kontrolle über Eisenbahnen, um den vorrangigen Transport von kriegswichtigem Material sicherzustellen. Ergänzt werden diese Vollmachten durch das Eisenbahnkriegsgesetz und die Möglichkeit, die Kontrolle über Fabriken und Bergwerke zu übernehmen. Eine ganze Reihe weiterer Klauseln in dem 7.000 Worte langen Gesetz sprechen dem Präsidenten umfassendere Befugnisse in Wirtschaftsfragen zu.

Das Gesetz wird als „Lever-Gesetz“ bekannt, nach seinem Hauptbefürworter, dem Demokratischen Abgeordneten Asbury Francis Lever aus South Carolina. Es soll die Wirtschaft den Kriegsanstrengungen unterordnen und die Macht der unruhigen Arbeiterklasse einschränken. Im Jahr zuvor hatten über eine Million Arbeiter an Streiks teilgenommen.

Im Jahr darauf wird Justizminister Palmer das Gesetz nutzen, um einen landesweiten Bergarbeiterstreik zu verbieten. Amerikas reiche Industrielle und Finanzmagnaten, die in letzter Zeit schwindelerregende Reichtümer angehäuft hatten und am Krieg immer weiter verdienen, sehen das Lever-Gesetz als notwendiges Instrument, um den Klassenkampf zu unterdrücken und ausreichenden Nachschub für den Krieg sicherzustellen.

London, 10. August: Labour Party beschließt, Delegierte zur Stockholmer Konferenz zu schicken

Gruppe von Labour-Führern 1906, links: Arthur Henderson

Mit 1.846.000 zu 550.000 Stimmen beschließt die Labour Party, die Einladung der russischen Provisorischen Regierung anzunehmen und Delegierte zur Stockholmer Konferenz zu entsenden. Einen entsprechenden Beschluss vertritt Arthur Henderson gegenüber einer Konferenz von Labour-Führern. Henderson ist Regierungsmitglied und seit 1915 Minister mehrerer Kabinette der Liberalen Partei. Die Konferenz wählt sowohl Henderson als auch den Führer des Antikriegsflügels der Labour Party, Ramsey MacDonald, als Delegierte.

Labour beteiligt sich seit 1915 an der britischen Regierung und hat sich damit in den Augen der britischen herrschenden Klasse als verlässlich erwiesen. Am 5. August 1914 stimmte die Labour Party für Kriegskredite. Hendersons Regierungsbeteiligung und die Unterstützung der Gewerkschaften für den Krieg führten zur Unterdrückung von Streiks und anderen Protesten der Arbeiterklasse. Der britische Premierminister David Lloyd George hat sich von der Nützlichkeit der Labour-Politiker überzeugt und John Hodge von der Stahlarbeitergewerkschaft zum Arbeitsminister und George Barnes zum Rentenminister ernannt.

Lloyd George hatte Henderson als Abgesandten zu Kerenski nach Petrograd geschickt. Henderson hatte sich im Juli in Russland aufgehalten und anschließend Frankreich besucht, um sich mit den „sozialistischen“ Kriegsbefürwortern über die Agenda der Stockholmer Konferenz zu beraten. Henderson und seine Verbündeten verfolgen das Ziel, die wachsende Opposition der Bevölkerung gegen den Krieg in die Irre zu führen, und stehen prominent für die Forderung nach einem „demokratischen Frieden“ - im Interesse des britischen und französischen Imperialismus. In die Praxis übersetzt, läuft diese Forderung auf die Fortsetzung des Kriegs hinaus.

Der Beschluss der Labour-Party-Konferenz löst bei der Regierung eine negative Reaktion aus. Von der amerikanischen Intervention in den Krieg ermutigt, wächst bei Lloyd George die Ablehnung für eine Reise der Delegierten nach Stockholm zu erlauben. Folglich weigert sich die Regierung, Henderson und MacDonald Reisepässe auszustellen.

Henderson tritt daraufhin am nächsten Tag aus der Regierung aus. Labour belässt ihre weiteren Vertreter jedoch in der Regierung und bekundet damit, dass der britische Imperialismus auch weiterhin mit der Loyalität der Partei rechnen kann. Unter ihnen befindet sich George Barnes, der Hendersons Posten im mächtigen Kriegskabinett übernimmt. Sogar die rechte Tageszeitung Spectator wird im Laufe des August widerwillig „das Wohlwollen und die Vernunft, die das Handeln von Labour unter diesen zugegeben schwierigen Umständen“ in einem Kommentar herausstellen.

