Fatih Akins “Aus dem Nichts”

Von Justus Leicht
27. November 2017

Der Film „Aus dem Nichts“ handelt von einem Bombenanschlag von Nazis, bei dem ein kurdischer Steuerberater, Übersetzer und Reisebürobetreiber (Numan Acar) sowie dessen kleiner Sohn ermordet werden. Seine deutsche Ehefrau (Diane Kruger) sinnt nach dem Freispruch der mutmaßlichen Täter auf Rache. Regie führte Fatih Akin, der gemeinsam mit Hark Bohm auch das Drehbuch geschrieben hat. Der Film ist als deutscher Kandidat für den Oscar 2018 vorgeschlagen worden.

Aus dem Nichts (Bild Pathé Distribution)

Um es vorweg zu sagen: Der auf Emotionen setzende Film ist, abgesehen von der brillanten Leistung Krugers, schlecht. Das liegt nicht an den handwerklichen Fähigkeiten Fatih Akins, der sicher einer der besten deutschen Regisseure ist. Es liegt an seiner politisch bornierten Haltung.

Der Film ist in drei Kapitel untergliedert. Das erste heißt „Die Familie“.

Nuri Sekerci wird aus mehrjähriger Haft wegen Drogenhandels entlassen. Im Gefängnis hat er Betriebswirtschaftslehre studiert. Danach baut er sich ein neues Leben auf. In einem vorwiegend von türkischen Migranten bewohnten Stadtviertel bietet er Steuerberatung, Übersetzungen und Flugreisen in die Türkei an. Nuri ist jovial, gutmütig und liebevoll gegenüber seinem Sohn und seiner blonden, tätowierten, emotionalen Ehefrau Katja.

Doch dann wird sein Büro mit einer Nagelbombe, vor der Tür auf einem Fahrrad abgestellt, attackiert. Nuri und sein Sohn sterben. Für Katja beginnt eine Hölle, die den Großteil des ersten Kapitels ausfüllt.

Ausführlich werden ihr Leid, ihre Trauer und ihre Wut dargestellt. Die Polizei fragt Katja zuerst, ob Nuri religiös, Moslem, politisch als Kurde aktiv war, widmet sich eingehend Nuris krimineller Vergangenheit und durchsucht schließlich sogar das Haus, wo sie tatsächlich Drogen findet, die Katja nach der Tat zum Eigenkonsum bekommen hat. Ein von Katja erstelltes Phantombild der Frau, die das Fahrrad mit der Bombe abgestellt hat, wird aber sofort für die Fahndung genutzt.

Verwandte verhalten sich teils wenig einfühlsam – „War Nuri in etwas verwickelt?“, „Was hat er nur aus Dir gemacht!“ Katja, die bald davon überzeugt ist, dass Nazis die Täter waren, versucht einen – detailliert gezeigten – Suizid, als in letzter Sekunde ihr Anwalt (Denis Moschitto) anruft und ihr mitteilt, die Polizei habe die Täter gefasst. Es seien tatsächlich Nazis.

Das zweite Kapitel heißt „Gerechtigkeit“.

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage. Die umfangreichen, scheinbar wasserdichten Ermittlungen werden präsentiert, die Richter und auch der wenig in Erscheinung tretende Staatsanwalt lassen ihre Sympathie und ihr Verständnis für Katja, die als Nebenklägerin auftritt, durchscheinen, bemühen sich aber vor allem um einen korrekten Ablauf des Verfahrens. Dieses ist geprägt durch die diabolischen Finten der Verteidigung des angeklagten Nazi-Ehepaares. Katjas Anwalt hält nach Kräften dagegen.

Eine sachverständige Zeugin erklärt lange und detailreich, welche grauenhaften Verletzungen und Verstümmelungen die Bombe bei den Opfern angerichtet hat. Für Katja ist der Prozess ein Martyrium, wegen ihrer emotionalen Ausbrüche wird sie fast davon ausgeschlossen. Schließlich tritt noch ein griechischer Neonazi von der Partei „Goldene Morgenröte“ als Entlastungszeuge auf. Am Ende werden die Angeklagten freigesprochen, „nicht etwa weil das Gericht von ihrer Unschuld überzeugt wäre“, wie der Vorsitzende betont, sondern wegen Zweifeln am Nachweis ihrer Tat.

Das dritte Kapitel trägt den Titel „Das Meer“. Dorthin, nach Griechenland, hat sich das Nazi-Ehepaar zurückgezogen, wo ihnen ihr Kamerad von der „Goldenen Morgenröte“ hilft.

Am Meer waren auch Nuri, Katja und der kleine Sohn Rocco in Urlaub, das glückliche Handyvideo schaut sich Katja immer wieder an. Sie fährt den beiden Nazis nach Griechenland hinterher, macht erst ihren griechischen Komplizen, dann sie ausfindig und nimmt tödliche Rache. Ihrem Anwalt sagte sie vorher noch am Telefon, dass sie keine Revision gegen das Urteil einlegen will, bedankt sich aber nachdrücklich bei ihm.

Im Abspann nimmt der Fall noch einmal ausdrücklich Bezug auf die Mordserie der Terrororganisation NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) und erwähnt dessen zehn Todesopfer. Fatih Akin hat im NSU-Prozess mehrere Verhandlungstage verfolgt und erklärt, dies sei der Auslöser gewesen, den Film zu machen.

