documenta 14: Zensur macht auch vor Kunst nicht halt

Von Sybille Fuchs
2. September 2017

Auf der diesjährigen documenta in Kassel gerieten zwei Kunstwerke in den Brennpunkt öffentlicher Angriffe, die das Schicksal von Flüchtlingen und Exilanten zum Thema haben.

Beim ersten handelt es sich um eine Performance und ein Gedicht des italienischen Philosophen und Medienaktivisten Franco „Bifo“ Berardi, die unter dem Titel „Auschwitz at the beach“ („Auschwitz am Strand“) das Massensterben im Mittelmeer anprangern. Die Performance und die Vorlesung des Gedichts wurden schließlich abgesagt, was man nur als einen Akt der politischen Zensur bezeichnen kann.

Das zweite ist ein Obelisk des Nigerianers Olu Oguibe, der von der Alternative für Deutschland (AfD) in Nazi-Manier als „entstellte Kunst“ denunziert wurde. Der Obelisk erinnert an die menschliche Tragödie des nigerianischen Bürgerkriegs und trägt auf dem Sockel in vier Sprachen den Bibelspruch: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“

In der documenta 14, der alle fünf Jahre stattfindenden internationalen Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Kassel, setzen sich in diesem Jahr, mehr noch als bei der Ausstellung von 2012, zahlreiche Künstler mit brennenden gesellschaftlichen Problemen – Krieg, Migration, Unterdrückung, brutalen Grenzzäunen, Zerstörungen von Natur und Kultur – auseinander. Das traf in der Presse keineswegs auf einhellige Zustimmung, sondern vielfach gab es Verrisse.

Umstritten war auch, dass diese documenta zunächst Athen als Austragungsort gewählt hatte, um einerseits an die Wiege der Demokratie und ihre heutige Gefährdung zu erinnern und andererseits an das Elend, das Griechenland durch die Finanzkrise und die brutale Sparpolitik der EU, des IWF und der EZB aufgezwungen wurde.

Im Gegensatz zur kritischen Haltung der Medien waren bei den Besuchern Rekordzahlen zu verzeichnen. Das deutet darauf hin, dass zumindest das Anliegen der Künstler vom Publikum positiv aufgenommen wird, auch wenn die künstlerische Umsetzung vielleicht nicht in jedem einzelnen Fall zu überzeugen mag. Das wie immer recht vielfältige Publikum ist offenbar eher bereit, sich auf die Fragen und Sichtweisen der Künstler auf Kultur und Gesellschaft einzulassen, als die Vertreter der Medien.

Berardis Performance

In der Ankündigung der Performance von Berardi auf der Homepage der documenta hieß es: „Der Archipel der Schande und Niedertracht breitet sich überall im Mittelmeer aus. Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.“

Mit solch drastischen Worten wollte der Künstler die tödliche europäische Abschottungspolitik gegen Flüchtlinge anprangern, die inzwischen das Mittelmeer zu einem Massengrab gemacht hat. Die Kunst hat das Recht, zuzuspitzen und zu fokussieren. Der Titel „Auschwitz at the beach“ sollte bewusst provozieren und wachrütteln.

Der radikale Kapitalismuskritiker Berardi ist Philosoph, Schriftsteller und Medienaktivist. Er wurde in den Sechzigerjahren aus der Kommunistischen Partei Italiens wegen „Fraktionismus“ ausgeschlossen. Er gilt als ein Vater der autonomen Bewegung Italiens. In den Achtzigerjahren arbeitete er mit Félix Guattari an einer alternativen Psychoanalyse, in den Neunzigern propagierte er den Cyberpunk. Sein letztes Buch Futurability (2017) ist im Verlag Verso erschienen. In den 1970er Jahren gehörte er zu den Betreibern von Radio Alice und schrieb Beiträge für das Magazin A/traverso. 2009 verfasste er ein Gegenmanifest zum Futuristischen Manifest (1909) von Filippo Tomaso Marinetti.

Dass Berardi nun auf der documenta die Flüchtlingspolitik der EU anklagte, war vielen, die direkt oder indirekt dafür Verantwortung tragen, offenbar ein Dorn im Auge. Kaum eine regionale oder überregionale Zeitung, kaum ein Sender, der nicht mit einem empörten Aufschrei über den „ unsäglichen Holocaust-Vergleich“ reagierte.

