Eintracht Frankfurt: Kein Platz für die AfD

Von Sven Heymanns
6. Februar 2018

Während die Alternative für Deutschland (AfD) in dieser Woche von den großen Parteien in die Arbeit des neu gewählten Bundestags integriert und von den führenden Medien hofiert wurde, sind die Rechtsextremen in weiten Teilen der Bevölkerung verhasst. Besonders anschaulich kam die verbreitete Ablehnung der rassistischen Standpunkte der AfD am vergangenen Sonntag auf der Mitgliederversammlung von Eintracht Frankfurt zum Ausdruck, einem der größten und bedeutendsten Sportvereine des Landes.

Hier erklärte der Präsident des Vereins, Peter Fischer, wer Mitglied oder Wähler der AfD sei, könne nicht gleichzeitig Mitglied bei der Eintracht sein. In einer eindrucksvollen 15-minütigen Rede ging er – immer wieder durch Beifall unterbrochen – ausführlich auf die Gründe für die scharfe Ablehnung rechtsextremer Positionen durch den Verein ein. Im Anschluss wurde der 61-jährige Fischer mit 99 Prozent der Stimmen wieder zum Vereinspräsidenten gewählt. Von über 650 stimmberechtigten Mitgliedern stimmten nur sechs gegen ihn. Inzwischen bekleidet Fischer das Amt seit über 17 Jahren, so lange wie noch kein Eintracht-Präsident vor ihm.

In seiner Rede erklärte Fischer, Werte wie „Fairness, Wertschätzung und die Integration ausländischer Menschen“ seien in der Satzung des Vereins festgeschrieben. Rassismus und Diskriminierung gehörten ausdrücklich zu den Gründen für einen Ausschluss aus dem Verein. Die Eintracht, so Fischer, habe also ein klares Wertesystem, zu dem man sich mit dem Beitritt bekenne.„Keiner wird gezwungen, Mitglied von Eintracht Frankfurt zu werden, wenn er dieses Wertesystem für sich nicht akzeptieren kann.“ Damit wandte sich Fischer auch, ohne das Wort auszusprechen, gegen das oft von den Rechtsextremen vorgebrachte Argument der „Meinungsfreiheit“, die sie bei jeder Gelegenheit unterdrückt sehen, sobald jemand ihrer Hetze entgegentritt.

Der Verein könne nicht die politische Gesinnung oder gar das Wahlverhalten seiner Mitglieder überprüfen, so Fischer, und das sei auch gar nicht gewollt. Doch wer Mitglied oder Wähler der AfD und zugleich Vereinsmitglied der Eintracht sein wolle, von dem erwarte er eine Entscheidung: „Prüft Euch selbst, und prüft Euch ehrlich, denn beides geht nicht zusammen!“

Dabei nahm Fischer ausführlich Bezug auf die historische Erfahrung mit den Nationalsozialisten. Die Werte der Eintracht seien ein Ergebnis der „Lehren, die aus der dunkelsten deutschen Zeit von 1933 bis 1945 gezogen wurden“. Die Fußballer der Eintracht galten den Nazis damals als „Juddebuben“, weil einige Spieler jüdisch waren und der Verein in den 1920er Jahren von der jüdischen Schuhfabrik „J. & C.A. Schneider“ unterstützt wurde, bei der auch viele Spieler arbeiteten.

Doch auch in Frankfurt seien engagierte Vereinsmitglieder jüdischen Glaubens schon innerhalb des Vereins verfolgt worden: „Am Anfang stand in jener Zeit auch in diesem Verein Ausgrenzung, Demütigung, Herabwürdigung und Diskriminierung; am Ende im glücklichsten Fall die Flucht, und im unglücklichsten Fall die Ermordung in den Vernichtungslagern“, erklärte Fischer mahnend.

Fischer machte klar, dass die AfD in der politischen Tradition der Nazis steht. Er zitierte Björn Höcke, der vom Holocaust-Mahnmal in Berlin als einem „Denkmal der Schande“ gesprochen hatte; den Parteivorsitzenden Alexander Gauland, der über den deutsch-ghanaischen Eintracht-Fußballer Kevin-Prince Boateng gesagt hatte, die Menschen würden ihn als Fußballer mögen, als Nachbarn aber wollten sie ihn nicht; und schließlich den Bundestagsabgeordneten und Richter Jens Maier, der den Sohn des früheren Tennisspielers Boris Becker als einen „Halbneger“ bezeichnet hatte.

