Eine künstlerische Sicht auf die Russische Revolution

„1917 – Der wahre Oktober“, ein dokumentarischer Animationsfilm von Kathrin Rothe

Von Sybille Fuchs
11. November 2017

Ein Trickfilm über das wichtigste historische Ereignis des 20. Jahrhunderts, die russische Revolution? Das hätte misslingen können. Aber „1917 – Der wahre Oktober“ ist ein interessantes Experiment.

Die zweifache Grimmepreisträgerin (2014 und 2017) Kathrin Rothe wollte wissen, wie vor hundert Jahren Künstler auf die revolutionären Ereignisse von 1917 reagiert haben. Sie las dazu historische Abhandlungen, aber am meisten beeindruckte sie ein Buch mit zahlreichen Augenzeugenberichten. Das brachte die Filmemacherin auf den Gedanken, die Ereignisse vom Februar 1917 bis zur Oktoberrevolution aus der subjektiven Sicht von Künstlern zu gestalten, diese jedoch durch Dokumentaraufnahmen aus dem Film „Tsar to Lenin“ (Vom Zar zu Lenin) zu ergänzen.

Der Fortgang der revolutionären Ereignisse wird von der Autorin im Atelier, in dem sie ihre Figuren ausschneidet, an der Wand auf einer rotgestrichenen Zeitleiste dokumentiert und von ihr (Stimme Inka Friedrich) kommentiert. Dazwischen werden die wichtigsten Ereignisse durch Szenen aus „Tsar to Lenin“, durch Fotos und Pappschilder eingeblendet. So wird z. B. Majakowskis Anklage gegen die Gute Gesellschaft mit Bildern vom Zaren und seiner Familie unterstrichen.

Sie arbeitet mit Scherenschnitt-Collagen, animierten Figuren, jede für sich individuell gestaltet, und dem raffinierten Einsatz verschiedenster Materialien (schimmernde Noppenfolie, Wellpappe, Filz u.a.). Die Hintergründe und Interieurs sind sorgfältig gezeichnet und zum Teil farbig unterlegt. Rothe nennt treffend das Ergebnis eine „Mischung aus zweidimensionalem Zeichentrick und dreidimensionalem Puppentrick“.

Immer wieder greift Rothe in der Bildsprache auf die knappe, aussagekräftige zeitgenössische Ikonografie der Revolution (und der nachrevolutionären Zeit) zurück. Ihr Wladimir Majakowski zitiert im Film den Aufruf der anarchistischen Zeitung Russkaja Wolnja vom 18. März 1917: „Wenn ihr wollt, dass eure Plakate und Banner mehr Aufmerksamkeit erregen, lasst euch von den Künstlern helfen...“ Viele von ihnen, vor allem er selbst, waren bereit dazu.

Demonstranten auf Newa-Brücke in St. Petersburg

Eindrucksvoll sind die animierten Massenszenen gelungen, ganz besonders die Begräbnisdemonstration für die Gefallenen der Februarrevolution mit den roten Särgen. In den kommentierenden Worten von Alexander Benois, einem ihrer Protagonisten, „der reinste Breughel“.

Die fünf Protagonisten sind der durch und durch skeptische Schriftsteller Maxim Gorki (Stimme: Martin Schneider), die bourgeoise Lyrikerin und Tagebuchschreiberin Sinaida Hippius (Claudia Michelsen), der Maler, Bühenbildner und Kunstkritiker Alexander Benois (Hanns Zischler), der suprematistische Maler Kasimir Malewitsch (Arne Fuhrmann) und der revolutionsbegeisterte Futurist Wladimir Majakowski (Maximilian Brauer).

Vom Februar bis zum Oktober, in der Phase der Doppelherrschaft zwischen Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatenräten, den Sowjets, nehmen die fünf Künstler durchaus unterschiedliche Haltungen zu den sich immer mehr zuspitzenden Machtkämpfen zwischen den Massen und der provisorischen Regierung ein.

Sinaida Hippius, die Gattin des berühmten Schriftstellers Dimitri Mereschkowski, die vornehm gegenüber dem Regierungssitz, dem Taurischen Palais, wohnt, beobachtet die Massenbewegung zunehmend feindlich, nachdem sich ihre anfängliche Hoffnung auf eine bürgerliche Demokratie in Russland immer weniger zu erfüllen scheint.

