Skandal mit Fipronil-verseuchten Eiern weitet sich aus

Von Anna Rombach
12. August 2017

Der Fipronil-Skandal weitet sich aus. Mit dem toxischen Insektizid verseuchte Eier sind mittlerweile in zahlreichen europäischen Ländern und in Hongkong aufgetaucht. Die EU hat eine Krisensitzung zum Thema angekündigt, ohne bisher einen Termin festzulegen.

Fipronil ist ein hoch wirksames, toxisches Insektizid von BASF, das in Europa nur zur Bekämpfung von Floh-, Läuse- und Zeckenbefall bei Tieren zugelassen ist. Es wirkt im zentralen Nervensystem der Insekten, wo es bestimmte, für sie lebenswichtige Funktionen unterbricht.

In Rattenversuchen wurden neurologische Schäden festgestellt, und beim Menschen wird gewarnt, dass Fipronil in hohen Dosen zu Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen führt und Schäden an Leber, Niere und Schilddrüse verursachen kann. Deshalb ist das Mittel für die Verwendung bei allen Tieren, die der Lebensmittelerzeugung dienen, streng verboten.

Offenbar hat ein belgischer Hersteller einem harmlosen Desinfektions- und Reinigungsmittel Fipronil zugesetzt und das daraus entstandene Produkt an Legehennenbetriebe in Belgien, Deutschland und Holland verkauft. Auch nach Großbritannien, Frankreich und Polen und in andere Länder soll das Mittel exportiert worden sein.

Die Fipronil-Belastung der Eier wurde entdeckt, als ein belgischer Verarbeitungsbetrieb die Eier im Labor überprüfen ließ und den Befund meldete. Die Behörden ließen aber einen ganzen Monat ins Land gehen, ehe die Öffentlichkeit davon erfuhr.

Mittlerweile hat sich der Skandal sowohl über den Verkauf des Reinigungsmittels als auch über den Eierexport auf ganz Europa ausgedehnt. Nicht nur in Eiern, auch in Hühnerfleisch wurde Fipronil nachgewiesen.

Der europäische Binnenmarkt ist eng verflochten, und die Niederlande produzieren etwa die Hälfte der Eier für den Export. Nach Deutschland sollen über elf Millionen Fipronil-verseuchte Eier geliefert worden sein. Mittlerweile sind auch in Großbritannien, Österreich, Dänemark, Luxemburg, Schweden und der Schweiz Fipronil-belastete Eier aufgetaucht, und sie sollen sogar nach Hongkong geliefert worden sein.

Die Behörden reagieren mit Maßnahmen wie der Anordnung von Betriebsschließungen und der Vernichtung ganzer Eier-Chargen. Die Staatsanwaltschaft hat in mehreren Ländern Ermittlungen gegen Betreiberfirmen, Zulieferer und Landwirte eingeleitet. In Deutschland haben Supermärkte wie REWE oder Lidl ganze Chargen, bei denen Kontaminierungen festgestellt worden waren, aus dem Sortiment genommen. ALDI hatte eine Woche lang keine Eier im Sortiment.

Nun schieben sich die Regierungen von Belgien, Holland und Deutschland gegenseitig die Verantwortung zu und versuchen, die eigenen Agrarbetriebe zu schützen. So erklärte der belgische Agrarminister Ducarme am 9. August, in den Niederlanden seien schon im November 2016 Fipronil-verseuchte Eier festgestellt worden. Darüber sei jedoch nur inoffiziell berichtet worden.

Aber auch in Belgien war die Kontaminierung von Eiern durch Fipronil schon seit Anfang Juni bekannt. Die belgische Aufsichtsbehörde meldete dies der EU-Kommission erst am 20. Juli, als die Verbraucher vor allem in Belgien, Holland und Deutschland die toxischen Eier schon sechs Wochen lang konsumiert hatten. Am 22. Juli stellte Holland dann den Eierexport nach Deutschland ein und ließ noch am gleichen Tag sechs Legehennen-Betriebe schließen. Bis zum 7. August haben 138 der etwa tausend holländischen Hühnerfarmen ihren Betrieb eingestellt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wiegelte ab. Angeblich soll die Gefahr, die von den belasteten Eiern ausgeht, nur gering sein. Ein Erwachsener mit einem Körpergewicht von 65 kg könne ohne Gefahr täglich sieben Fipronil-belastete Eier essen, erklärten BfR-Vertreter in ihrem Prüfbericht.

Die Autoren fügten jedoch die Einschränkung hinzu, „zum jetzigen Zeitpunkt“ liege „kein Hinweis für eine lebenslange Aufnahme von Fibronil-Rückständen durch Hühnereier oder Hühnerfleisch vor“. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie in ihrer Untersuchung die Schäden durch jahrelange Anreicherung von Fipronil nicht berücksichtigt haben, oder dass diese vielleicht noch gar nicht erforscht sind.