Petrograd, 10. August (28. Juli): Regierung erlaubt Kriegs- und Innenminister, „kriegsschädigende“ Versammlungen zu verbieten

Der Sozialrevolutionär Boris Sawinkow beteiligt sich als stellvertretender Kriegsminister aktiv an der Unterdrückung von Arbeitern und Soldaten.

Die Provisorische Regierung unternimmt Schritte, um den laufenden Parteitag der Bolschewiki zu unterdrücken. Ein Regierungsdekret ermächtigt den Innen- und den Kriegsminister, sämtliche Versammlungen und Kongresse zu verbieten, die ihrer Ansicht nach die Kriegsanstrengungen und die Sicherheit des Staates gefährden.

Die Bolschewiki reagieren auf das Dekret, das sie nur als direkte Bedrohung auffassen können, und verlegen den Ort des Parteitags heimlich aus dem Wyborger Bezirk (einer Hochburg der Bolschewiki) in einen abgelegenen Arbeiterclub der Meschrayonzy im Petrograder Außenbezirk Narwa.

Konterrevolutionäre nutzen jede Gelegenheit, den Sowjets Schläge zu versetzen. Es werden Geschichten über Soldatenräte verbreitet, die, anstatt die Front zu verstärken, über die Befehle ihrer Offiziere debattieren. Der Zusammenbruch der Kerenski-Offensive wird „deutschen Spionen“ angelastet, und Verleumdungen gegen die Bolschewiki, die angeblich „deutsches Gold“ angenommen hätten, werden wieder aufgewärmt. Ein Gerücht besagt, deutsche Spione würden in der Armee Wodka ausgeben, die Soldaten zur Verbrüderung mit dem Feind ermutigen und die Kriegsanstrengungen von innen heraus untergraben. Per Dekret werden die gewählten Kommissare in der Armee durch Regierungsbeauftragte ersetzt.

Frankfurt am Main, 11. August: Viele Zivilisten durch französische Luftangriffe getötet

Zweimotoriger französischer Caudron GIV-Bomber über der Gegend von Verdun, 1917

Französische Kampfflieger greifen am 11. August die Stadt Frankfurt am Main an. Mindestens vier Menschen sterben. Auch andere Städte im Westen Deutschlands, vor allem die wichtigen Verkehrsknotenpunkte oder Standorte der Rüstungsindustrie, werden in den folgenden Monaten von französischen und italienischen Bombern angegriffen.

Wie schon im Ruhrgebiet, wo bereits seit 1916 Verdunkelungspflicht herrscht, gibt es daher jetzt auch im Rhein-Main Gebiet „bedeutende Einschränkungen“ bei der Straßenbeleuchtung und Lichtreklame. Die Schaufensterbeleuchtung wird gänzlich untersagt.

Grund ist auch der zunehmende Gasmangel im gesamten Reichsgebiet: Die Abgabe von Gas an Privathaushalte und Behörden wird auf wenige Stunden am Tag beschränkt. Sogar die Installation neuer Gasanschlüsse und die Aufstellung von Badeöfen und Heizungen werden untersagt – ein deutliches Signal an die Bevölkerung, dass es bei den Regierungsbehörden mit der offiziell zur Schau getragenen Siegesgewissheit nicht so weit her ist.

Die Abschaltung der Gasstraßenbeleuchtung in den Städten trägt dazu bei, dass sich auch die Stimmung in der Masse der Bevölkerung mehr und mehr verdunkelt. Dass der uneingeschränkte U-Boot-Krieg keineswegs den sicheren deutschen Sieg bringt, sondern sich als Fehlschlag erweist, kann nicht länger verheimlicht werden. Die britische Seeblockade gegen die deutschen Küsten wirkt sich verheerend auf das tägliche Leben aus. Vor den Lebensmittelläden bilden sich immer längere Schlangen. Wucherpreise für die große Masse auf der einen und riesige Spekulationsgewinne für eine hauchdünne Schicht von Reichen auf der anderen Seite führen in immer breiteren Bevölkerungsteilen zu Verbitterung und polarisieren die Gesellschaft.

Petrograd, 12.–13. August (30.–31. Juli): Diskussion auf Bolschewiki-Parteitag über Parole: „Alle Macht den Sowjets“

Iwar Smilga

 

Die Hauptresolution auf dem Parteitag der Bolschewiki, die sehr wahrscheinlich aus der Feder Lenins stammt, enthält den Vorschlag, die Parole „Alle Macht den Sowjets“ zurückzuziehen. Unter den Arbeiterdelegierten des Petrograder Sowjets sind mittlerweile die Hälfte Bolschewiki, unter den Soldatendelegierten etwa ein Viertel. Bei den letzten städtischen Wahlen haben die Bolschewiki zwanzig Prozent der Stimmen erhalten. Die Wortführer in den Sowjets, die Sozialrevolutionäre und Menschewiki, unterstützen die Kerenski-Regierung bei der Einführung konterrevolutionärer und autoritärer Maßnahmen und der Unterdrückung der Opposition.

