Großbritannien verschärft Provokationen gegen Russland

Von Steve James und Chris Marsden
28. Dezember 2017

Am 25. Dezember überwachte die britische Fregatte HMS St Albans das russische Kriegsschiff Admiral Gorschkow, als dieses durch die Nordsee fuhr.

Die BBC zitierte pflichtbewusst die Royal Navy, die erklärte, dass die Anwesenheit der neuen und noch nicht vollständig getesteten Lenkwaffenfregatte eine „Aktivität in Bereichen von nationalem Interesse“ und ein Beispiel für die jüngste „Zunahme von Durchfahrten russischer Einheiten durch britische Gewässer“ darstelle.

Allerdings gab die Royal Navy zu, dass die Admiral Gorschkow nur „in der Nähe der britischen Hoheitsgewässer“ war. Auch die BBC musste eingestehen, dass russische Schiffe diese internationalen Gewässer in letzter Zeit regelmäßig nutzten, um „für den Einsatz in Syrien hin und zurück zum Mittelmeer zu fahren“.

Diese Widersprüche hinderten Verteidigungsminister Gavin Williamson nicht daran, in heroischer Pose zu erklären: „Ich werde nicht zögern, unsere Gewässer zu verteidigen. Ich werde keinerlei Aggression dulden [...] Großbritannien wird sich nie durch Einschüchterung davon abhalten lassen, sein Land, seine Bevölkerung und seine nationalen Interessen zu verteidigen.“

Der Vorfall ist nur das jüngste Beispiel dafür, wie Großbritannien seine Propagandakampagne gegen Russland verschärft.

Führende Vertreter des britischen Militärs, der Nato und ihrer jeweiligen Denkfabriken haben in diesem Monat behauptet, die russischen Seestreitkräfte würden die Fähigkeit entwickeln, unterseeische Glasfaserkabel zu durchtrennen. Doch bisher konnten sie diese Vorwürfe nicht belegen.

Der Chef des britischen Verteidigungsstabs, Air Chief Marshall Sir Stuart Peach, sprach von „einer neuen Gefahr für unsere Lebensweise“.

In einer Rede am Royal United Services Institute stellte er die Frage: „Können Sie sich ein Szenario vorstellen, in dem diese Kabel durchtrennt oder gestört werden – was sofortige und potenziell katastrophale Folgen für unsere Wirtschaft und unsere Lebensweise hätte?“

Der konservative Abgeordnete Rishi Sunak schlug in einem Bericht der Denkfabrik Policy Exchange mit dem Titel „Unterwasserkabel – unverzichtbar, aber unsicher“ in die gleiche Kerbe.

Der Oberbefehlshaber der Nato-Truppen in Europa, Admiral James Stavridis, warnte zunächst in seiner Vorrede, der Atlantik entwickle sich von einem „seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fast völlig von der Nato dominierten Operationsgebiet zu einem Raum, den Russland mit einer neuen, revanchistischen Marinedoktrin streitig macht“.

Sunaks Bericht unterstrich, in welchem Ausmaß die moderne Welt von unterseeischen Glasfaserkabeln abhängig ist. Jedes Kabel besteht aus vier bis 200 Fasern, die von Stahldraht, Isolierung, Panzerung und Plastikverkleidung geschützt werden. Jede Faser kann bis zu 400 Gigabyte Daten pro Sekunde übermitteln. 97 Prozent der heutigen globalen Kommunikation verlaufen über rund 877.000 Kilometer Kabel, die in 213 separaten Systemen organisiert sind.

Die größte tägliche Bedrohung für das Kabelnetzwerk ist die ständige Belastung durch die Umgebung, in der sie sich befinden. So hatten unterseeische Beben infolge des Erdbebens von Hengchun im Jahr 2006 sechs der sieben Unterwasserkabel beschädigt, die die Telefon- und Internetdienste in Nordamerika mit großen Teilen Südostasiens verbinden. Die Reparaturen erforderten elf Schiffe und dauerten zwei Monate. In dieser Zeit lief die Kommunikation der Region mit Nordamerika über die einzige verbliebene Verbindung. Allerdings liegt es in der Natur von Internet-Routing, dass automatisch andere Routen gesucht und genutzt werden, wenn eine Route zu einer Zieladresse nicht benutzbar ist. Im Jahr 2012 beispielsweise wurden infolge der Überschwemmungen der Datenzentren in Manhattan durch Hurrikan Sandy mehrere Netzwerkknotenpunkte ausgeschaltet, doch die Auswirkungen auf den globalen Traffic waren minimal.

Weniger dramatische Ausfälle passieren ständig. Von allen gemeldeten Unterbrechungen von 1959 bis 2006 gingen 44,4 Prozent auf die Fischerei zurück, bei 21,3 Prozent wurde die Ursache als „unbekannt“ eingestuft.

Selbst solche Kabelstörungen können militärische Folgen haben. Im Jahr 2008 durchtrennte ein Schiff versehentlich drei Kabel zwischen Italien und Ägypten, so dass sich die Bandbreite der Verbindungen zwischen Europa und dem Nahen Osten um 80 Prozent verringerte. Das US-Militär, das die kommerziellen Kabelnetzwerke für 95 Prozent seiner strategischen Kommunikationen nutzt, konnte viele Drohnen nicht mehr steuern, die im Irak und in Pakistan eingesetzt wurden. Die Zahl der Flüge sank von „hunderten Kampfeinsätzen pro Tag“ auf wenige Dutzend.