Dieses Bundesinstitut gilt selbst nicht als wirklich unabhängig. Das 2002 gegründete Institut ist wegen Interessenkonflikten von Mitgliedern der beratenden BfR-Expertenkommissionen schon mehrfach in die Kritik geraten. Einige Kommissionsmitglieder sollen sich enger Kontakte zum ISLI erfreuen, einer Lobbyorganisation der Lebensmittelindustrie. Mitglieder der BfR-Kommission „Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände“ sollen sogar bei Pestizidherstellern angestellt sein.

Was Fipronil betrifft, so geriet der vom Chemiekonzern BASF hergestellte Stoff schon früher in die Schlagzeilen. Seit 2004 wurde der Einsatz des Stoffes in Europa wiederholt mit dem Rückgang der Bienenvölker in Verbindung gebracht. 2008 wies der Europäische Gerichtshof eine Klage mehrerer Bienenzüchterverbände gegen die Zulassung von Fipronil noch ab. Seit März 2014 darf jedoch damit behandeltes Saatgut wegen des hohen Risikos für Bienen nicht mehr in den Verkehr gebracht oder eingesetzt werden. In Frankreich sind Pflanzenschutzmittel mit Fipronil-Zusatz gänzlich verboten.

Die Geschädigten, die meisten europäischen Verbraucher, tappen völlig im Dunkeln und haben keine Möglichkeit, zu prüfen, ob sie – eventuell über längere Zeit – gesundheitsschädliche Eier konsumiert haben.

In den Medien wird zumeist nur kurz über den Eierskandal berichtet. Zwar kommen die verzweifelten Betreiber großer Legehennenbatterien zu Wort, und es wird gezeigt, wie abertausende vergiftete Eier vernichtet werden. Aber die sachliche Information über die wirklichen Risiken und Ursachen kommt definitiv zu kurz.

Die elenden Verhältnisse in den großen Hühnerfarmen werden kaum je thematisiert. Dabei bilden gerade die beengten Bedingungen in den berüchtigten Legehennenbatterien den idealen Nährboden für einen Parasitenbefall der ohnehin geschwächten Tiere.

Offensichtlich sind die Geflügel- und Eier-Produzenten nicht daran interessiert, dem Skandal auf den Grund zu gehen. So warnt zum Beispiel der Vorsitzende der niederländischen Geflügel-Produzenten, Hennie de Haan, vor einer Katastrophe infolge einer „Überreaktion“: „Wenn es zeitlich begrenzt bleibt, ist es immer noch möglich, wieder aufzuholen. Wenn es aber länger geht, geht der ganze holländische [Geflügel- und Legehennen-] Sektor einschließlich der Händler Bankrott. Für 4,5 Milliarden Eier im Jahr findet man nicht mal so einen Markt.“

Dies ist nicht der erste Lebensmittel-Skandal. Solche und ähnliche Krisen sind in den letzten Jahren schon mehrfach ausgebrochen. Ob es um Dioxin oder Glyphosat, um Salmonellen oder Antibiotika, um Gammelfleisch, BSE oder Fipronil geht – immer folgen die Lebensmittel-Skandale einem ähnlichen Muster.

Eine Zeitlang beherrschen die Krisenmeldungen die Medien, bis verschiedene Schuldige, so genannte „schwarze Schafe“, ausfindig gemacht und bestraft werden. Medienwirksam werden große Mengen belasteter Nahrungsmittel vernichtet. Derweil geben Politiker und „Experten“ Entwarnung: Die Gefahr für den Verbraucher sei gering. Am Ende wird die Verantwortung den Konsumenten selbst in die Schuhe geschoben, die angeblich zu billige Lebensmittel einkauften.

In Wirklichkeit ist die Agrarpolitik der EU durch die Mechanismen der kapitalistischen Profitwirtschaft geprägt. Die EU sieht ihre Hauptaufgabe nicht darin, die Gesundheit von Mensch und Tier zu schützen, sondern darin, die globale Wettbewerbs- und Exportfähigkeit europäischer Agrarbetriebe zu verteidigen. Hinzu kommt der jahrelange „Bürokratieabbau“, der in allen EU-Ländern die Prüfstellen ausgedünnt hat. Heute verfügen die staatlichen Kontrollbehörden kaum noch über Personal, und dieses agiert oft am Limit der Leistungsgrenze.

Der jüngste Eierskandal ist systembedingt. Die World Socialist Web Site schrieb schon vor über fünf Jahren zum damaligen Dioxinskandal: „Der Übergang von ‚normalen‘ kapitalistischen Produktions- und Vermarktungsbedingungen zu kriminellen Methoden ist fließend. Solange bei der Lebensmittelproduktion weder die Gesundheit der Bevölkerung und der Beschäftigten, noch die der als Nahrungsmittel vorgesehenen Tiere an oberster Stelle steht, sondern der Profit der Aktionäre, Unternehmen und Banken, ist der nächste Lebensmittelskandal vorprogrammiert.“

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