100. Jahrestag der Oktoberrevolution

Angst und Argwohn im Kreml

Von Clara Weiss
22. November 2017

Die Kreml-Oligarchie reagierte auf den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution mit einer Mischung aus Angst und Argwohn. Die Geschichte wird gefälscht und von einer nationalistischen und rechtsextremen Position aus attackiert.

Es gab praktisch keine offiziellen Feier zum Jahrestag. Der Kreml veranstaltete eine Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau, die aber ein Ereignis aus dem Zweiten Weltkrieg 1941 nachstellte. Nur die rechte Kommunistische Partei Russlands (KPRF), die die Verbrechen des Stalinismus verherrlicht und enge Beziehungen zu illegalen fremdenfeindlichen Gruppen pflegt, organisierte eine Gedenkveranstaltung.

Wie feindselig die Oligarchie gegenüber der Oktoberrevolution ist, zeigte sich am deutlichsten in der Kampagne des Staatsfernsehens gegen die Revolution und vor allem gegen Leo Trotzki. Dieser war nicht nur neben Lenin der wichtigste Anführer des Aufstandes und Gründer der Roten Armee, sondern auch der wichtigste marxistische Gegner der stalinistischen Bürokratien, die mit ihrem nationalistischen Programm die Revolution verriet.

Anfang November zeigte Channel 1, der populärste Fernsehsender Russlands, eine aufwändig produzierte achtteilige Serie über Trotzki. Sie bediente offen antisemitische und rechtsextreme Klischees und stellte Trotzki als sexsüchtigen und blutrünstigen Egomanen dar. Eine weitere „Dokumentation“ auf Channel 1 mit dem Titel „Der böse Geist der Revolution“ wärmte die alten Verleumdungen auf, die Bolschewiki seien von Deutschland finanziert worden.

Präsident Wladimir Putin, der selbst Multimilliardär ist, distanzierte sich von allen öffentlichen Gedenkfeierlichkeiten für die Revolution. Im Oktober äußerte er vor einer Gruppe von Akademikern seine Ablehnung gegenüber der Revolution: „War es nicht möglich, dem Pfad der Evolution zu folgen, statt eine Revolution durchzustehen? Hätten wir nicht schrittweise und stetig nach vorne kommen können, statt unseren Staat und Millionen Menschenleben rücksichtslos zu zerstören?“

In der Vergangenheit hatte der Kreml Mühe mit der Frage, was er mit dem Vermächtnis der russischen Revolution tun soll. Hinsichtlich der Ereignisse und ihrer politischen Folgen schwankte man zwischen drei Haupttendenzen.

Die erste davon war eine neostalinistische Kampagne. In zahllosen Büchern wurde Stalin hochgelobt und seine Verbrechen gegen die Revolution und sogar der Terror der 1930er gerechtfertigt. Die zweite Tendenz war die Verbreitung rechtsextremer antisemitischer Angriffe auf die Revolution und ihre Führer. Diese Tendenz äußerte sich in Werken, in denen Trotzki als Agent der „Rothschilds“ und „Menschenfresser“ verunglimpft wurde. Die dritte und jüngste Tendenz war der Versuch des Kreml, die Revolution als im wesentlichen nationales Ereignis darzustellen, als „Große Russische Revolution“ mit dem Ziel, den „russischen Staat“ zu retten. Diese Verfälschung findet sich u.a. in einem neuen Geschichtsbuch, das im ganzen Land an Schulen eingesetzt wird.

Die Kampagne gegen 1917 wärmt in vielen Fällen Angriffe auf die Revolution und Trotzki wieder auf, die als charakteristisch für die konterrevolutionären Weißen Kräfte galten. Hierin zeigt die extreme wirtschaftlichen und politischen Schwäche der russischen Oligarchie, die aus der Wiedereinführung des Kapitalismus hervorgegangen ist.

Für die große Mehrheit der russischen Bevölkerung war die Wiedereinführung der Marktwirtschaft eine absolute Katastrophe. Sie hat eine parasitäre Schicht von Oligarchen geschaffen, die über eine zutiefst ungleiche und größtenteils von Rohstoffexporten abhängige Wirtschaft herrschen.