Da Lenin, Kamenew, Sinowjew, Trotzki und viele weitere Führer an der Teilnahme verhindert sind, weil sie entweder untergetaucht oder verhaftet worden sind, fällt es Stalin zu, den Hauptbericht über die Parteitagsresolution zu halten. Ursprünglich sollte Trotzki den Hauptbericht halten, da er jedoch bereits im Gefängnis sitzt, musste kurzfristig ein anderer Redner gefunden werden.

Lenins Anhänger haben nichts dem Zufall überlassen. Kronstädter Bolschewiki haben Kopien seiner Broschüre „Zu den Losungen“ mitgebracht, die sie vor der Diskussion an alle Teilnehmer verteilen. Da Lenin aufgrund der staatlichen Unterdrückung nicht persönlich anwesend sein kann, lassen seine Anhänger nichts unversucht, um sicherzustellen, dass seine Haltung richtig dargestellt und verteidigt wird, besonders da Stalin bisher eine wesentlich versöhnlichere Haltung zu den Sowjets eingenommen hatte.

Im Resolutionsentwurf heißt es: „An den entscheidenden Orten, und zwar an der Front und in Petersburg, liegt die Staatsmacht in den Händen der konterrevolutionären Bourgeoisie, unterstützt durch die militärische Clique des Heeres-Oberkommandos.“ Die Resolution betont, dass die Führung der existierenden Sowjets stillschweigend die Konterrevolution unterstützt, und fordert die Partei auf, den Slogan „Alle Macht den Sowjets“ zurückzuziehen und sich stattdessen darauf vorzubereiten, dass man „die Staatsmacht in die eigenen Hände nehmen und sie, gemeinsam mit dem revolutionäre Proletariat der fortgeschrittenen Länder, auf den Frieden und die sozialistische Reorganisation der Gesellschaft richten muss“.

Die Diskussion über den Bericht konzentriert sich auf die Haltung zu den Sowjets. Jurenew, ein führendes Meschrayonzy-Mitglied (der den Zusammenschluss mit den Bolschewiki anfangs abgelehnt hatte), stellt Lenins Vorschlag in Frage. Er argumentiert, dass dieser Kurs „für unsere revolutionären Errungenschaften verheerend wäre …Wenn wir ihn annehmen, werden wir uns auf einen Weg begeben, der das Proletariat von der Bauernschaft und der breiten Masse der Bevölkerung abschneidet.“

Andere Delegierte wie Wolodarski wollen Lenins Vorschlag nicht ganz verwerfen, ihn jedoch abändern, um ihm die Schärfe gegen die existierenden Sowjets zu nehmen. Von den fünfzehn Delegierten, die sich zu Wort melden, sprechen sich acht für die Beibehaltung der Losung „Alle Macht den Sowjets“ aus, und nur sechs unterstützen die Resolution. Grigori Sokolnikow verteidigt die Resolution und erklärt, die Sowjets „haben in dem Moment aufgehört, revolutionäre Organe zu sein, als die Artillerie gegen die Arbeiterklasse eingesetzt wurde“.

Sokolnikows Ausführungen schließt sich Iwar Smilga an. Um seine Argumente zu untermauern, zitiert er ausführlich aus Lenins Broschüre „Zu den Losungen“ und sagt: „Die Macht liegt in den Händen einer militärischen Clique. Damit die Macht in die Hände der Klassen übergeht, die für die Ausweitung der Revolution arbeiten, müssen wir die gegenwärtige Regierung stürzen.“ Er erklärt, die Sowjets hätten „Selbstmord begangen“, indem sie die Macht in dem Moment zurückwiesen, als sie sie im Verlauf der Februarrevolution hätten übernehmen können, und er besteht darauf, dass die Bolschewiki verpflichtet seien, die Initiative zu übernehmen. „Genosse Jurenew mahnt zur Vorsicht“, fügt er hinzu. „Ich möchte ihn an Dantons Worte erinnern: ‚Die Revolution erfordert Kühnheit, Kühnheit und nochmals Kühnheit!‘“

In Anbetracht des Konflikts darüber, ob die Haltung zu den Sowjets geändert werden soll oder nicht, beschließen die Delegierten am Nachmittag des 13. August (31. Juli), nicht über die Hauptresolution abzustimmen. Stattdessen wählen sie ein Resolutionskomitee, das beauftragt wird, einen neuen Resolutionsentwurf vorzubereiten.

