50 Jahre seit dem Mord an Che Guevara

Plus die Wiederveröffentlichung des Vortrags „Fidel Castro und kleinbürgerlich nationalistische Politik“

Von Bill Van Auken
20. Oktober 2017

Am 9. Oktober jährte sich der Mord an Ernesto Che Guevara, dem in Argentinien geborenen Guerillaführer und Revolutionskämpfer von Kuba 1959, zum fünfzigsten Mal. Er war 1967 in Gefangenschaft geraten, nachdem er elf Monate lang vergeblich versucht hatte, in Bolivien einen Guerillakrieg zu entfachen.

Die Medien haben den Jahrestag mit großer Aufmerksamkeit bedacht und in Kuba, Bolivien und anderswo wurden feierliche Reden gehalten. Ein großer Teil der Aufmerksamkeit diente jedoch dazu, die politische Bedeutung von Guevaras Leben und Tod bewusst zu verschleiern, und Guevaras damalige Anhänger nutzen die Gelegenheit, um ihre heutige reaktionäre Politik und ihre Verrätereien hinter einem linken Deckmantel zu verbergen.

Die New York Times brachte zum Jahrestag einen längeren Feature-Artikel, in dem auch Augenzeugen von Che’s Gefangennahme und Ermordung durch bolivianische Soldaten zu Wort kamen. Bezeichnenderweise wurde jedoch die Anwesenheit des CIA-Agenten Felix Rodriguez bei Guevaras Ermordung nicht erwähnt. Rodriguez, ein Teilnehmer der Invasion in der Schweinebucht, hatte den Auftrag, den Guerillaführer zu jagen und gefangen zu nehmen. Später nahm Rodriguez auch an der Operation Phoenix teil, der Mordkampagne in Vietnam, und an der Iran-Contra-Affäre. Dieser professionelle Killer hat einmal ausgesagt, er habe die Absicht gehabt, den Guerilla-Führer nach Panama zu entführen und zu verhören (und zweifellos auch zu foltern). Aber die Anweisung, ihn zu töten, sei von ganz oben, aus der bolivianischen Armeeführung, gekommen.

Das Versäumnis, Rodriguez‘ Namen zu nennen, kann man nur als Geschichtsrevisionismus bezeichnen, eine harmlose Erklärung gibt es dafür nicht. Der Versuch, die CIA aus diesem kriminellen Mordkomplott herauszuhalten, ergibt sich aus den engen Beziehungen zwischen der Times und dem amerikanischen Geheimdienstapparat.

In Lateinamerika hat man den Jahrestag auf unterschiedliche Weise begangen. Besonders heuchlerisch und absurd war die Entscheidung der korrupten Abgeordneten im Parlament von Mexiko, eine Schweigeminute einzulegen. Der Vorschlag stammte von einem führenden Mitglied der Partei der Demokratischen Revolution (PRD). Die gleiche Partei war vor drei Jahren tief in die Entführung und Ermordung der 43 Lehrerstudenten von Ayotzinapa verwickelt.

In Bolivien beging Staatschef Evo Morales den Jahrestag, indem er dem Ort, wo Che Guevara ermordet worden war, einen Besuch abstattete und dort in einem Zelt übernachtete. Er nutzte die Show, um seiner Kampagne für eine vierte Amtszeit als Präsident Nachdruck zu verleihen. 2016 hatten ein Referendum und zahlreiche Demonstrationen seinen Versuch vereitelt, die in der Verfassung festgelegte Begrenzung der Amtszeit des Präsidenten aufzuheben. Die Morales-Regierung, ein Produkt der so genannten „Linkswende“ in Lateinamerika, die in den späten 1990er Jahren begonnen hatte, befindet sich in einem wachsenden Konflikt mit der Arbeiterklasse.

In Kuba fand die zentrale Gedenkveranstaltung in Santa Clara statt, wo das Mausoleum mit Che Guevaras Gebeinen steht. Sie wurden 1997 von Bolivien nach Kuba überführt. Die Hauptrede hielt dort Miguel Diaz-Canel, Vizepräsident des kubanischen Staats- und Ministerrats und wahrscheinlicher Nachfolger des 86-jährigen Präsidenten Raul Castro, der nächstes Jahr zurücktreten will. Diaz-Canel bezeichnete Guevara als weltlichen Heiligen und Inspiration für die Jugend, der „die Heiligkeit von Studium, Arbeit und Pflichterfüllung“ betont habe.

Er sagte, Che Guevara habe gelehrt, dass „dem Imperialismus nicht zu trauen ist, auch nicht so viel“, und er fügte hinzu, die jüngsten Erfahrungen hätten dies bestätigt. Er sprach offenbar über Donald Trumps neueste Manöver, um die Annäherung zwischen der Obama- und der Castro-Regierung rückgängig zu machen. Als Folge des Versuchs, ihre privilegierte Position durch Annäherung an den US-Kapitalismus zu festigen, befindet sich Kubas herrschende Elite in der Krise.

In Venezuela ist Präsident Maduro mit der tiefsten Wirtschaftskrise der Landesgeschichte, einem Korruptionsskandal, wachsender Feindschaft der Bevölkerung und einer drohenden amerikanischen Intervention konfrontiert. Er verkündete zum Jahrestag: „Wir Revolutionäre, die wir Anhänger Guevaras und Chavez‘ sind, können heute sagen, dass vor fünfzig Jahren nicht ein Mann gestorben, sondern ein Mythos geboren wurde.“

Weder Maduro noch ein anderer Redner hat sich die Mühe gemacht, allzu tief in den tatsächlichen Inhalt des „Mythos“ einzutauchen. Diesen Mythos haben nicht nur bürgerliche und kleinbürgerliche Nationalisten in Lateinamerika hochgehalten, sondern auch zahllose kleinbürgerliche und pseudolinke Gruppen in Europa und Nordamerika, und ganz besonders die revisionistische pablistische Tendenz, die mit der Vierten Internationale gebrochen hat.

In ihrer Blütezeit übernahmen diese Tendenzen ganz offen das guevaristische Konzept, das darin bestand, dass kleine Banden vom Land her einen Guerilla-Krieg führen sollten. Das wurde als neuer Weg zum Sozialismus verkauft, der ohne die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse und ohne den Aufbau einer bewussten Führung und einer unabhängigen revolutionären Massenpartei auskommen sollte.

Der Versuch, diese rückwärtsgewandte Guerilla-Perspektive in die Tat umzusetzen, führte zu einer ganzen Reihe katastrophaler Niederlagen in Lateinamerika. Er isolierte eine breite Schicht revolutionärer Jugendlicher von der Arbeiterklasse und trug dazu bei, Militärdiktaturen zu etablieren, die jahrzehntelang an der Macht bleiben sollten.

Inzwischen haben sich die Nachfolger der pablistischen Gruppen, die in den 1960er und 1970er Jahren die Guerilla-Perspektive vertraten, längst weiterentwickelt: Sie sind in kapitalistische Regierungen eingetreten und unterstützen ganz offen imperialistische Regimewechsel-Operationen. Nur zur Abdeckung ihrer reaktionären Machenschaften versuchen einige von ihnen immer noch, Che’s Image auszuschlachten. Nicht eine dieser Gruppen hat auch nur versucht, eine ernsthafte Einschätzung von Che Guevaras tatsächlichem Erbe vorzulegen, ganz zu schweigen von einer Einschätzung ihrer eigenen abscheulichen Rolle.

Der folgende Vortrag zu diesen Fragen wurde im Januar 1998 nach dem 30. Jahrestag von Guevaras Tod gehalten, als die sterblichen Überreste des ermordeten Guerilla-Führers nach Kuba überführt wurden.

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Fidel Castro und kleinbürgerlich nationalistische Politik

Von Bill Van Auken

Dieser Vortrag wurde am 7. Januar 1998 auf der internationalen Sommerschulung der Socialist Equality Party (Australien) zum Thema Marxismus und die Grundprobleme des 20. Jahrhunderts in Sydney gehalten.

Zur Theorie der permanenten Revolution

Der sogenannte Castroismus war immer Gegenstand größter Verwirrung, nicht zuletzt wegen der revisionistischen Tendenz des Pablismus,[1] die sich in der Vierten Internationale herausgebildet hatte. Die Pablisten stellten Castros Politik als neuen Weg zum Sozialismus dar – und einige von ihnen tun das bis heute. Sie sehen in ihm den Beweis, dass auch ohne die bewusste Beteiligung der Arbeiterklasse eine sozialistische Revolution stattfinden und ein Arbeiterstaat errichtet werden könne.

Unter der Führung von Joseph Hansen in den USA und Ernest Mandel in Europa gaben die pablistischen Revisionisten den Kampf für revolutionäre Führung in der Arbeiterklasse auf und übertrugen die historischen Aufgaben des Proletariats auf die kleinbürgerlichen Nationalisten in den zurückgebliebenen Ländern. Damit trugen sie zu den schlimmsten Niederlagen der Arbeiterklasse in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bei.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat diese Vorstellungen unnachgiebig bekämpft und dabei die theoretischen und politischen Waffen verteidigt und weiterentwickelt, die der Marxismus bisher geschmiedet hatte. Die Grundfragen in dieser Auseinandersetzung berühren die zentralen Aufgaben der Marxisten überhaupt.

Unsere Bewegung hat jene bekämpft, die im Marxismus lediglich eine Methode sahen, um objektive Prozesse aufzudecken, diese zu beschreiben und sich daran anzupassen. Diese objektiven Prozesse waren angeblich unabänderlich und zwangen nicht-proletarische Kräfte zum Kampf für den Sozialismus. Wir verteidigten die Perspektive, dass der einzige Weg zum Sozialismus im Aufbau revolutionärer Parteien liegt, die sich auf das internationale Proletariat gründen und unermüdlich gegen die Vorherrschaft der Bürokratie und des Kleinbürgertums über die Arbeiterklasse kämpfen, egal wie mächtig oder populär diese scheinen mögen.

Nach 35 Jahren dürfen wir wohl die Frage stellen, wer in der Auseinandersetzung über Castro recht gehabt hat. Hat der Castroismus einen neuen Weg zum Sozialismus aufgezeigt, oder erwies er sich als Sackgasse, als Falle für die Arbeiter? Welche Folgen hatte es, dass die Pablisten die Rolle der Arbeiterklasse und ihrer bewussten revolutionären Führung ablehnten? Diese strategischen Erfahrungen wollen wir überprüfen und die Lehren daraus für die Arbeiterbewegung ziehen.

Ches Auferstehung

Ein passender Einstieg in unsere Analyse ist die Gedenkfeier zum 30. Jahrestag der Ermordung von Ernesto „Che“ Guevara, dem prominentesten Vertreter der Perspektive des Guerillakampfs, mit der man den Castroismus gemeinhin identifiziert. Wir haben in den letzten Monaten ein Che-Revival miterlebt, wie es der argentinische Guerillakämpfer in seinen schlimmsten Alpträumen nicht vorhergesehen haben mag.

Che wurde zum Objekt für den übelsten Kommerz, obwohl das seinem radikalen Image zu widersprechen scheint. Sogar sein Gesicht wurde zur Ware: Der Schweizer Uhrenkonzern Swatch lancierte ein „Revolutions“-Modell mit Ches Antlitz auf dem Ziffernblatt. Die bekannten Gesichtszüge wurden auch benutzt, um für Skier, Rockmusik und sogar Bier zu werben.

Die argentinische Regierung unter Carlos Menem, die in Washington wegen ihrer guten Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds hoch im Kurs steht und sogar den Golfkrieg aktiv unterstützte, hat eine Gedenkbriefmarke herausgebracht, um Che als „großen Argentinier“ zu würdigen.

Die Castro-Regierung ließ sich auch nicht lumpen. Die sterblichen Überreste von Che Guevara wurden mit großem Pomp aus Bolivien nach Kuba überführt. Seither organisiert die kubanische Regierung Che-Touren für ausländische Ex-Radikale und vermarktet T-Shirts und Modeschmuck mit Che-Guevara-Logos, was der krisengeschüttelten kubanischen Wirtschaft einige harte Devisen zuführen soll.

