Die Soziopathologie des Massakers von Las Vegas

4. Oktober 2017

Am Montag kam es in Las Vegas zu einem weiteren blindwütigen unpersönlichen Gewaltausbruch. Ein Open Air-Musikfestival mit mehr als 20.000 Teilnehmern verwandelte sich plötzlich in ein Schlachtfeld. Mindestens 59 Menschen wurden getötet und 527 weitere verwundet.

Der mutmaßliche Schütze Stephen Paddock setzte mehrere halbautomatische Waffen ein, mit denen er durch eine Zusatzvorrichtung vollautomatisch schießen konnte. Solche Vorrichtungen sind für nur 40 Dollar pro Stück erhältlich. Er schoss aus seinem Zimmer im 32. Stock des Mandalay Bay Hotels und Casinos in die hilflose Menschenmenge. Anschließend tötete er sich selbst.

Paddock konnte ein Schussfeld von militärischem Ausmaß mit fast 100 Schuss pro Minute abdecken. Bei ihm wurden etwa zwanzig Schusswaffen gefunden, viele davon halbautomatische Hochleistungswaffen. Nach wenigen Minuten ging ein Rauchmelder los, durch den die Polizei Paddock deutlich schneller aufspüren konnte als durch eine Suche in den 3.300 Zimmern des Hotels. Die Zahl der Toten und Verletzten hätte also noch höher ausfallen können.

Die Motive des Schützen sind noch unbekannt, auch seine Identität gibt wenig Aufschluss darüber, was ihn zu seiner mörderischen Tat getrieben hat. Paddock war 64 Jahre alt, führte mit seiner Lebensgefährtin ein geordnetes Leben und war laut einigen Berichten finanziell gut gestellt. Einer seiner Brüder beschrieb Paddock als Immobilien-Multimillionär. Er hatte einen Pilotenschein und besaß zwei kleine Flugzeuge. Über Beziehungen zu politischen oder religiösen Gruppen ist nichts bekannt.

In Paddocks Familiengeschichte sind Fälle von Geisteskrankheit vorgekommen. Sein Vater Richard Hoskins Paddock war ein Bankräuber, wurde als Psychopath eingestuft und befand sich fast zehn Jahre lang auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher des FBI. Doch Stephen Paddock hatte seit dem siebten Lebensjahr keinen Kontakt zu seinem Vater, und über Anzeichen oder Behandlungen von Geisteskrankheit bei ihm ist nichts bekannt.

Wie bei fast allen derartigen Schießereien kannte der Täter keinen der Menschen, die er verwundet oder ermordet hat. Für ihn waren sie keine Individuen. Paddock betrachtete die Konzertbesucher auf dem Parkplatz unterhalb seines Zimmers nicht als Mitmenschen, sondern als Objekte, die zerstört werden müssen. Die Toten waren die beliebigen Opfer des unkontrollierten und unpersönlichen Hasses eines Schützen, dem ihr Schicksal und das lebenslange Leid ihrer überlebenden Angehörigen und Freunde gleichgültig waren.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Tat nicht von einem normalen Menschen verübt wurde. Paddocks Verbrechen muss mit irgendeiner geistigen Erkrankung zusammenhängen, auch wenn sie bislang nicht diagnostiziert wurde. Doch darüber hinaus enthält dieses schreckliche Ereignis mit Sicherheit auch ein gesellschaftliches Element. Die Häufigkeit solcher Vorfälle kann nicht mit rein individuellen oder persönlichen Gründen erklärt werden. Das Massaker von Las Vegas ist ein typisch amerikanisches Verbrechen, das sich aus der Soziopathologie einer zum Zerreißen gespannten Gesellschaft ergibt.

Was ist gesellschaftliche Kontext dieses jüngsten Massakers? Die USA befinden sich seit den letzten 27 Jahren mehr oder weniger ständig im Krieg. Im Nahen Osten, in Afghanistan und in Afrika hat die US-Regierung Dutzende Millionen Menschen mit Bomben, Kugeln oder Drohnenraketen ermordet. Diese Kriege sind tief in die amerikanische Kultur eingedrungen und werden in Film, Fernsehen, Musik und sogar im Sport unablässig verherrlicht.