Spanien, 12. August: Generalstreik blutig unterdrückt

Die spanische Regierung verhängt das Kriegsrecht, um einen Generalstreik blutig zu unterdrücken, der von dem sozialdemokratischen Gewerkschaftsdachverband UGT ausgerufen wurde. Der Streik, der am 10. August ausbricht, wird in Barcelona und in der asturischen Bergbauregion fast vollständig befolgt. Er bricht aus, weil eine Bergbaufirma sich weigert, hundert Arbeiter nach einem örtlich begrenzten Arbeitskampf wieder einzustellen.

Mit dem Generalstreik geht die revolutionäre Forderung einher, die Regierung zu stürzen. Die Unruhe hatte in den letzten Monaten in allen Teilen der Gesellschaft zugenommen, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass oppositionelle Offiziere im Militär mit der Gründung von Räten beginnen.

Die Regierung schickt Reservisten mit Maschinengewehren nach Barcelona, wo Arbeiter Barrikaden errichtet haben. Bei der Unterdrückung des Aufstands werden im ganzen Land mindestens 70 Menschen getötet.

Spanien ist im Ersten Weltkrieg ein neutrales Land, und der spanische Kapitalismus profitiert stark von der Schlächterei an der Westfront. Besonders Frankreich erteilt den Industriebetrieben des Landes große Aufträge. Dadurch steigen die Preise für Grundnahrungsmittel und andere Bedarfsgüter dramatisch an, während die Löhne sinken. Gleichzeitig nimmt die Industrialisierung der Wirtschaft deutlich an Fahrt auf und bringt eine starke Arbeiterklasse hervor. Zum ersten Mal in der Geschichte beträgt die Industrieproduktion in Katalonien, der am stärksten industrialisierten Region Spaniens, mehr als fünfzig Prozent der Wirtschaftsleistung.

Schon seit Monaten nimmt die Militanz der Arbeiterklasse zu. Im Dezember 1916 haben sich die UGT und die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT auf einen gemeinsamen Generalstreik geeinigt. Im gleichen Monat hat die spanische Regierung ihre Furcht, die Anwesenheit eines bekannten russischen Revolutionärs könnte soziale Unruhen hervorrufen, unter Beweis gestellt: Leo Trotzki wird bei seinem Grenzübertritt aus Frankreich von der spanischen Regierung verhaftet, nach Cadiz gebracht und gezwungen, per Dampfschiff nach New York zu reisen.

Washington, 12. August: Senator Harding aus Ohio fordert Diktatur

Schlagzeile mit Bild Hardings in der New York Times

In einem langen Interview mit der New York Times fordert der Republikanische Senator aus Ohio, Warren Harding, die Errichtung einer Präsidialdiktatur während des Kriegs unter Woodrow Wilson. Harding wird 1921 Wilsons Nachfolger als US-Präsident.

Beim Lunch im Senat lässt sich Harding mit der Bemerkung vernehmen, angesichts der kleinkarierten Paragraphenreiterei um das Nahrungsmittel- und Treibstoffgesetz sei eine Diktatur nötig. Harding bekräftigt seine Position in der Times, die über seine Äußerung wohlwollend berichtet.

„Das Land braucht so einen Diktator nicht nur“, betont Harding, „es wird auch sicherlich bald einen bekommen, wenn der Krieg noch lange dauert.“ Auf die Frage, ob diese Position nicht „unamerikanisch“ sei, antwortet Harding, man werde sie „amerikanisch machen … je schneller desto besser für alle“.

Harding fordert die Suspendierung der repräsentativen bürgerlichen Demokratie, die er als „System der Gesetzgebung, wie es heute existiert“ bezeichnet. Sie sei, sagt er, „für Kriegszwecke ungeeignet“. Auf die Frage ob sein Vorschlag „nicht auf die völlige Abschaffung der Demokratie hinausläuft“, antwortet Harding: „Nennen Sie es, wie sie wollen, aber nur so können wir den Krieg gewinnen.“

Berlin, 13. August: Regierung fordert Verzicht auf das Tragen von Trauerkleidung

In der Abwesenheit der Männer im Großen Krieg übernehmen die Frauen die härtesten Feldarbeiten

 

Zwei Tage nach dem Bombenangriff auf Frankfurt veröffentlicht die deutsche Presse einen Aufruf der Reichsregierung, auf das Tragen von Trauerkleidung zu verzichten. Die Begründung: Der Anblick der schwarzen Kleidung könne sich negativ auf die Volksstimmung auswirken. Anlass für diesen Aufruf ist zum einen die Tatsache, dass trauernde Angehörige von Gefallenen zunehmend das Straßenbild beherrschen. Zum anderen weisen zahlreiche Berichte aus der Armee, von Polizeispitzeln und besorgten Behördenleitern im ganzen Reich auf die zunehmend rebellische Stimmung in der Bevölkerung hin.

