Vor 30 Jahren: Arbeitskampf in Duisburg-Rheinhausen

Von Dietmar Henning
16. Dezember 2017

Vor ziemlich genau 30 Jahren begann der Arbeitskampf der Krupp-Arbeiter für den Erhalt ihres Stahlwerks in Rheinhausen. Der bislang längste Arbeitskampf in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands enthält wichtige Lehren für Arbeiter in aller Welt. In Deutschland markierte er einen ersten Höhepunkt der Verwandlung der Gewerkschaften in direkte Agenturen der Konzerne.

Das Krupp-Stahlwerk war seit fast 100 Jahren der wirtschaftliche und soziale Mittelpunkt im Duisburger Stadtteil Rheinhausen westlich des Rheins. Mit der Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre aufziehenden Stahlkrise wurden dann rapide Arbeitsplätze abgebaut. 1980 waren in Westdeutschland noch 288.000 Menschen in der Stahlindustrie beschäftigt, sieben Jahre später nur noch knapp 230.000. Im Frühjahr 1987 kündigte Thyssen an, in Hattingen, Oberhausen und Duisburg weitere 8000 Arbeitsplätze zu streichen.

Zu dieser Zeit waren von einst rund 16.000 nur noch 6300 Stahlarbeiter im Rheinhausener Krupp-Werk beschäftigt. Krupp-Vorstand und Betriebsrat hatten im Herbst 1987 bereits den Abbau von weiteren 2000 Arbeitsplätzen vereinbart. Als dann aber in der Nacht zum 27. November im Betrieb das Gerücht die Runde machte, das Werk werde schon im nächsten Jahr ganz geschlossen, versammelten sich am Morgen 3000 Stahlkocher vor der Krupp-Hauptverwaltung und forderten vom damaligen Konzern-Chef Gerhard Cromme eine Stellungnahme. Dieser verkündete öffentlich die Schließungspläne. Ein über fünfmonatiger Arbeitskampf begann, der weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Zur Mahnwache vor Tor 1 mit ihren glühenden Kokskörben kamen Tausende, um ihre Solidarität auszudrücken. Ganz Duisburg stand hinter den Hüttenwerkern von Krupp.

Zahlreiche Demonstrationen wurden organisiert, an denen sich Hunderttausende beteiligten. Am 10. Dezember veranstaltete die IG Metall einen Stahlaktionstag, zu dem 100.000 Stahlkocher, Bergleute und andere Arbeiter, Schüler und Studenten kamen. Bei einer Großkundgebung aller Stahlbetriebe am 20. Januar 1988 wurde die Rheinbrücke von Duisburg-Hochfeld nach Rheinhausen auf den Namen „Brücke der Solidarität“ getauft, den sie bis heute trägt.

Doch während sich die IG Metall und ihre Betriebsräte in Rheinhausen durch wortradikale Reden hervortaten und, unterstützt vom örtlichen SPD-Stadtrat, einen Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze vorgaukelten, hatte der IGM-Vorstand in Frankfurt hinter dem Rücken der streikenden und protestierenden Arbeiter dem Abbau von 35.000 Stahlarbeitsplätzen in der Bundesrepublik bereits zugestimmt.

Der Bund Sozialistischer Arbeiter, die Vorläuferorganisation der Sozialistischen Gleichheitspartei, hatte damals die von der Gewerkschaft geheim gehaltene Vereinbarung öffentlich gemacht. Die IG Metall hatte dem Arbeitsplatzmassaker zugestimmt und dafür nur eine völlig unverbindliche Zusage der Stahlkonzerne erhalten, sich um Ersatzarbeitsplätze zu bemühen.

Mit dem hohlen Versprechen auf Ersatzarbeitsplätze wurde schließlich auch der Kampf in Rheinhausen abgewürgt. „Wir haben immer mit denen verhandelt“, erklärt heute Theo Steegmann, damals junger und wortradikaler stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Steegmann wehrte sich gegen Forderungen nach Betriebsbesetzung und landesweiten Streiks und hielt die Arbeiter mit Protesten, Solidaritäts-Konzerten und Solidaritäts-Aktionen hin, die Krupp angeblich zum Einlenken zwingen sollten.

