Wachsende Spannungen nach Nordkoreas Raketentest

Von Peter Symonds
30. November 2017

Nordkorea hat am Mittwoch eine Langstreckenrakete mit einer Reichweite getestet, die potentiell den größten Teil der Landmasse der Vereinigten Staaten erreichen kann, darunter auch die Hauptstadt Washington, D.C. Der Test fand vor dem Hintergrund wachsender Spannungen auf der koreanischen Halbinsel statt. Trump hatte den Konflikt angeheizt und Nordkorea gedroht, Militärgewalt einzusetzen, um dessen Atom- und Raketenanlagen zu zerstören.

Nordkorea feuerte die Interkontinentalrakete (intercontinental ballistic missile, ICBM) gegen 3 Uhr morgens Ortszeit aus der Nähe von Phyongsong ab, einer Stadt nordöstlich der Hauptstadt Pjöngjang. Sie hielt sich 53 Minuten lang auf ihrer Flugbahn, erreichte eine Höhe von 4.500 Kilometern und landete 960 Kilometer nördlich von Japans größter Insel Honschu.

Wenn die ICBM in einem Winkel abgefeuert worden wäre, der die größte Distanz möglich macht, dann betrüge ihre geschätzte Reichweite mehr als 12.500 Kilometer. Damit lägen die Ostküste der USA und Washington D.C. potentiell in ihrer Reichweite. Ob die Rakete eine schwere Nutzlast, wie zum Beispiel einen Atomsprengkopf, über diese Entfernung tragen könnte, ist nicht bekannt.

Zwei ähnliche nordkoreanische ICBMs, die im Juli getestet wurden, blieben 37 beziehungsweise 47 Minuten lang in der Luft. Ein Mitarbeiter des US-Geheimdienstes erklärte gegenüber Reuters, erste Hinweise zeigten, dass das Triebwerk der Rakete nicht wesentlich leistungsstärker war als das in den vorherigen Hwasong-14-Tests.

David Wright von der Union of Concerned Scientists (Vereinigung besorgter Wissenschaftler) erklärte in einem Blog, Nordkorea könnte einfach die Nutzlast verringert haben. Er schrieb: „Wenn das stimmt, dann bedeutet das: Sie wäre nicht in der Lage, einen Atomsprengkopf über eine solch große Distanz zu tragen, denn eine solcher Sprengkopf wäre sehr viel schwerer.“

Außerdem bestehen weiterhin Zweifel, ob Nordkorea einen Wiedereintrittskörper entwickelt hat, der in der Lage ist, eine atomare Nutzlast vor der extremen Hitze und dem Druck zu schützen, die entstehen, wenn sie vom Weltraum wieder in die Erdatmosphäre eintritt. Laut dem japanischen Verteidigungsminister Itsunori Onodera zerbrach die Rakete, bevor sie in Japans Sonderwirtschaftszone landete.

US-Präsident Donald Trump reagierte auf einer Pressekonferenz mit Verteidigungsminister James Mattis relativ verhalten. „Wir kümmern uns darum“, erklärte er den Journalisten. „Das ist eine Situation, mit der wir umgehen werden.“

Mattis erklärte, die Rakete „stieg, offen gesagt, höher als alle vorherigen“. Er fuhr fort: „Das Entscheidende ist: Hier wird der Bau einer Langstreckenrakete vorangetrieben, ... die eine Bedrohung für den Weltfrieden, den regionalen Frieden und natürlich die Vereinigten Staaten darstellt.“

Die Hauptverantwortung für das Anheizen der Spannungen in Nordostasien trägt in Wirklichkeit der US-Imperialismus. Trumps Regierung hat, in Fortsetzung der Obama-Politik, mit den vernichtenden wirtschaftlichen und diplomatischen Sanktionen die Schlinge um Nordkorea immer enger gezogen und klargemacht, dass nur Pjöngjangs völlige Kapitulation vor den US-Forderungen einen Krieg verhindern wird.

Nach den nordkoreanischen Atomtests Anfang September drohte Trump vor den Vereinten Nationen, das Land „völlig zu zerstören“. In dieser Aussage zeigte sich der gewaltige Unterschied zwischen den USA, die über das mächtigste Militär der Welt und Tausende von Atomsprengköpfen verfügen, und Nordkorea, das ein sehr beschränktes Atomarsenal und nur wenige Trägersysteme besitzt.