Hippius ist von Anfang an skeptisch. Sie ist befreundet mit Alexander Kerenski, aber zunehmend enttäuscht, weil es ihm nicht gelingt eine bürgerliche Demokratie zu verwirklichen. Sie steht für die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kreise, die zunächst den Zusammenbruch der Autokratie und der alten Gesellschaft begrüßen, ihn aber zugleich fürchten.

Sie ist anfangs froh über die Einsetzung der Provisorischen Regierung, deren Kraftlosigkeit gegenüber der anschwellenden Massenbewegung sie jedoch dann immer mehr desillusioniert betrachtet und nur noch zynisch kommentiert. Sie definiert ihre Haltung zum Krieg: „Ich bin für den Krieg. Für sein baldigstes und würdigstes Ende.“ Im Laufe der Monate werden ihre Kommentare, besonders gegen die Bolschewiki, immer giftiger.

In Literatur und Revolution zeichnet Leo Trotzki ein ziemlich bissiges Porträt dieser Dame, das die im Film doch immer noch recht angenehm gezeichnete Figur ein wenig zurechtrücken könnte. Er zitiert einen ihrer Verse: „Und bald in deinen alten Koben wirst mit dem Knüppel du getrieben, o Volk, das seine Heiligtümer nicht mehr achtet“, und kommentiert: „Das Bestreben der dekadent-mystischen Poetesse, sich des Knüppels zu bemächtigen (und das in Jamben) – welch unnachahmliches Stückchen Leben.“

Über eine andere Passage, in der Hippius dem Volk mit ihren Reitpeitschen droht, bemerkt Trotzki, sie zeige „klar die Natur der Autorin: gestern noch eine träumerische Petersburger gnädige Frau, so überaus mit Talenten bedacht, so liberal, so modern – und nun entdeckt plötzlich diese vom eigenen Raffinement erfüllte Dame den schwarzen himmelschreienden Undank des Pöbels ‚in Nagelstiefeln‘ und, in ihren heiligsten Gefühlen verletzt, verwandelt sie ihre ohnmächtige Wut in schrilles Weibergekreisch (wenn auch in Jamben).“

Vielleicht, so Trotzki weiter, werde „in hundert Jahren ein Historiker der russischen Revolution mit dem Finger drauf weisen, wie der Nagelstiefel der vornehmen Petersburger Dame auf den lyrischen kleinen Zeh getreten ist, die sofort zeigte, was für eine wahrhaft besitzgierige Hexe unter der dekadent-mystisch-erotisch-allerchristlichsten Hülle verborgen war.“ [1]

Es war sicher kein Zufall, dass diese Dame später im Pariser Exil ihre ganze Hoffnung auf das „Dritte Reich“ setzte.

Gorki, der sich immer als Sozialist bezeichnet hat (auch wenn er sicher nie „Marxist“ war, wie Rothe meint), ist durch die reale Bewegung der Massen mehr und mehr beunruhigt und fürchtet das Schlimmste. Seine traumatische Erfahrung aus der gescheiterten Revolution von 1905, an der er beteiligt war, lässt ihn Schlimmstes ahnen: „Es wird viel Blut fließen, unendlich viel.“

Er greift ein, wenn er Kunst und Kultur bedroht sieht und gründet einen Arbeitskreis zur Verteidigung von Denkmälern. Die Künstler sind untereinander zerstritten, bringen aber eine Resolution zur „Rettung der Kultur“ zustande und legen sie der Provisorischen Regierung vor, die sie wohlwollend entgegennimmt. Eine Kulturkommission wird gegründet. Beunruhigt über die Lage, unzufrieden über die Regierung und deren Haltung zum Krieg, gründet Gorki eine Zeitung Nowaja Schisn (Neues Leben) und will eine eigene Partei gründen, von der er aber glaubt, dass sie nie mehr als drei Mitglieder haben werde.

Der Bolschewist und Kunstkritiker Alexander Woronski charakterisiert Gorki später so: „Majestätisch, frei und furchtlos ist das Denken des Menschen, aber bei uns in Russland ist es getrennt und abgerissen von den ursprünglichen Instinkten des Lebens. In dieser Zerrissenheit zwischen Denken und Fühlen sieht der Schriftsteller [Gorki] die Tragödie unserer Revolution. In der Revolution stellte sich heraus, dass das ‘vernünftige’ Prinzip – die Intelligenzija – sich außerhalb des ‘Volkselements’ befand.“ [2] Und Gorki gehört, dies wird im Film sehr deutlich, trotz seiner proletarischen Herkunft zur Intelligenzija.

