Investoren fordern Zerschlagung von Thyssenkrupp

Von Dietmar Henning
23. Januar 2018

Auf der Hauptversammlung der Thyssenkrupp AG am vergangenen Freitag in Bochum haben Fondsmanager die Zerschlagung des Konzerns gefordert. Konzernchef Heinrich Hiesinger hat dies unmittelbar abgelehnt, gleichzeitig aber deutlich gemacht, dass er sich den Forderungen der Fondsmanager verpflichtet fühlt. In Wirklichkeit ist er dabei, den Konzern zu zerschlagen, nur nicht in dem Tempo, das die aggressiven Fonds verlangen.

Bereits im Vorfeld des Aktionärstreffens hatten mehrere Investoren gefordert, der Thyssenkrupp-Konzern, der neben Stahl auch Aufzüge, Anlagen, Autoteile und U-Boote herstellt, müsse aufgespalten werden. Union-Investment-Fond-Manager Ingo Speich hatte bereits Anfang Dezember letzten Jahres in einem Reuters-Interview erklärt: „Thyssenkrupp sollte das Thema Stahl gut und rasch über die Bühne bringen, um sich den weiter bestehenden Problemen zu widmen.“

Hiesingers Bilanz sei mit Blick auf den Ertrag der Aktionäre desaströs, kritisierte Speich. „Herr Hiesinger, Sie stehen jetzt sieben Jahre an der Spitze des Konzerns. Das ist eine lange Zeit – und mit Blick auf die Aktienperformance waren es leider sieben verlorene Jahre", behauptete Speich vor den rund 1100 Anlegern im Bochumer RuhrCongress. Die Aktionäre der Thyssenkrupp AG hätten in dieser Zeit zwölf Prozent Verlust gemacht.

Thyssenkrupp sei ein „Gemischtwarenladen“ und müsse endlich aufwachen, „denn aus Sicht des Kapitalmarkts ist das Unternehmen immer noch ein träger Riese, ja ein Dinosaurier“, so der Fondsmanager. Er stellte weitere Sparten infrage, etwa den Anlagen- oder den U-Boot-Bau.

Noch schärfer war die Kritik des Finanzinvestors und Großaktionär Cevian. Der nach der Krupp-Stiftung mit 18 Prozent zweitgrößte Einzelaktionär fordert eine Zerschlagung von Thyssenkrupp „durch Joint Ventures, Spin-offs oder den Börsengang einer Tochter“. „Die Struktur von Thyssenkrupp mit fünf Sparten, die nicht zueinander passen, und mit einem Wasserkopf an Verwaltung ist einzig ein Ergebnis der Geschichte des Konzerns. Es gibt da keine Synergien“, sagte Cevian-Chef Lars Förberg der Börsen-Zeitung.

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters hatte er zuvor schon geklagt: „Hätte das Unternehmen seine eigenen Margenziele erreicht, wäre die Aktie 50 Euro wert, doppelt so viel wie heute.“

Während sich am Ende der Hauptversammlung 96 Prozent der Aktionäre hinter den Vorstand um Hiesinger stellten und ihn entlasteten, enthielt sich Cevian seiner Stimme bei der Abstimmung.

Investoren und Hedgefonds bestimmen immer aggressiver die Industrie- und Unternehmenspolitik. Diese „Heuschrecken“ ziehen über die globalen Aktienmärkte, saugen Konzerne aus und lassen verbrannte Erde zurück, bevor sie sich mit den dadurch erzielten Milliardengewinnen auf ihre nächsten Opfer stürzen.

Seit der Finanzkrise von 2008 wurde die Macht der Hedgefonds ständig ausgeweitet, weil die Fonds und Banken mithilfe der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken mit „billigem Geld“ versorgt werden. Die Regierungen in den USA, Europa und Asien stützen mit ihrer Politik diese Bereicherung der Milliardäre auf Kosten der Arbeiter und ihrer Familien.

Fast wöchentlich stehen Großkonzerne im Visier der Anleger, um filetiert zu werden, zuletzt der US-Konzern General Electric (GE), Siemens und der Autozulieferer Continental. „Thyssenkrupp ist regional umgeben von geteilten Konzernen“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. „Bayer brachte Töchter an die Börse, Eon die alten Kraftwerke, RWE seinen grünen Strom, Metro teilte sich. An jeder Spaltung verdienen Anwälte, Banker und Berater.“ Die Verlierer, muss man hinzufügen, sind die Beschäftigten.

