Neue Streiks bei Amazon

Von Marianne Arens
7. Oktober 2017

Amazon-Beschäftigte in Deutschland haben Anfang Oktober erneut gegen ihre Ausbeutungsbedingungen gestreikt. In sechs Versandzentren haben insgesamt etwa 2000 Lagerarbeiter die Arbeit niedergelegt. Der Online-Händler betreibt in Deutschland insgesamt neun Verteilzentren mit rund 12.000 Beschäftigten. Weltweit schuften über 300.000 Arbeiter in dreißig Ländern bei Amazon.

Gestreikt wurde in Leipzig, in Bad Hersfeld, im niederrheinischen Rheinberg, in Werne, in Koblenz und in Graben bei Augsburg. In Rheinberg, Werne und Leipzig wurde der Streik schon am Donnerstagmorgen, den 28. September, vor der Frühschicht aufgenommen und vier Arbeitstage lang durchgehalten, d.h. bis zum Ende des Brückentags am Montag, den 2. Oktober um Mitternacht. Die relativ höchste Beteiligung gab es in Rheinberg, wo sich rund 500 von 1.900 Beschäftigten sowohl der Früh- als auch der Spätschicht beteiligten.

Die Bedingungen bei Amazon sind mörderisch und entwürdigend. In den riesigen Verteilzentren legen die Picker bei Schichten, deren Dauer mit der Autoindustrie vergleichbar ist, bis zu dreißig Kilometer zurück. Dafür erhalten sie aber nur einen Netto-Monatslohn von 1400 bis 1600 Euro. Aufgrund der niedrigen Löhne sind die Arbeiter, die bei Amazon anheuern, oft gezwungen, lange Überstunden zu leisten, um mit ihrer Familie über die Runden zu kommen.

Amazon hat mehrere Verteilzentren bewusst in Regionen weitab der deutschen Industriegebiete gestellt, wo sehr viele Arbeitslose leben, die praktisch jede Arbeit annehmen müssen. Gleichzeitig profitiert der Konzern von den Verhältnissen, die seit fünfzehn Jahren, seit Beginn der Hartz-Gesetze der SPD-Grünen-Regierung, am deutschen Arbeitsmarkt geschaffen wurden. Diese ermöglichen heute Niedriglohnarbeit und sklavenartige, komplett überwachte Ausbeuterjobs. Dagegen kommt es seit 2013 immer wieder zu Streiks.

Kurz vor dem jüngsten Streik hatte Amazon angekündigt, dass die Löhne geringfügig erhöht würden. Die Beschäftigten sollen 26 Cent pro Stunde mehr erhalten. Die Firma behauptet, dass Amazon-Arbeiter, die es länger als 24 Monate aushalten, auf einen durchschnittlichen Brutto-Monatslohn von über 2400 Euro kämen, wozu noch leistungsbezogene Boni hinzukämen. Das System ist jedoch so organisiert, dass die Bonuspunkte zum Teil für ganze Abteilungen gelten, d.h. man wird für Fehler anderer Arbeiter „belohnt“ oder „bestraft“. Das erhöht zusätzlich den Druck und die gegenseitige Kontrolle in den Gruppen.

Beschäftigte in Bad Hersfeld haben der WSWS berichtet, dass sie auch nach jahrelanger Tätigkeit für Amazon nicht mehr als 2000 Euro brutto im Monat verdienen, während die Anfänger weit darunter liegen. Die Amazon-Beschäftigten müssen sich also mit einem Hungerlohn begnügen, während der Besitzer und oberste Chef von Amazon, Jeff Bezos, der seit Juli als reichster Mensch der Erde gilt, in einer Minute mehr verdient als ein Arbeiter im ganzen Jahr.

Im Kampf gegen diesen Weltkonzern ist es offensichtlich, dass sich die Amazon-Arbeiter international gemeinsam organisieren müssen.

Bei den deutschen Versandhäusern werden die Streiks jedoch bisher im Rahmen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi organisiert. Verdi hat sich im Frühjahr 2013 eingeschaltet, um den spontan ausgebrochenen Streik in Bad Hersfeld unter Kontrolle zu bringen. Seither rufen die Verdi-Betriebsräte vor Ort immer wieder kurzfristig zu Streiks auf, um den Amazon-Konzern zu zwingen, den deutschen Tarifvertrag für den Einzelhandel zu respektieren.

So erklärte Verdi-Streikleiter Thomas Schneider aus Leipzig zum jüngsten Streik, Amazon habe zwar „die Entgelte um rund 2,1 Prozent erhöht“, aber in der Branche seien zurzeit wesentlich bessere Bedingungen üblich. Um Druck aufzubauen, wollte Verdi nach eigenen Angaben mit den Streiks insbesondere die pünktliche Auslieferung des Fußballspiels Fifa 18 verhindern. Amazon hatte die Lieferung am Erscheinungstag versprochen, und Verdi schrieb dazu auf ihrer Website: „Das wollen wir in Frage stellen.“

Natürlich ist es Amazon ein Leichtes, solche bankrotten Bemühungen auszuhebeln. Dafür muss der Online-Händler nur, wie üblich, die Standorte in unterschiedlichen Ländern gegeneinander ausspielen. So wurden auch beim jüngsten Streik wieder die Arbeiter in Polen gezwungen, Sonderschichten zu fahren, um die Wirkung des Arbeitskampfs in Deutschland zu unterlaufen und die Produkte pünktlich auszuliefern.

Die Vierte Internationale kämpft darum, die Amazon-Arbeiter unabhängig von den Gewerkschaften international zusammenzuschließen und für eine revolutionäre Politik zu mobilisieren. Dazu gibt die WSWS den Online Newsletter International Amazon Workers Voice speziell für Beschäftigte von Amazon heraus und bietet auf Facebook die Möglichkeit, sich international zu vernetzen und politisch zu informieren. Wie es dort heißt, geht es darum, dass Arbeiter den Kampf gegen Krieg und Diktatur in ganz Europa und weltweit gemeinsam aufnehmen.