Verdächtige Stille der US-Medien über Fehlalarm auf Hawaii

Von Bill Van Auken
30. Januar 2018

Etwas mehr als zwei Wochen nachdem die 1,5 Millionen Einwohner von Hawaii fälschlicherweise vor einer drohenden nuklearen Katastrophe gewarnt wurden, haben die Medien das Thema stillschweigend zu den Akten gelegt.

Am 13. Januar wurde an Hunderttausende Handys, im Fernsehen und im Radio die Warnung gesendet, dass der Einschlag einer ballistischen Rakete unmittelbar bevorstehe. Erst nach 38 Minuten wurde Entwarnung gegeben. Dieser Alarm war eine der furchterregendsten Episoden des Atomzeitalters.

Der Bevölkerung eines gesamten Bundesstaats wurde im Wesentlichen mitgeteilt, dass sie nicht einmal mehr zehn Minuten zu leben hätte. Eltern suchten in Panik nach ihren Kindern und versuchten, sie irgendwo vor der atomaren Explosion zu verstecken. Familien und Freunde erhielten Abschiedsanrufe.

Die Nachrichten darüber sind jedoch schnell aus den großen Zeitungen und den Nachrichtensendungen der großen Sender verschwunden. Es besteht offensichtlich kein Interesse daran, näher auf die undurchsichtige Faktenlage und die schwachen Erklärungsversuche um den Vorfall einzugehen.

Die bisher einzige Anhörung wegen des falschen Atomalarms fand am 25. Januar vor dem Senatsausschuss für Handel, Wissenschaft und Verkehr statt. Die Vertreter der Rundfunkaufsicht Federal Communications Commission (FCC), des Wirtschaftsverbands der Drahtloskommunikationsunternehmen CTIA und des Wirtschaftsverbandes der Rundfunksender National Association of Broadcasters konnten oder wollten in ihren Aussagen keine klare Antwort auf Fragen zum Fehlalarm auf Hawaii geben. Die Katastrophenschutzbehörde Federal Emergency Management Agency (FEMA) boykottierte die Anhörung sogar gänzlich.

Die Vertreterin der FCC Lisa Fowlkes, Chefin der Abteilung für öffentliche Sicherheit und Heimatschutz der Behörde, erklärte: „Die Ursachen für den Fehlalarm waren offenbar menschliches Versagen und die unzureichenden Schutzmaßnahmen und Kontrollen vor Ort, die verhindern sollten, dass durch menschliches Versagen ein Fehlalarm ausgelöst wird.“

Sie teilte dem Ausschuss weiter mit, dass die FCC zwar eine Untersuchung durchführe, „ein entscheidender Angestellter“ – derjenige, der den Fehlalarm ausgelöst hat – verweigere jedoch die Zusammenarbeit. Die Identität dieses „entscheidenden Angestellten“ ist unbekannt und wird von den Behörden weiter geheim gehalten.

Mehrere Senatoren zeigten sich frustriert, dass die Regierung nicht in der Lage ist, Klarheit zu schaffen. Die republikanische Senatorin aus Washington Shelly Moore Capito fragte: „Wie kann ein einziger staatlicher Angestellter einen Alarm auslösen, ohne dass dieser von irgendwelchen brauchbaren Mechanismen außer Kraft gesetzt werden kann?“

Fowlkes erklärte, dies sei „eine der Fragen, die wir im Rahmen unserer Ermittlungen untersuchen“.

Laut anderer Berichte, die nur in der hawaiischen Lokalpresse erschienen, forderte ein Abgeordneter der Regionalregierung die Veröffentlichung der Überwachungsvideos aus dem Hauptquartier der Katastrophenschutzbehörde. Daraufhin wurde ihm erklärt, dass kein derartiges Material vorhanden sei und dass es in einer der wichtigsten Sicherheitseinrichtungen des Bundesstaats keine Überwachungskameras gäbe. Der Abgeordnete des Repräsentantenhauses von Hawaii Gene Ward fragte: „Wenn es keine Videos gibt, dann stellt sich die Frage, warum es keine gibt, und was können wir tun, um Transparenz zu garantieren?“

Zuletzt vermerkten die Medien auf Hawaii, dass Gouverneur David Ige in seiner Rede zur Lage des Bundesstaats am letzten Montag zwar viele Plattitüden vom „schönsten Ort der Welt“ brachte, aber das wichtigste Ereignis seiner Amtszeit nicht einmal erwähnte: die Botschaft an alle seine Wähler, dass ihnen der Tod unmittelbar bevorstehe.