Die sozialen Verhältnisse in den USA sind geprägt vom Anwachsen wirtschaftlicher Ungleichheit, das alle früheren Geschichtsperioden des Landes übertrifft, und begünstigen eine Kultur der Gleichgültigkeit und sogar der Verachtung gegenüber dem menschlichen Leben.

Ein aufschlussreiches Detail: Am gleichen Tag, als die Medien voll von Berichten über die schwerste Massenschießerei in der Geschichte Amerikas waren, setzten der Dow Jones und andere Aktienindizes ihren Höhenflug fort und erreichten neue Rekordstände. Die Wall Street wartet in Feierlaune darauf, dass die Trump-Regierung die größte Steuersenkung für die amerikanische Wirtschaft und die Superreichen in der Geschichte durchsetzt.

Der Schaden, den die amerikanische Gesellschaft durch die ständigen Kriege und die wachsende soziale Ungleichheit nimmt, äußert sich in einer schier endlosen Reihe von Ereignissen wie der Massenschießerei in Las Vegas. Obwohl in den USA nur fünf Prozent der Weltbevölkerung leben, ereignen sich hier 30 Prozent aller Massaker mit Schusswaffen, und das Ausmaß dieser Tragödien steigt. Die vier Massenschießereien mit den meisten Opfern, und sechs der sieben schlimmsten, fallen in die Jahre seit 2007.

Die Experten in den Mainstreammedien und die Vertreter der Regierung bringen nichts weiter zustande als oberflächliche Äußerungen von Bestürzung über diese Vorfälle. Präsident Trump allerdings ist offenbar nicht einmal zu solchen routinehaften Statements in der Lage. Seine Stellungnahme am Montagmorgen war ebenso banal wie spürbar unaufrichtig. Wie kann man es ernst nehmen, wenn ein unflätiger Frauenfeind und pathologischer Lügner einen Satz mit den Worten beginnt: „Die Bibel lehrt uns...“?

Seine dumme Charakterisierung der Morde in Las Vegas als das „pure Böse“ erklärt nichts. Sie erklärt nicht einmal, weshalb Trump selbst vor zwei Wochen vor den Vereinten Nationen gedroht hat, die 27 Millionen Einwohner Nordkoreas mit Atomwaffen auszulöschen. Doch CNN bezeichnete seine Fernsehansprache in gewohnt schmeichlerischem Tonfall als „absolut perfekt“.

Trump wird am Mittwoch in Las Vegas eintreffen. Am Dienstag nahm er in Puerto Rico an einer inszenierten und unaufrichtigen Beileidsbekundung teil. Während er dort die Verwüstungen durch Hurrikan Maria betrachtete, setzte er seine Twitter-Fehde mit lokalen Regierungsvertretern fort, die es gewagt hatten, die schlecht organisierte Reaktion der Bundesregierung auf die Katastrophe zu kritisieren.

In den 16 Jahren seit den Anschlägen vom 11. September, in denen die US-Regierung angeblich einen „Krieg gegen den Terror“ führt, wurde im Durchschnitt ein Amerikaner pro Jahr von einem ausländischen Terroristen getötet. Im gleichen Zeitraum wurden jedes Jahr mindestens 10.000 Amerikaner von anderen Amerikanern umgebracht. Bei den Massakern am Virginia Tech Institute, in Newtown, Orlando und jetzt in Las Vegas wurden sechsmal so viele Amerikaner getötet wie bei allen Terroranschlägen im gleichen Zeitraum zusammengenommen.

Die Umstände der Tragödie von Las Vegas müssen genauer untersucht werden. Doch eine Schlussfolgerung steht bereits fest: Was am Sonntagabend vor dem Mandalay Bay-Hotel geschehen ist, war Ausdruck einer zutiefst kranken Gesellschaft.

Patrick Martin

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