Zum ersten Mal seit 100 Jahren nimmt der Hunger weltweit zu

Von Shelley Connor
19. September 2017

Im Jahr 2016 stieg die Zahl der Menschen, die weltweit an Unterernährung litten, auf 815 Millionen an. Gegenüber dem Jahr zuvor ist das eine Zunahme um 38 Millionen. Laut einem neuen Bericht von fünf UN- und Hilfsorganisationen, der am Freitag von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAOUN) veröffentlicht wurde, war dies der erste derartige Anstieg innerhalb eines Jahres seit einem Jahrhundert.

Die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie und ihre Verbreitung in der ganzen Welt in Form der gesteigerten Nahrungsmittelproduktion hatten es über ein Jahrhundert lang ermöglicht, die Zahl der Menschen, die an Hunger und Unterernährung leiden, zu verringern. Im Jahr 2016 hat die Welt mehr als genügend Nahrungsmittel produziert, um jedem menschlichen Wesen auf dem Planeten eine angemessene und gesunde Ernährung zur Verfügung zu stellen.

Doch diese Errungenschaften werden in wachsendem Maße durch Kriege und die Auswirkungen des Klimawandels konterkariert, so der UN-Bericht. Ein weiterer Faktor, über den der UN-Bericht aber weitgehend schweigt, ist die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit. Sie hat zur Folge, dass es sowohl in relativ reichen wie auch in armen Ländern viele Menschen gibt, die zu arm sind, um Lebensmittel zu kaufen, die im Überfluss vorhanden sind.

Die fünf an der Studie beteiligten UN-Organisationen sind die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation, die Weltgesundheitsorganisation, der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung, das Welternährungsprogramm und die UNICEF. So wie bei solchen Berichten typisch, bedient man sich einer bewusst zurückhalten Ausdrucksweise und einer vorsichtigen Haltung, selbst wenn es um Sachverhalte geht, die man nur als soziale Katastrophe beschreiben kann.

So galten im Jahr 2016 schätzungsweise 155 Millionen Kinder unter fünf Jahren als „verkümmert“, das heißt zu klein für ihr Alter, weil ihre körperliche Entwicklung aufgrund von Nahrungsmangel deutlich zurückgeblieben war. Etwa 52 Millionen Kinder galten als unterernährt, also nicht schwer genug für ihre Größe. Ein Drittel der Bevölkerung in Ostafrika und ein Fünftel der Bevölkerung des gesamten Kontinents waren unterernährt. In Asien waren 12 Prozent der Bevölkerung unterernährt, vor allem in Süd- und Südostasien.

Der Bericht warnt, dass der wichtige Fortschritt, der bei der Reduzierung der weltweiten Unterernährung – im Jahr 2000 waren noch 900 Millionen Menschen betroffen – erzielt wurde, jetzt in Gefahr ist, in sein Gegenteil verkehrt zu werden. Allein im letzten Jahr erreichte die chronische Unternährung weltweit ein „extremes Ausmaß“. Im Südsudan wurde im Februar eine Hungersnot ausgerufen. Auch der Jemen, Nordost-Nigeria und Somalia bewegen sich am Rande einer Hungersnot.

Die Zahl der chronisch unterernährten Menschen stieg 2016 auf 815 Millionen. Das ist mehr als die Bevölkerung des gesamten europäischen Kontinents. Davon leben 60 Prozent, 489 Millionen Menschen, in Ländern, in denen Krieg oder Bürgerkrieg herrscht.

Im Vorwort des Berichts wird erklärt, dass im letzten Jahrzehnt nicht nur die Anzahl der Konflikte „dramatisch zugenommen hat“, sondern dass sie auch „unübersichtlicher und unlösbarer geworden sind“. Die Wahrscheinlichkeit, von Unterernährung betroffen zu sein, ist für die Bewohner von Ländern in Konfliktzonen zweieinhalb Mal höher als in anderen Ländern. Im Südsudan sind etwa 4,9 Millionen Menschen, oder 42 Prozent der Bevölkerung, von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen.

Im Jemen sind 60 Prozent der Bevölkerung, schätzungsweise 17 Millionen Menschen, von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Das ist eine Zunahme um 47 Prozent seit Juni 2015. Laut dem Bericht ist die Mangelernährung bei Kindern im Jemen „schon seit langer Zeit ein gravierendes Problem“. Allerdings ist die akute Unterernährung oder Auszehrung in den letzten drei Jahren stark angestiegen. Der Bericht führt „die konfliktbedingte, allgemeine Wirtschaftskrise“ an, die „die gesamte Bevölkerung in Mitleidenschaft zieht“.

Krieg und Bürgerkrieg führen auf unzählige Art und Weisen zu Ernährungsunsicherheit. Eine davon ist die Massenvertreibung der Bevölkerung. Laut dem FAOUN-Bericht hat die Zahl der Flüchtlinge und Binnenflüchtlinge (internally displaced persons = IDPs) „ mit der wachsenden Zahl von Konflikten beträchtlich zugenommen“ und sich von 2007 bis 2016 auf 64 Millionen Menschen verdoppelt.

Gegenwärtig ist weltweit jeder 113. Mensch ein Flüchtling, ein IDP oder ein Asylsuchender. Schätzungsweise 70 Millionen Menschen weltweit leiden an Unterernährung als Folge von Vertreibung.