Woran liegt es, dass Che Guevara so leicht zu einer harmlosen, wenn auch profitablen Ikone gemacht werden kann? Die Qualitäten, die seine Bewunderer anführen, kennen wir: Mut, Selbstaufopferung und ein asketisches Leben, das er ganz für die Sache hingab. Dies können bewundernswerte Charakterzüge sein. Zweifellos stehen sie in starkem Kontrast zur vorherrschenden Gesellschaftsethik, die den Wert eines Menschen an der Dicke seiner Brieftasche misst. Aber diese Qualitäten sagen an und für sich noch nichts darüber aus, welche politischen Ziele und welche Klasse ein Mensch vertritt. Religiöse Sekten, ja sogar faschistische Bewegungen können manchmal „Märtyrer“ mit vergleichbaren Qualitäten aufweisen, obwohl sie sich für völlig reaktionäre Ziele einsetzen.

Eine sorgfältige Untersuchung von Guevaras Werdegang wird zeigen, dass seine politischen Vorstellungen nichts mit Marxismus zu tun hatten, und dass die Allheilmittel Guerillakrieg und bewaffneter Kampf, mit denen er identifiziert wurde, im Grunde gegen den revolutionären sozialistischen Kampf der Arbeiterklasse gerichtet waren.

Mitten im Che-Guevara-Boom sind einige neue Biographien über den Guerillaführer erschienen. Die des mexikanischen Autors Jorge Castaneda und die des Amerikaners John Lee Anderson bieten zwar keine marxistische politische Analyse, aber einen brauchbaren Einblick in Guevaras Laufbahn und in die kubanische Revolution.

Die detaillierte Darstellung von Ches Leben in diesen Büchern zeigt sehr klar, wie grenzenlos oberflächlich seine politische Perspektive war und zu welch tragischen Resultaten sie führte.

Neben diesen faktenorientierten Würdigungen findet man die neuerlichen Versuche verschiedener "linker" Tendenzen, Guevara als revolutionären Helden und großen Theoretiker darzustellen, dessen Beispiel man auch heute noch im Kampf gegen den Kapitalismus folgen könne. Anders als die Biographen haben diese Gruppen keine neuen Informationen oder Erkenntnisse zu bieten. Sie betrachten die glorreichen Tage des kleinbürgerlichen Radikalismus durch die rosarote Brille ihrer krankhaften Nostalgie, weil sie Guevaras wirkliche Politik und deren Konsequenzen nicht wahrhaben wollen.

Einige, wie die Socialist Workers Party in den USA,[2] plappern völlig kritiklos die offiziellen Gedenkreden der kubanischen Regierung nach. Andere, z. B. der alte Pablist Livio Maitan [3] in Italien oder die von Moreno begründete MAS in Argentinien,[4] versuchen die Sache nun so darzustellen, als hätte Guevara eine Art revolutionäre Alternative nicht nur zum Stalinismus, sondern auch zum Castro-Regime selbst verkörpert.

Die Moreno-Leute erinnerten vor kurzem in einer Erklärung über die kubanische Frage voller Begeisterung an Ches Slogan: „Schafft ein, zwei, viele Vietnams!“ und erklärten dazu: „Selbst wenn die Methoden zerstörerisch waren – das ausschließliche Guerillatum, die Isolation von der Massenbewegung, die Ablehnung des Aufbaus revolutionärer Arbeiterparteien – so brachte er doch die Notwendigkeit zum Ausdruck, die Revolution international auszuweiten.“ Wie man allerdings ein notwendiges revolutionäres Ziel mittels zerstörerischer Methoden erreichen kann, erklären uns die Morenisten nicht. Diese Tendenz hat sich, wie übrigens alle pablistischen Fraktionen, darauf spezialisiert zu entdecken, wie verschiedene Kräfte – sei es der Peronismus, der Stalinismus oder die Guerilla – den Kampf für den Sozialismus „zum Ausdruck bringen“.

Dieselben Morenisten hatten auch in dem kubanischen Diktator Fulgencio Batista einen natürlichen Kämpfer für Sozialismus erblickt, allerdings bevor er von Castro gestürzt wurde. Batista erklärten sie damals zum „Peron von Kuba“ und rechtfertigten damit, dass die kubanischen Arbeiter einem Aufruf von Castros „Bewegung des 26. Juli“ zum Generalstreik nicht folgten. Als Castro später jedoch gesiegt hatte, setzten sie sein Portrait neben jenes von General Peron in den Kopf ihrer Zeitung.

Ungeachtet der politischen Alchemie der Morenisten waren die zerstörerischen Methoden Guevaras ein getreues Abbild seiner politischen Perspektive – oder besser gesagt der Beweis, dass er überhaupt keine klare Perspektive hatte. Aber weder die Morenisten, noch eine andere pablistische Tendenz bemühten sich je, die Phänomene Castro und Guevara einer Klassenanalyse zu unterziehen, ihre historischen Wurzeln und ihre Entwicklung aufzudecken und eine Bilanz des vierzigjährigen Experiments Guerillakampf in Lateinamerika zu ziehen. Diese Aufgabe kann nur unsere Bewegung erfüllen, denn sie hat während dieser gesamten Zeit für die politische Unabhängigkeit und internationale Einheit der Arbeiterklasse gekämpft.

Proletarischer Sozialismus gegen kleinbürgerlichen Nationalismus

Eine solche Haltung lehnen die pablistischen Revisionisten wie alle kleinbürgerlichen Ex-Radikalen ab. Sie hoffen inbrünstig auf eine Auferstehung des Castroismus. Sie alle haben die Auftritte der nationalen Befreiungsarmee der Zapatistas in Chiapas, Mexiko, enthusiastisch gefeiert. Genauso applaudierten sie den Aktionen der Revolutionären Bewegung der Tupamaros, als diese vor gut einem Jahr die japanische Botschaft in Lima besetzte.

Unsere Bewegung hat sich an der Unterstützung für diese offenkundige Neuauflage von Guevaras Methoden nicht beteiligt und ist auch vor der hohlen Formel des „bewaffneten Kampfs“ nicht auf die Knie gefallen. Wir bekämpfen solche Vorstellungen schon seit langer Zeit, denn wir wissen, dass sie nicht das Streben des Proletariats, sondern kleinbürgerlichen Nationalismus verkörpern. Diese Methoden lösen die drängenden Probleme nicht, die mit dem Aufbau einer revolutionären Führung in der Arbeiterklasse verbunden sind. Sie leugnen die revolutionäre Rolle dieser Klasse und bringen radikalisierte Studenten, aber auch Arbeiter und Bauern, vom Kampf für den Sozialismus ab.

Die strategischen Probleme der sozialistischen Revolution, die Trotzki in seiner Theorie der permanenten Revolution dargelegt hat, werden nicht erhellt, sondern verdeckt. Parolen wie „Pflicht des Revolutionärs ist die Revolution“, „bewaffneter Kampf“, „Sieg im Volkskrieg“ geben keine Antwort darauf, welche Klasse die führende Rolle in der Revolution spielen wird, worin der Zusammenhang zwischen der Revolution in einem Land und der Weltrevolution besteht, und in welcher Beziehung der Kampf der Arbeiter und Unterdrückten in den zurückgebliebenen Ländern zu jenem der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern steht.

Hinter der radikalen Rhetorik haben diese Bewegungen jedoch ihre feste Meinung über alle diese Fragen. Für sie gilt ohne Ausnahme, dass sie den unabhängigen revolutionären Kampf des Proletariats nicht zulassen können und die ganze unterdrückte Bevölkerung den Bedürfnissen der nationalen Bourgeoisie unterordnen müssen. In diesem Sinn sind sie, egal wie radikal sie auftreten mögen, im Grunde eine der letzten Bastionen des Imperialismus gegen die sozialistische Revolution. Wenn man diesen Wesenszug des kleinbürgerlichen Nationalismus und der Guerilla kennt, so kann man leicht verstehen, warum der Imperialismus sich Che Guevaras Image mit solcher Leichtigkeit bedient.

Man braucht nur aufmerksam die Politik der peruanischen MRTA und der mexikanischen Zapatistas zu verfolgen, um in ihrer Haltung zum Imperialismus eine Abart aller bürgerlich nationalistischen Regimes wiederzufinden. Die Tupamaros besetzten die japanische Botschaft, um den japanischen Imperialismus zu zwingen, Druck auf die Fujimori-Regierung auszuüben. Das eigentliche Ziel dieser Gruppe, das sie einigen Geiseln mitgeteilt hatte, bestand jedoch darin, ein Abkommen zu erzwingen, das sie aus einer bewaffneten Bewegung in eine legale kleinbürgerliche Partei verwandelt hätte.

Was die Zapatistas angeht, so erfreuten sie sich allgemeiner Beliebtheit, gerade weil sie von Anfang an alle revolutionären Mittel ablehnten. Die nebulösen Forderungen des Subkommandante Marcos verlangten mehr Demokratie, Abschaffung der Korruption und kulturelle Rechte für die indianischen Ureinwohner. Diese Forderungen werden heute von vielen unterstützt, nicht nur von der kleinbürgerlichen Linken, sondern auch von einem Teil der herrschenden PRI und sogar der rechten Oppositionspartei, der PAN. Weit davon entfernt, den mexikanischen Arbeitern und unterdrückten Bauern einen revolutionären Ausweg zu zeigen, haben sich Marcos und die Zapatistas als ein Instrument entpuppt, mit dem alte politische Rechnungen innerhalb der mexikanischen Bourgeoisie beglichen werden sollen.

Die politische Rolle des Kleinbürgertums

Was verstehen wir unter dem Begriff „kleinbürgerliche Nationalisten“? Dies ist kein politisches Schimpfwort, das Marxisten ihren Gegnern ins Gesicht schleudern. Es ist eine wissenschaftliche Definition typischer Klasseninteressen und –methoden. So zeigten Marx, der sich auf die Erfahrung von 1848 stützte, und Trotzki in seiner permanenten Revolution, dass die Mittelklasse zu keiner unabhängigen und konsequenten politischen Aktion fähig ist. Ihre Unbeständigkeit ist eine Widerspiegelung ihrer gesellschaftlichen Zwischenstellung. Zwischen den beiden Hauptklassen der Gesellschaft eingeklemmt und beständig in Ausbeuter und Ausgebeutete aufgespalten, ist sie gezwungen, sich einer der beiden Klassen anzuschließen – entweder dem Proletariat oder der Bourgeoisie.

In der Nachkriegszeit schuf der Imperialismus mit der Mittelklasse eine neue gesellschaftliche Schicht, von der er bald selbst abhängig wurde. In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern bestand sie aus Funktionären in den Regierungen, den Konzern-Chefetagen, den wachsenden Massenmedien und den Verwaltungen der neugeschaffenen „sozialen Marktwirtschaft“. Eine vergleichbare Schicht tauchte auch in den unterdrückten Ländern auf, und bei der Entkolonialisierung übertrug man dieser Schicht die Macht.

Natürlich waren die Aufstiegschancen dieser sozialen Schicht in Lateinamerika, wie in allen vom Imperialismus beherrschten Teilen der Welt, weit geringer als in den hochindustrialisierten Ländern. Tausende Studenten schlossen ihr Universitätsstudium ohne Berufsaussichten ab. Und auch jene, die eine Stelle fanden oder versuchten, von einem Kleinunternehmen zu leben, erreichten einen nur wenig höheren Lebensstandard als die Durchschnittsarbeiter. Diese soziale Schicht bildete die wichtigste Grundlage für die kleinbürgerlich-nationalistische Politik.

Es gab also eine objektive Klassengrundlage für die Entstehung der pablistischen Theorie einer „neuen Weltrealität“, in der der Kampf für Sozialismus nicht mehr von der Arbeiterklasse und ihrer bewussten revolutionären Avantgarde geführt werden musste, weil das radikalisierte Kleinbürgertum nun diese Aufgabe übernahm. Letztlich reflektierten die revisionistischen Formulierungen sowohl das Streben dieser besonderen Gesellschaftsschicht, als auch das Bedürfnis des Imperialismus nach einem Puffer zwischen sich und der Gefahr einer proletarischen Revolution.

Die Wurzeln der kubanischen Revolution

Wie jedes große Ereignis hatte die Revolution, die Fidel Castro 1959 führte, tiefe Wurzeln in der vorangegangenen Entwicklung. Diese historischen Wurzeln, die im allgemeinen von den Pablisten und kleinbürgerlichen Linken, die Castro bejubeln, außer acht gelassen werden, muß man untersuchen, wenn man den Klassengehalt und die politische Bedeutung Castros verstehen will.