Dennoch richtete Sunak seine Aufmerksamkeit auf direkte militärische Risiken. Er warnte davor, dass die Kabel am Meeresgrund durchtrennt werden könnten, nannte aber kein Beispiel, bei dem Russland das getan hätte. Er erwähnte nur eine Unterwasseroperation, bei der Telegrafen- und Telefonkabel auf dem Meeresboden durchtrennt worden wären. Diese fand jedoch im Ersten Weltkrieg statt und wurde von der Royal Navy durchgeführt.

Natürlich ignorierte Sunak die größte Bedrohung für das Internet: die umfassenden Datensammeltätigkeiten der amerikanischen und britischen Geheimdienste, die der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden enthüllt hatte. Im Jahr 2014 konnten die britischen Geheimdienste die Daten von mehr als achtzehn unterseeischen Kabeln anzapfen, die in Großbritannien an Land führten.

Sunak erwähnte jedoch den von den USA und Israel entwickelten Computerwurm Stuxnet, der die iranischen Atomzentrifugen beschädigte. Allerdings verwies er darauf nur, um dann anzudeuten, dass ähnliche Software (womit er russische meinte) zur Sabotage von Kontrollsystemen die Netzwerkverwaltung ganzer Kabelsysteme oder Regionen beschädigen könnte. Er vergaß auch, den offensichtlichen Schluss zu ziehen: dass die USA zweifellos solche Kapazitäten entwickeln.

Um seine Botschaft zu bekräftigen, erwähnte Sunak die begrenzte Wiederaufrüstung der russischen Marine, vor allem der U-Boot-Flotte, die in den letzten fünfzehn Jahren stattfand. Die Putin-Regierung hat nicht nur ihre ballistischen Raketenschiffe für atomare Abschreckung modernisiert, sondern auch eine kleine Anzahl von relativ starken Jagd-U-Booten gebaut. Mit der Jantar besitzt sie außerdem ein Aufklärungsschiff, das angeblich die Standorte von Kabeln identifiziert hat.

Selbst wenn dem so ist, zeigen alle Vergleiche, dass die USA mit oder ohne Unterstützung durch die Nato ihrem finanziell angeschlagenen russischen Rivalen sowohl zahlenmäßig als auch in ihren Fähigkeiten weit überlegen sind.

Dennoch veranstaltete die Denkfabrik Center for a New American Security ein Planspiel mit dem Titel „Forgotten Waters“. Bei dem Szenario versuchten amerikanische Kriegsschiffe und Truppen in großer Zahl den Atlantik zu überqueren, um die Nato-Truppen in Europa in einer großen Konfrontation mit Russland zu verstärken. Die Teilnehmer waren damit konfrontiert, dass „der Atlantik voll mit russischen Schiffen oder Flugzeugen ist, die über die GIUK-Lücke [die Gewässer zwischen Grönland, Island und Großbritannien] nach Süden stoßen“. Ihnen wurde außerdem erklärt, dass „ein unterseeisches Kabel zwischen Island und Kanada durchtrennt wurde, sodass die Telekommunikation in beträchtlichem Ausmaß gestört ist“.

Die Entdeckung dieser neuen „russischen Bedrohung“ steht im Kontext der hysterischen und haltlosen Vorwürfe, Russland mische sich in Wahlen und Volksbefragungen ein.

Am 22. Dezember hatte sich der britische Außenminister Boris Johnson in Moskau zu Gesprächen mit seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow getroffen. Dabei kam es zu offenen Konflikten wegen Johnsons und Mays Vorwürfen, Russland habe sich in politische Angelegenheiten eingemischt, wie etwa das Brexit-Referendum 2016.

May hatte am 17. November in einer außenpolitischen Rede beim Bankett des Londoner Bürgermeisters dem Putin-Regime vorgeworfen, es verbreite über seine staatlichen Medienkanäle „Fake News und manipuliere Bilder, um im Westen Zwietracht zu sähen und unsere Institutionen zu schädigen“.

Vor seiner Abreise nach Moskau bezeichnete Johnson Russland als „verschlossen, unangenehm, militaristisch und undemokratisch“ und erklärte, es könne nicht „Business as usual“ zwischen den beiden Ländern geben.

Johnson benutzte die angebliche Bedrohung der unterseeischen Kabel als Vorwand, um zu behaupten, Großbritannien sei „bereit und in der Lage“ Cyberangriffe als Vergeltungsmaßnahme zu befehligen, wenn Hacker weiterhin westliche Kraftwerke und Kommunikationsnetzwerke angreifen, Wahlen manipulieren oder Fake News verbreiten.

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Johnson erklärte Lawrow, die Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland stünden „auf einem Tiefpunkt“, und fügte hinzu: „Wir haben einige aggressive Statements aus London gehört. Dennoch haben wir darauf nie mit aggressiven Maßnahmen reagiert.“

Lawrow wies öffentlich die Vorwürfe, Russland habe Einfluss auf die Wahl in Großbritannien und das Brexit-Referendum ausgeübt, zurück, was Johnson mit dem Kommentar „Nicht erfolgreich.“ beantwortete.

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