Die Hurrikane Irma und Harvey: Naturkatastrophen und politisches Versagen

11. September 2017

Die katastrophalen Auswirkungen der Hurrikane Harvey in Südosttexas und Irma im Süden Floridas sind die Nagelprobe auf das gesellschaftliche Führungspotential der herrschenden US-Elite. Nach allen relevanten Kriterien versagt die Kapitalistenklasse kläglich.

Zwei Wochen nach Verwüstung der texanischen Golfküste durch Harvey sind Millionen Menschen immer noch dabei, ihr Leben mit minimalster Unterstützung zu reorganisieren. Hunderttausende Häuser wurden beschädigt oder zerstört, eine Million Autos sind unbrauchbar, zahllose Schulen und andere öffentliche Einrichtungen wurden überschwemmt und sind vermutlich irreparabel beschädigt. Mindestens 22 Menschen werden vermisst, die meisten davon sind vermutlich tot – zusätzlich zu den offiziell bestätigten 70 Todesopfern.

Harvey hat Schäden in Höhe von fast 200 Milliarden Dollar angerichtet und ist damit die kostspieligste Naturkatastrophe der Geschichte Amerikas. Die Schadensbilanz für Hurrikan Irma liegt noch nicht vor. Die Trump-Regierung hat jedoch nur staatliche Hilfen in der lächerlichen Höhe von fünfzehn Milliarden Euro genehmigt, die am Freitag vom Repräsentantenhaus genehmigt wurden.

Der Großteil des Geldes wird an die staatliche Katastrophenschutzbehörde FEMA gehen, aber ihre Zahlungen an die Sturmflut-Opfer sind auf 30.000 Dollar pro Familie beschränkt. Die Geschädigten erhalten das Geld nur, wenn sie einen fast unüberwindlichen bürokratischen Prozess durchlaufen, wobei sie wie Verbrecher oder Betrüger behandelt werden. Weitere Gelder sollen von der Small Business Administration in Form von Darlehen verteilt werden. Die Menschen, die durch den Hurrikan ihre Häuser verloren haben, werden diese Darlehen jedoch nur schwer zurückzahlen können.

Hurrikan Irma ist sogar noch stärker als Harvey. Dieser Wirbelsturm hat bereits mehrere Inseln der Kleinen Antillen sowie die Turks- und Caicos-Inseln verwüstet und in Puerto Rico, der Dominikanischen Republik, Haiti und Kuba schwere Schäden angerichtet. Am Freitag zog Irma über die Bahamas hinweg und traf am Sonntagabend im Süden Floridas aufs Festland.

Hurrikan Irma ist der Sturm mit der größten je gemessenen „akkumulierten Zyklon-Energie“ (Gesamtintensität). Er hat bis zu 37 Stunden lang Höchstgeschwindigkeiten von über 280 Stundenkilometern erreicht, d.h. länger als jeder vorherige Sturm. Auch seine Größe ist enorm: er ist fast doppelt so groß wie Hurrikan Andrew, der 1992 den Süden Floridas verwüstet hat. Der Hurrikan ist breiter als die Halbinsel Florida selbst, sodass sogar gleichzeitige Sturmfluten an der Atlantik- und der Golfküste möglich sind. Dieses Phänomen galt bisher als undenkbar.

Eins der am dichtesten besiedelten Gebiete der USA wird von einer tödlichen Bedrohung heimgesucht, aber die Politiker von Regierung und Bundesstaat haben die sechs Millionen Bewohnern Süd-Floridas wissen lassen, sie seien auf sich allein gestellt. Das war der Inhalt mehrerer Pressekonferenzen und Fragerunden am Freitag. Den Menschen wurde lapidar erklärt, sie sollten die Region wenn möglich verlassen oder in Notunterkünfte gehen.

Die Unterkünfte sind völlig unzureichend. In einigen größeren Städten wie Fort Myers an der Golfküste gibt es gar keine. Viele Arme und Arbeiterfamilien haben keinen Zugang dazu. Wie die Coalition for Racial Justice beklagt, sind die Unterkünfte in Miami-Dade nur in den wohlhabenderen Gebieten offen, und diese liegen mehr als 30 Autominuten von den ärmeren Wohnbezirken entfernt.

Für die Inselkette Florida Keys, für Miami Beach, für einen Großteil der Metropolregion Miami-Dade, für Teile von Broward und Palm Beach und für einen Großteil von Floridas Südwesten wurden Zwangsevakuierungen angeordnet. Dies stellte zusammengenommen die größte Zwangsevakuierung in der Geschichte der USA dar. Auf allen Autobahnen nach Norden bildeten sich riesige Staus. An den meisten Tankstellen gab es keinen Treibstoff mehr, sodass viele Einwohner in ihren Autos gefangen saßen, während der Hurrikan sich näherte.

