Die Arbeiterklasse und die kapitalistische Ökonomie

6. Februar 2018

Vor 150 Jahren veröffentlichte Karl Marx sein Meisterwerk Das Kapital. Seither haben bürgerliche Ökonomen versucht, die Arbeitswerttheorie zu widerlegen, mit der er die inneren Zusammenhänge der kapitalistischen Ökonomie erklärte.

Diese Theorie zeigte auf, dass das Vermögen, welches die Kapitalistenklasse in verschiedenen Formen anhäuft – als Profite der Industrie, Mieten oder Erträge aus Tätigkeiten in verschiedenen Finanzmärkten – letztlich aus dem Mehrwert stammt, den sie über das Lohnsystem, als grundlegendes soziales Verhältnis im Kapitalismus, aus der Arbeiterklasse abschöpft.

In den letzten Jahrzehnten wurde mit Aufkommen der sogenannten „New Economy“ behauptet, Marx sei widerlegt worden. Es schien möglich, durch neue Technologien Reichtum zu schaffen und auf den Finanzmärkten aus Geld noch mehr Geld zu machen, ohne dass eine Wertschöpfung durch Arbeit stattfinden würde.

Marx hatte jedoch genau dieses Phänomen in seiner Analyse des „Warenfetischismus“ vorausgesehen. Darin zeigte er bereits, wie gerade das Aufkommen von Formen, die von der kapitalistischen Wirtschaft erzeugt wurden, die ihnen zugrunde liegenden sozialen Beziehungen verschleierte und mystifizierte.

Doch wie schon so oft hat ein Ereignis in der kapitalistischen Wirtschaft die Theorie von Marx genau zu dem Zeitpunkt bestätigt, als sie zum tausendsten Mal für tot und begraben erklärt wurde.

Der plötzliche Abverkauf an der Wall Street am letzten Freitag und der Absturz des Dow Jones um 666 Punkte, der größte Rückgang seit zwei Jahren, war ein solches Ereignis. Zuvor war der Dow Jones seit Donald Trumps Wahlsieg um 40 Prozent gestiegen.

Die Zinsen auf den Anleihenmärkten waren davor gestiegen. Die Zinsen für US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit, die als Benchmark gelten, stiegen mit 2,85 Prozent auf den höchsten Stand seit vier Jahren. Dieser Anstieg löste Befürchtungen aus, dass der Zufluss von billigem Geld in die Finanzmärkte, den die amerikanische Federal Reserve und die anderen großen Zentralbanken seit der globalen Finanzkrise von 2008 organisiert hatten und der die Aktienkurse auf Rekordstände getrieben hat, versiegen könnte.

Der Anstieg der Zinsen auf den Aktienmärkten war wiederum eine Reaktion auf die Meldung, dass die Löhne in den USA im letzten Jahr mit 2,9 Prozent so stark gestiegen sind wie zuletzt 2009.

Die Lohnerhöhung war relativ gering. Die heftige Reaktion der Finanzmärkte ist der Angst geschuldet, dass die steigenden Löhne ein Anzeichen für das Wiederaufleben des Klassenkampfes sein könnten. Arbeiter in den USA und auf der ganzen Welt beginnen, sich der jahrzehntelangen Kürzung der Löhne und dem Niedergang des Lebensstandards entgegenzustellen.

Dem Anstieg der Zinsen für Anleihen am Freitag gingen Warnungen voraus, dass sich ein Ende der langen Hausse auf den Anleihenmärkten (steigende Anleihenpreise und damit verbunden sinkende Zinssätze) abzeichnet. Der Ursprung dieser Hausse vor fast vier Jahrzehnten zeigt die tiefere Beziehung zwischen den Finanzmärkten und dem Klassenkampf, nämlich der zentralen Bedeutung der Abschöpfung von Mehrwert für das gesamte kapitalistische System.

Nach dem Scheitern der Kämpfe der internationalen Arbeiterklasse zwischen 1968 und 1975 markierte die Zeit von 1979-80 den Beginn einer Gegenoffensive der kapitalistischen herrschenden Klasse – ausgehend von den USA und dann auf der ganzen Welt.

In den USA setzte im Jahr 1979 die Regierung des demokratischen Präsidenten Jimmy Carter Paul Volcker als Vorsitzenden der Federal Reserve ein und wies ihn an, die Zinssätze zu erhöhen, um die Inflation zu beenden. Das Timing der Ernennung war insofern von Bedeutung, als dass sie direkt nach dem landesweiten Streik in der Kohleindustrie von 1977-78 erfolgte, der die Carter-Regierung schwer erschüttert hatte.

Volckers wirtschaftliche und finanzielle Agenda war von grundlegenden Klassenerwägungen motiviert. Sein Ziel war es, die monetären Bedingungen für die Zerstörung von großen Teilen der amerikanischen Industrie zu schaffen, die in den vergangenen Jahrzehnten Zentren der Kämpfe der Arbeiterklasse waren.

Es ging jedoch um mehr als nur um währungspolitische Maßnahmen, die zur bis dahin schwersten Rezession seit den 1930ern führten. Der Klassenkampf von oben wurde durch eine Offensive der Kapitalisten verschärft, die mit der Unterdrückung des PATCO-Fluglotsenstreiks 1981 und der Entlassung aller 11.359 streikenden Beschäftigten unter der Regierung Reagan begann.

Reagans Verfolgung der PATCO-Arbeiter wurde zum Ausgangspunkt für eine Welle von Niederschlagungen von Streiks und Unterdrückung von Gewerkschaften durch die Regierung und Unternehmen, die mehr als zehn Jahre andauerte. In zahlreichen Industriezweigen, u.a. in der Auto-, Stahl-, Bergbau-, Verkehrs- und Fleischverarbeitungsindustrie, wurden Arbeitskämpfe unterdrückt.