Alexander Kissler schoss im Cicero gleich gegen engagierte zeitgenössische Kunst überhaupt: „Doof bleibt doof, da hilft kein Etikett….Das ist so unrettbar dumm und eitel und revisionistisch, dass jede Widerlegung sich erübrigt. …Kunst als Kampfgebiet der Linken, offener Dialog als geschlossene Denkformation, Schlagwortgeblubber statt Gedankenrede.“

Mehrere Organisationen, auch beide Gesellschafter der documenta, die Stadt Kassel und das Land Hessen, forderten vehement, die Aktion abzusagen oder zu verbieten. Der Kasseler Oberbürgermeister sprach von einer „ungeheuren Provokation“, weil sich jeder Vergleich mit dem Holocaust verbiete.

Auch jüdische Organisationen wurden eingespannt. „Die Frage, wie mit der Erinnerung an die Schoah und den damit verbundenen Begriffen umgegangen wird und wie wir künftigen Generationen von diesem unfassbaren Verbrechen berichten, geht uns alle an“, sagte die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Kassel Illana Katz.

Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, kommentierte: „Niemand – ob Politiker oder Künstler – sollte den Namen Auschwitz für eigene politische Kampagnen oder Kunstaktionen missbrauchen.“

Die Beauftragte für Holocaust-Gedenken des World Jewish Congress, Charlotte Knobloch, forderte die Absage der Performance, die sie als „groteske Inszenierung“ bezeichnete. „Die Flüchtlingsthematik mit Termini aus dem Kontext der systematischen nationalsozialistischen Judenvernichtung zu beschreiben, ... ist unhaltbar, zeugt von unsäglichem Unwissen und entbehrt jeglichen Schamgefühls.“ Jede Relativierung oder Leugnung des Holocaust verbiete sich.

Ein merkwürdiges Argument, das kein gutes Licht auf jene wirft, die es vorbringen. Mehrere Generationen haben aus dem Holocaust die Lehre gezogen, dass nie wieder Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Abstammung oder ihrer Hautfarbe verfolgt oder getötet werden dürfen. Warum jemand, der angesichts des tausendfachen Sterbens im Mittelmeer und der unsäglichen Zustände in libyschen Lagern mahnend auf den Holocaust verweist, die Opfer des Holocaust beleidigen soll, ist nicht nachvollziehbar. Der Hinweis auf den verbrecherischen Umgang mit Geflüchteten stellt die Singularität der Schoah keineswegs in Frage. Vielmehr geht es darum, den Anfängen zu wehren.

Als der Grüne Joschka Fischer vor zwanzig Jahren als deutscher Außenminister mit einem Auschwitz-Vergleich die deutsche Beteiligung an der Bombardierung Belgrads rechtfertigte, wo die Wehrmacht keine sechzig Jahre zuvor furchtbare Verbrechen begangen hatte, war von Seiten derer, die sich nun über Berardis Gedicht empören, kein Protest zu vernehmen.

„Shame on us“

Berardi und das Team der documenta einigten sich aufgrund der heftigen Kampagne schließlich darauf, die geplante Performance abzusagen. Stattdessen fand am 24. August eine Diskussions-Veranstaltung unter dem Titel „Shame on us“ statt. Der neue Titel sollte einerseits die zahlreichen Zuschriften mit dem Satz „Schämen Sie sich“ aufgreifen und andererseits auf die Schande der europäischen Länder verweisen, die gnadenlos Millionen Menschen einem grausamen Schicksal überlassen.

Auf der Homepage der documenta 14 versuchte ihr Künstlerischer Leiter Adam Szymczyk den Rückzug zu rechtfertigen. Man wolle „die Vorwürfe weder einfach akzeptieren noch Diskussion und kritisches Denken aufgeben“, sondern im Gegenteil einen Dialog anregen.

Zu der Veranstaltung am 24. August kamen so viele interessierte Besucher, dass die Rotunde des Museums Fridericianum vollkommen überfüllt war. Mehr als 150 Menschen drängten sich vor dem Eingang und wurden nicht mehr hineingelassen. Vor dem Fridericianum demonstrierte das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel mit einer israelischen Fahne gegen die Veranstaltung. Über Megafon behauptete ein Sprecher, die Gleichsetzung des Holocaust mit der Situation der Flüchtlinge im Mittelmeerraum sei antisemitisch.