Kubas Geschichte wurde wesentlich durch den verkümmerten Charakter seines Unabhängigkeitskampfes geprägt. Mit der Unabhängigkeit hatte sich Kuba nämlich lediglich aus einem Besitz des maroden spanischen Kolonialreichs in eine wirtschaftliche und politische Halbkolonie der aufsteigenden Vereinigten Staaten verwandelt. Die USA intervenierten 1898 nach einem dreißigjährigen Unabhängigkeitskrieg in Kuba. Die Intervention war kurz und durchschlagend. Man nahm den Spaniern im Abkommen von Paris ihre Kolonien ab. Es war ein Abkommen, an dem die Kubaner selbst nicht teilhatten.

Aus diesem Abkommen ging die sogenannte Platt Amendment Republic hervor. Das Gesetz namens „Platt Amendment“ wurde nach dem US-Senator benannt, der es entworfen hatte. Es wurde in Washington beschlossen und danach der ersten Verfassung von Kuba als Zusatz angehängt. Es verbot der formell unabhängigen Republik Kuba, sich an irgendeinem internationalen Abkommen zu beteiligen, das die Interessen der Vereinigten Staaten berühren konnte. Außerdem garantierte es den USA das Recht militärisch zu intervenieren „zur Erhaltung der kubanischen Unabhängigkeit, zur Verteidigung einer Regierung, die den Schutz von Leben, Eigentum und individueller Freiheit garantiert, und zur Erfüllung der Pflichten, die der Vertrag von Paris Kuba auferlegt hat“. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sollten die USA mehrfach von diesem „Recht“ Gebrauch machen.

Kubas Abhängigkeit vom US-Imperialismus ging weit über das hinaus, was im Platt-Amendment niedergelegt worden war. Vor allem war Kubas Export von Rohzucker völlig auf den US-Markt angewiesen. Mit Zucker erzielte die Insel den größten Teil ihrer Exporteinnahmen, und sie belieferte fast ausschließlich die Vereinigten Staaten. Die Zucker-Monokultur verurteilte die Mehrheit der Bevölkerung zu Rückständigkeit, Armut und chronischer Arbeitslosigkeit.

Die politischen und sozialen Beziehungen, die in Kuba vorherrschten, hingen damit zusammen, dass der bürgerlich demokratische Kampf um nationale Unabhängigkeit nie zu Ende geführt worden war. Obwohl Kuba ein besonders krasser Fall war, stand es doch als Halbkolonie nicht allein da.

Die Vierte Internationale hatte schon zu Beginn des zweiten Weltkriegs gewarnt: „... verspätete Nationalstaaten [können] nicht mehr auf eine unabhängige demokratische Entwicklung hoffen... Vom verfallenden Kapitalismus umgeben und im Netz imperialistischer Gegensätze gefangen, wird die Unabhängigkeit eines zurückgebliebenen Staates notwendigerweise halb fiktiv sein, und unter dem Einfluss innerer Klassengegensätze und äußeren Drucks wird das politische Regime unweigerlich zu einer Diktatur gegen das Volk herabsinken...“[5]

Eine weitere Erklärung, geschrieben im gleichen Jahr, betonte, dass die imperialistische Unterdrückung nur durch die sozialistische Weltrevolution beendet werden könne. „Die Hoffnung der kolonialen Völker auf Befreiung ist deshalb noch eindeutiger als je zuvor mit der Emanzipation der Arbeiter der ganzen Welt verbunden. Die Kolonien werden nur dann politisch, ökonomisch und kulturell frei werden, wenn die Arbeiter der industrialisierten Länder der kapitalistischen Herrschaft ein Ende setzen und gemeinsam mit den zurückgebliebenen Völkern beginnen, die Weltwirtschaft auf einer neuen Grundlage zu reorganisieren, entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen und nicht den Profiten der Monopole.“[6]

Wie wir noch sehen werden, hat die weitere Geschichte Kubas diese These bestätigt, jedoch im Negativen. Ohne gemeinsamen internationalen Kampf hat die Arbeiterklasse keine Chance auf wirkliche wirtschaftliche, politische und kulturelle Befreiung.

Die Beziehungen zwischen den USA und Kuba brachten eine bürgerliche politische Kaste hervor, die für ihre Impotenz, ihre extreme Korruption und ihre permanente Gewaltanwendung berüchtigt war. Die US-Dominanz über die Wirtschaft und die Tatsache, dass in der Klasse der Unternehmer und Landbesitzer Ausländer die erste Geige spielten, schuf einen kubanischen Nationalismus, für den ein extremer Anti-Amerikanismus und sogar fremdenfeindliche Züge typisch waren.

Es gab jedoch auch eine andere Perspektive. 1925 wurde die kubanische Kommunistische Partei gegründet, die sich der Dritten Internationale anschloss. Ihr prominentester Führer war Julio Antonio Mella, ein Jurastudent, der in den frühen zwanziger Jahren die Bewegung für eine Universitätsreform anführte und versuchte, die Studenten den Arbeitern zuzuwenden. Mella und seine Genossen führten den Kampf gegen die Diktatur von Gerardo Machado, den Mella als „tropischen Mussolini“ bezeichnete. Vom Diktator ins Gefängnis geworfen, wurde Mella auf Druck des Volkes befreit und floh darauf aus dem Land. Er reiste in die Sowjetunion, nach Europa und schließlich nach Mexiko. Hier brach er 1929 mit der Kommunistischen Partei und erklärte seine Unterstützung für Trotzkis Kampf gegen die stalinistische Bürokratie. Kurz darauf wurde er umgebracht.

Mella war aus einer breiten Bewegung kubanischer Studenten und Intellektuellen gekommen, die das korrupte politische System auf Kuba ändern und die Vorherrschaft der USA abschaffen wollten. Aber er lehnte die vorherrschenden nationalistischen Auffassungen ab und machte sich die Perspektive des proletarischen Internationalismus zu Eigen.

Dass die Arbeiter diese Perspektive nicht übernehmen konnten und auf dieser Grundlage ihre eigene Lösung für Kubas historische Probleme finden konnten, dafür sorgte der Stalinismus. Daher kann man sagen, dass der Stalinismus den Weg für den Aufstieg Fidel Castros bereitet hat, und zwar lange, bevor dieser selbst und die kubanische Kommunistische Partei auch nur an eine Zusammenarbeit dachten. Der Stalinismus unterdrückte die Perspektive Mellas und der ersten Generation der kubanischen Marxisten, und das begünstigte den radikalen kleinbürgerlichen Nationalismus.

Zu Beginn dieser Vortragsreihe hat David North bereits betont, dass Geschichte sich nicht nur mit dem beschäftigt, „was geschah“ und „wer siegte“, sondern auch mit den möglichen Alternativen und deren Konsequenzen.[7] Was wäre geschehen, hätte die Linke Opposition gesiegt? Die gleiche Frage können wir auch in Bezug auf Kuba stellen. Natürlich gibt es Grenzen, und man kann zum Beispiel nicht mit Sicherheit sagen, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt eine sozialistische Revolution stattgefunden hätte, wenn es in Kuba eine wirklich kommunistische Partei gegeben hätte. Was wir jedoch mit Bestimmtheit sagen können ist, dass der Aufstieg der besonderen Tendenz, die als Castroismus bekannt wurde, unmöglich gewesen wäre, hätte es eine wirklich revolutionäre Partei der Arbeiterklasse anstelle des korrupten Apparats des kubanischen Stalinismus gegeben.

Als die stalinistische Degeneration der Kommunistischen Partei in Kuba schon weit fortgeschritten war, wurde das Land von einer tiefgehenden revolutionären Krise erschüttert. 1933 brach ein landesweiter Aufstand aus, der den Diktator Machado zwang, aus dem Land zu flüchten. Der Höhepunkt dieser Bewegung war ein Generalstreik der Arbeiterklasse, bei dem die Fabriken, Zuckerfabriken und Plantagen besetzt wurden. Als der Generalstreik sich ausdehnte und an Stärke zunahm, gab die stalinistische Partei, die auch die Gewerkschaften beherrschte, die Order, wieder an die Arbeit zurückzukehren, weil der Streik sonst eine Intervention der USA provozieren würde. Während die breite Mehrheit der Arbeiter diesen Aufruf noch ignorierte, nahm die KP insgeheim Gespräche mit Machado auf und erreichte Zugeständnisse für ihre Partei als Belohnung für den Fall, dass es ihr gelingen sollte, den Streik abzuwürgen.

Dieser Deal, kurzlebig nur wegen Machados folgender Flucht ins Exil, wurde in den folgenden 25 Jahren für die KP zum typischen Verhaltensmuster. Die Stalinisten übten weiterhin die Kontrolle über die Arbeiterbewegung aus, während sie eine Reihe von Allianzen mit konservativen bürgerlichen Parteien und selbst Militärregimes eingingen. Schließlich beteiligten sie sich in den vierziger Jahren sogar an der Regierung des starken Mannes von Nordamerikas Gnaden, Fulgencio Batista.

Castro und seine Ideologie

Da der Stalinismus wegen seiner Zusammenarbeit mit den rechten Parteien und der Diktatur allgemein verachtet wurde, machten sich die kleinbürgerlich nationalistischen Elemente die Rhetorik des Anti-Imperialismus und der sozialen Revolution zu eigen. Darin taten sich besonders die Studenten der Universität von Havanna hervor. Aus diesem Treibhaus ging auch Fidel Castro hervor.

In eine spanische Landbesitzerfamilie hineingeboren, begann sich Castro als Jesuitenschüler für Politik zu interessieren. Er geriet unter den Einfluss spanischer Priester, die den Franco-Faschismus unterstützten. Er las sämtliche Werke von Jose Antonio Primo de Rivera, dem Gründer der spanischen Falange, und fühlte sich, wie seine damaligen Klassenkameraden bezeugen, stark zum Faschismus hingezogen. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren beteiligte sich Castro an den Aktionen der bewaffneten Studentenbanden, die die Universität von Havanna kontrollierten. Die Ideologie dieser Banden war sowohl nationalistisch als auch ausdrücklich antikommunistisch.

Castro nahm den Kampf gegen Batista als Mitglied der bürgerlichen Ortodoxo-Partei auf. 1952 kandidierte er für das kubanische Parlament, aber Batistas Putsch im selben Jahr machte einen Strich durch seine parlamentarischen Ambitionen. Darauf begann er, gemeinsam mit einer kleinen Schar Anhänger bewaffnete Aktionen zu organisieren. Im Juli 1953 führte er einen Angriff auf die Kaserne der Moncada-Armee. Sämtliche 200 Teilnehmer wurden entweder getötet oder gefangengenommen.

Castros Aktionen waren nichts Besonderes. In dieser Zeit führten die verschiedensten Gruppen und kleinbürgerlichen Fraktionen Angriffe auf Kasernen durch oder planten Attentate; sogar die Erstürmung von Batistas Palasitischen Erklärungen der Zeit vor der Revolution von 1959 gibt es kaum etwas, was ihn von der üblichen, gegen Batista gerichteten Politik des kubanischen Nationalismus unterschieden hätte. Seine bekannte Verteidigungsrede im Moncada-Prozeß – „Die Geschichte wird mich von Schuld freisprechen“ – bestand in einer Verurteilung der Unterdrückung durch die Diktatur und einigen recht zahmen Forderungen nach demokratischen Reformen.

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt ging Castro nach Mexiko. Von hier aus setzte er Ende 1956 mit rund achtzig Männern nach Kuba über, aber die Landung geriet, wie schon der Moncada-Überfall, zum Desaster; kaum ein Dutzend Männer überlebten den Zusammenstoß mit den Batista-Truppen. Und dennoch eroberte Castro nur zwei Jahre später die Macht.

Ihm und seiner Guerilla fiel die Macht buchstäblich in die Hände, da es keine andere glaubwürdige politische Kraft auf der Insel gab. Dieses politische Vakuum war vor allem durch die völlige Abwesenheit einer revolutionären Führung in der kubanischen Arbeiterklasse entstanden. Wie beschränkt Castros Reformismus auch war, seine soziale Politik war weitaus radikaler, als jene der Stalinisten. Darüber hinaus hatten seine bewaffneten Aktionen, so begrenzt sie waren, breite Popularität gewonnen, weil zur gleichen Zeit die kubanischen Stalinisten als Komplizen der Diktatur galten.