Nach einem Bericht von 2016 besitzen die obersten zehn Prozent der Bevölkerung 89 Prozent des gesamten Haushaltsvermögens des Landes, das sind zwei Prozent mehr als 2015. In den USA besitzt die gleiche Gruppe 78 Prozent des Haushaltsvermögens, in China 73 Prozent. Weniger als 122.000 Personen gehören dem reichsten einen Prozent der Bevölkerung an, darunter 79.000 Dollar-Millionäre und 96 Milliardäre.

Etwa 56 Prozent der russischen Arbeiter verdienen weniger als 31.000 Rubel (445 Euro) pro Monat; 29,4 Prozent bzw. 43 Millionen Menschen verdienen weniger als 218 Euro pro Monat.

Die soziale Verzweiflung und das Elend äußern sich akut in einer verheerenden HIV-Epidemie und weit verbreiteter Drogensucht. Mehr als eine Million Menschen, d.h. etwa ein Prozent der russischen Bevölkerung, sind mit HIV infiziert. Nur in den afrikanischen Sub-Sahara-Staaten ist der Prozentsatz höher. Im Jahr 2013 konsumierten fast zwei Millionen Menschen intravenös Drogen. Seit 1991 haben mehr als eine Million Menschen in Russland Selbstmord begangen, die Bevölkerung ist auf knapp über 140 Millionen gesunken.

Russland droht die Aufteilung durch die imperialistischen Mächte oder ein Atomkrieg. Die herrschende Elite des Landes schwankt zwischen Kriegstreiberei und verzweifelten Appellen an die Imperialisten, ihren Kurs zu ändern.

Unter diesen Bedingungen gewinnen die zentralen Ideale der russischen Revolution - der Kampf gegen imperialistischen Krieg und soziale Ungleichheit - bei beträchtlichen Teilen der Bevölkerung unweigerlich wieder an Attraktivität. Diese Stimmungen äußern sich meist in einer vagen Nostalgie gegenüber der Sowjetunion, sind aber eher wirr. Nach jahrzehntelangen Geschichtsfälschungen und Verbrechen des Stalinismus, vor allem auch durch die Ermordung der gesamten Bolschewistischen Partei, eines Großteils der Komintern und Leo Trotzkis sind grundlegende Tatsachen über die russische Revolution und den Kampf der linken Opposition gegen den Stalinismus unbekannt.

Die Angehörigen der herrschenden Oligarchie sind die historischen Erben der stalinistischen Bürokratie. Deshalb tun sie alles, was in ihrer Macht steht, um die Menschen über die Ursprünge und das Programm der russischen Revolution zu täuschen, russischen Nationalismus zu schüren und den Revolutionär zu attackieren, der am meisten mit dem Kampf gegen den nationalistischen Verrat an der Revolution in Verbindung gebracht wird: Leo Trotzki.

Doch diese systematische Geschichtsfälschung steht auf äußerst wackeligen Füßen. Die heutige herrschende Klasse ist so von Kriminalität und Parasitismus durchdrungen und so moralisch verkommen wie keine andere vor ihr. Wer wird ihr ihre billige Moral ernst nehmen und ihren Angriffe auf die Revolution und ihre Anführer unterstützen?

Die Krise nimmt zu in Wirtschaft, Gesellschaft und Kriegsgefahr, während Teile der internationalen Arbeiterklasse immer mehr in den Kampf gezogen werden. Vor diesem Hintergrund befasst sich eine neue Generation von Jugendlichen und Arbeitern wieder mit dem für Russland und die Welt wichtigsten Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wir rufen die Arbeiter und Jugendlichen in Russland dazu auf, die Materialien des Internationalen Komitees der Vierten Internationale zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution zu studieren und sich dem Kampf für die Fortsetzung der sozialistischen Weltrevolution anzuschließen, den die Bolschewiki in Russland 1917 begonnen haben.

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