Ganz ohne Zweifel steckt enorm viel dramatischer Stoff in dem NSU-Skandal. Dem Film merkt man davon aber kaum etwas an. Der Regisseur klammert bewusst wichtige Elemente aus, lässt, soweit überhaupt Kritik am Staat zu erkennen ist, Entscheidendes weg und beschönigt so dessen Rolle.

Akin hat es zwar nach eigenen Angaben als Skandal empfunden, dass Polizei, Medien und Gesellschaft hinter den Terroranschlägen, die vom NSU begangen wurden, stets Türken, Kurden oder irgendwelche Mafiaorganisationen vermuteten.

In seinem Film wirkt dies allerdings weniger skandalös. Immerhin war das Opfer (anders als die wirklichen Opfer) ein zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilter, wenn auch vorbildlich resozialisierter ehemaliger Drogendealer, der über seine legale Arbeit als Dolmetscher und Übersetzer immer noch in Kontakt zu Straftätern stand.

Es ist dann nicht ganz fernliegend, zunächst auch in seinem Umkreis zu ermitteln. Und als Spuren schließlich tatsächlich zu Nazis führen, geht die Polizei diesen auch sorgfältig nach. Hier klaffen Film und Wirklichkeit weit auseinander. Bei den Morden und Anschlägen des NSU gab es immer wieder Hinweise auf deutsche Täter und Nazis, dahingehende Ermittlungen wurden aber abgebrochen und blockiert.

Vor allem aber erwähnt der Film nicht einmal andeutungsweise die Rolle der Geheimdienste. Dies war eine bewusste Entscheidung des Regisseurs. Im Interview erklärte er: „In meinem Film geht es zum Beispiel überhaupt nicht darum, welche Rolle der Verfassungsschutz spielte. Hätte ich die reale Geschichte erzählt, wäre dieses Thema unumgänglich gewesen. Ich wollte mich in diesem Film hingegen gezielt auf eine Opferangehörige konzentrieren.“

Das ist natürlich eine faule Ausrede. Zum einen gibt es im Film zahlreiche Anspielungen auf die reale Geschichte. Er nimmt darauf ausdrücklich Bezug, und Akin selbst hat erklärt, seine Inspiration sei der reale NSU-Fall gewesen. Zum anderen kann man auch in eine fiktive oder teilweise fiktive Geschichte die Rolle der Geheimdienste einbauen. Die Filmwelt ist voll davon.

In Wirklichkeit geht es Fatih Akin um etwas anderes, wie er selbst erklärt: „Aus dem Nichts versteht sich auch nicht unbedingt als politischer Film. Vielmehr ging es mir um die Stufen des Schmerzes, die eine Opferangehörige durchlebt: wie sich dieser Schmerz zunächst in Ohnmacht, dann in Wut und schließlich wieder in Gewalt verwandelt.“

Und in einem weiteren Interview bemerkte er: „Mir ging es eher darum zu sagen: Rache ist so alt und so tief im Menschen verankert, sie ist Teil unserer Evolution. Das Bedürfnis nach Rache ist ja auch auf gewisse Weise die Grundlage der Justiz. Das hat nichts mit dem Nahen Osten zu tun, Rache ist nichts Ethnisches.“

Auch hier ist Akin meilenweit von der Realität entfernt. Der NSU-Prozess ist zwischenzeitlich in seine Endphase eingetreten. Die als Nebenkläger auftretenden Angehörigen der Opfer und deren Anwälte haben in ihren ersten Plädoyers keineswegs das Rachebedürfnis in den Mittelpunkt gestellt. Von Rachgier war darin nichts zu bemerken.

Carsten S., ehemals Nazi und einer der Waffenbeschaffer für den NSU, hatte umfassend, teils unter Tränen, ausgesagt, sich dabei auch selbst belastet und sich bei den Opfern und deren Angehörigen entschuldigt. Er befindet sich im Zeugenschutzprogramm. Opferangehörige nahmen seine Entschuldigung an und forderten lediglich eine Bewährungsstrafe für ihn, was unterhalb der Strafforderung der Bundesanwaltschaft liegt.

Die Tochter des Mordopfer Ismail Yasar sagte zu Carsten S.: „Sprechen Sie mit jungen Menschen. Gehen Sie zu Ihnen und erzählen Sie Ihre Geschichte. Warnen Sie sie vor dem Hass der Nazis und vor dem Unheil, das diese Menschen anrichten. Dann werden Sie vielleicht eines Tages so weit sein, dass Sie auch sich selbst verzeihen können.“

Zentral war in den Plädoyers der Nebenkläger der Wunsch nach umfassender Aufklärung, einschließlich der zahlreichen staatlichen Verstrickungen in den NSU-Komplex. Sie kritisierten dementsprechend heftig Bundesanwaltschaft und Verfassungsschutz. Die Bundesanwaltschaft hat die geforderte Aufklärung nach Kräften zu verhindern versucht, besonders wenn es um die Rolle des Verfassungsschutzes ging. Das Gericht hinderte sie nicht daran.

Akins Film bleibt weit dahinter zurück. Er schürt Emotionen, um Rache und Selbstjustiz zu rechtfertigen. Das wird den Opfern und deren Angehörigen, die er angeblich in den Mittelpunkt stellen will, nicht gerecht.

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