Hiesinger sprach sich auf der Aktionärsversammlung am Freitag zwar gegen eine sofortige Zerschlagung aus, deutete aber eine Trennung von weiteren Geschäftsbereichen an. „Was wir unter dem Konzerndach von Thyssenkrupp aus eigener Kraft besser machen können, gehen wir selbst an. Da, wo wir eine bessere Zukunft für ein Geschäft außerhalb des Konzerns sehen, verfolgen wir diesen Weg konsequent.“

Hiesinger verwies auf seine bisherige Arbeit. „Vor sechs Jahren hatte Thyssenkrupp acht Geschäftsbereiche, heute sind es fünf, mit Gründung des Joint Ventures [im Stahlbereich mit dem indischen Konzern Tata] werden es vier sein“, sagte er. „Wir reden nicht nur über den Umbau, wir bauen um.“

Seinen Kritikern versprach er auf der Hauptversammlung höhere Dividenden. Für das im Oktober begonnene Geschäftsjahr 2017/18 erwarte er eine „deutliche Steigerung“ des Gewinns auf bis zu zwei Milliarden Euro. Und seit der Einigung mit der IG Metall über eine Stahlfusion mit Tata sei der Börsenkurs um fast 20 Prozent gestiegen. Der Konzern werde nach der Gründung des Stahl-Joint-Ventures mit Tata Steel anders aussehen. „Bei einer positiven Entwicklung des Joint Ventures könnten wir auch vorher [vor 2026] einen Börsengang einleiten“, prophezeite Hiesinger.

Der Thyssenkrupp-Chef kündigte an, im Mai das „strategische Zukunftsbild“ zu schärfen und die finanziellen Zielsetzungen anzupassen. Dabei setzt er wie bei der Stahl-Fusion mit Tata Steel voll und ganz auf die Zusammenarbeit mit der IG Metall und ihren Betriebsräten.

„Wir haben diese Lösung gemeinsam mit der Arbeitnehmerseite erarbeitet. Das entspricht unserer Unternehmenskultur“, sagte Personalvorstand Oliver Burkhard, als er die von ihm maßgeblich mitverantwortete Vereinbarung mit der IG Metall vorstellte. Burkhard selbst war früher IGM-Bezirksleiter in Nordrhein-Westfalen und wechselte vor rund fünf Jahren in den Thyssenkrupp-Vorstand, was ihm ein Jahreseinkommen von zuletzt 4,5 Millionen Euro einbrachte.

Der Tarifvertrag, für deren Annahme die IG Metall derzeit an allen Stahl-Standorten abstimmen lässt, ist alles andere als ein „Erfolg“, wie dies die Gewerkschaft und ihre Betriebsräte behaupten. Damit wird der Arbeitsplatzabbau wie von Hiesinger verlangt durchgesetzt. Während in zahlreichen Paragrafen die Pfründe der IGM- und Betriebsratsfunktionäre gesichert werden, haben sie zugesichert, „erforderlich werdende Personalanpassungen sozialverträglich“ zu gestalten. Mit der Formel der „Verhinderung von betriebsbedingten Kündigungen“ bis zum 30. September 2026 sollen die Stahlarbeiter gedrängt werden, diesen Umbau abzusegnen, der ein weiterer Schritt zur vollständigen Zerschlagung des Stahlbereichs werden wird.

Wie vom Konzern bereits angekündigt, fallen mindestens 4000 Arbeitsplätze, je 2000 bei TKSE und Tata, der Fusion zum Opfer. Der Vertrag lässt ausdrücklich einen weiteren Abbau zu. Was ein Börsengang bedeutet, der schon vor 2026 möglich ist, „sollte das Geschäft bombig laufen“ (IGM), ist noch gar nicht absehbar. Dann wird der Stahlbereich nur eine Minderheitsbeteiligung im Portfolio des Thyssenkrupp-Konzerns sein. Konzernchef Hiesinger vertraut dennoch darauf, dass IG Metall und Betriebsräte die Beschäftigten zur Zustimmung drängen.

Die Sozialistische Gleichheitspartei hat in einer Erklärung die Stahlarbeiter aufgerufen, gegen den Tarifvertrag zu stimmen und dies zum Auftakt eines Kampfs zur Verteidigung aller Arbeitsplätze zu machen – in Deutschland, Belgien (TKSE) sowie in Großbritannien und den Niederlanden (Tata).

Grundbedingung dafür ist der politische und organisatorische Bruch mit der IG Metall und ihren Betriebsräten, die auf Seiten des Konzernvorstands stehen und ihre Aufgabe darin sehen, die vom Konzern geplanten Angriffe um- und durchzusetzen.

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