Raketenalarm in Hawaii: 38 Minuten Chaos

16. Januar 2018

Am Samstag versetzte die Falschmeldung über einen drohenden Raketenangriff die Bevölkerung von Hawaii in Angst und Schrecken. Mehr als eine Million Menschen flüchteten sich in Autobahnunterführungen, Tiefgaragen und Keller und ließen ihre Kinder sogar in Gullylöcher steigen. Die Menschen glaubten, sie würden in wenigen Minuten eine Atomexplosion erleben und verabschiedeten sich mit erschütternden Nachrichten von ihren Angehörigen.

Die Katastrophenschutzbehörde von Hawaii schickte folgende Nachricht an die auf der Inselkette aktiven Mobiltelefone: „Katastrophenalarm: RAKETENANGRIFF AUF HAWAII STEHT BEVOR. BEGEBEN SIE SICH SOFORT IN EINEN SCHUTZRAUM. DAS IST KEINE ÜBUNG.“ Der Alarm wurde sofort von den lokalen Fernseh- und Radiosendern weiterverbreitet. Laut den seit langem bestehenden Vorschriften müssen die Medien im Kriegsfall das Militär in dieser Form unterstützen.

Laut Vertretern der Landesregierung wurde der Alarm durch einen Mitarbeiter der Katastrophenschutzbehörde während einer Übung ausgelöst, die bei jedem Wechsel einer Acht-Stunden-Schicht abgehalten wird. Er drückte den falschen Knopf. Die Trump-Regierung spielte den Vorfall als „Übung des Bundesstaats“ herunter, an dem die nationalen Streitkräfte nicht beteiligt waren. Die amerikanischen Medien taten den Vorfall als einen Unfall ab.

Dieser angebliche Unfall wird momentan untersucht. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass Details darüber jemals veröffentlicht werden. Was jetzt bereits bekannt ist, wirft jedoch wichtige politische Fragen auf.

Wenn ein Mitarbeiter des Katastrophenschutzes den falschen Knopf drückt, dann hat er vermutlich mit neuer und ungewohnter Ausrüstung gearbeitet: die Übung wurde erst vor wenigen Wochen eingeführt. Der Bundesstaat hat sich angesichts der wachsenden Spannungen zwischen der Trump-Regierung und Nordkorea fieberhaft auf einen möglichen Atomangriff auf Hawaii vorbereitet. Im April 2017 forderte sie die Instandsetzung der Atombunker aus dem Kalten Krieg, und im vergangenen Monat wurde erstmals seit über 70 Jahren der Fliegeralarm getestet.

Da trotz des Alarms keine Sirenen aufheulten, wäre er unter anderen Umständen wohl von der Bevölkerung sofort als Fehler erkannt und ignoriert worden. Allerdings haben sich die Umstände mittlerweile drastisch geändert. Präsident Trump hat Nordkorea mehrfach mit „Feuer und Wut“ gedroht und gewarnt, amerikanisches Staatsgebiet, vor allem der Bundesstaat Hawaii, könnte Ziel eines nordkoreanischen Atomangriffs werden.

Erst letzte Woche hatte der ehemalige Generalstabschef, Admiral Michael Mullen, im landesweiten Fernsehen erklärt, die Welt befände sich „näher am Rande eines Atomkriegs mit Nordkorea und der Region als jemals zuvor“. Trump selbst hatte den nordkoreanischen Staatschef Kim Jong-un mit der Größe seines „Atomknopfs“ provoziert und geprahlt, dieser sei „viel größer und mächtiger als seiner, und mein Knopf funktioniert!“

Als die Einwohner von Hawaii die Alarmmeldung erhielten, nahmen sie an, der von Trump angedrohte Krieg habe tatsächlich begonnen.

Der beunruhigendste Aspekt des Vorfalls auf Hawaii ist, dass zwischen dem ersten Alarm um 8:07 Uhr Ortszeit und der offiziellen Textnachricht, in der er widerrufen wurde, 38 Minuten vergangen sind.

Die Regierung hat eine Chronologie der Ereignisse veröffentlicht, laut der das US Pacific Command, dessen Hauptquartier in Pearl Harbor liegt, um 8:10 dem staatlichen Katastrophenschutz mitgeteilt hat, dass es keinen Raketenstart gab. Die Katastrophenschutzbehörde gab diese Nachricht sofort an die Polizei von Honolulu weiter. Um 8:13 Uhr widerrief die Behörde den Alarm und veröffentlichte um 8:20 Uhr eine entsprechende Mitteilung auf ihren öffentlichen Facebook- und Twitter-Accounts. Allerdings erhielten die über eine Million Menschen, die über Handy alarmiert wurden, erst um 8:45 Uhr eine Textnachricht.