Iges bisher einziger Erklärungsversuch für den Vorfall ist seine Behauptung, die Zeitspanne zwischen dem Alarm und der Entwarnung sei nur deshalb so quälend lang gewesen, weil er das Passwort für seinen Twitter-Account vergessen habe!

Angesichts des Schweigens der Medien, der Weigerung von Regierungsvertretern, entscheidende Informationen zu liefern, und des absurden Charakters der bisherigen Erklärungen sind die Fragen nach den wahren Ursachen und Motiven hinter dem falschen Atomalarm umso drängender.

Wer war verantwortlich für das „menschliche Versagen“? Der Name des Angestellten, der angeblich zweimal auf den falschen Link gedrückt und damit anstatt eines Probealarms einen echten Raketenalarm ausgelöst haben soll, wurde bisher nicht genannt. Jetzt erfährt die Bevölkerung, dass er die Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden verweigert. Existiert diese Person überhaupt, oder ist das „Versagen“ nur eine Erfindung, um eine bewusste und geplante Aktion zu vertuschen?

Was haben das Pentagon und die CIA in den 38 Minuten gemacht, in denen die Bevölkerung von Hawaii Todesangst ausgestanden haben? Haben sie die Reaktionen der Bevölkerung beobachtet, um Daten darüber zu sammeln, wie sich die Öffentlichkeit im Falle eines echten Atomangriffs verhalten würde?

Zweifellos haben das US-Militär und die Geheimdienste nach dem Auslösen des Alarms sorgfältig beobachtet, wie die Regierungen und Streitkräfte derjenigen Länder reagierten, die Washington als „revisionistische Mächte“ (Russland und China) und „Schurkenstaaten“ (Nordkorea und Iran) bezeichnet. Jedes von ihnen, vor allem Nordkorea, müsste den falschen Raketenalarm auf Hawaii als potenzielle Provokation der USA interpretieren, deren Ziel die Vorbereitung eines atomaren Erstschlags ist.

Die amerikanischen Spionagesatelliten, die NSA und die anderen Militär- und Geheimdienstbehörden der USA hatten die einmalige Gelegenheit zu beobachten, welche Kontrollmechanismen und Radar- und Raketenstellungen aktiv werden. So konnten sie wertvolle Informationen für die Vorbereitung eines echten Erstschlags ansammeln.

Die Vorbereitungen für einen atomaren Erstschlag auf Nordkorea sind weit fortgeschritten. Auf Guam sind nuklearwaffenfähige B2- und B52-Bomber stationiert, dazu sind drei Flugzeugträgerkampfgruppen in den Gewässern vor der koreanischen Halbinsel bzw. auf dem Weg dorthin, während US-Bodentruppen in mehreren Manövern einen Überfall üben. Vor diesem Hintergrund drängt sich unmittelbar die Frage auf, ob es sich bei dem Raketenalarm um eine bewusst geplante und von höchster Regierungsebene angeordnete Operation im Rahmen der Kriegsvorbereitungen handelte.

Der Grund für das verdächtige Schweigen der Medien ist aller Wahrscheinlichkeit nach, dass die Regierung und ihr Militär- und Geheimdienstapparat Informationen zurückhalten, die nicht an die Öffentlichkeit geraten dürfen. Ganz in diesem Sinne erklärte der ehemalige Chefredakteur der New York Times bereits im Jahr 2010: „Transparenz ist kein absolutes Gut. [...] Pressefreiheit schließt auch die Freiheit ein, etwas nicht zu veröffentlichen. Das ist die Art von Freiheit, die wir regelmäßig praktizieren.“

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