Unter der Moderation des damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD) stimmten IG Metall und Betriebsräte dann Anfang Mai 1988 der endgültigen Schließung zu. In der „Düsseldorfer Vereinbarung“ willigte Krupp ein, das Werk nicht wie ursprünglich geplant 1988, sondern schrittweise bis 1990 zu schließen.

Als am 3. Mai 1988 die Belegschaft nach 165 Tagen das Ergebnis annahm, endete der längste Arbeitskampf in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands.

Die hohe Nachfrage nach Stahl, die 1990 nach der deutschen Wiedervereinigung einsetzte, hatte dann zur Folge, dass das Werk in Rheinhausen noch einige Jahre länger in Betrieb blieb – mit stark verminderter Belegschaft und einer Rekordzahl von Überstunden und Arbeitsunfällen.

Als Krupp im Jahr 1992 den Dortmunder Konkurrenten Hoesch übernahm, keimte unter den Duisburger Gewerkschaftsfunktionären nochmals Hoffnung auf. Sie glaubten, mit dem moderneren Stahlwerk hätten sie gute Karten im Standortwettbewerb gegen die Hoesch-Stahlwerke. „Rheinhausen war besser!“, behauptet Steegmann noch heute rückblickend in der Lokalpresse. Doch das Management schloss im August 1993 das Rheinhausener Stahlwerk. 2300 Arbeiter waren dort am Ende noch beschäftigt.

Die Hoesch-Betriebsräte erkauften sich diese Entscheidung, indem sie dem Abbau von rund 2000 Arbeitsplätzen in Dortmund zustimmten. Dies sei, so der damalige Hoesch-Betriebsratsvorsitzende Werner Nass im März 1993, die „Eintrittskarte für den vorläufigen Erhalt des Standorts Dortmund“.

Das Wort „vorläufig“ war mehr als korrekt. Hoesch existiert heute nur noch als Restbetrieb, die Stahlwerke wurden stillgelegt. Als Letztes schloss 2015 die Hoesch Spundwand und Profil (HSP).

Ersatzarbeitsplätze für die Stahlarbeiter gab es stets nur wenige. Steegmann gab 1993 in einem Presseinterview zu: „Wir haben den Kapazitätsabbau am Ende des Arbeitskampfes 1988 ja akzeptiert. Es sind Anlagen stillgelegt worden, im Gegenzug hat sich der Vorstand schriftlich verpflichtet, 1500 Ersatzarbeitsplätze zu schaffen... Die Vereinbarung lautete: Kapazitätsabbau gegen neue Arbeitsplätze. Der Kapazitätsabbau ist gekommen, die neuen Arbeitsplätze nicht.“

Im Gegensatz zu den Arbeitern erhielten die IG-Metall-Funktionäre und Betriebsräte „Ersatzarbeitsplätze“. Franz Steinkühler, der als Vorsitzender der IG Metall 1988 beim Ausverkauf von Rheinhausen die Fäden zog, trat im Mai 1993 von seinem Posten zurück, nachdem er in Verdacht geraten war, seinen Aufsichtsratsposten bei Daimler Benz für Insidergeschäfte genutzt zu haben. Auf die Frage eines Journalisten, woher er eine Million DM für den Kauf von Aktien hatte, antwortete Steinkühler: „Die IG Metall zahlt gut.“

Nach seinem Rücktritt machte sich der heute 80-jährige Steinkühler als Unternehmensberater selbständig. In einem Interview erklärt er, für ihn habe sich nichts geändert, er werde jetzt nur direkt von den Unternehmern bezahlt, statt wie früher von den Gewerkschaftsmitgliedern.

Manfred Bruckschen, Betriebsratsvorsitzender von Krupp in Rheinhausen, bekam von der SPD schon 1990 einen Sitz im Düsseldorfer Landtag zugeschanzt. Sein Nachfolger an der Spitze des Betriebsrats, Walter Busch, wickelte dann die Verschiebung der restlichen Stahlarbeiter in Vorruhestand, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und dergleichen ab, als Rheinhausen endgültig stillgelegt wurde. Nach vollbrachter Tat wechselte er auf die Seite des Vorstands und wurde Personalleiter bei Krupp-Hoesch-Stahl in Bochum.

