Buchempfehlung der Woche

John Reed, „10 Tage, die die Welt erschütterten“

Von Sybille Fuchs
25. Oktober 2017

Kaum ein Buch schildert die russische Oktoberrevolution von 1917 so lebendig und packend wie John Reeds Bestseller „10 Tage, die die Welt erschütterten“. Der Grund dafür ist, dass Reed nicht aus zweiter Hand berichtete, sondern, wie Egon Erwin Kisch sein Vorwort überschreibt, „ein Reporter auf der Barrikade war“. Seine Reportagen sind nicht nur spannend zu lesen, sondern ein historisches Dokument ersten Ranges.

10 Tage die die Welt erschütterten

Der amerikanische Journalist John Reed (22. Oktober1887 – 19. Oktober 1920), ein Harvard-Absolvent, arbeitete seit 1913 bei der von Max Eastman herausgegebenen linken Zeitschrift The Masses.Er war Kriegsberichterstatter im Ersten Weltkrieg, schrieb über zahlreiche Streiks und Arbeitskämpfe und über die Revolution in Mexiko. Dabei war er nie nur Beobachter, sondern schrieb engagiert auf der Seite der Kämpfenden und Unterdrückten. Mit „Augen für das kleinste kennzeichnende Detail“ (Kisch) nahm er Partei für sie.

Zusammen mit seiner Partnerin Louise Bryant reiste er im August 1917, kurz nachdem der Kornilow-Putsch missglückt war, nach Russland. Warren Beatty hat dies im Spielfilm „Reds“ (1981) verewigt, in dem er selbst die Rolle Reeds spielt. Dieser verfolgte die dramatischen Ereignisse in den folgenden Monaten aus nächster Nähe und zeichnet präzise auf, was er sah und hörte. In seinem Buch, das er aus diesen Notizen zusammenstellte, schildert er nicht nur, was sich in den entscheidenden zehn Tagen abspielte, er lässt auch die politischen Akteure aller politischen Lager zu Wort kommen.

Als er in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, beschlagnahmte die amerikanische Regierung alle seine Papiere, und er konnte sein Buch erst verfassen, nachdem er sie zurückerhalten hatte. Die amerikanische Ausgabe erschien mit kurzen Vorworten von Lenin und seiner Frau Nadeschda Krupskaja und wurde in viele Sprachen übersetzt.

Das erste Kapitel „Hintergrund“ beginnt mit einem „verwirrten“ ausländischen Professor. Diesem war berichtet worden, die Revolution sei im Abebben. Als er im September 1917 durch das Land reiste, musste er aber feststellen, dass das Gegenteil der Fall war: „Unter den Lohnarbeitern und der werktätigen Landbevölkerung ertönte immer mehr der Ruf: ‚Alles Land den Bauern!‘ ‚Alle Fabriken den Arbeitern!‘ Wenn der Herr Professor die Front besucht hätte, so hätte er hören können, wie in der ganzen Armee von nichts als dem Frieden die Rede war. Der Professor war verwirrt ohne Grund, beide Beobachtungen waren richtig. Die herrschenden Klassen wurden konservativer, die Volksmassen radikalisierten sich.“ (S. 21)

Reed schildert, wie gegensätzlich die Angehörigen verschiedener Klassen die Situation erleben: „Um Milch und Brot, Zucker und Tabak musste man stundelang im kalten Regen anstehen. Als ich einmal aus einer die ganz Nacht währenden Versammlung nach Hause kam, sah ich, wie die Menschen, meist Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm, sich bereits vor Morgengrauen anzustellen begannen … Dabei hatten die Theater Abend für Abend, auch des Sonntags Hochbetrieb. Die Karsawina zeigte sich in einem neuen Bellett im Marientheater und alle tanzbegeisterten Russen gingen hin, sie zu sehen. Schaljapin sang. Im Alexandrinentheater wurde Meyerholds Inszenierung von Tolstois Iwan des Schrecklichen gegeben. Und bei der Vorstellung erinner ich mich einen Zögling der Kaiserlichen Pagenschule beobachtet zu haben, der in den Pausen jedesmal aufstand und vor der leeren ihrer Adler beraubten kaiserlichen Loge seine Ehrenbezeugungen machte.“ (S. 29)

Reed besucht Versammlungen der Bourgeoisie, des reaktionären Komitees für die Rettung Russlands, schmuggelt sich in das Winterpalais, wo die Regierung tagt, erhält Zugang zum Smolny, wo die Revolutionäre tagen, fragt Leute aller Klassen und Schichten auf der Straße nach ihrer Meinung und zitiert Berichte der revolutionären wie der bürgerlichen Presse und der Kerenski-Regierung. Er spricht mit begeisterten Befürwortern des Umsturzes wie mit Skeptikern und überzeugten Gegnern. Er zitiert revolutionäre wie feindliche Manifeste und Verlautbarungen. Er schildert, wie sich unter den erschreckten Bürgern und Politikern Gerüchte über Grausamkeiten der revolutionären Arbeiter wie Lauffeuer verbreiten und dann ebenso rasch wieder verstummen, nachdem sie sich als Lügen herausgestellt haben.