Castro hatte ursprünglich die Absicht, mit den USA zusammenzuarbeiten. Auf seiner ersten Reise in die Vereinigten Staaten, vier Monate nach seinem Machtantritt, erklärte er folgendes: „Ich habe klar und deutlich gesagt, dass wir keine Kommunisten sind. Unsere Tore stehen für private Investitionen offen, die zur Entwicklung der Industrie in Kuba beitragen werden. Es ist uns absolut unmöglich, Fortschritte zu machen, wenn wir nicht ein gegenseitiges Einvernehmen mit den Vereinigten Staaten erreichen können.“

Castros Bewegung hatte sich allerdings zu einer begrenzten Agrarreform verpflichtet. Außerdem führte sie soziale Maßnahmen im Interesse der kubanischen Bevölkerung durch. Sie hatte in den ersten Monaten eine Umverteilung des ungenutzten Landes, die Senkung der Mieten, die Erhöhung der Löhne und verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Bildung und des Gesundheitswesens angeordnet. Davon wollte Washington nichts wissen.

Die USA versuchten, Castro mit unverhülltem wirtschaftlichem Druck zu disziplinieren. Darauf schaukelte sich der Konflikt mit der kubanischen Regierung immer mehr in die Höhe, die USA kürzten die Exportquote für kubanischen Zucker, die wichtigste wirtschaftliche Lebensader des Landes, und weigerten sich schließlich, ihm Öl zu liefern. Die kubanische Regierung reagierte mit Verstaatlichung, erst von US-Eigentum und später auch von kubanischen Unternehmen. Schließlich wandte Kuba sich um Hilfe an die sowjetische Bürokratie.

Die Außenpolitik der USA war von strikter Ideologie und Rachsucht bestimmt. Großbritannien hatte auf ähnliche Entwicklungen völlig anders reagiert. Es hatte afrikanische politische Führer wie Nkrumah, Kuanda und Kenjatta trotz ihrer radikalen und sogar „sozialistischen“ Rhetorik umworben. Auf diese Weise hielt der britische Imperialismus seinen Einfluss aufrecht und sicherte sich seine Interessen in Afrika.

Ironischerweise erwiesen sich die Arroganz und Dummheit der USA als die wichtigsten Stützen für die vierzigjährige Herrschaft Fidel Castros. Sie erlaubten ihm, sich als Vorkämpfer des kubanischen Nationalismus darzustellen und jede Opposition als Instrument des Yankee-Imperialismus zu verunglimpfen.

Als sich Castro Moskau zuwandte, schmiedete er auch eine Allianz mit den kubanischen Stalinisten. Diese Wende wurde von den Pablisten und allen kleinbürgerlichen Linken bejubelt. Sie sahen darin einen Beweis für die Radikalisierung der Revolution und deren sozialistischen Charakter. Es war nichts dergleichen. Wie wir gesehen haben, war die Sozialistische Volkspartei (PSP) von Kuba, wie die Stalinisten sich jetzt nannten, zu einer durch und durch reaktionären und diskreditierten politischen Kraft geworden. Sie war Bestandteil des bürgerlichen politischen Establishments in Kuba und hatte sogar dem Batista-Regime treu gedient.

Als Castro sich so unerwartet an der Spitze der Macht wiederfand, war es für ihn eine blanke Notwendigkeit, sich an die PSP zu wenden. Er hatte weder eine Partei, noch ein Programm, nicht einmal eine richtige Armee. Die kubanischen Stalinisten verschafften ihm einen Apparat und eine Ideologie, mit deren Hilfe er herrschen konnte.

Ergo schrieb Castro seine eigene politische Vergangenheit um und behauptete, er sei lange vor dem Putsch Batistas ein „Marxist-Leninist“ geworden, wenn auch „kein richtiger“ Kommunist. Seine sämtlichen politischen Abenteuer – von seinen Eskapaden mit den bewaffneten antikommunistischen Banden der Universität bis hin zu seiner Kandidatur für eine bürgerliche Partei – wurden nun als rein taktische Initiativen dargestellt, die die Bedingungen für eine sozialistische Revolution schaffen sollten.

Was zog Castro und auch andere links-bürgerliche Nationalisten am „Marxismus-Leninismus“ an? Natürlich suchten sie in ihm keine wissenschaftliche Perspektive, um den Kampf für die soziale und politische Emanzipation der Arbeiterklasse zu fördern. Dennoch war es nicht bloß ein Vorwand, um Unterstützung aus Moskau zu gewinnen.

Man sah im Marxismus-Leninismus, wie ihn der Stalinismus lehrte, eine Politik, die mit Hilfe des Staates erwünschte Veränderungen der Gesellschaftsordnung durchsetzen konnte. Er lieferte ihnen überdies die Rechtfertigung für ihre eigene uneingeschränkte Kontrolle über diesen Staat, in dem eine allgewaltige „revolutionäre Partei“ herrschte, die von einem unfehlbaren und unersetzlichen nationalen Führer geleitet wurde. Es sei daran erinnert, dass selbst Tschiang Kaischek seine Partei, die Kuomintang, nach dem Muster umformte, das er vom Stalinismus erlernt hatte.

Der Mythos des Guerillakampfs

Wie buchstäblich alle nationalistischen Regime und Tendenzen der Nachkriegszeit stützte sich der Castroismus auf eine Kombination von Legenden über seine eigene politische Herkunft und Entwicklung. Eine solche Mythenbildung ist angesichts des Klassencharakters dieser Bewegungen unvermeidlich. Sie stützen sich alle auf das Kleinbürgertum und die nationale Bourgeoisie, obwohl sie behaupten, die Interessen der unterdrückten Massen zu vertreten.

Einmal an die Macht gekommen, schilderten Castro und seine Leute ihren Sieg als ausschließliches Ergebnis des bewaffneten Kampfes, den die Guerilla in den Bergen der Sierra Maestre ausgefochten hatte, als militärischen Sieg über den Imperialismus und die einheimische Bourgeoisie, erkämpft nur durch den Willen und die Entschlossenheit einer zahlenmäßig unterlegenen Kraft. Kaum einen Monat nach dem Sturz der Batista-Diktatur schrieb Che Guevara:

„Wir haben bewiesen, dass eine kleine Gruppe von entschlossenen Männern, die die Unterstützung des Volkes haben und den Tod nicht fürchten... eine ganze Armee besiegen kann... Eine weitere Lehre für unsere Brüder in [Latein-]Amerika, die wirtschaftlich auf der selben Stufe stehen wie wir, besteht darin, dass wir Agrarrevolutionen durchführen müssen, auf den Feldern, in den Bergen kämpfen müssen, und von dort her die Revolution in die Städte tragen müssen, und nicht umgekehrt.“

Dieses Konzept, das die offizielle Erklärung der kubanischen Revolution wurde, stellte eine gründliche Verfälschung der tatsächlichen Ereignisse dar. Im Laufe der sechs Jahre der Batista-Herrschaft waren 20.000 Kubaner im Kampf gegen die Regierung ermordet worden; 19.000 von ihnen hatten in Kubas Städten den Tod gefunden. Sabotageakte, politische Streiks und andere Formen des Widerstandes, die zumeist außerhalb von Castros „Bewegung des 26. Juli“ stattfanden, waren weit verbreitet und besiegelten letztlich das Schicksal des Regimes.

Zu Castros Guerilla zählten höchstens ein paar tausend Männer. Es gab keine militärischen Entscheidungsschlachten, und an der größten Auseinandersetzung waren 200 Guerilleros beteiligt. Batista hatte bereits die Unterstützung sowohl der kubanischen Bourgeoisie – von der ein beträchtlicher Teil Castro unterstützte – als auch Washingtons verloren, die USA hatten ein Waffenembargo über sein Regime verhängt. Seiner wichtigsten Stützen beraubt, zerfiel das Regime schnell.

Innerhalb Kubas diente der Mythos, Castros Guerilleros hätten sowohl den US-Militarismus als auch die einheimische herrschende Klasse sozusagen mit bloßen Händen, nur durch ihre Kühnheit und militärische Tapferkeit besiegt, einem definitiven politischen Ziel. Er rechtfertigte ein Regime, das alle Hebel der staatlichen Macht unumstößlich in Castros Händen konzentrierte.

Der Mythos, den Castro und Guevara entwickelt hatten, wurde exportiert – mit katastrophalen Folgen. Der sogenannte kubanische Weg wurde in ganz Lateinamerika als einzig gangbare Form des revolutionären Kampfes propagiert. Tausende lateinamerikanische Jugendliche wurden mit dem Versprechen auf die Schlachtbank geführt, alles, was sie bräuchten, um Regierungen zu stürzen und die soziale Unterdrückung zu beenden, sei Mut und ein paar Gewehre.

Das bekannteste Buch von Guevara, „Guerra de Guerillas“ oder "Der Guerillakrieg", diente als Handbuch für diese zum Scheitern verurteilte Strategie. Es fasste „die drei großen Lehren des kubanischen Experimentes für die Mechanik der revolutionären Bewegung in Amerika“ (Guevara) zusammen:

1. Volkstruppen können einen Krieg gegen die Armee gewinnen.

2. Es ist nicht notwendig, dass alle Bedingungen für eine Revolution vorhanden sind; der aufständische Foco [Bezeichnung einer Guerilla-Einheit] kann diese auch künstlich herbeiführen.

3. In den unterentwickelten Ländern Amerikas muss der bewaffnete Kampf vor allem auf dem Lande ausgetragen werden.[8]

Die wenigen politischen Analysen dieser Schrift sind durchweg falsch. Die Entwicklung Lateinamerikas war bereits seit vielen Jahren in kapitalistischen Bahnen verlaufen. Die entscheidende Grundlage für die Unterdrückung in Lateinamerika war nicht, wie Guevara behauptete, der Großgrundbesitz (die Konzentration der Ländereien in den Händen einer kleinen Minderheit), sondern die kapitalistischen Beziehungen von Lohnarbeit und Profit. Schon zu der Zeit, als das Buch geschrieben wurde, erfuhr der Kontinent umfangreiche strukturelle Veränderungen, die zur Folge hatten, dass die Bevölkerung weiter proletarisiert wurde und eine massive Wanderbewegung vom Land in die Städte einsetzte.

Nichts davon wurde analysiert. Die revolutionäre Vorbereitung bestand darin, völlig impressionistisch das Land als günstige Arena für den bewaffneten Kampf herauszugreifen. Jene, die diesen Ratschlägen folgten, fanden sich schließlich im Dschungel und im Hinterland verloren, zum Einzelkampf verurteilt, und Mann für Mann wurden sie von den Berufsarmeen Lateinamerikas aufgerieben.

Immer und immer wieder fällt an Guevaras Politik auf, wie sehr er die Arbeiterklasse als revolutionäre Klasse zurückweist und die Fähigkeiten der Arbeiter und unterdrückten Massen geringschätzt, politisches Bewusstsein zu erlangen und den Kampf für ihre Befreiung in die eigenen Hände zu nehmen.

Obwohl er das flache Land als einzig mögliche Arena des bewaffneten Kampfs betrachtete, war er doch weit davon entfernt, die Bauern für soziale Forderungen zu mobilisieren. Che propagierte Gewaltanwendung vor allem, um dadurch „die Diktatur zu zwingen, selbst zu Gewalt Zuflucht zu nehmen und so ihren wahren Charakter als Diktatur der reaktionären Gesellschaftsklassen zu entlarven.“ Anders ausgedrückt war das Ziel der Guerilla, Repressionen gegen die Bauern zu provozieren, in der Hoffnung, diese würden dann den Kampf gegen die Regierung unterstützen.

Für einen solchen Kampf waren weder Theorie noch Politik erforderlich, geschweige denn eine aktive Intervention in die Arbeiterkämpfe. Es ist bezeichnend, dass Guevara darauf bestand, dass man in ganz Lateinamerika innerhalb der Guerilla alle politischen Kontroversen und Diskussionen beiseite lassen musste. Es war nur wichtig, dass sich alle über die Taktik des „bewaffneten Kampfes“ einig waren.

Das Fiasko von Guevaras Theorie

Wie vorauszusehen waren die Ergebnisse verheerend. Eine der ersten Guerillatruppen wurde von Che Guevara in seiner Heimat Argentinien aufgebaut, ihr Führer war der Journalist Jorge Masetti. Anderson liefert in seiner Che-Biographie eine besonders erschreckende Schilderung dieses Fiaskos. Die Guerilleros haben keinen einzigen Kampf erlebt. Einige verliefen sich in der Wildnis und sind dort offenbar verhungert. Andere fielen der Polizei in die Hände. Ehe die Gruppe auf diese Weise dezimiert wurde, hatte Masetti selbst angeordnet, dass drei ihrer Mitglieder wegen angeblicher Verstöße gegen die Disziplin exekutiert würden. Der Autor zitiert einen der Überlebenden dieses Debakels, der anmerkt, dass alle drei zum Tode verurteilten Männer Juden gewesen waren. Es stellte sich heraus, dass Masetti, ehe er sich dem Castroismus zugewandt hatte, Mitglied einer rechtsextremen nationalistischen und antisemitischen Organisation Argentiniens gewesen war.