Volcker selbst erklärte später, das Vorgehen der Reagan-Regierung sei ein „wichtiger Faktor“ dafür gewesen, „bei der Inflation das Blatt zu wenden“. Damit meinte Volcker die Unterdrückung der Arbeitskämpfe der Arbeiter zur Verteidigung ihrer Löhne, Arbeitsplätze und Lebensbedingungen.

Auf den PATCO-Streik folgte eine globale Offensive der herrschenden Klasse. Einer ihrer zentralen Bestandteile war die Niederschlagung des Bergarbeiterstreiks in Großbritannien von 1984-85 durch die Thatcher-Regierung.

Diese Offensive wäre nicht ohne die direkte Kollaboration der Gewerkschaftsbürokratien möglich gewesen. In den USA fiel die AFL-CIO den Fluglotsen in den Rücken, in Großbritannien verweigerte der Trades Union Congress den Bergarbeitern die Unterstützung. Dieses Muster wiederholte sich bei allen bedeutenden Kämpfen der internationalen Arbeiterklasse und bewirkte damit ihre Niederlage.

In Folge dieser Niederlagen veränderte sich das Verhältnis zwischen den Gewerkschaften und der Arbeiterklasse. Die Gewerkschaften verteidigten nicht mehr die Interessen der Arbeiterklasse, sondern entwickelten sich zu Erfüllungsgehilfen des Kapitals. Als Begründung führten sie regelmäßig das nationalistische Argument an, die „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ der Unternehmen ihrer jeweiligen Länder müsse gesichert werden. Sie wurden zu einem der wichtigsten Werkzeuge für die Abschöpfung des Mehrwerts aus der Arbeiterklasse, der, so Marx, die Grundlage der kapitalistischen Ökonomie und ihres Finanzsystems bildet.

Die Unterdrückung des Klassenkampfes durch die Gewerkschaftsapparate war der wichtigste Faktor für den Beginn der Finanzialisierung, die in den 1980ern begann, sich in den 1990ern beschleunigte und im neuen Jahrhundert weiterging.

Nach der globalen Finanzkrise 2008 war die Finanzialisierung die Voraussetzung für die monetären Maßnahmen der großen Banken der Welt. Sie wurden von den Regierungen und Zentralbanken unterstützt, die Billionen Dollar ins Finanzsystem pumpten und damit eine Umverteilung der Vermögen in die Hände der globalen kapitalistischen Oligarchie ermöglichten. Eine solche Umverteilung ist in der Geschichte ohne Beispiel. Der wichtigste Mechanismus für diese Plünderung der Weltwirtschaft war der massive Anstieg der Aktien- und Anleihenmärkte, der sich auf einem stetigen Niedergang der Löhne und sozialen Bedingungen der Arbeiterklasse gründete.

Man muss sich nur die Frage stellen: Wären die Aktienkurse auch auf Rekordstände gestiegen oder wäre es möglich gewesen, praktisch über Nacht Gewinne in Milliardenhöhe zu machen, wenn es in den USA und den anderen großen kapitalistischen Staaten ein Aufleben des Klassenkampfs gegeben hätte?

Die Ereignisse am Freitag haben die grundlegenden Wirtschafts- und Klassenverhältnisse aufgezeigt, unabhängig davon, wie sich die Finanzmärkte weiter entwickeln werden. Die immensen Vermögen, die sich an der Spitze der Gesellschaft ansammeln, sind letzten Endes das Ergebnis einer riesigen Umverteilung. Einige wenige eignen sich den Reichtum an, den die Arbeiter auf der ganzen Welt erschaffen.

Der Nervosität der Finanzmärkte, ausgelöst von einer wachsenden Bewegung der Arbeiterklasse in den USA und weltweit, liegt die Befürchtung zugrunde, dass die Mechanismen, mit denen der Klassenkampf während der letzten vier Jahrzehnte unterdrückt wurde, nicht mehr funktionieren.

Dies verdeutlicht die grundlegenden politischen Herausforderungen, vor denen die Arbeiterklasse steht. Ihr internationaler Kampf für höhere Löhne und ein Ende der Ausbeutung wird eine brutale Reaktion der herrschenden Klasse nach sich ziehen. Denn dieser Kampf rüttelt an den Grundmauern der kapitalistischen Akkumulation von Vermögen.

Es kann keine friedliche „Anpassung“ der kapitalistischen herrschenden Klasse an die Forderungen der Arbeiterklasse geben. Das gesamte Profitsystem, über welches sie wacht, wird von einer Reihe von Widersprüchen erschüttert: die Gefahr, dass das Kartenhaus an der Börse zusammenbrechen wird; die verstärkten Handels- und Währungskonflikte; das schwindende Vertrauen in die Stabilität des internationalen Währungssystems, und nicht zu vergessen die wachsende Gefahr eines Weltkriegs und zunehmender politischer Instabilität.

Die Arbeiterklasse steht vor einem Kampf, der sich nicht auf das von Reformisten in den Gewerkschaften früher propagierte, illusorische Ziel beschränken darf: „Guter Lohn für gute Arbeit“. Ihr Ziel muss vielmehr der Sturz des Profitsystems als solches sein mittels eines internationalen sozialistischen Programms. Dieses muss sich – wie Marx es formulierte – auf die „Expropriation der Expropriateure“, d.h. die Enteignung der Ausbeuter stützen.

Nick Beams

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