Regierungsvertreter haben bisher noch keinen Grund für diese Verzögerung angegeben. Allerdings schrieb die Los Angeles Times in einem aufschlussreichen Bericht unter Berufung auf den Sprecher des staatlichen Katastrophenschutzes Richard Rapoza: „Es dauerte 38 Minuten, den Alarm abzubrechen, weil [...] die Behörde die Genehmigung der nationalen Katastrophenschutzbehörde benötigten, um Entwarnung zu geben und das zivile Alarmsystem für die Nachricht des Fehlalarms zu benutzen.“

Das könnte darauf hindeuten, dass die US-Regierung die Aufhebung des Alarms bewusst verzögert hat. Möglicherweise wollte sie damit testen, wie die Öffentlichkeit auf die potenzielle Katastrophe reagiert.

Die Presse geht in ihrer Berichterstattung mit keinem Wort auf die globalen Folgen des Alarms in Hawaii ein. Wie haben Russland, China und Nordkorea auf die weltweit verbreitete Ankündigung reagiert, dass in einem amerikanischen Bundesstaat ein Raketenalarm ausgerufen wurde? Gab es Kontakte zwischen Washington, Peking und Moskau? Wurden Anweisungen erteilt, sich auf den erwarteten nuklearen Vergeltungsschlag gegen Pjöngjang vorzubereiten? Waren die Atomstreitkräfte dieser Länder bereit für ein sofortiges Handeln?

Weitere Fragen drängen sich auf. Wenn ein solcher Fehler nicht der zivilen Katastrophenschutzbehörde unterlaufen wäre, sondern dem Militär, wie lange hätte es gedauert, bis amerikanische Raketen als „Vergeltung“ für den vermeintlichen Angriff abgefeuert worden wären? Wie würden die USA reagieren, wenn sich in Russland oder Nordkorea ein ähnlicher Vorfall ereignen würde?

Die Ereignisse in Hawaii zeigen, wie die ersten Minuten eines Atomkrieges aussehen könnten. Trotz allem Geprahle des Weißen Hauses, des Pentagons und der Medien würde die Nachricht, dass Raketen im Anflug sind, sofort Panik und einen Zusammenbruch der Gesellschaft auslösen. Ein Land, das bereits mit einem Schneesturm überfordert ist, würde wohl kaum die Folgen eines Atomangriffs bewältigen können.

Vor allem aber beweisen die 38 Minuten Angst und Schrecken, dass die Gefahr eines Atomkriegs real ist und weiter wächst. Diese Gefahr geht jedoch nicht nur auf die persönliche Rücksichtslosigkeit und den chauvinistischen Militarismus von Präsident Trump zurück. Wenn Hillary Clinton die Wahl 2016 gewonnen hätte, würde sich die militärische Krise vielleicht woanders abspielen – vielleicht in Syrien oder der Ukraine. Doch der US-Imperialismus würde trotzdem weiter versuchen, seinem wirtschaftlichen und strategischen Niedergang mit militärischen Mitteln entgegenzuwirken.

Es war Präsident Obama, der die Modernisierung des amerikanischen Atomwaffenarsenals – des größten und furchterregendsten der Welt – für 1,3 Billionen Dollar genehmigt hat. Und es ist die Demokratische Partei, die sämtliche Kräfte auf die Kampagne gegen Russland konzentriert und damit das politische Klima für einen militärischen Zusammenstoß mit Moskau schafft. Auch das birgt die unmittelbare Gefahr eines Atomkriegs.

Die Ereignisse vom 13. Januar in Hawaii markieren einen wichtigen Wendepunkt. Trotz aller Versicherungen des Weißen Hauses und der Propaganda der Medien werden die Menschen auf der ganzen Welt die Kriegsfrage mit anderen Augen sehen. Der Aufbau einer Antikriegsbewegung der internationalen Arbeiterklasse ist daher die dringendste Aufgabe. Sie muss sich auf das Verständnis stützen, dass die Kriegsgefahr durch die globale Krise des Kapitalismus angetrieben wird. Nur die Abschaffung des Profitsystems und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft im Weltmaßstab kann eine nukleare Katastrophe verhindern.

Patrick Martin

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