Er schildert die hektischen Aktivitäten vor dem Smolny und in dessen Innern, wo die Revolutionäre tagelang ohne Schlaf durcharbeiten, um den Aufstand vorzubereiten. „Die endlos langen, kahlen, fast dunklen Korridore widerhallend vom dumpfen Getöse marschierender Füße, von Rufen und Schreien. Aus dem Treppenhaus wälzte sich eine dunkle Menge: Arbeiter in Blusen und runden schwarzen Pelzhüten, die meisten mit Gewehren bewaffnet, Soldaten in rauen, schmutzigfarbenen Mänteln und grauen flachgedrückten Pelzmützen, dann und wann ein Führer – Lunatscharski, Kamenew – inmitten dahineilender, aufgeregt redender Gruppen mit angespannten, besorgten Gesichtern, buschige Aktenbündel unter dem Arm. Die außerordentliche Sitzung des Petrograder Sowjets war eben vorüber. Ich hielt Kamenew an, einen kleinen beweglichen Mann mit breitem lebhaftem Gesicht und kurzem gedrungenem Hals. Ohne Umstände zu machen las er mir in fließendem Französisch die eben angenommene Resolution vor.“ (S. 85)

Er verfolgt die Entwicklung der Stimmung der Arbeiter und Soldaten ebenso wie die der Berufspolitiker. Jedes Wort, jeder Satz ist ein Beleg dafür, dass es sich um einen Aufstand der Massen handelt, der seinen Erfolg der Führung der Bolschewiki und ihrem Einfluss in den Massen verdankt, die sich in den Monaten seit der Februarrevolution von der Richtigkeit ihrer Politik und der konterrevolutionären Rolle der Provisorischen Regierung überzeugen konnten.

In allen Einzelheiten schildert Reed den Sturz der Provisorischen Regierung und die entscheidende Sitzung des Allrussischen Sowjetkongresses, auf dem Lenin mit jubelnder Begeisterung empfangen wird.

„Eine untersetzte Gestalt mit auf stämmigem Hals sitzenden Kopf, kleinen beweglichen Augen, großem sympathischen Mund und kräftigem Kinn, jetzt rasiert, der bekannte Bart jedoch, den er fortan wieder tragen sollte, schon wieder sprossend. In ärmlichen Kleidern, mit Hosen, viel zu lang für ihn. Unempfänglich für den Beifall der Menge und doch geliebt und verehrt, wie selten ein Führer gewesen. Ein Volksführer eigener Art – Führer nur dank der Überlegenheit seines Intellekts, farblos, humorlos unnachgiebig. Als Redner nüchtern, aber mit der Fähigkeit tiefe Gedanken in einfache Worte zu kleiden, die Analyse konkreter Situationen zu geben, und verbunden mit großem Scharfsinn eine außerordentliche Kühnheit des Denkens.“

Wie ihn charakterisiert Reed auch die anderen Redner, Bauern, Soldaten oder auch die den Kongress verlassenden Sozialrevolutionäre und Menschewiki. Immer wieder begibt er sich auf die Straße und mischt sich unter die aufständischen Massen. Genauso verfolgt er die Regierungsbildung, des Rats der Volkskommissare und die Machenschaften der Konterrevolution.

Er gibt den Inhalt der wichtigsten Dekrete und Stellungnahmen beider Seiten wieder und zitiert sie z. T. wörtlich. So entsteht nicht nur ein lebendiges Bild der revolutionären Abläufe, vielmehr scheinen auf die großen Gefahren auf, denen die junge Revolution ausgesetzt ist. Gleichzeitig schafft er damit eine vollkommen überzeugende Widerlegung all der Lügen und Halbwahrheiten, die in den Medien und pseudowissenschaftlichen Werken heute über die Oktoberrevolution verbreitet werden.

John Reed, „10 Tage, die die Welt erschütterten

Erschienen im Mehring Verlag 2011

274 Seiten, Paperback, € 18,90 [D], € 19,50 [A] – kaufen

E-Book (Epub und Mobi), € 4,99 – kaufen

E-Book (PC-PDF), € 9,99 – kaufen

Dokumente zum Buch auf der Seite des Mehring Verlags

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