Dabei wurden die minimalsten Maßnahmen zur Sicherung der Evakuierung unterlassen, etwa eine großangelegte Koordinierung des kostenlosen Bahn-, Bus- und Flugverkehrs. Viele der Evakuierten wussten nicht, wo unterkommen, hunderttausende versuchten, auf dem Weg nach Norden irgendwo unterzuschlüpfen. Viele saßen auf den Flughäfen fest, während es keine freien Flüge mehr gab und alle Notunterkünfte überfüllt waren.

Die Trump-Regierung hatte sich auf die doppelte Katastrophe durch Harvey und Irma „vorbereitet“, indem sie Etatkürzungen bei FEMA und anderen Hilfs- und Katastrophenschutzbehörden plante. Gleichzeitig greift sie im Auftrag der Öl-, Gas- und Kohleproduzenten und anderer großer Umweltverschmutzer die Klimaforschung systematisch an.

Auf Harvey und Irma folgen die Hurrikane Jose und Katia. Die Rekordtemperatur des Meereswassers von 32 Grad Celsius begünstigt die Entstehung solcher Stürme. Doch nicht einmal diese Serie von vier riesigen Stürmen in nur drei Wochen hat bei den Ignoranten in der Trump-Regierung zu einem Umdenken geführt. Die endlose Kette von Katastrophen, zu der auch die Waldbrände an der amerikanischen Westküste und die verheerenden Überschwemmungen in Südasien gehören, beweisen die Existenz des Klimawandels und die Unfähigkeit der herrschenden Klassen aller Länder, ernsthafte Maßnahmen gegen die wachsende Gefahr zu ergreifen.

Der Chef der EPA Scott Pruitt, ein berüchtigter Klimaleugner, bezeichnete jede Diskussion über den Klimawandel als „äußerst unsensibel“ gegenüber der Bevölkerung von Florida. Er argumentierte: „Es ist deplatziert, über die Ursachen und Folgen des Sturms zu reden, statt den Leuten zu helfen oder den Auswirkungen tatsächlich entgegenzutreten.“

Nach dieser Logik dürfte es bei Erdbeben auch keine Diskussion über Plattentektonik oder seismische Verwerfungen geben, und keine Analysen der Auswirkungen der El Niño-Winde in der Waldbrandsaison. Bei einer Kernschmelze wäre Kernphysik tabu. Und während eines Zusammenbruchs der Finanzmärkte dürfte es auch keine Diskussionen über die Wirtschaftsgesetze des Kapitalismus geben.

Diese Zurückweisung von Wissenschaft oder auch nur Weigerung, ernsthaft über die Probleme nachzudenken, hat einen eindeutigen Klassencharakter. Die herrschende Elite Amerikas weigert sich rundheraus, sich auf vorhersehbare und unvermeidliche Katastrophen ernstlich vorzubereiten. Die Vertreter des Großkapitals können denn auch ihre Verachtung der einfachen Bevölkerung kaum verbergen, wie zum Beispiel Leona Helmsley, Immobilienmaklerin und Berufskollegin Donald Trumps, die für den Ausspruch „Nur kleine Leute zahlen Steuern“ berüchtigt ist.

Naturkatastrophen entlarven auf ihre eigene Art die soziale und politische Realität. Das große Erdbeben von Lissabon 1755, bei dem ein Großteil der portugiesischen Hauptstadt zerstört wurde, hatte Einfluss auf die Entwicklung der Aufklärung in Europa in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution. Als Voltaire in seinem Werk Candide aufzeigte, wie absurd die Behauptung des Philosophen Leibniz sei, in der „besten aller möglichen Welten“ stehe alles stets zum Besten, führte er das Erdbeben als Beweis an.

Wer könnte heute noch wie Leibniz argumentieren? Der amerikanische und der Weltkapitalismus sind bis ins Mark verdorben. Die herrschende Klasse ist verantwortlich für beispiellose soziale Ungleichheit und endlose Kriege; Rohstoffe sind Zielobjekte von Gier und Plünderungen, während die elementarsten Bedürfnisse der modernen Gesellschaft unerfüllt bleiben und ignoriert werden.

Eine solche Gesellschaft ist reif und sogar überreif für die Revolution. Ein unermüdlicher Kampf für die Entwicklung des politischen Bewusstseins der Arbeiterklasse ist notwendig, damit diese ihre historische Mission erfüllen kann, die herrschende und lenkende Kraft in der Gesellschaft zu werden.

Patrick Martin

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