Hurrikan Irma fegt über Puerto Rico und andere Karibikinseln hinweg

Von Jerry White
8. September 2017

Vor zwei Wochen verwüstete Hurrikan Harvey den US-Bundesstaat Texas und brachte dabei eine Jahrhundertflut und kolossale Schäden über Houston und weitere Gebiete des Staates. Jetzt hinterlässt ein noch gewaltigerer Hurrikan gigantische Zerstörungen auf der kleinen Inselgruppe im Norden des karibischen Meers und auf Puerto Rico. Er bewegt sich weiter in Richtung der Dominikanischen Republik, Haitis, der Bahamas und Kubas. Der dicht besiedelte Süden Floridas, zu dem auch Miami gehört, könnte am Sonntag betroffen sein; am Montagnachmittag käme der Tropensturm dann im US-Bundesstaat Georgia und im Süden von South Carolina an.

Hurrikan Irma ist ein Wirbelsturm der Kategorie 5 mit einer Windgeschwindigkeit von 295 km/h. Damit ist er einer der stärksten über dem Atlantischen Ozean jemals beobachteten Hurrikane. In den frühen Morgenstunden des Donnerstag wütete Irma auf den Inseln der Kleinen Antillen: auf Antigua und Barbuda (82.000 bzw. 1.700 Einwohner), Saint-Barthélemy (9.000), Anguilla (15.000) und St. Martin (77.000).

Bestätigt wurden bislang mindestens zehn Tote, doch wird erwartet, dass diese Zahl sich rapide erhöht.

Donnerstagnacht gegen 2 Uhr Ortszeit befand sich das Auge des Hurrikans direkt über der Insel Barbuda. Berichten zufolge erreichte die Windgeschwindigkeit knapp 190 km/h, in einzelnen Böen sogar fast 250 km/h; dadurch fielen die meteorologischen Messinstrumente aus. Charles Fernandez, Außen- und Handelsminister von Antigua und Barbuda, sagte, die Zerstörungen auf Barbuda lägen bei „über 90 Prozent“.

Starke Winde und Sturmfluten zerstörten Regierungsgebäude, rissen Dächer von Häusern und hinterließen ganze Inseln ohne Strom und Kommunikation. Sowohl die Niederlande als auch Großbritannien entsandten Marineschiffe und Militärpersonal auf ihre Insel-Besitzungen. Der französische Präsident Emmanuel Macron, der die Lage auf den Französischen Antillen von einem Krisenzentrum in Paris aus beobachtet, sagte, die „Verlustziffern werden hart und schmerzlich sein“.

Am Mittwochnachmittag fegte Hurrikan Irma über das US-Territorium Puerto Rico hinweg, wo 3,4 Millionen US-Bürger leben. Am Mittwochabend befand sich das Auge von Hurrikan Irma 56 Kilometer nördlich der Hauptstadt San Juan und kreiste über dem Atlantischen Ozean. Die Behörden teilten mit, dass Windböen mit Geschwindigkeiten bis zu 160 km/h die Hauptstadt (355.000 Einwohner) treffen könnten.

Über eine Million Menschen, das heißt fast ein Drittel der Bevölkerung, waren derweil ohne Strom und fast 50.000 ohne Wasser. Vierzehn Krankenhäuser nutzten Generatoren, nachdem sie den Zugang zum Stromnetz verloren hatten. Entwurzelte Bäume und Strommasten lagen auf vielen Straßen.

Die Insel wurde seit 1928 nicht mehr von einem Hurrikan der Kategorie 5 getroffen, als Hurrikan San Felipe Puerto Rico heimsuchte. Im Jahr 1989 verwüstete Hurrikan Hugo, ein Hurrikan der Kategorie 4, die Insel, forderte 72 Todesopfer und hinterließ Schäden in Höhe von 3 Milliarden Dollar. Der Nationale Wetterdienst kündigte „extreme“ Gefahren an und warnte, dass Straßen voraussichtlich unpassierbar und selbst Gebäude mit gesunder Bausubstanz wahrscheinlich beschädigt würden. Erdrutsche und Schlammlawinen, insbesondere in bewohnten Gebieten, wurden ebenfalls angekündigt.

