Young Euro Classic 2017 – Experimentierfreude und ein Zeichen gegen Krieg

Von Verena Nees
19. August 2017

„Hier spielt die Zukunft, das ist unser Motto“, betonte die Festivalleiterin des Jugendorchestertreffens Young Euro Classic, Gabriele Minz, auf der Pressekonferenz am Dienstag. „Und das bleibt richtig, gerade in Zeiten, wo der Nationalismus wieder aufblüht.“

Young Euro Classic im Konzerthaus. Foto Kai Bienert

Zum 18. Mal kommen in Berlin weit über tausend junge Musiker aus europäischen Ländern, aber auch anderen Kontinenten wie Asien und Lateinamerika zusammen, um gemeinsam zu musizieren. Nach einer „Ouvertüre“ am Donnerstag mit einem Kammermusikensemble China-Deutschland fand gestern Abend das eigentliche Eröffnungskonzert im Großen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt statt.

Das Schleswig-Holstein Festival Orchester unter Leitung von Christoph Eschenbach und der Cellist Bruno Philippe spielten Joseph Haydns Cellokonzert Nr. 1 von 1765 und Olivier Messiaens „Turangalila-Symphonie“ von 1948 und schlugen damit den Bogen von der Aufklärung zur Musik nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nicht alle Orchester und Ensembles, die in den kommenden Tagen bis zum 3. September auftreten, sagt Dieter Rexrodt, der künstlerische Leiter des Festivals, können ein solch hohes Niveau leisten wie das Schleswig-Holstein Festival Orchester oder auch das Gustav Mahler Jugendorchester unter Ingo Metzmacher, das am 31. August mit Jean-Yves Thibaudet am Klavier auftreten wird.

Manche spielen und proben erstmals zusammen, sind noch in der Ausbildung, und dennoch: „Die Zeiten sind vorbei, da es der alleinige Ehrgeiz vieler Jugendorchester war, die großen Symphonien ähnlich gut zu spielen wie die Profis“, so Rexrodt. Dafür entwickle sich jetzt abseits traditioneller Konzertformate viele Experimentierfreude und ein großer Mut, „dramaturgisch neue, jugendgemäße Wege zu gehen“. Young Euro Classic profitiere davon.

„So viel Lust an dramaturgischer und musikalischer Innovation und gesellschaftspolitischem Anspruch bei gewohnt exzellenter Qualität war noch nie!“ sagt auch Gabriele Minz. Morgen spielt zum Beispiel das Bundesjugendorchester Musik von Humperdinck, Schnittke, Mussorgki u.a. unter dem Titel „Märchen und Helden“ vor einer Leinwand mit Stummfilmszenen und zu Live-Zeichnungen des Comic-Zeichners Ralf König. Das Baltic Sea Philharmonic präsentiert am 25. August eine multimediale Konzertshow zum Thema „Wasser“ mit Musik von Händel, Coleman und Glass.

Ein Zeichen gegen Krieg wollen Chor und Orchester der Elisabeth-Musikhochschule in Hiroshima setzen. Am 26. August führen sie das Werk „Sternlose Nacht“ des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa auf, das an den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki und an die Bombardierung Dresdens erinnert.

Das Konzert falle mit der Wahl Trumps und der Gefahr eines Atomkriegs mit Nordkorea zusammen, betont dazu der zweite Vorsitzende des Deutschen Freundeskreises europäischer Jugendorchester e.V. und ARD-Journalist Ulrich Deppendorf. Dies sei „vielleicht Zufall“, mache das Konzert jedoch besonders bedeutsam. „Young Euro Classic ist nicht nur ein musikalisches, sondern immer auch ein politisches Festival gewesen“, fügt er hinzu.

