Piloten von Ryanair kündigen europaweiten Streik an

Von unseren Korrespondenten
13. Dezember 2017

Die Piloten der irischen Billigairline Ryanair haben unbefristete Streikaktionen angekündigt. Auf einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag in Frankfurt am Main erklärte der Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), die Arbeitsbedingungen der Ryanair-Piloten seien unerträglich und könnten nicht länger hingenommen werden.

Einen konkreten Zeitpunkt für den Beginn von Arbeitskampfmaßnahmen gebe es noch nicht, sagte Ilja Schulz, der Präsident der VC. Es sei bisher nur entschieden worden, dass die Weihnachtstage vom Streik ausgenommen seien. Es handelt sich um den ersten Pilotenstreik in der Geschichte des Unternehmens, das 1985 in Dublin gegründet wurde.

Einen Tag vor der Streikentscheidung der Ryanair-Piloten in Deutschland hatten am Montag bereits die Piloten in Irland, dem Stammland des Unternehmens in einer Urabstimmung für einen Streik votiert. Ebenso sind in Portugal und Italien Arbeitskämpfe angekündigt. Die europaweiten Streikaktionen sollen über den Dachverband „European Cockpit Association“ koordiniert werden.

Die Unternehmensspitze reagierte auf die Streikankündigung in der bekannt aggressiven Weise. Ryanair-Boss Michael O’Leary ließ mitteilen, er werde wie bisher mit keiner Gewerkschaft verhandeln, ganz gleich welche Aktionen geplant würden oder stattfänden. Gleichzeitig droht die Unternehmensleitung allen streikbereiten Mitarbeitern mit massiven Konsequenzen. In einem internen Memo, das seit einigen Tagen kursiert, ist die Rede von Kürzungen bei den Gehältern und Zuschüssen sowie eine Aussetzung von Beförderungen, berichtet das Handelsblatt.

Die angekündigten Streiks richten sich gegen die miserablen Arbeitsbedingungen der Ryanair-Piloten. Die Flugzeugführer werden unabhängig von ihrem Einsatzort nach irischem Recht beschäftigt, was bedeutet, dass die Sozialstandards weit unter europäischen Durchschnittsstandards liegen. Zudem werden viele Piloten über Ich-AGs angestellt. Das sogenannte Contractormodell hat zur Folge, dass alle Sozialkosten auf die Piloten abgewälzt werden, jegliche soziale Absicherung, wie die Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall, entfällt.

Im Sommer vergangenen Jahres berichtete die WSWS, wie sich der Pilotenberuf vom Traumjob zu Albtraum entwickelt hat. Damals durchsuchten Steuerfahnder die privaten Diensträume mehrerer Ryanair-Piloten, die sie der Steuerhinterziehung verdächtigten. Bei der Gelegenheit wurden die völlig ungesicherten Arbeitsverhältnisse bekannt, denen Flugkapitäne immer häufiger ausgesetzt sind.

Es zeigte sich, dass viele Ryanair-Piloten gar nicht bei der Dubliner Billigairline angestellt sind, sondern über britische Personaldienstleister an Ryanair „ausgeliehen“ werden. Einige von ihnen gelten als Selbständige und werden über Zwischenfirmen an den Arbeitgeber vermittelt. Je nach Standort ihres Arbeitgebers oder Heimathafens müssen die Piloten in diesem oder jenem Land Einkommenssteuer bezahlen. Oft sind sie selbst im Unklaren, ob sie sich steuertechnisch richtig verhalten.

Diese ungesicherten und prekären Arbeitsverhältnisse betreffen allerdings bei weitem nicht nur Ryanair-Piloten. Wie eine Studie der Universität Gent aufdeckte, arbeiten sechzehn Prozent der europäischen Piloten heute in sogenannt atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Sie werden nicht mehr von einer Airline fest angestellt, sondern haben oft nur befristete Verträge. Etwa ein Drittel der prekär Beschäftigten werden über eine Zeitarbeitsfirma vermittelt.

Diese Verhältnisse sind nicht nur unter den Piloten, sondern allen Luftfahrtbeschäftigten bekannt. Daher stößt die Streikankündigung auf großes Interesse und Sympathie. Auch die Kabinenmitarbeiter fordern, dass sich Ryanair an die jeweiligen nationalen Sozialstandards der Standorte hält, wo das Personal beschäftigt ist.

So hat die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) das Ryanair-Management Ende Oktober zu Tarifverhandlungen aufgefordert. Alexander Behrens, Vorstandsvorsitzender der UFO, beklagt nicht nur das mit einem Bruttolohn von rund 1200 Euro viel zu niedrige Gehalt, das in Deutschland kaum zum Überleben reicht. „Dass Ryanair seine Kabinencrews zudem in jedem Winter für mehrere Wochen unbezahlt freistellt, schlägt dem Fass den Boden aus.“

Auch für die ehemaligen Mitarbeiter der bankrotten Air Berlin ist die Streikankündigung der Ryanair-Piloten bedeutsam. 7000 ehemalige Air-Berlin-Beschäftigte – Piloten, Kabinenpersonal, Bodenpersonal, Techniker der Wartungsabteilungen, Verwaltungsangestellte – sind entlassen worden oder stehen kurz davor. Sehr ähnlich geht es den Beschäftigten von Alitalia. Die italienische Fluglinie hat ebenso vor einigen Monaten Insolvenz angemeldet.

Ein europaweiter Pilotenstreik bei Ryanair könnte den Auftakt für eine breite Mobilisierung der Luftfahrtbeschäftigen in Europa bilden. Dazu kommt der wachsende Widerstand gegen die angekündigten Massenentlassungen bei Siemens, ThyssenKrupp, Bombardier, Kaufhof und in vielen anderen Bereichen. Dieser darf allerdings nicht unter der Kontrolle der Gewerkschaften bleiben, die den Rahmen des kapitalistischen Systems akzeptieren und verteidigen.

Vor wenigen Tagen rief die WSWS zur prinzipiellen Verteidigung aller Arbeitsplätze und sozialer Errungenschaften auf und betonte: „Die Verteidigung der Arbeitsplätze muss zum Ausgangspunkt für eine breite politische Mobilisierung für ein revolutionäres sozialistisches Programm werden. Die Bereicherung einer winzigen Elite, die den Hals nicht voll genug kriegen kann, während sie gleichzeitig die Existenzgrundlage von Millionen Arbeitern zerstört, ist der klarste Beweis für das Scheitern des kapitalistischen Systems.“

Der angekündigte europaweite Pilotenstreik macht deutlich, wie wichtig eine breite politische Mobilisierung der Arbeiterklasse ist.

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