Berardi distanzierte sich zwar von seinem Auschwitz-Vergleich. Bezogen auf den neuen Titel der Veranstaltung erklärte er allerdings: „Ich schäme mich für den Faschismus in Europa, den ich nicht stoppen kann.“ Er schwenkte einen Zettel mit seinem Gedicht „Auschwitz on the Beach“: „Ich brauche es nicht, ich kann ein besseres Gedicht schreiben“, rief er, zerriss den Zettel und versprach, das Schriftstück niemals zu veröffentlichen.

„Ich werde das Wort Auschwitz nicht mehr benutzen, aber das Konzept bleibt“, sagte er dann in seinem 20-minütigen Beitrag. Er habe etwas Schockierendes tun wollen, um die Menschen in Europa auf das Leid der Flüchtlinge im Mittelmeerraum zu stoßen. „Ich wollte den Namen Auschwitz als Schutzschild benutzen, gegen den Faschismus, der wiederkommt. Gegen den Holocaust, der am Horizont lauert!“ Wenn die EU die Leute lieber ertrinken lasse, „dann nenne ich das Vernichtung“.

Berardis Beitrag führte zu einer lebhaften Diskussion. Etliche Besucher waren der Ansicht, dass radikale Rhetorik heute vielleicht das einzige Mittel sei, Menschen aufzurütteln. „Das Wort Auschwitz tut mir weh, aber das Elend der Flüchtlinge tut mir auch weh“, meinte eine junge Frau.

„Entstellte“ Kunst

Der Kurator der documenta 14, Hendrik Folkerts, machte am Ende auf die andere Kasseler Kontroverse aufmerksam: „Im Zusammenhang mit Olu Oguibes Obelisken ist in der AfD der Begriff entstellte Kunst gefallen“, sagte er. „Ich möchte alle auffordern, diesem Wort genauso viel Aufmerksamkeit zu geben wie dem Wort Auschwitz.“

Im Kulturausschuss des Rats der Stadt Kassel war der Ankauf des auf dem Königsplatz in der Innenstadt aufgestellten Obelisken von Oguibe diskutiert worden. Der Stadtverordnete Thomas Materner von AfD lehnte den Verbleib des Kunstwerks in der Stadt ab und drohte, die AfD werde andernfalls „bei jedem von Flüchtlingen begangenen Anschlag“ zu Demonstrationen vor dem Obelisken aufrufen.

Dann bezeichnete Materner den Obelisken in direkter Anspielung auf den Nazi-Slogan „entartete Kunst“ als „ideologisch polarisierende, entstellte Kunst“ und behauptete, die Wut der Bürger über den Obelisken sei seiner Erfahrung nach groß. Der Begriff „entstellt“ soll offensichtlich wie im Nationalsozialismus so viel wie „krank“, „abnorm“ und „unnatürlich“ bedeuten.

Bei den anderen Ratsfraktionen zeichnet sich dagegen eine Zustimmung zum Ankauf des documenta-Kunstwerks ab. Unklar ist noch der endgültige Standort, und ob der dafür vorgesehene Etat ausreichen wird. Oberbürgermeister Christian Geselle sagte, es gebe keine rechtlichen oder technischen Gründe, die gegen einen Verbleib des Kunstwerks auf dem Königsplatz sprächen. In einer Umfrage, an der sich über 5000 Bürger beteiligten, sprachen sich über 60 Prozent der Befragten für den Verbleib des Obelisken auf dem Königsplatz aus.

Die Hetze der AfD gegen den Obelisken stieß zwar in den Medien auf Kritik, dennoch ist sie ein Symptom dafür, dass sich die reaktionärsten Elemente der Gesellschaft durch die permanente und brutale Abschottungs- und Abschiebepolitik gegen Flüchtlinge und die Angriffe auf die Meinungsfreiheit ermutigt fühlen.

Zwischen dem Fall Berardi und dem Fall Oguibe besteht ein enger Zusammenhang. Beide sind Ausdruck eines massiven Rechtsrucks in Politik und Medien. Während die AfD ihre rechte Agenda offen ausspricht, benutzen Vertreter des Mainstreams die Empörung über den „Holocaust-Vergleich“ als Deckmantel für ihre eigene, weit nach rechts abdriftende Politik – für die Abschottung der Grenzen, brutale Abschiebungen, Kriegshetze, Angriffe auf demokratische Rechte und den Ruf nach Zensur.

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