Inhaltlich ist der Aufruf der Regierung eine Meisterleistung bürokratischer Weisheit und Vorsicht. Man ist in der kaiserlichen Regierung tatsächlich davon überzeugt, die Stimmung der Bevölkerung durch eine solche Aufforderung steuern zu können, die weit an deren Ursache vorbei geht. In Wirklichkeit trägt sie nur dazu bei, dass die Trauer derjenigen, die Väter, Brüder oder Söhne durch den Krieg verloren haben, nur noch schneller in Erbitterung und Wut umschlägt.

Auch in dieser Woche: Notgeld mit Anti-Kriegsbildern in Umlauf gebracht

Rückseite des 25-Pfennig-Notgeldscheins von Niederlahnstein am Rhein

Zahlreiche deutsche Städte geben in diesen Wochen Notgeld aus Papier heraus, da im ganzen Reich das Münzgeld aus Kupfer und Silber vom Markt verschwindet. Es wird in Privathaushalten für die Zeit nach dem Krieg gehortet. In der Kleinstadt Niederlahnstein am Rhein werden ein 25-Pfennig- und ein 50-Pfennig-Schein ausgegeben. Bürgermeister Theodor Rody nutzt sie für “Kriegspropaganda auf rheinische Art“:

Auf dem 25 Pfennig-Schein ist die Vorderseite pflichtbewusst regierungstreu gestaltet: Ein Soldat und ein Fabrikarbeiter reichen sich die Hand. Dreht man den Geldschein um, sieht man dagegen die Stimme des Volkes abgebildet: Verziert mit einer Stacheldrahtumrahmung, zeigt die Rückseite links einen Gesetzeshüter zu Pferd. Er hat ein Gewehr in der Hand und hat wohl die Aufgabe, an der „Heimatfront“ für „Ruhe und Ordnung“ und für die Einhaltung von Verordnungen und Preisvorschriften zu sorgen. Über seinem Kopf stehen in kleinster Schrift die Worte: „Richtig verteilen machet viel Sorgen“. Sein Pferd schnüffelt in einem Tintenfass herum, anscheinend auf der Suche nach neuen Verordnungen. Rechts ist ein wohlgenährter Hamster abgebildet. Er symbolisiert die Kriegsgewinnler, Spekulanten und Schwarzhändler, die keine Verordnung daran hindert, Millionen zu scheffeln. Mit gefülltem Rucksack schwer beladen, steigt er mühsam Treppenstufen hinauf. Über ihm ist zu lesen: „Hätt ich die Beute nur erst geborgen.“

Auf dem 50-Pfennig-Schein sind ein prächtig zarter Schinken und drei Kohlrüben abgebildet. Dies ist eine Anspielung auf den sogenannten Rübenwinter, in dem die Bevölkerung wegen Kartoffelnot aufgerufen war, Weißkohl und Kohlrabi zu essen. Über dem Schinkenbild lautet die Umschrift „Zarte Sehnsucht, süßes Hoffen“ und über dem Rübenbild „So leben wir, so leben wir 1917“.

Die preußische Regierungsbürokratie reagiert sofort: Der zuständige Landrat in St. Goarshausen ist über die aufsässigen Darstellungen und Inschriften empört. Sie erscheinen ihm „mit dem Ernste der Zeit wenig vereinbar“. Er alarmiert den Regierungspräsidenten, den Vertreter der preußischen Regierung in Wiesbaden, und lässt ihm als corpus delicti je ein Exemplar der „aufsässigen“ Geldnotscheine zukommen. Dieser interveniert sofort beim Magistrat von Niederlahnstein – zu einem Zeitpunkt, da die Notgeldscheine in einer Auflage von 100.000 Stück jedoch bereits gedruckt und in Umlauf gebracht worden sind. Bürgermeister Theodor Rody verteidigt sich mit der Bemerkung: „Diese Art des Humors ist urdeutsch und besonders echt rheinisch…“