Erdbeben auf Ischia: In die Trauer mischt sich Wut

Von Marianne Arens
26. August 2017

Zwei Tote, 42 Verletzte und 2600 Obdachlose – das ist die schlimme Bilanz des jüngsten Erdbebens am 21. August auf der Insel Ischia im Golf von Neapel. Das Beben brach fast genau ein Jahr nach der Erdbebenkatastrophe in den Abruzzen aus, die am 24. August letzten Jahres 299 Menschenleben gefordert hatte.

Im Vergleich damit ist das jüngste Erdbeben, das Ischia am letzten Montagabend kurz vor neun erschütterte, nur ein schwaches Beben. Mit Stärke vier hätte es niemals dazu führen dürfen, dass Gebäude einstürzen und ganze Gemeinden das Dach über dem Kopf verlieren.

„Es ist nicht normal, dass ein Erdbeben der Stärke 4 Häuser einstürzen lässt und zu Evakuierungen von Krankenhäusern führt“, kommentierte Egidio Grasso, Chef der regionalen Geologenvereinigung. Als „erschreckend“ bezeichnete es auch Francesco Peduto, Präsident des Nationalen Geologenrats, „dass Menschen bei einem Beben dieser Stärke sterben“. Hätte man mehr Zeit und Ressourcen in die Prävention gesteckt, so Peduto, wäre es nicht annähernd zu solchen Folgen gekommen.

Auch die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft schreibt: „Ein bisschen fassungslos macht allerdings, dass die Erschütterung lediglich etwa Magnitude 4 hatte, rund ein Tausendstel der Energie des verheerenden Bebens von Amatrice im August 2016. Eines der reichsten Länder der Welt schafft es nicht, sich gegen ein eigentlich harmloses Naturereignis abzusichern.“

Was die Kommentare nicht erwähnen: Es gibt auch in der betroffenen Region durchaus erdbebensichere Gebäude. Bloß sind sie in den letzten Jahren nur dort errichtet worden, wo die „Reichen und Schönen“ wohnen und Urlaub machen, bzw. wo kapitalkräftige Immobilienbesitzer das Sagen haben. Die großen Hotels und Touristenresorts am Meer, berühmt für Luxus und Qualität, hatten am Montag praktisch keine Schäden zu verzeichnen. Diese Hotels, in denen auch Kanzlerin Angela Merkel ihren Urlaub verbringt, sind zweifellos erdbebenresistent errichtet worden.

Es beweist, dass die Zerstörungen nicht das Produkt einer Naturkatastrophe, sondern der Klassengesellschaft sind.

Wer nicht so reich ist, muss mit der Ignoranz und Korruption der Baubehörden und den mafiösen Strukturen in der Bauwirtschaft leben. Laut einer Recherche des Umweltverbandes Legambiente gilt die Region Kampanien, zu der das Umfeld von Neapel gehört, als besonderer Hort der Baukorruption. Die Folgen zeigen sich jetzt wieder in Wohngebieten auf Ischia, in denen die einfache Bevölkerung lebt. Dort sind zahlreiche Häuser eingestürzt, und Schulen und öffentliche Gebäude haben sich in Sekundenschnelle in Ruinen verwandelt.

Am stärksten betroffen sind Casamicciola und Lacco Ameno im Norden der Insel. Gerade diese Orte müssten eigentlich am besten von ganz Italien geschützt sein, da sie in den Phlegräischen Feldern, einem Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität, in der Nähe des Vesuvs liegen. In Casamicciola kam es schon vor über 130 Jahren zum Erdbeben von 1883, das zur vollständigen Zerstörung des Dorfs führte und über zweitausend Menschen tötete. Die Erdbebengefahr ist hier durchaus bewusst.

Deshalb ist auch ein großer Schulkomplex am Ort in den letzten Jahren aus dem Sonderfonds für erdbebensicheres Bauen grundrenoviert worden. Im September 2016 wurde die Schule eingeweiht und galt seither als „erdbebensicher“ – dachte man. Bei dem ersten schwachen Beben wurde das Gebäude am Montag erneut schwer in Mitleidenschaft gezogen. Erhebliche Schäden an der Bausubstanz wurden festgestellt. Die Mauern haben sich um mehrere Zentimeter vom Fundament gelöst, von Gesims und Giebel sind Brocken herabgestürzt, der Betonsturz über dem Eingangstor ist rissig, und im Innern ist alles von Putz und Glasscherben übersät. An einen Schulbeginn nach den Sommerferien ist nicht zu denken.

Die Schule ist nur ein Beispiel von vielen. Im selben Ort wurden auch das Rathaus und ein Observatorium erst vor kurzem aus dem Erdbebenfonds renoviert. Beide Gebäude mussten evakuiert werden, und bei beiden heißt es seither: „Betreten verboten“. Während des Bebens fielen für große Teile der Bevölkerung Licht und Strom aus. Auch das Krankenhaus war betroffen und musste vorübergehend geräumt werden.

Ganz ähnlich war es auch in Amatrice im letzten Jahr, wo eine kurz zuvor renovierte Schule und ein Krankenhaus einstürzten. Ein Kirchturm, der ebenfalls aus dem Erdbebenfonds grunderneuert worden war, stürzte ein und begrub eine vierköpfige Familie unter sich. In Amatrice kam der ermittelnde Staatsanwalt zum Schluss, dass Korruption und schier unglaubliche Gleichgültigkeit der Behörden große Teile der Bauwirtschaft beherrschten, so dass viele Bauten „mit mehr Sand als Zement“ errichtet worden seien. Daran hat sich offenbar bis heute nichts Wesentliches geändert.

In Italien leben mehr als 21 Millionen Menschen in erdbebengefährdeten Regionen. Sie sitzen auf einer Zeitbombe, die jederzeit losgehen kann. Die Regierungen aller Parteien sind aber weit davon entfernt, effektive Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Von Silvio Berlusconi über Mario Monti, Enrico Letta, Matteo Renzi bis hin zu Paolo Gentiloni konzentriert sich seit Jahren jede Regierung auf die Geschäfte und Interessen der herrschenden Klasse. Im Namen der Konzerne und der italienischen und europäischen Banken setzen sie Sparmaßnahmen und soziale Angriffe durch. In Übereinstimmung mit der EU wehren sie Immigranten ab und rüsten Armee und Polizei im Mittelmeer und im Innern des Landes auf.

Für die einfache Bevölkerung in den Erdbebenregionen haben sie höchstens schöne Worte übrig. „Die Regierung steht an der Seite der Betroffenen!“ erklärte der amtierende Ministerpräsident Gentiloni am Dienstag nach dem Beben. Ganz ähnlich hatte sich sein Vorgänger, Matteo Renzi (PD), vor einem Jahr in Amatrice geäußert. Renzi hatte damals versprochen, dass alles rasch nach neuen, erdbebensicheren Richtlinien wieder aufgebaut werde.

Was daraus geworden ist, zeigte sich am Donnerstag, den 24. August, dem Jahrestag der Erdbebenkatastrophe in den Abruzzen. Während in Amatrice, Accumoli, Arquata und Pescara del Tronto die Gemeinden ihrer Opfer gedachten, mischte sich Wut in ihre Trauer: Nach einem Jahr sind noch nicht einmal die Trümmer beseitigt, geschweige denn die Gebäude wieder aufgebaut worden. Ein Jahr nach Renzis Versprechen leben immer noch Tausende in Containern, Wohnwagen, Hotels oder bei Verwandten, weitab von ihrem Zuhause. Von fast 4000 benötigten Fertighäusern für die Obdachlosen sind im Ganzen nur 456 errichtet worden.

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