Ches eigene Gruppe in Bolivien fand ein ähnliches Ende. Das Auffallendste an seinen dortigen Aktivitäten war seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber der sozialen und politischen Situation im Land selbst. Die Kupferbergarbeiter, die mächtigste Kraft der bolivianischen Revolution von 1951, traten wiederholt in Streik und wurden wenige Wochen vor Ches Ankunft in Kämpfe mit der Armee verwickelt. In seinem Tagebuch nahm er davon kaum Notiz, er vermerkte diese Ereignisse höchstens als Staffage für seine eigene Tätigkeit. Er hatte den bolivianischen Arbeitern weder Perspektive noch Politik zu bieten. Was die bolivianischen Bauern betraf, so bestand ihre Reaktion auf den Beginn des bewaffneten Kampfs nicht darin, die Guerilleros zu unterstützen, sondern sie eher dem Militär auszuliefern.

In Bolivien hatten die Castro-Leute mit Unterstützung seitens der moskautreuen kommunistischen Partei gerechnet. Diese Unterstützung stellte sich jedoch nicht ein, und viele warfen den Stalinisten und der Moskauer Bürokratie vor, sie hätten die Guerillakämpfer zu völliger Isolation verurteilt und vielleicht sogar den amerikanischen Geheimdienst mit Informationen über Ches Aufenthalt versorgt. Dies ist sehr wohl möglich. Der Generalsekretär der bolivianischen KP, Monje, war offensichtlich ein KGB-Agent, der kurz nach Guevaras Tod für immer nach Moskau umzog.

Aus der Biographie Castanedas geht hervor, dass alle großen kommunistischen Parteien Lateinamerikas von solchen Gestalten dominiert wurden, vielfach Männer, die an der Ermordung Leo Trotzkis im Jahr 1940 beteiligt gewesen waren. Er führt auch Dokumente aus den sowjetischen Archiven in Moskau an, die beweisen, dass diese Parteien mittels direkter Zahlungen aus Moskau finanziert wurden. Die Sowjetbürokratie finanzierte verlässliche politische Agenturen, deren Ziel die Unterstützung ihrer friedlichen Koexistenz mit Washington war.

Dennoch muss man schlussfolgern, dass ein solcher Verrat gar nicht unbedingt nötig war. Die Vorstellung, dass eine Revolution erfolgen würde, wenn man weniger als zwei Dutzend bewaffnete Männer in eine bestimmte Region schicken würde, zu der sie nicht die geringste Beziehung hatten, in der sie über keine Unterstützung verfügten und auch nicht zu gewinnen beabsichtigten, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Das ganze war ein ebenso lächerliches wie abenteuerliches Unterfangen. Ein Beispiel: In Guevaras letzten Tagen, als er mit seinen Leuten schon von den bolivianischen Truppen eingekesselt war, verfiel er auf den „Plan“, internationale Unterstützung anzufordern – indem er Briefe an Bertrand Russell und Jean Paul Sartre schrieb.

Kuba und die Vierte Internationale

In der Geschichte der Vierten Internationale erwies sich die kubanische Revolution als wichtiger Wendepunkt.

Nachdem die amerikanische Sektion, die Socialist Workers Party (SWP) 1953 den Kampf gegen den Pablismus geführt hatte, vereinigte sie sich zehn Jahre später wieder mit der wichtigsten pablistischen Tendenz unter Ernest Mandel. Diese Wiedervereinigung beruhte in erster Linie auf ihrer Einigkeit bezüglich des Castroismus und des kleinbürgerlichen Nationalismus. Die Verstaatlichung der wichtigsten Produktionsmittel in Kuba veranlasste sie zu der Schlussfolgerung, dass somit ein Arbeiterstaat entstanden sei. Darüber hinaus waren sie nun der Ansicht, dass der Castroismus eine internationale Tendenz werden könne, aus der eine neue revolutionäre Führung der Arbeiterklasse hervorgehen könne.

Die Konsequenzen dieser Perspektive reichten weit über Kuba hinaus. Wie Trotzki 1939-40 während der Diskussion über die Definition des Sowjetstaates betont hatte, steht hinter jeder soziologischen Definition eine historische Prognose. Die Charakterisierung Kubas als Arbeiterstaat beinhaltete einen Bruch mit der ganzen historischen und theoretischen Konzeption der sozialistischen Revolution seit Marx.

In Kuba war die Macht einer Guerillaarmee in die Hände gefallen, die ganz klar kleinbürgerlich nationalistische Züge aufwies, ohne irgend welche ernst zu nehmenden Verbindungen zu den Arbeitern zu haben. Die Arbeiter selbst hatten keine nennenswerte Rolle in der Bildung der neuen Regierung gespielt, noch hatten sie irgendein Mittel in der Hand, um eine demokratische Kontrolle über den neuen Staat auszuüben.

Solch ein Regime als „Arbeiterstaat“ zu bezeichnen, hatte enorme Auswirkungen. Es bedeutete, den gesamten Kampf der marxistischen Bewegung für die politische und organisatorische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse aufzugeben. Stattdessen hieß es, dass der Weg zum Sozialismus durch die Unterordnung der Arbeiterklasse unter den Nationalismus führe. Die Castro-Leute, die Guerilleros und die Nationalisten aus dem Kleinbürgertum würden die sozialistische Revolution durchführen, nicht etwa die von den Parteien der Vierten Internationale, ausgebildete und organisierte Arbeiterklasse. Dies war die zentrale historische Prognose die aus der soziologischen Definition der Pablisten folgte, die Kuba als Arbeiterstaat bezeichneten.

Die Perspektive, die Joseph Hansen von der SWP für Kuba ausarbeitete, fußte auf einer groben Verflachung des Marxismus. Er berief sich auf eine frühere Entscheidung der trotzkistischen Bewegung, auf China und die osteuropäischen Pufferstaaten die bedingte und gewissermaßen behelfsmäßige Definition „deformierte Arbeiterstaaten“ anzuwenden. Aber in jenen früheren Diskussionen hatte die SWP die Betonung auf das Adjektiv „deformiert“ gelegt, um deutlich zu machen, dass diese Staaten historisch nicht lebensfähig seien. Sie hatten Pablos Versuch zurückgewiesen, diese Definition als ein Mittel zu benutzen, um dem Stalinismus ein revolutionäres Potential zuzuschreiben.

Jetzt versuchte Hansen jedoch auf noch plumpere Weise als damals Pablo, zu beweisen, dass Kuba – in erster Linie durch seine Verstaatlichungen – einigen abstrakten Definitionen genüge, aufgrund derer es in die Kategorie „Arbeiterstaat“ falle. Zwar hatte die Arbeiterklasse die Revolution nicht gemacht und sie übte auch danach keinerlei Kontrolle über den Staatsapparat aus. Aber diese Tatsachen wurden nur als einige normative Kriterien betrachtet, denen Kuba nun einmal nicht entspreche. Dies beweise nur, dass noch viele Fortschritte möglich seien, vorausgesetzt, man ließe es nicht an der nötigen kritiklosen Unterstützung fehlen.

Wie Hansen damals schrieb: „Die kubanische Regierung hat noch keine demokratischen proletarischen Herrschaftsformen wie Arbeiter- und Bauernräte eingeführt. Sie hat sich jedoch auf ihrem Weg in Richtung Sozialismus als tendenziell demokratisch erwiesen. Sie zögerte nicht, das Volk zu bewaffnen und eine Volksmiliz aufzustellen. Sie hat allen Gruppierungen, die die Revolution unterstützen, freie Meinungsäußerung garantiert. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich wohltuend von den anderen nichtkapitalistischen Staaten, die sich mit dem Stalinismus besudelten.

Wenn sich die kubanische Revolution ungehindert entwickeln könnte, dann würden ihre demokratischen Formen zweifellos bald zur Schaffung proletarischer demokratischer Formen führen, die Kubas Bedürfnissen entsprächen. Einer der stärksten Gründe, die Revolution tatkräftig zu unterstützen, besteht daher darin, dieser Tendenz die maximale Entfaltungsmöglichkeit zu bieten.“[9]

Die kubanische Realität hatte jedoch recht wenig mit dem rosigen Szenario zu tun, das Hansen hier gezeichnet hatte. Die kubanischen Trotzkisten wurden zum Beispiel gnadenlos verfolgt, ihre Führer ins Gefängnis geworfen und ihre Presse zerschlagen. Was die Anzahl der politischen Gefangenen betrifft, so stand die Insel lange Zeit an der Spitze aller Länder der Welt. Unter den Gefangenen waren nicht wenige ehemalige Kampfgefährten Castros aus der „Bewegung des 26. Juli“.

Vom theoretischen Standpunkt aus war der trügerischste Aspekt in Hansens Plädoyer seine Behauptung, falls das Castro-Regime nur die Gelegenheit dazu erhalte, dann werde es schon „proletarisch demokratische Machtinstrumente“ schaffen, d. h. Arbeiterräte oder Sowjets, wie sie in der russischen Revolution gebildet worden waren.

Wirkliche Organe der Arbeitermacht werden aber nicht von oben durch ein Regime geschaffen oder gewährt, das aus kleinbürgerlichen Nationalisten besteht. Institutionen, wie sie von Castro, Gaddafi oder Saddam Hussein gebildet worden sind, waren zu keiner Zeit etwas anderes als Fassaden für bonapartistische Regimes. Wirkliche Arbeiterräte oder Sowjets können nur durch die Arbeiter selbst gegründet werden, als Mittel der Organisierung der Massen, die den Kapitalismus überwinden und einen neuen, proletarischen Staat schaffen.

Lenin und die Bolschewiki hatten nicht den Massen nach vollendeter Machteroberung gnädig die Sowjets gewährt, sondern den Kampf um die Macht mittels dieser Organe geführt. Geschaffen hatte sie das russische Proletariat selbst; sie waren ein Resultat des Klassenkampfs und des hohen, durch das jahrelange Wirken der russischen Marxisten erzeugten Klassenbewusstseins.

Die Pablisten waren der Ansicht, Castros Verstaatlichungen und seine eigene Erklärung, er sei Marxist-Leninist, entsprächen vollkommen der permanenten Revolution. In Wirklichkeit bestätigte Kuba die permanente Revolution tatsächlich, aber auf die gleiche Art, wie so viele andere unterdrückte Länder in der Nachkriegszeit, nämlich negativ. Das heißt, wo die Arbeiterklasse keine revolutionäre Partei hatte und aus diesem Grund unfähig war, der gesamten unterdrückten Bevölkerung eine Führung zu geben, waren die Vertreter der nationalen Bourgeoisie und der kleinbürgerlichen Nationalisten in der Lage, das Heft in die Hand zu bekommen und ihre eigene Lösung durchzusetzen.

Nasser, Nehru, Peron, Ben Bella, Sukarno, die Baathisten und etwas später die islamistischen Fundamentalisten im Iran und die Sandinistas in Nicaragua waren alle Beispiele dieses Prozesses. In allen diesen Fällen wurden Verstaatlichungen durchgeführt.

In einem Dokument, das die Socialist Labour League [10] 1961 an die SWP schickte, kritisierten die britischen Trotzkisten Hansens Lobhudelei für die kleinbürgerlich nationalistischen Führer scharf.

„Trotzkisten sind nicht dazu da, die Rolle solcher nationalistischer Führer aufzuwerten“, erklärten sie. „Diese verfügen nur deshalb über das Vertrauen der Massen, weil die sozialdemokratischen und besonders die stalinistischen Führungen verraten haben. Daher werden sie zu Puffern zwischen dem Imperialismus und den Arbeiter- und Bauernmassen. Die Möglichkeit wirtschaftlicher Hilfe aus der Sowjetunion versetzt sie oft in die Lage, gegenüber den Imperialisten höher zu pokern. Sie ermöglicht es den radikaleren Elementen unter den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Führern sogar, imperialistischen Besitz anzugreifen und größere Unterstützung bei den Massen zu gewinnen. Die entscheidende Frage für uns aber ist in jedem Fall, dass die Arbeiterklasse in diesen Ländern durch eine marxistische Partei ihre politische Unabhängigkeit herstellt, die arme Bauernschaft zum Aufbau von Sowjets führt und die notwendigen Verbindungen zur internationalen sozialistischen Revolution erkennt. In keinem Fall sollten Trotzkisten unserer Meinung nach diese Strategie durch die Hoffnung ersetzen, dass die nationalistische Führung sozialistisch werde.“[11]

Wer die spätere Degeneration der Workers Revolutionary Party [12] kennt, wird feststellen, dass diese Stelle eine unmittelbare Verurteilung der WRP-Linie selbst enthält, die kaum ein Jahrzehnt später von Healy, Banda und Slaughter in Bezug auf die PLO und verschiedene arabische Regimes eingeschlagen wurde. Dies zeigt nur die Aktualität der Analyse und die Tatsache, dass die revisionistischen Angriffe auf die Vierte Internationale durch objektive Klassenkräfte verursacht wurden. Nachdem die Führung der britischen Sektion den Kampf gegen den Pablismus aufgegeben hatte, musste sie ein Opfer derselben Klassenkräfte werden, die die SWP tödlich verwundet hatten.