Die USA haben im Verlauf des Jahres 2017 eine Reihe von groß angelegten, provokativen Militärübungen mit Südkorea, Japan und anderen Verbündeten abgehalten. Anfang des Monats hat die US-Marine eine Übung veranstaltet, an der drei amerikanische Flugzeugträger zusammen mit ihren Kampfgruppen aus Zerstörern und Schlachtkreuzern sowie diverse südkoreanische Schiffe teilnahmen.

Die jüngsten Manöver, die am Samstag beginnen, sollen die massive Luftüberlegenheit der US-Alliierten demonstrieren. Unter dem Namen „Vigilant Ace“ werden an der Luftwaffenübung 230 Flugzeuge, darunter sechs F-22-Raptor-Tarnkappenjäger und 12.000 amerikanische Soldaten, teilnehmen. Laut US-Militär besteht ihre Aufgabe darin, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit zwischen den amerikanischen und den südkoreanischen Streitkräften zu verbessern und die „Kampfeffizienz beider Nationen zu steigern“. Mit anderen Worten, man will sich auf einen Krieg mit Nordkorea vorbereiten.

Nach dem ICBM-Test Nordkoreas am Mittwoch erklärte US-Außenminister Rex Tillerson: „Diplomatische Lösungen sind immer noch möglich und bleiben offen. Die Vereinigten Staaten halten unverändert an der Suche nach einem friedlichen Weg zur atomaren Abrüstung und zur Beendigung der kriegerischen Aktionen Nordkoreas fest.“ Er gab bekannt, dass die USA und Kanada nächstes Jahr eine internationale Konferenz einberufen werden, um zu diskutieren, wie man Nordkorea in die Schranken weisen könne.

Die Trump-Regierung hat jedoch wiederholt Forderungen Russlands und Chinas zurückgewiesen, durch eine sogenannte „Freeze-for-freeze“-Vereinbarung den Weg für Verhandlungen frei zu machen. Eine solche Vereinbarung würde bedeuten, dass die gemeinsamen amerikanisch-südkoreanischen Kriegsübungen ausgesetzt werden und Nordkorea im Gegenzug seine Atom- und Raketentests einstellt.

Darüber hinaus hat Trump Nordkorea in der letzten Woche erneut auf die Liste des US-Außenministeriums gesetzt, in der Staaten geführt werden, die angeblich Terrorismus unterstützen. Damit sollte jede Verhandlungsinitiative von vorneherein untergraben werden. Die Bush-Regierung hatte Pjöngjang im Jahr 2008 von dieser Liste gestrichen. Das war Teil der US-Verpflichtungen, die in dem 2007 unterzeichneten Atomabrüstungsabkommen enthalten waren. Nur wenige Monate danach sabotierte Bush das Abkommen, indem er schärfere Inspektionsverfahren als vereinbart forderte.

Nordkorea reagierte verärgert auf Trumps Schritt und erklärte, die Entscheidung, das Land wieder auf die Liste der Terrorismusunterstützer zu setzen, sei „eine schwerwiegende Provokation und schwere Verletzung“ seiner Souveränität. Der Raketentest von Mittwoch – der erste dieser Art seit September – ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass Pjöngjang kein Vertrauen darin setzt, dass die USA redlich verhandeln wollen.

Der jüngste Raketentest kann die Spannungen in Nordostasien nur erhöhen. Südkorea reagierte sechs Minuten später ebenfalls mit einer Machtdemonstration, nämlich mit einem gleichzeitigen Test von einem „Präzisions“-Raketenbeschuss durch seine Armee, Marine und Luftwaffe. Sämtliche Raketen waren auf die Distanz bis zum nordkoreanischen Testgelände justiert, wurden aber in Richtung der Gewässer zwischen Südkorea und Japan abgefeuert.

Der japanische Premierminister Shinzo Abe, der Washingtons aggressive Haltung gegenüber Nordkorea in jeder Hinsicht unterstützt, telefonierte mit Trump. Gegenüber der Presse forderte er ein Treffen des UN-Sicherheitsrats, der eine Krisensitzung über den Raketenabschuss angekündigt hat.

Trumps Politik des „größtmöglichen Drucks“ richtet sich nicht nur gegen Nordkorea, sondern auch gegen China, das von den USA und ihren Verbündeten dazu gedrängt wird, de facto eine vollständige Wirtschaftsblockade gegen das Nachbarland zu verhängen. Diese Politik führt zu einer extrem gefährlichen Lage, in der nur ein einziges Ereignis oder ein Zwischenfall einen katastrophalen Krieg auslösen könnte.

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