Wladimir Majakowski

Majakowski, der dank Gorkis Fürsprache nicht an die Front muss und in Petersburg stationiert ist, ist die lebendigste Figur im Film. Er läuft nicht nur überall hin, wo geschossen wird und gleich in den ersten Tagen der Februarrevolution beginnt er damit, eine „Poeto-Chronik“ zu verfassen. Er hofft inständig auf die Übernahme der Macht durch die Bolschewiki, geht zu den Arbeitern und liest ihnen seine Dichtungen vor. Er gründet einen gesamtrussischen Künstlerrat und verdient sein Geld, indem er für Zeitungen zeichnet. Er zitiert sein zweizeiliges Spottlied: „Friss Ananas, Bürger und Haselhuhn / musst bald deinen letzten Seufzer tun,“ mit dem der Film auch ausklingt.

Der durch und durch bürgerliche Benois wird nur vorübergehend kurz vom Revolutionstaumel erfasst. Er bleibt distanziert, ist beunruhigt über das Schicksal des Winterpalasts und der Eremitage mit ihren Kunstschätzen. Und nach der revolutionären Übernahme der Macht durch die Arbeiter und Bauern ist er bass erstaunt, dass so wenig Schaden angerichtet wurde beim Umsturz.

Er bedauert zunehmend, sich überhaupt mit der Revolution eingelassen zu haben. Resigniert flieht er zurück in seine unabhängige Einsamkeit. Er äußert völliges Unverständnis über die Bedürfnisse der Proletarier. Seine Köchin, die stundenlang nach Lebensmitteln anstehen muss und kaum noch etwas auf den Tisch bringen kann, sei, „eine wirklich dumme Gans“. Sie melde „sich immer wieder mit irgendwelchen Ansprüchen wie freien Sonntagen und dergleichen mehr“.

Kasimir Malewitsch

Malewitsch, der Schöpfer des „Schwarzen Quadrats“, wird zum begeisterten Anhänger der Revolution, weil er darin auch eine Neugeburt der Kunst sieht. Er schlägt vor, dass Künstler Museumsbesuche für Arbeiter organisieren und „Rathäuser der Kunst“ errichten. Er will mit der Kunst im ganzen Land der jungen Generation zu Hilfe kommen, die den „Funken des Neuen“ in sich trägt.

In einem Interview meint Rothe zu der Frage nach der Aktualität des Films: „Es ist ein Film, der von heute aus auf die Vergangenheit schaut. Künstler machen keine Revolution, sie haben keine Waffen und sind keine Politiker. Doch sie sind erheblich an etwas beteiligt, was sich mit ‚allgemeine Stimmung’ beschreiben lässt. Was daraus wird, können sie nicht kontrollieren, doch sie können diese Verantwortung ergreifen, oder auch nicht.“

Rothes Fazit: „Die Kunst erlebt nach 1917 einen Aufbruch, doch die ersehnte Freiheit ist nur eine kurze Illusion.“ Das mag für das persönliche Schicksal vieler Künstler zutreffen, aber was die russischen Künstler in den wenigen Jahren bis zu ihrer Knebelung durch die stalinistische Bürokratie geschaffen und experimentiert haben, wirkt bis heute nach und gibt zeitgenössischen Künstlern immer wieder Impulse, ihr Werk zu entwickeln.

Die Regisseurin schließt ihr Werk mit der ziemlich pessimistischen Schlussfolgerung: „Ich habe 1989 das Ende der Sozialismus erlebt. Ich wollte den wahren Oktober finden, gefunden habe ich Hunderte Wahrheiten. Was bleibt? Worte und Werke.“

Was die 1972 geborene Regisseurin erlebt hat, war der Zusammenbruch des stalinistischen Regimes, des Totengräbers der Revolution, und nicht des Sozialismus. Ihr Film selbst, die Tatsache, dass sie dieses Thema aufgegriffen hat, ist ein Zeugnis dafür, dass die Ideen der Russischen Revolution und der Antwort, die sie auf Krieg und Ausbeutung gegeben hat, sich heute erneut stellen.

Der Film "1917 - Der wahre Oktober" wurde in einer leicht gekürzten Fassung von arte, der ARD und 3sat gezeigt und ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

Anmerkungen

1) Leo Trotzki, Literatur und Revolution, Essen 1994, S.43

2) O Gor'kom. Pravda (1926), zit. aus: A. Voronskij, Izbrannye stat'i o literature, M. 1982, S. 43-44.

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