Die Definition Kubas als Arbeiterstaat und seiner Revolution als neuer Weg zum Sozialismus bedeutete die Zurückweisung der gesamten Perspektive der permanenten Revolution. Die Arbeiterklasse sollte in den zurückgebliebenen Ländern nicht mehr die führende Rolle spielen, noch war es nötig, für die Entwicklung von sozialistischem Bewusstsein in dieser Klasse zu kämpfen. Stattdessen konnten Guerillabanden, die sich auf die Bauern stützten, den Sozialismus herbeiführen – ohne und sogar gegen die Arbeiter.

Das warf die wichtigsten Grundlagen des Marxismus über den Haufen. Der Kampf für Sozialismus wurde vom Proletariat getrennt. Die Befreiung der Arbeiterklasse war nicht mehr das Werk der Arbeiter. Stattdessen wurden sie zu stummen Zeugen der heroischen Taten der Guerillakämpfer.

Wer diese Perspektive durchschaut, kann verstehen, warum die kleinbürgerlichen Linken so für Fidel Castro schwärmen. Sie sehen in Castro die Fähigkeit des Kleinbürgertums, die Arbeiterklasse zu dominieren und scheinbar eine unabhängige Rolle zu spielen. Kuba war für sie der Beweis, dass die linken Intellektuellen, die radikalen Studenten oder Protestpolitiker der Mittelklasse sich der Arbeiterklasse nicht unterzuordnen brauchten, und dass der schwierige und lange Weg, sozialistisches Bewusstsein unter den Arbeitern zu bilden, ganz unnötig war. Dafür konnten sie durch ihre eigenen spontanen Aktionen die Gesellschaft umkrempeln.

Als die SLL diese revisionistische Attacke auf den Marxismus abwehrte, führte sie die Diskussion über Kuba auf grundsätzliche Fragen der Methode zurück. Sie wies nach, dass die SWP die „Anbetung der vollendeten Tatsachen“ praktizierte, wie Trotzki es genannt hatte. Es bedeutet, dass man sich an die sogenannte Realität anpasst, die dadurch bestimmt wird, welche gesellschaftliche Struktur vorherrscht, welche Führung die Arbeiterklasse gerade hat und was für ein bürgerliches Bewusstsein bei den Massen der Arbeiter und Unterdrückten vorherrscht. Dies alles wird als objektive, bestimmende Faktoren hingenommen und völlig unabhängig vom bewussten Eingreifen einer revolutionären proletarischen Partei betrachtet.

Die Methode der SWP bestand in einer passiven Betrachtung dieser „Fakten“ und in einer Anpassung an die bestehenden Führungen, immer auf der Suche nach Abkürzungen, die schnelle politische Erfolge versprachen. Auf diese Weise wurden sie zu Verteidigern der alten Führungen und rechtfertigten jede ihrer Handlungen mit dem Argument, dass sie ja unter den gegebenen Umständen gar nicht anderes handeln könnten. Die „Umstände“ schlossen jedoch immer den bewussten Kampf der Trotzkisten aus, die Arbeiterklasse für ihr eigenes sozialistisches und internationales Programm zu mobilisieren.

Die SLL verteidigte die theoretischen Errungenschaften der trotzkistischen Bewegung aus dem Kampf gegen den Stalinismus. Sie bestand darauf, dass die strategischen Erfahrungen der ganzen imperialistischen Epoche bewiesen hatten, dass nicht-proletarische Führungen die Befreiung vom imperialistischen Joch in den kolonialen und halbkolonialen Ländern nicht zum Abschluss bringen können. Diese Kämpfe können nur vollendet werden, wenn die Arbeiter die Macht erobern und die sozialistische Revolution sich weltweit ausbreitet. Die wichtigste Aufgabe, die aus dieser Analyse folgte, bestand im Aufbau unabhängiger revolutionärer Parteien der Arbeiterklasse, die sich auf den Kampf gegen alle opportunistischen Tendenzen gründen, insbesondere gegen die Stalinisten, die die Arbeiterklasse dem Nationalismus unterordneten.

Vor allem leugnete der Pablismus, dass die sozialistische Revolution ein hochentwickeltes sozialistisches Bewusstsein in den führenden Schichten der Arbeiterklasse voraussetzt. Das politische Bewusstsein der Arbeiter war in dem pablistischen Schema ohne Bedeutung. Wenn sie der Arbeiterklasse überhaupt eine Beziehung zur sozialistischen Revolution zubilligten, dann nur als passive Manövriermasse.

Die Resolution, die die Pablisten schrieben, nachdem sie sich mit der SWP wieder vereinigt hatten, zeigte, welche politischen Folgen die theoretische Revision in der kubanischen Frage hatte. Es heißt darin: „Die Schwäche des Feindes in den rückständigen Ländern hat die Möglichkeit eröffnet, sogar mit einer stumpfen Waffe an die Macht zu kommen“.[13] Mit anderen Worten: Arbeiterstaaten können geschaffen werden, ohne dass man Parteien der Arbeiterklasse aufbaut.

In diesen Ländern, so erklärten sie, und besonders in Lateinamerika, schaffen die Bedingungen der Massenarmut und der relativen Schwäche der bürgerlichen Staaten „Situationen, in denen das Scheitern einer revolutionären Welle nicht automatisch zu einer relativen oder auch nur zeitweiligen sozialen oder wirtschaftlichen Stabilisierung führt. Eine scheinbar unerschöpfliche Folge von Massenkämpfen setzt sich fort... Die Schwäche des Feindes bietet der Revolution weit bessere Mittel zu ihrer Erholung von zeitweiligen Niederlagen, als es in imperialistischen Ländern der Fall ist.“[14]

Dies war eine grobe Verfälschung von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Wenn Trotzki auf die Schwäche der Bourgeoisie im zaristischen Rußland hinwies, dann nicht um auf ein zeitloses Vakuum aufmerksam zu machen, sondern um die Vorherrschaft des Imperialismus auf der einen Seite und die objektive Stärke der kleinen, aber konzentrierten russischen Arbeiterklasse auf der anderen zu betonen. Die Bourgeoisie war niemals zu schwach, um die kleinbürgerliche Demokratie nicht entweder zu zerschlagen oder zu kontrollieren. Sie war schwach, weil sie einem jungen Proletariat mit einer revolutionären Führung gegenüberstand.

Die Pablisten hatten jedoch die Rolle des industriellen Proletariats zurückgewiesen und die Aufgaben der Revolution eben solchen kleinbürgerlichen Kräften übertragen. Ihre Parolen von der „stumpfen Waffe“ und den „unerschöpflichen Massenkämpfen“ wurden am Vorabend des ersten Putschs mit US-Unterstützung ausgegeben, der in Brasilien von General Castelo Branco ausgeführt wurde. Ihm sollten weitere folgen, die ganz Lateinamerika in einen Alptraum jahrzehntelanger Repression stürzten. Bis heute werfen sie ihren Schatten über den Kontinent.

Die Pablisten hatten es nicht nur versäumt, die Arbeiter auf diese Ereignisse vorzubereiten, sie begünstigten sie auch durch ihr Beharren darauf, dass andere Kräfte als die Arbeiterklasse die Revolution durchführen würden, und durch ihre Unterstützung für Castros Perspektive der bewaffneten Aktionen isolierter Guerillaverbände.

Pablismus und die Krise der Führung

Warum wurde Castros Perspektive in Lateinamerika so beliebt? Die Darstellung Guevaras, dass auf dem ganzen Kontinent die Bedingungen überaus günstig für den Guerillakrieg seien, erwies sich als falsch. Doch eines hatten diese Länder gemeinsam: Die Führungen, die in der Arbeiterklasse bestimmend waren, vor allem die stalinistischen Kommunistischen Parteien, zeigten in der zunehmend revolutionären Krise keinen Ausweg auf.

So war die „neue Realität“ der Pablisten – der Aufstieg einer radikal nationalistischen, vom Kleinbürgertum geführten Tendenz, die Castro repräsentierte – in erster Linie ein Ausdruck der ungelösten Krise der revolutionären Führung der Arbeiterklasse. Die Pablisten jedoch erklärten das Problem zur Lösung. Damit gaben sie die strategischen Ziele der Vierten Internationale auf. Sie hörten auf, für eine unabhängige Orientierung der Arbeiter und für den Aufbau einer Partei zu kämpfen, die die Vorherrschaft der Bürokraten hätte zerschlagen können. Sie reduzierten die Rolle der Vierten Internationale auf die einer bloßen Hilfstruppe für kleinbürgerliche Nationalisten und Stalinisten, als guter Ratgeber, der Einfluss auf sie nimmt und sie sachte nach links lockt.

Wie wurde diese Perspektive in die Tat umgesetzt? 1968 fand der neunte Kongress der Pablisten statt, unmittelbar nach dem Fiasko von Guevara in Bolivien und am Vorabend gewaltiger Klassenauseinandersetzungen in Lateinamerika. Sie wiesen die Parteien in Lateinamerika, die sich dem Vereinigten Sekretariat angeschlossen hatten, an, sich von der Arbeiterklasse abzuwenden und sich dem Guerillakampf zu widmen. In der Konferenzresolution heißt es: „Auch in den Ländern, wo es zuerst eine große Mobilisierung über Konflikte in den städtischen Klassen geben mag, wird der Bürgerkrieg verschiedene Formen annehmen, in denen die zentrale Achse für eine ganze Periode die bäuerliche Guerilla sein wird. Dieser Ausdruck hat vor allem eine militärisch-geographische Bedeutung, er bedeutet nicht, dass die Zusammensetzung ausschließlich (oder auch nur überwiegend) bäuerlich sein muss.“[15]

Die Resolution fuhr fort: „Die einzige realistische Perspektive für Lateinamerika ist der bewaffnete Kampf, der viele Jahre andauern kann. Die technischen Vorbereitungen dafür darf man sich nicht als lediglich einen Aspekt der Arbeit vorstellen, sondern es ist der zentrale Aspekt von internationaler Bedeutung. In jenen Ländern, wo auch die mindesten Vorbedingungen noch nicht existieren, ist es einer der wichtigsten Aspekte schlechthin.“[16] Deutlicher hätten die Anweisungen nicht sein können.

Für den Fall, dass irgend jemand in Lateinamerika noch Zweifel hegte, zum Beispiel, ob man denn auch genügend Unterstützung unter den Bauern hätte, oder ob die notwendigen politischen Bedingungen vorhanden seien, um einen Aufstand auf dem Land zu inszenieren, versicherte die Resolution, es sei gar nicht notwendig, die Unterstützung der Bauern zu gewinnen, und die politische Situation spiele keine Rolle. Alles was nötig sei, seien „technische Vorbereitungen“ auf den bewaffneten Kampf.

Das Ergebnis war die politische Liquidierung und physische Ausrottung der Kader, die in Lateinamerika von den Pablisten geführt wurden. In Argentinien zum Beispiel formierte sich die offizielle Sektion des Vereinigten Sekretariats als ERP neu, ehe sie formal mit den Pablisten brach. Sie begann, Konzernmanager zu entführen, und stellte Lösegeldforderungen, an welche einfach einige Forderungen nach Lohnerhöhungen und besseren Arbeitsbedingungen angehängt wurden.

Was waren die Auswirkungen solcher Aktionen? Vor allem lehrte man die Arbeiter, dass es nicht ihre Aufgabe sei, den Kampf zur Überwindung des Kapitalismus aufzunehmen. Sie durften bloß als dankbare Zuschauer der heldenhaften bewaffneten Guerillakämpfer agieren, die angeblich die Kastanien für sie aus dem Feuer holten.