Und auch der „linke“ Flügel des damaligen Betriebsrats fiel nicht ins Bergfreie, wie es im Ruhrgebiet heißt. Gerd Pfisterer von der maoistischen MLPD, einst Betriebsrat am Hochofen, kam im HSP-Werk in Dortmund unter und wurde dort „aufgrund seiner Verdienste in Rheinhausen“ von der IG Metall sogleich in die Vertrauenskörperleitung und zusätzlich in den geschäftsführenden Ausschuss des Betriebsrats gehievt.

Und Theo Steegmann, der „Held von Rheinhausen“, wie ihn die Lokalpresse bis heute hofiert? Er war nach dem Ende des Stahlwerks 1993 bis 2001 Geschäftsführer der „Qualifizierungsgesellschaft Rheinhausen“, einer hundertprozentigen Krupp-Tochter auf dem ehemaligen Betriebsgelände des Stahl-Werks. Darin verschrotteten mehrere Hundert Krupp-Stahlwerker und Langzeitarbeitslose das Werk.

Die „Qualifizierungsgesellschaft“ führte Steegmann mit dem Betriebsratskollegen Gerd Rupieta. Steegmann wurde als Geschäftsführer und Rupieta als „Projektleiter“ von Krupp fürstlich bezahlt. Auch die ehemaligen Rheinhausener Betriebsräte Spärlich, Skodazek, Niel, Ebert, Cabak, Van Dijk und selbst der einstige Vorsitzende Bruckschen bezogen jahrelang in Steegmanns „Qualifizierungsgesellschaft“ von Krupp ihr volles Gehalt als „Betriebsräte“.

Darauf angesprochen, erklärte Steegmann dem Autor dieser Zeilen 1994: „Eine komplizierte Unternehmenskonstruktion.“ In Wahrheit war sie gar nicht so kompliziert. Die „Qualifizierungsgesellschaft“ war eine „Rheinhausener Selbstversorgungsgesellschaft für Betriebsräte“.

Anschließend ging Steegmann – er hatte inzwischen während seines Jobs bei Krupp an der Universität Duisburg Wirtschaftspädagogik studiert – als Leiter der Abteilung Weiterbildung zur ThyssenKrupp-Tochter Nirosta. Als das Krefelder Unternehmen 2012 an den finnischen Konzern Outokumpu verkauft wurde, wechselte Steegmann wieder in den Betriebsrat. Seit September 2013 „koordiniert“ der Sozialdemokrat den Eurobetriebsrat des finnischen Konzerns Outokumpu.

Heute arbeiten von einst 70.000 Stahlarbeitern in Duisburg nur noch rund 16.000 vor allem beim 1999 fusionierten ThyssenKrupp-Konzern im Norden der Stadt. Diese sind im Zuge der angekündigten Fusion mit Tata-Steel mit der schrittweisen Schließung ihrer Werke konfrontiert, wie die Arbeiter in Rheinhausen vor 30 Jahren.

Heute gilt es, aus den letzten 30 Jahren, die mit dem Ausverkauf des Arbeitskampfs in Rheinhausen durch die IG Metall begannen, Lehren zu ziehen. Die Sozialistische Gleichheitspartei hat in ihrer jüngsten Erklärung zu den aktuellen Massenentlassungen bei Siemens, ThyssenKrupp, Kaufhof, Bombardier und Air Berlin festgestellt, dass die Konzerne nur derart arrogant und selbstherrlich vorgehen können, weil sie von den Gewerkschaften und Betriebsratsfürsten unterstützt werden. „Diese sitzen in den Aufsichtsräten und Wirtschaftsausschüssen, beraten die Konzernspitzen, spielen die Standorte gegeneinander aus und planen die Entlassungen. Dabei sahnen sie ihrerseits kräftig ab.“

Arbeiter, die ernsthaft für die Verteidigung der Arbeitsplätze kämpfen wollen, müssen mit den Gewerkschaften und ihren Betriebsräten brechen und sich in unabhängigen Aktionskomitees zusammenschließen. Der Kampf gegen die Entlassungen muss zum Ausgangspunkt für eine breite politische Mobilisierung für ein revolutionäres sozialistisches Programm werden. Das lehrt auch der Arbeitskampf der Rheinhausener Krupp-Stahlarbeiter vor 30 Jahren.

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