Wie der Bericht erklärt, hat der Krieg zudem schwere Folgen für die Landwirtschaft und die Lebensmittelverteilung – „von der Produktion, der Ernte, der Verarbeitung und dem Transport bis zur Belieferung mit Material, der Finanzierung und der Vermarktung“. Im Irak produzierten zum Beispiel vor der Invasion der USA im Jahr 2003 die Distrikte Nineveh und Salah-al Din ein Drittel des Landesbedarfs an Weizen und 40 Prozent an Gerste. Im Februar 2016 waren jedoch 70 bis 80 Prozent des Getreideanbaus von Salah al-Din beschädigt oder zerstört. In Nineveh, zu der die Stadt Mossul gehört, waren 32 bis 68 Prozent der Getreideanbaufläche entweder beschädigt oder zerstört, genauso wie 43 bis 57 Prozent der Fläche, die für den Anbau von Gerste benutzt wurde.

In Syrien, wo die Landwirtschaft einst blühte, und wo sie, nach der Meinung vieler Historiker, historisch ihren Anfang genommen hat, haben der sechs Jahre andauernde Versuch eines Regimewechsels durch die USA die Landwirtschaft des Landes zerstört. 85 Prozent der Syrer leben zurzeit in Armut. Geschätzte 6,7 Millionen Menschen sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Akute Unterernährung – Auszehrung – sieht man gegenwärtig in wachsendem Maße in den meisten Gebieten.

Eine der heimtückischsten Art und Weisen, wie die Konflikte die Unterernährung verschärfen, ist die Einsetzung der Lebensmittel als „Waffen im Krieg“. Der Bericht erwähnt den Einsatz von Handelsblockaden im Südsudan. Bemerkenswerterweise verschweigt er die von den Saudis angeführte Blockade gegen den Jemen. Im Jemen stellt das importierte Getreide den größten Teil der Nahrung der Bevölkerung dar.

Wie der FAOUN-Bericht erklärt, sind jedoch die Konflikte nicht der einzige Grund für die Unterernährung. Klimaextreme haben zu einem starken Anstieg von Ernährungsunsicherheit südlich der Sahara und in Südostasien geführt.

Wie die World Socialist Website bereits berichtet hat, sind darüber hinaus Krankheiten im Zusammenhang mit Unterernährung auch in entwickelten Ländern wie den USA und Großbritannien wieder auf dem Vormarsch. In diesen Ländern kommen nicht selten Fälle von morbider Fettleibigkeit und Unterernährung in einer Familie vor. Da die Löhne stagnieren und die Lebensmittelpreise weiter steigen, können sich viele Menschen nur industriell verarbeitete, stärkehaltige Lebensmittel leisten. Diese Produkte können von den Konzerne profitabler zur Verfügung gestellt werden, weil sie nicht so schnell verderben und man sie deshalb günstiger transportieren und lagern kann.

Es handelt sich um eine ernstzunehmende Gesundheitskrise, wie der Bericht betont: „Ernährungsunsicherheit und eine schlechte Ernährungsweise während der Schwangerschaft und der Kindheit stehen in Zusammenhang mit stoffwechselbedingten Anpassungen, die das Risiko von Fettleibigkeit und damit zusammenhängenden, nicht übertragbaren chronischen Erkrankungen im Erwachsenenalter erhöhen.“

Wie die Autoren des Berichts erklären, haben die Ergebnisse des UN-Gutachtens „Alarmglocken schrillen lassen, die wir nicht ignorieren dürfen“. Obwohl der UN-Bericht jedoch zu Recht betont, dass Konflikte zu Unterernährung führen, lässt er auf eklatante Weise die Rolle, die der Imperialismus in diesen Konflikten spielt, unerwähnt. Er bezeichnet die Konflikte im Südsudan und in Syrien als interne Konflikte, obwohl das Chaos in beiden Ländern direkt von den Vereinigten Staaten, seinen Verbündeten und ihren Stellvertretern verursacht wurde. Bei der Bewertung der Lage im Irak erwähnt der Bericht die Vereinigten Staaten überhaupt nicht, obwohl diese das Land von 2003 bis 2011 überfallen, verwüstet und besetzt hielten. Bis heute ist der Irak ein Kriegsschauplatz.

Die Autoren des Berichts erwähnen die Angriffe der saudisch geführten Koalition auf den Jemen wie auch die Mittäterschaft der USA bei diesen Angriffen nicht. In vielen Fällen hat die Koalition humanitäre Hilfsorganisationen daran gehindert, ins Land zu kommen und zahlreiche Krankenhäuser und mobile Kliniken bombardiert. Der Bericht beschreibt jedoch ausführlich dieselben Verbrechen, wenn sie von „sich bekriegenden Fraktionen“ im Südsudan begangen werden.

Weitgehend ignoriert werden die langfristigen und immer offenkundigeren Auswirkungen des von Menschen verursachten Klimawandels. Es gibt keinerlei Kritik an den zerstörerischen gesellschaftlichen Auswirkungen des kapitalistischen Profitsystems, das sowohl für den Klimawandel als auch für den Mangel an erschwinglicher Nahrung in den entwickelten Ländern verantwortlich ist.

Die globale Krise des Kapitalismus droht, neue noch tödlichere Kriege hervorzubringen. Die imperialistischen Länder können die Ernährungsunsicherheit nicht nur deshalb nicht überwinden, weil sie sie mit ihrem Militarismus und ihrer unkontrollierten Umweltverschmutzung ausgelöst haben. Sie sind grundsätzlich nicht in der Lage, ihre eigenen Widersprüche zu lösen. Während dieser Bericht veröffentlicht wurde, haben gewaltige Wirbelstürme ganze Städte überschwemmt, Tausende Menschen vertrieben und überall an der amerikanischen Golfküste und in der Karibik Menschenleben gefordert.

Der globale Hunger kann nur beseitigt werden, indem der Kapitalismus beendet und durch ein Wirtschaftssystem ersetzt wird, das die gesellschaftlichen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt. Die UNO kann wegen der weitverbreiteten Unterernährung Alarm schlagen, aber nur der Kampf der vereinigten internationalen Arbeiterklasse kann sie auch tatsächlich beseitigen.

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