In Chile gingen die Arbeiter immer wieder in die Offensive, bis ihr Kampf schließlich durch Allendes Volksfrontregierung abgewürgt wurde. Und Allendes Politik ebnete den Weg für die Pinochet-Diktatur. In Argentinien fand 1969 der Cordobazo statt, in dessen Verlauf die Arbeiter die Kontrolle über die Hauptstadt eroberten. Dieser Aufstand eröffnete eine ausgedehnte Offensive, die von den Peronisten unterdrückt und schließlich durch die Diktatur Videlas zerschlagen wurde. In Bolivien erhoben sich die Bergarbeiter mehrmals, nur um von ihrer eigenen Führung einem angeblich links-nationalistischen Flügel des Militärs unter General Torres untergeordnet zu werden. Wie abzusehen war, händigte Torres die Macht alsbald seinen traditioneller gesonnenen Kollegen aus, die die bolivianischen Arbeiter brutal unterdrückten.

Mit ihrer Hinwendung zum Castroismus hatten die Pablisten sowohl die Arbeiter selbst verraten, als auch den Kampf aufgegeben, die Arbeiterbewegung von der Vorherrschaft der alten Bürokratien zu befreien. So wie Castro die permanente Revolution bestätigt haben sollte, so hatte sich angeblich auch dieser Kampf als überflüssig erwiesen. Hansen von der SWP brachte diese These auf seine übliche zynische und geschmacklose Weise vor und behauptete, dass Castro die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus überwunden hätte:

„Unfähig, das Hindernis des Stalinismus aus dem Weg zu sprengen, wich die Revolution ein ganzes Stück zurück und nahm einen Umweg. Dieser Umweg führte uns zum Teil durch sehr raues Gelände, darunter die Sierre Maestra in Kuba, aber es ist klar, dass die stalinistische Straßensperre jetzt umfahren wird. Um eine Führung zu finden, muss man sich nicht an Moskau wenden. Das ist die Hauptlehre aus der Erfahrung in Kuba... Um endlich aus der Hypnose des Stalinismus auszubrechen, musste man auf allen Vieren durch die Urwälder der Sierra Maestra kriechen.“[17]

Diese Schlussfolgerung hatte eindeutige politische Auswirkungen weit über Kuba hinaus. Wenn man „das stalinistische Hindernis“ so einfach durch die Methoden des Guerillakriegs unter der Führung von kleinbürgerlichen Nationalisten umgehen kann, dann ist der schwierige und langwierige Kampf, den die Vierte Internationale führt, um die Arbeiterbewegung aus dem Würgegriff des Stalinismus zu befreien, nicht nur überflüssig, sondern auch kontraproduktiv.

Was von dieser Perspektive am Ende übrig blieb, war nicht der Bruch mit dem Stalinismus, sondern seine Stärkung. Er konnte seine Kontrolle über die Arbeiterbewegung in den unterdrückten Ländern und besonders in Lateinamerika ausdehnen. Eine ganze Generation der lateinamerikanischen Jugend wurde vom Kampf in der Arbeiterklasse abgelenkt. Die Hinwendung zum Guerillakampf war eine große Hilfe für die Stalinisten und andere bürokratische Führer. Sie isolierte die revolutionärsten Elemente der Jugend und auch eine Schicht von radikalisierten Arbeitern und stärkte dadurch die Kontrolle der Bürokratie über die Arbeiterbewegung.

Am Ende trug die Anpassung der Pablisten an den kleinbürgerlichen Nationalismus entscheidend dazu bei, dass die Arbeiterklasse ohne revolutionäre Führung blieb, als die großen Klassenkämpfe der späten sechziger Jahre und frühen siebziger Jahre ausbrachen. Die Abenteuer der Guerilla, die sie unterstützten, lieferten dem Militär und den Imperialisten den nötigen Vorwand zur Errichtung ihrer Diktatur. So spielten diese revisionistischen Tendenzen eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung der blutigsten Niederlagen, die die Arbeiter in Lateinamerika je erlitten haben.

Eine Bilanz des Guerillakampfs

Was wurde aus der Bewegung von Castro und Guevara, die von den Pablisten zum neuen Instrument der sozialistischen Revolution erklärt worden war? Ihre konkrete Entwicklung nachzuvollziehen bedeutet, den Klassencharakter dieser Bewegungen von Anfang an bloßzulegen.

Die FALN von Venezuela war eine der wichtigsten Guerillabewegungen der sechziger Jahre. Sie wurde mit kubanischer Unterstützung aufgebaut. Ich möchte aus einer Erklärung zitieren, die einer ihrer Führer in jener Zeit abgegeben hat.

„Wenn wir von der Befreiung Venezuelas sprechen, dann meinen wir die Befreiung ganz Lateinamerikas; wir anerkennen keine Grenzen innerhalb Lateinamerikas. Unsere Grenzen sind ideologische Grenzen. Wir verstehen internationale Solidarität auf wirklich revolutionäre Weise, und deshalb sind wir verpflichtet zu kämpfen, den Imperialismus so lange zu bekämpfen, bis er aufhört zu existieren; wir sind verpflichtet, unsere Waffen so lange nicht niederzulegen, bis insbesondere die Kraft des nordamerikanischen Imperialismus gebrochen ist.“

Der Autor dieser Zeilen war Teodoro Petkoff. Mittlerweile hat er nicht nur die Waffen niedergelegt, er wurde auch Venezuelas Planungsminister und der verantwortliche Chef für die Durchführung der IWF-Sparmaßnahmen. Von der Beschwörung der internationalen Solidarität und dem Kampf bis zum Tod gegen den Yankee-Imperialismus ist Petkoff nun zur Zerschlagung der Löhne übergegangen, zur Privatisierung staatlicher Unternehmen mit dem Ziel, transnationale Investitionen anzuziehen und dabei die anderen kapitalistischen Länder in der Region auszustechen. Er wird wahrscheinlich der führende Kandidat der diesjährigen Präsidentschaftswahlen in Venezuela sein.

Sein Fall ist repräsentativ. In Uruguay ist die Tupamaro-Guerilla nun der Frente Amplio (Breiten Front) beigetreten, einer bürgerlichen Wahlplattform, die den Abbau der Sozialleistungen in der Hauptstadt Montevideo befürwortet. Die M-19-Bewegung hat eine Übereinkunft mit der kolumbianischen Regierung ausgearbeitet, die nicht nur ihren Führern Parlamentssitze sichert, sondern ihren Mitgliedern erlaubt, ihre Waffen gegen kleine Geschäftskredite einzutauschen.

In den frühen achtziger Jahren, als in Nicaragua die Sandinistas an die Macht kamen und in El Salvador der Bürgerkrieg ausbrach, erklärten die Castro-Regierung und ihre Unterstützer, dass in Mittelamerika ihre Perspektive bestätigt worden sei. Aber was wurde aus all diesen Bewegungen? Die Sandinistas, die FMLN in El Salvador, die URNG in Guatemala, alle stimmten Abkommen mit denselben Politikern zu, die für den Mord an hunderttausenden Arbeitern und Bauern verantwortlich waren. Castro half in den Verhandlungen von Contadora und Esquipulas, die Abkommen über die Bühne zu bringen, die die Macht in den Händen von Fraktionen der Bourgeoisie beließen, die die Unterstützung der USA genossen, während sich die Kader der sogenannten Befreiungsbewegungen in Parlamentsabgeordnete, Militärführer und Polizisten der neuen Regierungen verwandelten. Alle diese Gruppen haben sich in mehrere Fraktionen aufgespalten, sie beschuldigen sich gegenseitig – mit vollem Recht – des politischen Verrats und der finanziellen Korruption.

Währenddessen lebt die Bevölkerung dieser Region nach wie vor in Armut und Unterdrückung. Ihre Lage ist genauso schlimm, wenn nicht schlimmer, als vor zwanzig Jahren, als die revolutionären Aufstände in der Region losbrachen. Unter dem Strich haben die vom Castroismus beeinflußten kleinbürgerlich nationalistischen Bewegungen also bloß Demoralisierung in die Reihen der militanteren Arbeiter, Jugendlichen und Bauern getragen.

Kuba heute

Was ist mit Kuba selbst? Was war das Ende dieses neuen Wegs zum Sozialismus, den die Castro-Regierung und die pablistischen Revisionisten vor 35 Jahren verkündeten?

Dreißig Jahre lang hat die Insel dank massiver Unterstützung seitens der Moskauer Bürokratie überlebt. Nach Schätzungen sowohl von Castro-Unterstützern als auch der USA betrugen die Subventionen aus der Sowjetunion jährlich zwischen drei und fünf Milliarden Dollar. Diese Hilfe funktionierte so, dass der sowjetische Block Kuba landwirtschaftliche Produkte abkaufte, insbesondere Zucker, wofür bis zu zwölfmal höhere Preise als am Weltmarkt bezahlt wurden, und ihm Öl zu Niedrigpreisen verkaufte. Dieses Abkommen ging so weit, dass Kuba schließlich sogar Zucker bei der benachbarten Dominikanischen Republik aufkaufte und das Öl aus der UdSSR am Weltmarkt gegen harte Devisen verkaufte.

Die Abhängigkeit von der sowjetischen Unterstützung hatte zur Folge, dass Kuba seine Zucker-Monokultur weiter ausbaute. Diese war jedoch die historische Grundlage seiner Rückständigkeit und Unterdrückung gewesen. Genau wie vor der Revolution von 1959 setzten sich Kubas Exporte, die zu 83 Prozent in die UdSSR und nach Osteuropa gingen, aus Zucker, Tabak, Nickel, Fisch und einigen Landwirtschaftsprodukten zusammen. Vom Sowjetblock importierte es fabrikmäßig hergestellte Konsumgüter und Maschinen, nicht zu vergessen einen großen Teil seiner Nahrungsmittel.

Die Verhältnisse änderten sich – aber nicht durch eine geniale Eingebung oder plötzliche Wende der Wirtschaftspolitik, diktiert vom unfehlbaren „ maximo lider„ Fidel Castro. Letzten Endes hatten diese Subventionen beträchtliche Reformen ermöglicht, die der kubanischen Bevölkerung im Gesundheitswesen, der Erziehung und der Ernährung zugute gekommen waren. Heute, da die Regierung um Direktinvestitionen aus dem Ausland wirbt, werden diese Reformen gezielt abgebaut.

Castro hatte einen Faustischen Pakt mit der Sowjetbürokratie abgeschlossen; als Gegenleistung für die Subventionen diente Kuba als Schachfigur in den Verhandlungen der Sowjetunion mit den USA. Aber am Ende fordert der Teufel unbarmherzig seinen Tribut. Die Auflösung der UdSSR bedeutete für Kuba die nackte Wirtschaftskatastrophe. Die Reaktion der Castro-Regierung bestand schließlich darin, vermehrt ausländische Investitionen zu fördern und damit die Entstehung einer wachsenden sozialen Polarisierung in Kuba selbst zuzulassen.

Außenminister Roberto Robaina erklärte Kubas Politik vor kurzem in einem Interview mit der staatlichen Zeitung Granma: „Was in Kuba stattfindet, ist eine wirtschaftliche Öffnung für ausländische Investoren mit allen Garantien... Es ist eine strategische Öffnung, die mit jedem Tag zunimmt... Mitsubishi Motors, Castrol, Unilever, Sherrit Gordon, Grupo Sol, Total, Melia Hotels, Domos, ING Bank, Rolex, DHL, Lloyds, Canon, Bayer – dies sind alles Namen des Erfolgs im Universum der Geschäfte, und sie sind in Kuba. Einige dieser Firmen haben das größte Kapital der Welt, und sie haben ihr Vertrauen in uns gesetzt.

Günstige Bedingungen für Kapitalinvestitionen, Sicherheit und Achtung, Garantien, dass der Profit repatriiert werden kann, das Vorhandensein von Personal mit hohem Leistungsniveau, Infrastruktur, von Seiten der kubanischen Partner den Willen zum Vorankommen, Wohnmöglichkeiten, Seriosität in den Verhandlungen und Loyalität – das sind einige der Elemente, die diejenigen besonders zu schätzen wissen, die sich entschieden haben, mit Kuba zusammenzuarbeiten.“[18]

Obwohl es nicht in Granma stand, wurde diesen Investoren ganz ohne Zweifel die vertrauliche Zusage gegeben, sie könnten in Kuba Arbeitskräfte erhalten, die zu den billigsten der Hemisphäre zählen, und Polizeikräfte, die ihre Ausbildung im Stalinismus erhalten hatten. Völlige Streikfreiheit sei garantiert.