Auf Harvey und Irma folgen die Tropenstürme Jose und Katia, die sich ebenfalls in Hurrikane verwandeln können und die die nördliche Hälfte der karibischen Inseln treffen könnten (die „Inseln unter dem Winde“) – darunter einige der Inseln, die am Mittwoch bereits betroffen waren.

Das Wasser in der Karibik ist wärmer als üblich, und dieser Umstand wirkt wie Treibstoff auf die Hurrikane. Die Intensität der Stürme und ihre Häufigkeit unterstreichen nur mehr den Einfluss der Erderwärmung, die US-Präsident Donald Trump leugnet, und über deren Auswirkungen die anderen kapitalistischen Regierungen der Welt nur Lippenbekenntnisse ablegen.

Trumps Reaktion auf Hurrikan Irma bestand darin, in Florida, Puerto Rico und auf den Jungferninseln den Ausnahmezustand auszurufen und die Bundesagentur für Katastrophenschutz (Federal Emergency Management Agency – FEMA) einzuschalten, die mit Hilfsmaßnahmen beginnt. Der Gouverneur von Puerto Rico, Ricardo Rosselló, kündigte an, dass die Regierung 456 Notunterkünfte eingerichtet habe, um 63.229 Personen unterzubringen.

Ebenso wie in Houston aber wurden die menschlichen Kosten in die Höhe getrieben, weil jegliche ernstzunehmende Sicherheitsmaßnahmen durch die Regierung fehlte und die physische und soziale Infrastruktur völlig zerfallen ist. Im Falle Puerto Ricos wurde die Gefährdung der Insel und ihrer Bewohner durch den Raubzug der Wall Street verstärkt, der dieser etwa 70 Milliarden Dollar Kreditrückzahlungen einbrachte, das entspricht 12.000 Dollar pro Inselbewohner.

Im vergangenen Mai hat eine Finanzkontrollbehörde, die noch von der Obama-Regierung eingesetzt wurde, ein Konkursverfahren eingeleitet, um den Weg für Sparmaßnahmen nach griechischem Vorbild frei zu machen. Zu diesen Maßnahmen zählen Entlassungen im öffentlichen Dienst und Rentenkürzungen. All das trifft eine Insel, auf der die offizielle Armutsrate bereits 45 Prozent beträgt und die Arbeitslosigkeit bei 14,2 Prozent liegt. Die puerto-ricanische Regierung hat Berater engagiert, die bereits das Insolvenzverfahren von Detroit leiteten, das in einen Ausverkauf des öffentlichen Eigentums an reiche Anleihegläubiger mündete.

Der Haushaltsplan, den Rosselló vorschlägt, bedeutet Einschnitte in den Bereichen Bildung, natürliche Ressourcen, Wohnen und Landwirtschaft. Enthalten sind außerdem Kürzungen über 200 Millionen Dollar für Puerto Ricos öffentliche Universität, die einen zwei Monate dauernden Studentenstreik auslösten. Das Budget eliminiert außerdem Millionen Dollar jährlicher Subventionen an 78 Kommunen in Puerto Rico und zwingt die Bürgermeister dazu, in anderen Bereichen Geld aufzutreiben.

Mit der Flutung der Trink- und Abwassersysteme durch den Hurrikan droht der Insel eine humanitäre Katastrophe. Sie wird bereits von Trinkwasserquellen versorgt, die gegen das US-Gesetz über sicheres Trinkwasser verstoßen, weil das Wasser mit Blei und Kolibakterien infiziert ist. Das Wassersystem wurde bereits zweimal privatisiert, was die Kosten in schwindelerregende Höhen trieb.

Bevor der Hurrikan die Insel traf, warnte Ricardo Ramos Rodríguez, der leitende Direktor der Elektrizitätsbehörde von Puerto Rico, dass die Stromversorgung Gefahr laufe, durch Starkwinde zu einem Ausfall von katastrophalem Ausmaß gebracht zu werden, da es seit Jahren nicht mehr ausreichend gewartet wurde. „Falls wir von diesem Hurrikan [getroffen] werden, wie es in den Voraussagen geschildert wird, dann wird es gewiss zu Stromausfällen kommen und es wird sicherlich Gebiete geben, die drei, vier Monate ohne Strom ausharren müssen“, sagte Rodríguez in einem Interview mit dem Radiosender WIPR.