Diese Aussagen ließen keinen Zweifel am rassistischen und diskriminierenden Charakter der AfD, so Fischer, und wer in einer solchen Partei Mitglied sei oder sie wähle, „macht sich mit der Handlung gemein und bekennt sich dazu“. Ein Bekenntnis zu solchen Aussagen und zugleich zu den Werten des Vereins sei „unvereinbar“, schloss Fischer.

Der Eintracht-Präsident hatte sich schon in den Wochen vor der Mitgliederversammlung in der Öffentlichkeit mehrfach scharf gegen die AfD geäußert. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hatte er Anfang Januar angesichts möglicher AfD-Wähler in der Eintracht erklärt, der Sport müsse ausdrücklich politisch sein „und seine Stimme erheben gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen, wenn es angebracht und notwendig ist. Wir müssen immer wieder aufs Neue aufpassen. Ich will später nicht einmal hören, dass ich gesagt habe: Das wusste ich nicht oder habe ich falsch eingeschätzt. Ich komme aus einer Generation, die informiert ist, die lesen kann und die mitbekommt, was alles passiert.“

Die hessische AfD hatte auf die Äußerungen Fischers seinerzeit mit der üblichen widerwärtigen Mischung aus Opferpose und Rufen nach staatlicher Unterdrückung reagiert. Nachdem Fischer im Hessischen Rundfunk die AfD als „braune Brut“ bezeichnet hatte, für die es „keinen Platz“ gebe, hatten die Landessprecher der Partei, Klaus Herrmann und Robert Lambrou, Anzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung erstattet.

Auf diese Einschüchterungsversuche ging Fischer in seiner Rede am Sonntag direkt ein. Die von ihm ausgelöste Debatte und die „heftige Reaktion bestimmter betroffener Kreise“ zeige, „dass wir uns für die Verteidigung der Werte unserer Gesellschaft ohne Wenn und Aber engagieren müssen. Denn sie sind offenkundig viel stärker in Gefahr als es uns manchmal bewusst ist.“

Dass Fischer nach seinem mutigen Auftritt fast einstimmig wieder zum Vereinspräsidenten gewählt wurde, ist symptomatisch dafür, wie groß die Ablehnung der rechtsextremen Hetze der AfD in weiten Teilen der Bevölkerung ist. Zwar gilt vor allem die aktive Fanszene um die Ultras Frankfurt, die ihre Mannschaft auch bei Auswärtsspielen in ganz Europa zahlreich unterstützen, als politisch links. Dennoch ist Eintracht Frankfurt kein typischer Szeneverein, sondern hat Anhänger in allen sozialen Schichten. 1899 gegründet, ist „die Eintracht“ mit insgesamt 50.000 Mitgliedern einer der größten Sportvereine in Deutschland und vor allem für ihre erfolgreiche Herrenfußballmannschaft bekannt. Allein 28.000 Fans besitzen für die laufende Saison eine Dauerkarte für alle Heimspiele, und die Nachfrage geht noch weit über dieses Angebot hinaus.

Neben den Profifußballern sind viele Mitglieder auch in den 17 anderen Abteilungen des Vereins aktiv, darunter in der Leichtathletik, die als erfolgreichste Sportart bei der Eintracht gilt. Der Verein engagiert sich außerdem vielfältig in sozialer und karitativer Weise bei verschiedenen Projekten sowohl innerhalb der Stadt als auch darüber hinaus, etwa in Schulen und Flüchtlingsheimen.

Dass ein führender Sportfunktionär wie Fischer derart deutlich gegen Rechtsextremismus Stellung bezieht und eine Art Unvereinbarkeitsbeschluss verkündet, ist bisher in dieser Schärfe ohne Beispiel. Das Fußballmagazin 11 Freunde kommentierte kurz nach Fischers Rede zustimmend: „Der Fußball hat sich sehr viele schöne Papiere geschrieben, in denen er sich versichert, dass Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus in seiner Welt keinen Platz hätten. Es reicht nicht, dass dieses Bekenntnis in irgendwelchen Aktenordnern verzeichnet ist.“

Inzwischen gibt es auch bei anderen großen Vereinen Vorstöße gegen die AfD. Für die Mitgliederversammlung des Hamburger Sportvereins (HSV), die am 18. Februar stattfindet, hat ein Mitglied des Ältestenrats einen entsprechenden Antrag eingereicht. Hier soll das Präsidium dazu aufgefordert werden, dass „AfD-Mitglieder oder gleichgesinnte Personen nicht Mitglied im Hamburger-Sport-Verein e.V. werden oder der HSV Fußball AG angehören“. Der HSV hat derzeit fast 80.000 Mitglieder.

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