Das Castro-Regime erklärt für gewöhnlich, ausländische Kapitalinvestitionen brauche man, um die „sozialen Errungenschaften“ der kubanischen Revolution zu erhalten. Die Realität sieht aber so aus, dass die Castro-Regierung Kubas Einwohner als Billiglohnarbeiter feilbietet, um multinationale Konzerne anzulocken – genau so, wie es die bürgerlichen Regierungen aller früheren Kolonien tun. Nur, dass es in Kuba besonders direkt und konzentriert bewerkstelligt wird: Die kubanische Regierung selbst vermittelt die Arbeiter gegen harte Währungen an ausländische Konzerne. Die Regierung stellt die benötigten Arbeitskräfte ein und zahlt ihnen einen Bruchteil der für sie eingenommenen Summe in kubanischen Pesos aus. Die Auslandskonzerne haben alle Vollmachten und können die kubanischen Arbeiter jederzeit feuern.

Eine wuchernde Dollarwirtschaft steigert die soziale Ungleichheit zusätzlich. Am meisten Auslandswährung gelangt über die Geldsendungen ins Land, die Exilkubaner in den USA an ihre Verwandten in Kuba schicken. Was soll man über eine „Revolution“ sagen, die wirtschaftlich von denen abhängig ist, die sie noch vor kurzem als konterrevolutionäre „gusanos“ oder Würmer bezeichnete?

Weitere harte Devisen dringen über die anwachsende Tourismusindustrie herein, die das Herzstück der Wirtschaftsplanung der Castro-Regierung ausmacht. Das Ergebnis ist ein gesellschaftliches Phänomen, das bereits als „touristische Apartheid“ bezeichnet wird. Neue Hotels, Restaurants, Einkaufszentren sind aus dem Boden geschossen, die nur Ausländern vorbehalten sind; normale Kubaner haben keinen Zutritt. Die Prostitution erlebt einen neuen Aufschwung. Die große Mehrheit der Bevölkerung versinkt in Armut.

Die Castro-Regierung gibt dem US-Embargo die Schuld an allen Wirtschaftsproblemen der Insel. Ohne Frage ist die Politik der Vereinigten Staaten eine brutale und irrationale Demonstration imperialistischer Macht gegen ein kleines, unterdrücktes Land. Aber diese Politik herrscht jetzt schon seit 35 Jahren vor. In der Zwischenzeit hatte Kuba bereits Wirtschaftsbeziehungen mit jedem anderen Land der Erde.

Die Krise Kubas ist im Wesentlichen das Ergebnis des bürgerlichen Charakters der Revolution selbst. Es gelang ihr nicht, irgendein historisches Problem der kubanischen Gesellschaft zu lösen. Eher wurden alle Widersprüche durch die massiven Subventionen aus der Sowjetunion verdeckt.

Wenige Länder haben einen so ungeheuren Exodus von Flüchtlingen erlebt. In den ersten Jahren nach der Revolution waren es zumeist bürgerliche und privilegierte Schichten der Mittelklasse. Aber jene, die in den achtziger und neunziger Jahren auf einem Floß oder Schlauchboot flüchteten, hatten die gleichen Motive wie die Tausenden, die aus Haiti, Mexiko und anderen Ländern geflohen sind: die Sehnsucht nach einem Leben ohne Hunger und Unterdrückung.

Auf dem Gipfel der sozialen Pyramide thront eine Regierung, die jede Regung der kubanischen Bevölkerung sofort erstickt. Castro herrscht durch eine politische Diktatur, die militärisch durchorganisiert ist. Die wichtigste Institution des Staates ist die Armee, die auch die meisten der verstaatlichten kubanischen Unternehmen leitet.

Castros Präsidentschaft auf Lebenszeit ist in der kubanischen Verfassung festgeschrieben. Gegen ihn aufzutreten, ist deshalb nicht bloß „konterrevolutionär“, sondern auch verfassungsfeindlich. Er ist Staatschef, Regierungspräsident, erster Sekretär der Kommunistischen Partei und oberster Befehlshaber der Armee in einer Person. Kurz – alle Macht liegt in seinen Händen und er drückt jeder wichtigen Entscheidung sein persönliches Diktat auf. Castro ist jetzt in den Siebzigern, und die Nachfolge wird ein immer drängenderes Problem. Sein Bruder Raul besetzt überall die zweiten Positionen, in der Regierung, der Partei und der Armee.

In dem Maße, wie die Zustände in Kuba mit Sozialismus gleichgesetzt wurden – sowohl von imperialistischer Seite, als auch von der Castro-Regierung und ihren kleinbürgerlichen Unterstützern – nahm die Glaubwürdigkeit einer sozialistischen Alternative, insbesondere in Lateinamerika, schweren Schaden.

Fazit

Die erste Internationale von Karl Marx handelte nach dem Motto: „Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein“. Für sie war der Sozialismus gleichbedeutend mit Selbstbestimmung der Arbeiterklasse. Keine anderen Klassenkräfte konnten im Namen der Arbeiter den Sozialismus erringen. Er konnte nur das Ergebnis eines bewussten politischen Kampfs der Arbeiter selbst sein, die sich demokratisch als unabhängige Klasse organisieren und für eine Umgestaltung der Gesellschaft nach ihren eigenen Interessen und denen der ganzen Menschheit kämpfen.

Das Internationale Komitee verteidigte diese Perspektive gegen alle gängigen theoretischen Strömungen der sechziger und siebziger Jahre, die nichts von der Arbeiterklasse wissen wollten und behaupteten, sie hätten ein besseres, revolutionäreres Instrument, eine Abkürzung zum Sozialismus gefunden. Dreißig Jahre später ist von diesen Theorien nichts übrig. Die Geschichte hat den Kampf des IKVI bestätigt.

Erinnern wir uns, was Joseph Hansen über den kompromisslosen Kampf des Internationalen Komitees und seine Weigerung, sich dem Castroismus zu beugen, gesagt hatte. Ein solcher Standpunkt, warnte er, sei „in Lateinamerika gleichbedeutend mit politischem Selbstmord“.

Was ist nun wirklich passiert? Der pablistische Revisionismus und seine Unterstützung für den Castroismus trugen dazu bei, eine ganze Generation radikalisierter Jugendlicher in selbstmörderische Abenteuer zu schicken, die der Arbeiterklasse teuer zu stehen kamen.

Was wäre herausgekommen, hätten die vom Pablismus beeinflussten Kräfte sich nicht dem Castroismus angepasst, sondern die Politik des kleinbürgerlichen Nationalismus einer ernsthaften Kritik unterworfen?

Sicherlich hätte die Möglichkeit bestanden, dass sie vorübergehend isoliert gewesen wären, zumindest von der Bewegung, die vom Kleinbürgertum dominiert war. Aber mit der Zeit hätten sie in den fortschrittlichsten Schichten der Arbeiter und Jugendlichen ein kritisches Bewusstsein herausbilden können. Diese hätten eine neue Führung aufgebaut und auf die revolutionäre Situation vorbereitet, die dann in der Lage gewesen wäre, die Arbeiterklasse zu mobilisieren. Statt unter die Herrschaft von Militärdiktaturen zu fallen, die zu einer zeitweiligen Stabilisierung des Weltkapitalismus beitrugen, hätte Lateinamerika zu einem starken Ansporn für die sozialistische Weltrevolution werden können.

Die zentralen Lehren, die wir aus dieser strategischen Erfahrung ziehen müssen, betreffen die Aufgaben der Marxisten. Sie bestehen nicht darin, andere Kräfte aufzuspüren, die die sozialistische Revolution spontan durchführen werden und denen man sich einfach anpassen kann. Nein, sie müssen unabhängige revolutionäre Parteien der Arbeiterklasse aufbauen, Sektionen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, die in theoretischen Fragen eine unversöhnliche Festigkeit an den Tag legen und der Arbeiterklasse die Wahrheit sagen.

Die objektiven Bedingungen in Lateinamerika und international reifen zu einem Stadium heran, in dem die Entwicklung der trotzkistischen Bewegung mit den revolutionären Aufständen von Millionen Menschen zusammenkommt. Die Lehren unserer Bewegung aus dem Kampf für den Sozialismus im zwanzigsten Jahrhundert werden ausschlaggebend sein, um ihn im 21. Jahrhundert zu verwirklichen.

Anmerkungen

[1] Der Pablismus – bezeichnet nach dem damaligen Sekretär der Vierten Internationale, Michel Pablo – entwickelte sich zu Beginn der fünfziger Jahre als Reaktion auf die Verstaatlichungen, die die stalinistische Bürokratie in Osteuropa durchführte. Pablo zog daraus den Schluss, dass Trotzkis Analyse des konterrevolutionären Charakters des Stalinismus falsch sei und dass die stalinistische Bürokratie mittels einer „Selbstreform“ wieder zu einem revolutionären Faktor werden könne. Später betrachteten die Pablisten auch andere nichtproletarische Kräfte – wie diverse kleinbürgerliche Nationalisten, die Studentenbewegung usw. – als revolutionären Ersatz für die Arbeiterklasse. Mit dem „Offenen Brief an die Trotzkisten in aller Welt“ sagte James P. Cannon, Führer der amerikanischen Trotzkisten, dem Pablismus 1953 den Kampf an und begründete das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI). Zehn Jahre später schloß sich Cannons Socialist Workers Party (SWP) mit den Pablisten zum „Vereinigten Sekretariat“ zusammen, das bis zu seinem Tod von Ernest Mandel geführt wurde und bis heute – allerdings unter zunehmenden Zerfallserscheinungen – weiterbesteht. Eine ausführliche Darstellung der Entstehung des Pablismus und des Kampfs des Internationalen Komitees dagegen findet sich in David North, „Das Erbe, das wir verteidigen“, Essen 1988. - zurück

[2] Die Socialist Workers Party in den USA, die lange Zeit dem pablistischen Vereinigten Sekretariat angehörte, hat sich inzwischen völlig vom Trotzkismus losgesagt. - zurück

[3] Livio Maitan ist Führungsmitglied des Vereinigten Sekretariats und sitzt im Vorstand der italienischen Partei Rifondazione Comunista. - zurück

[4] Das Movimiento al Socialismo (MAS) ist eine rechte pablistische Tendenz in Argentinien, die jahrelang den Diktator Peron unterstützte, zeitweise Fidel Castro bejubelte und in jüngster Zeit eng mit den argentinischen Stalinisten zusammenarbeitete. - zurück

[5] L. Trotzki, „Der imperialistische Krieg und die proletarische Weltrevolution“; siehe: „Das Übergangsprogramm“, (Essen 1997, S. 235). - zurück

[6] „Documents of the Fourth International: The Formative Years 1933-40“, New York 1973, S. 394, aus dem Engl. - zurück

[7] Siehe David North, „Leo Trotzki und das Schicksal des Sozialismus im zwanzigsten Jahrhundert“, in gleichheit 3/98 - zurück

[8] Ernesto Che Guevara, „La Guerra de Guerillas“, Havanna 1961, aus dem Span. - zurück

[9] zitiert nach David North, „Das Erbe, das wir verteidigen“, Essen 1988, S. 351 - zurück

[10] Die Socialist Labour League (SLL) war die britische Sektion des IKVI. Sie spielte nach 1963, der Wiedervereinigung der amerikanischen SWP mit den Pablisten, international eine herausragende Rolle bei der Verteidigung des Programms der Vierten Internationale. - zurück

[11] zitiert nach David North, „Das Erbe...“, op. cit., S. 372 - zurück

[12] Die Workers Revolutionary Party (WRP) wurde 1973 als Nachfolgeorganisation der SLL als britische Sektion des IKVI gegründet. Ihre bekanntesten Führer waren Gerry Healy, Mike Banda und Cliff Slaughter. Im Laufe der siebziger Jahre nahm sie gegenüber der PLO und anderen nationalen Bewegungen ähnliche Positionen ein, wie zuvor die Pablisten. Die Kritik anderer Sektionen versuchte sie zu unterdrücken. 1985 brach sie mit dem Internationalen Komitee. - zurück

[13] Cliff Slaughter (Hrsg.), „Trotskyism Versus Revisionism: A Documentary History“, London 1973, Bd. 3, S. 65, aus dem Engl. - zurück

[14] ebd. - zurück

[15] zitiert nach den Original-Kongressdokumenten - zurück

[16] ebd. - zurück

[17] zitiert nach David North, „Das Erbe...“, op. cit., S. 354 - zurück

[18] Granma, 16. November 1994 - zurück

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