Die Nationale Jugendphilharmonie der Türkei, die am 28. August auftritt und neben Musik von Strauss, Tschaikowski und Dvorak u.a. das türkische Stück „Haydar Haydar“ (2015) erstmals in Deutschland aufführt, lädt vor ihrem Konzert zu einem „Demokratielabor“ ein, mit einer kostenlosen Generalprobe und einer Podiumsdiskussion zum Thema: „Musikalische und kulturelle Identität in streitbaren Zeiten.“

Auf die Frage, ob es hier um ein Zeichen gegen das Erdogan-Regime gehe, antwortet die junge türkische Komponistin Sinem Altan, die 2015 mit dem Europäischen Komponistenpreis ausgezeichnet wurde, sie stehe für beide Länder und ihre Kultur und wolle „die geheime Verwandtschaft zwischen Orient und Okzident“ zeigen.

Ihr Musikprogramm im diesjährigen Festival, das in der Special Night II „Solo für Himmelsstürmer“ am 22. August zu hören ist, beginne mit Liedmotiven von Franz Schubert, treffe auf Volksweisen aus Anatolien und vermische sich zu einheitlichen Klängen bei einer Hommage an Brahms Ungarische Tänze. Am selben Abend präsentiert sie mit ihrem Ensemble Olivinn eine neue Uraufführung, das Kammerwerk „Lose It!“

Dieter Rexrodt, der das YEC-Festival von seiner Gründung im Jahr 1999 an künstlerisch begleitet hat, vergleicht das diesjährige Orchestertreffen mit der Zeit der Aufklärung. Auch damals habe es einen musikalischen Aufbruch gegeben, bei dem sich die Ernste Musik und die Unterhaltungsmusik mischten und deshalb die Oper zu großer Beliebtheit gelangte. Im Zusammenspiel der jungen Künstler gebe es erneut diese Mischung, die eine „fulminante Explosivität“ hervorbringe.

Letztlich sei die gesamte europäische Orchesterkultur aus einer politischen Bewegung gegen die damaligen herrschenden Verhältnisse, den Feudalismus entstanden. Manche großartige Kompositionen wie die 9. Symphonie von Beethoven, die nach dem Wiener Kongress entstand, hätten diesen politischen Anspruch sehr deutlich gemacht. Sie sei ein „Verzweiflungsschrei“ Beethovens gewesen, sich auf die Ideale der Aufklärung zurückzubesinnen, sagt Rexrodt – und verweist damit indirekt auf die Krise der EU, deren Europahymne auf der Melodie des letzten Satzes der 9. Symphonie beruht.

Das Young Euro Classic Festival, das in den vergangenen Jahren Zehntausende Besucher begeisterte, muss gegen immer widrigere Bedingungen ankämpfen. Initiativen wie das Jugendorchester aus Portugal, aus Moldawien, oder sogar das längst etablierte französische Jugendorchester müssen um ihre Finanzierung kämpfen, „ebenso wie das YEC als Ganzes“, wie Gabriele Minz sagt.

Knappe Gelder aus öffentlichen Kassen wie dem Hauptstadtkulturfonds und sinkende Sponsoren und Spendengelder machen es schwer, die gestiegenen Kosten für gemeinsame Proben, Unterbringung und die Anreisen der Jugendlichen aufzubringen.

Auf die Frage eines Journalisten, warum die Preise für die Konzerte von ehemals 9 Euro auf inzwischen 17 bis 29 Euro gestiegen sind und ob nicht dadurch Jugendliche, beispielsweise Studenten, vom Besuch der Konzerte abgehalten werden, sagt Gabriele Minz: „Ich sage es ganz klar: Wir standen vor der Wahl, entweder das Festival nicht mehr stattfinden zu lassen, oder eben mit diesen Preisen.“

Während Milliarden in die Aufrüstung von Militär und Polizei fließen, droht wichtigen kulturellen Initiativen wegen eines Bruchteils dieser Summen das Aus, wie dem Young Euro Classic Festival in Berlin, das 18 Jahre lang den musikalischen Austausch über alle Grenzen hinweg organisiert hat und beim Publikum gerade deshalb so beliebt ist.

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