„Jahrelang hat es weder Wartung noch einen Austausch beschädigter Anlagen gegeben“, sagte er und fügte hinzu, dass der öffentliche Dienst in den vergangenen Jahren über 5.000 Mitarbeiter verloren habe, von denen 86 Prozent operative Streckenwärter, Anlagenbediener oder Mechaniker waren.

Das Stromunternehmen, das mit 9 Milliarden Dollar in den roten Zahlen steckt, ist ein Hauptziel der Privatisierung, durch die Citigroup und andere raffgierige Kapitalisten den Bewohnern der Insel förmlich das Blut aussaugen.

Am Mittwochabend sprach die World Socialist Web Site mit Carmen Merrill, einer ehemaligen Beschäftigten der New Yorker Abwasserwerke, die in Puerto Rico zur Welt kam und jetzt im Süden der Insel lebt. Während das Interview geführt wurde, kam es in ihrer Wohnung in Guayama, wo sie mit einem Freund in Sicherheit war, zu einem Stromausfall.

„Meine Sorge ist, wie lange wir ohne Strom sein werden. Vor kurzem gab es im Fernsehen eine Nachrichtensparte, in der ehemalige Arbeiter des Stromwerks Palo Seco in Cataño, nicht weit von San Juan entfernt, interviewt wurden. Sie sagten, jeder Wind mit einer Geschwindigkeit über 80 km/h könnte das Werk lahmlegen, weil es nie gewartet wurde. Ein Arbeiter, der sich beschwerte, dass die Arbeit im Werk zu gefährlich sei, wurde bei einer Explosion getötet. Die Regierung kümmert sich um nichts.“

„Sie benutzen das Wort ,Commonwealth’ [wörtlich: Gemeinwesen], aber die Wirtschaft kommt hierher und erhält Steuervergünstigungen und dem öffentlichen Dienst fehlt das Geld. Schulen werden nicht renoviert und Politiker wie Rosselló reden nur, tun aber nichts.“

Die meisten Puerto-Ricaner, sagte sie, können sich keinen Generator für den Notfall leisten. Obwohl viele Häuser aus Beton gebaut wurden, um Stürmen zu widerstehen, leben viele einkommensschwache Familien in isolierten Gebieten und in Stadtteilen wie La Perla in San Juan in Bauten, die leicht zerstört werden könnten.

„Am gefährlichsten ist das Hochwasser der Flüsse”, erklärte Carmen. Wie in Houston, sagte sie, helfen Bewohner aus der Arbeiterklasse einander, indem sie ihre Fenster gemeinsam mit Metallgestellen verriegeln, um ihre Häuser zu schützen. „Wir haben gesehen, was in Houston passiert ist. Es war verheerend. Eine kleine Gruppe von uns aus Puerto Rico hat bereitwillig geholfen, Menschen in Houston zu retten. Die Menschen hier fragen sich, wie ein moderner Staat wie Texas so schnell überflutet und die Menschen von dreckigem Wasser davongespült werden konnten.“

Bevor Carmen in Rente und nach Puerto Rico ging, war sie im Jahr 2012 bei den Aufräumarbeiten nach dem Hurrikan Sandy in New York City dabei. „Am schlimmsten war es in Rockaway in Queens, wo wir alle Möbel und Haushaltsgegenstände zerstört und auf riesigen Haufen vor den Häusern aufgetürmt sahen. Houston erinnerte mich an Sandy. Jedes Haus und Auto stand unter Wasser. Eine ältere Dame brach in Tränen aus und sagte: ‚Um die Möbel kümmere ich mich nicht, aber ich will meine Familienfotos zurück.‘ Ich fand ein Schwarzweißfoto ihrer Enkelkinder und gab es ihr. Danach konnte ich nicht mehr arbeiten, ich konnte nur noch weinen.“

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