Die Reaktion der Arbeiterklasse auf Hurrikan Harvey

1. September 2017

Die offizielle Vorbereitung und Reaktion auf Hurrikan Harvey war charakterisiert von einer unglaublichen Inkompetenz und Gleichgültigkeit. Es gab keine koordinierte Evakuierung und Unterbringung in Notunterkünften. Rettungsaktionen liefen vollkommen ad hoc ab. Während Houston und andere Teile von Texas in den Fluten versinken und die Zahl der Todesopfer steigt, sind einige Regierungsvertreter vom Weißen Haus abwärts in den letzten Tagen vor allem damit beschäftigt, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. „Ihr wart phantastisch“, lobte Trump den Gouverneur, den Chef der Katastrophenschutzagentur FEMA und andere Vertreter aus Texas am Dienstag. Offenbar hoffte er, dass niemand bemerken würde, was um ihn herum vorging.

Die Arbeiter in Texas und der ganzen Region haben indes mit überwältigender Hilfsbereitschaft reagiert. Sie eilten herbei um sich als Freiwille an den Rettungsaktionen zu beteiligen, mit ihren eigenen Hilfsmitteln und vollkommen unentgeltlich.

Die New York Times, die für die Arbeiterklasse üblicherweise nur Verachtung übrig hat, schrieb am Mittwoch, dass „die Reaktion auf eine der schlimmsten Katastrophen seit Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht improvisiert war“. Der Artikel fuhr fort: „Motorboote, Jet Skis, Fischerboote usw. eilten herbei, um Menschen zu helfen, die in ihren überschwemmten Häusern in der Falle saßen. Gesteuert wurden sie von Schweißern, Dachdeckern, Mechanikern und Fischern in Shorts und Ponchos mit Suchlampen auf dem Kopf. Die Arbeiterklasse wird großteils von der Arbeiterklasse gerettet.“

Vermutlich waren es Tausende, die sich an der Rettung der in ihren Häusern Gestrandeten beteiligt haben, selbst wenn sie über weite Strecken anreisen mussten. Viele Rettungsaktionen wurden mithilfe einer virtuellen Karte auf der Website houstonharveyrescue.com koordiniert, die Anfang dieser Woche von einem örtlichen Softwareentwickler aufgesetzt worden war. Hilfsbedürftige Personen und Familien können sich auf der Seite registrieren. Tausende haben das in den ersten Tagen getan und die Seite berichtet, dass fast 5.000 Menschen als „erfolgreich gerettet“ markiert werden konnten.

Ein Bericht auf der Website Quartz erläutert: „Die Armee von Rettern, die sich auch auf der Seite registrieren können, kann dann schnell die dringendsten Fälle identifizieren. Ein Team von 100 „Disponenten“ am Telefon geht den Rettungsgesuchen nach und kann auch Massen-SMS mit wichtigen Informationen versenden. Ein Algorithmus verhindert Doppeleinsätze.“

Die Reaktion von Arbeitern wirft weitergehende Fragen auf. Hurrikan Harvey entlarvt wie zuvor schon Hurrikan Katrina und viele andere Katastrophen in den USA und weltweit die Klassenspaltung, die die Medien und das politische Establishment so dringend zu verdecken versuchen. Wie immer trifft es die Arbeiterklasse und die Armen jedweder Hautfarbe und Herkunft am stärksten. Sie sind es, die keine Versicherung haben oder mit Versicherungsgesellschaften konfrontiert sind, die sich weigern, den Schaden zu bezahlen. Sie sind es, die aufs Neue erleben werden, dass die Medien und die Politiker der herrschenden Klasse sich aus dem Staub machen, sobald das Wasser zurückflutet und die großen Industriebetriebe wieder angefahren werden.

Die Reaktion der Medien und des politischen Establishments auf die Katastrophe ist nicht zuletzt von der Furcht bestimmt, dass sie soziale Unruhen auslösen und zum Anlass für Zusammenstöße werden könnte, die von den ungeheuren Widersprüchen der amerikanischen Gesellschaft angetrieben werden.

Gleichzeitig drückt die Reaktion von Arbeitern auf den Hurrikan ein grundlegendes Klassenbewusstsein aus und eine Solidarität, die die herrschende Klasse so unnachgiebig zu unterdrücken versucht. Im Gegensatz zu den Behauptungen, insbesondere der Demokratischen Partei, dass die amerikanische Gesellschaft von Rassenhass zerfressen sei, waren an den Rettungsoperationen weiße, schwarze und lateinamerikanische Arbeiter auf beiden Seiten beteiligt – in den Booten und in den vollgelaufenen Häusern.

Die Reaktion ist ein starkes Plädoyer für unabhängige Arbeiterorganisationen und für demokratische Kontrolle nicht nur in der großen Industrie, sondern bei allen wichtigen sozialen Dienstleistungen. Arbeiter haben ein viel tieferes Verständnis dafür, was getan werden müsste, als diejenigen, die jetzt die Politik der Regierung bestimmen: die Wirtschafts- und Finanzaristokratie und darüber hinaus die oberen fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung.

Wenn Arbeiter an den Entscheidungsprozessen beteiligt gewesen wären, wie die vorhandenen Mittel eingesetzt werden sollen, dann wäre die Vorbereitung auf den Hurrikan selbst wesentlich besser gewesen. Billionen Dollar wären in den Aufbau gesellschaftlicher Infrastruktur geflossen, statt in die Rettung der Wall Street und in die Finanzierung der amerikanischen Militärmaschinerie. Die Flut war schließlich weder unvorhersehbar, noch kam sie unerwartet – stattdessen wurden die notwendigen Vorbereitungen einfach nicht durchgeführt.

Die Zerstörung der viertgrößten Stadt der USA ist Ausdruck eines allgemeinen Phänomens. In millionenfacher Weise kommen die grundlegenden Erfordernisse einer modernen Massengesellschaft – die Vorbereitung auf Naturkatastrophen, die Verteilung von Lebensmitteln, die Entwicklung der Gesundheitsversorgung und des Bildungssystems und die Sicherstellung eines Einkommens, von dem man leben kann, für die gesamte Menschheit – in Konflikt mit der Unterordnung der Gesellschaft unter das Diktat des Profits. Die Herrschaft der Börsen sorgt dafür, dass alles den Quartalszahlen der Wirtschaft untergeordnet wird.

Die Forderung nach Sozialismus und für eine geplante Wirtschaft entspringt nicht utopischen Träumen, sondern den konkreten Anforderungen der gesellschaftlichen Entwicklung.

In jedem Bereich des gesellschaftlichen Lebens muss die Arbeiterklasse die Dinge durch Arbeiterkomitees in den Fabriken, Büros und Stadtvierteln in die eigene Hand nehmen, und die Kontrolle über die Produktion und die Verteilung von Gütern übernehmen. Diese Organisationen müssen von den Bedürfnissen der Arbeiterklasse ausgehen und demokratisch von der Arbeiterklasse kontrolliert werden. Sie müssen immer größere Verantwortung bei der Vereinigung der Arbeiter und der Organisierung gemeinsamer Kämpfe gegen die Kapitalistenklasse und ihre politischen Vertreter übernehmen.

Die Einführung von echter Arbeiterkontrolle über die Produktion und die Organisierung der Wirtschaft ist die notwendige Voraussetzung dafür, eine rationale Planung zu entwickeln, um die Anarchie des Marktes zu ersetzen und sicherzustellen, dass alle Entscheidungen von den gesellschaftlichen Bedürfnissen bestimmt sind.

Joseph Kishore

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen