Frankfurt/Main: 60.000 Menschen wegen Bombenentschärfung evakuiert

Von Marianne Arens
4. September 2017

Die Entschärfung einer Weltkriegsbombe führte am Sonntag zur bisher größten Evakuierung in Deutschland in Friedenszeiten. Mehr als 60.000 Menschen mussten in Frankfurt für über zwölf Stunden ihr gewohntes Umfeld verlassen. Bei Älteren wurden Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wach.

Dicht an der neuen Goethe-Universität war bei Baumaßnahmen eine gewaltige Fliegerbombe entdeckt worden. Damit sie entschärft werden konnte, musste ein Gebiet innerhalb eines 1,5-km-Radius‘ komplett evakuiert werden. In diesem Kreis liegen zwei Krankenhäuser, mehrere Altersheime, der neue Uni-Campus Westend, das Funkhaus des Hessischen Rundfunks, die Zentrale der Deutschen Bundesbank und mehrere große Wohngebiete. Wäre die Bombe explodiert, hätte das ganze Gebiet schwer beschädigt werden können – und das 72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die zwei Meter lange Bombe vom Typ HC-400 enthielt 1,4 Tonnen TNT. Diese Menge hätte ausgereicht, um im Umkreis von über hundert Metern sämtliche Häuser zu zerstören. Noch in anderthalb Kilometer Entfernung wären alle Fenster zerborsten, und der Splitterregen hätte enorme Schäden angerichtet.

Um die Bombe unschädlich zu machen, musste der Kampfmittelräumdienst drei halbeingerostete Zünder entfernen. Bei zwei Zündkapseln kam es vorübergehend zu Komplikationen. Doch gegen 19 Uhr, über zwölf Stunden nach Beginn der Evakuierung, wurde endlich Entwarnung gegeben.

Behörden und Polizei hatten die Aktion für eine umfassende koordinierte Übung zur Kontrolle des Stadtgebiets genutzt. Sechs Stunden lang durchkämmten Hundertschaften der Polizei jede Straße, jedes Haus und jede Wohnung nach zurückgebliebenen Personen, während Helikopter über der Sperrzone kreisten und die Szenerie von oben beobachteten. Einsatzkräfte aus Kassel und ganz Nordhessen hatten die Frankfurter Polizei verstärkt.

Derweil reagierten hunderte Frankfurter mit großer, spontaner Hilfsbereitschaft. Sie stellten im Internet Privaträume für Gestrandete zur Verfügung oder halfen freiwillig bei der Evakuierung mit. Viele Senioren wurden um vier Uhr früh schon aus den Betten geholt und ab halb sechs aus der Stadt gebracht. Über 1100 Freiwillige halfen dem Personal, die Patienten und Senioren zu transportieren und zu betreuen, unter denen sich viele Rollstuhlfahrer oder Bettlägerige, sowie Mütter mit Neugeborenen befanden.

Bei älteren Anwohnern kamen zwangsläufig Erinnerungen an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs hoch. An den Orten, wo die Evakuierten den Tag verbrachten, entbrannten lebhaften Diskussionen. In den Messehallen, in der Jahrhunderthalle Höchst, aber auch im ganzen Stadtgebiet war das Thema Krieg auf einmal sehr präsent.

Viele zogen Parallelen zu den aktuellen Kriegsvorbereitungen. Man könne jetzt sehr gut sehen, „was so ein Krieg an Leid anrichten kann“, sagte ein Jugendlicher einer Gruppe, die wir in der Stadt trafen.

Florian

„Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, wo man einfach was ändern muss“, meinte Florian, der als Fahrer arbeitet. „Der Krieg ist hauptsächlich ein großes Geldgeschäft für die Oberschicht. Nur ein winziger Prozentsatz der Menschen profitiert vom Krieg.“

Als er vom Wahlkampf der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) erfuhr, interessierte er sich sehr dafür. Er habe noch nichts davon gehört, dass eine Partei ausdrücklich gegen den Krieg kämpfe. Er setzte hinzu, Krieg werde ja nicht nur durch Waffen geführt, „sondern auch durch das Finanzielle. Er kann auch andere Formen annehmen, wenn ganze Bevölkerungen verarmt werden und die Infrastruktur zerstört wird, wie zum Beispiel in Griechenland.“

Dieter

Dieter, ein Rentner, war zur Jahrhunderthalle geradelt, nachdem er das Geschehen im Fernsehen verfolgt hatte. „Die Erinnerungen kommen zwangsläufig hoch“, sagte er. Er sei bei Kriegsende sieben Jahre alt gewesen: „Meine prägende Erinnerung von damals sind die Bomberflotten. Das tiefe Brummen, das immer näher kam, habe ich heute noch in den Ohren. Das ist unauslöschlich.“

Dieters Familie lebte damals in Emmendingen (Baden-Württemberg), dort habe eine Fabrik Seide für Fallschirme hergestellt. „Das war ein lohnendes Kriegsziel für die Bombenflieger. Wir wohnten ganz in der Nähe, aber als die Bomber kamen, waren wir oben auf einem Hügel und haben von dort aus gesehen, wie die Stadt bombardiert wurde.“

Dann schilderte er seine schlimmste Erinnerung: Die Firmenleitung habe damals die Tore verschlossen, „um zu verhindern, dass die Arbeiter wegrennen. Und wie wir zurückkamen, da haben wir gesehen, dass Leute in dem Gitter hingen, und die waren tot. Sie hatten versucht, zu entkommen, und waren von der zweiten Bomberwelle erwischt worden. Das war das Schlimmste.“

In der Jahrhunderthalle warteten etwa 500 Leute, hauptsächlich Senioren aus den Altersheimen, Rollstuhlfahrer und Patienten das Ende der Bombenentschärfung ab. Hier kam es zu mehreren interessanten Gesprächen.

Uwe hatte seine Bekannte im Rollstuhl hierher begleitet. Er sagte, er finde es „absolut schrecklich“, was alles an Zerstörung möglich sei. „Was doch so ein Krieg noch Jahrzehnte danach auslösen kann.“ Rasch fügte er hinzu: „Was damals in Deutschland passierte, das hatten die Deutschen vorher den andern Ländern angetan, bei der Bombardierung von Coventry, Warschau und andern Städten.“

Erika, eine fast neunzigjährige Frau aus Frankfurt-Bonames, sagte: „Mich regt das alles sehr auf. Da kommt eine Zeit wieder hoch, an die man sich ungern erinnert.“ Sie berichtete, wie sie die Bombennächte erlebt habe. „Eine Zeitlang mussten wir jede Nacht aufstehn, die Mutter und vier Kinder, und wir suchten Schutz unter den Eisenbahnschienen, die Richtung Friedberg führten. Dort hatten Soldaten einen Unterstand gebaut. Die Bunker waren alle voll.“

Dann erzählte sie von einem Erlebnis, das sie als Schülerin auf dem Nachhauseweg von Preungesheim nach Bonames hatte. „Auf einmal packte mich jemand von hinten am Schlafittchen und riss mich in den Graben, der im Zickzack neben der Straße verlief. Es war ein Soldat, der mich vor den Tieffliegern gerettet hat. Sonst wäre ich erschossen worden.“

Auf die Frage, was sie zur heutigen Lage meine, sagte Erika: „Was wir durchgemacht haben, das wünsche ich den Jungen nicht. Am Kriegsende war ja alles kaputt. Wir hatten Hunger, und ich durfte auch keinen richtigen Beruf lernen, denn wir hatten so viele kleine Geschwister.“

Dr. Beatrix Heintze

Schließlich lernten wir Frau Dr. Heintze kennen, die wegen eines Knöchelbruchs zurzeit an den Rollstuhl gefesselt ist. Sie bestätigte, dass viele ältere Menschen jetzt stark an die Bombennächte erinnert würden, die sie noch selber miterlebt hätten.

„Ich selbst habe das zwar nur aus der Ferne, aber doch sehr intensiv miterlebt“, erzählte sie, „weil mein eigener Großvater im Widerstand gegen Hitler war.“ Wie sich herausstellte, war ihr Großvater Walter Cramer, ein Freund von Carl Friedrich Goerdeler, der zu den Köpfen des Widerstands gegen Hitler vom 20. Juli 1944 zählte. Wie jener wurde auch Cramer in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Frau Dr. Heintze hat selbst mehrere Bücher über ihn geschrieben. „Cramer war damals Vorstandsvorsitzender einer Textilfabrik, der Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. in Leipzig, und er war einer von ganz wenigen in der Wirtschaft, der sich aktiv für die Juden eingesetzt hat.“ Nach der Wende habe sie Zugang zu den Quellen in der ehemaligen DDR bekommen, und wie sie berichtete, trugen ihre Publikationen dazu bei, dass man Cramer in Leipzig ein Denkmal setzte.

Auch ihr Vater sei im Widerstand gegen Hitler gewesen, berichtete sie weiter. „Er war einer der letzten Überlebenden von Stalingrad, und er hatte sich mit dafür eingesetzt, die Armee zur Aufgabe zu bewegen. Diese ganze Geschichte hat mich stark geprägt.“ Alle diese Dinge werden heute wieder lebendig.

Wir erzählten Frau Dr. Heintze, dass heute Professoren wie Jörg Baberowski an der Humboldt-Universität offiziell erklären: „Hitler war nicht grausam“, und dass der Spiegel das kritiklos weiterverbreitet. Sie war ziemlich entsetzt. „Ich habe das bisher noch nicht gehört“, sagte sie. „Aber das kann man nun wirklich nicht behaupten: Hitler mag vielleicht eigenhändig keine Grausamkeiten verübt haben, aber seine ganze Politik war ja unmenschlich und grausam.“

Sie sagte noch: „Ich beobachte mit Sorge, was für ein Ton mit der Wahl von Trump in Amerika oder auch mit der AfD in Deutschland in der Politik Einkehr hält.“

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