Priorität für „lokale Nachrichten“: Facebooks neueste Zensurmaßnahme

Von Will Morrow
9. Februar 2018

Facebook-Chef Mark Zuckerberg gab am 29. Januar bekannt, dass seine Social-Media-Plattform in ihren Newsfeeds Nachrichten aus „lokalen Quellen“ künftig einen deutlich höheren Stellenwert geben werde. Es ist das dritte Update von Facebook seit Jahresbeginn, das auf die Zensur von Online-Informationen abzielt.

Am 12. Januar hatte Facebook mitgeteilt, es werde künftig Nachrichten und politische Inhalte geringer bewerten, d.h. seltener anbieten, und dafür „persönlichen“ Inhalten eine höhere Priorität einräumen. Eine Woche darauf gab Zuckerberg bekannt, dass Facebook die Presseartikel, die es den Usern in den Newsfeeds anbietet, bevorzugt „vertrauenswürdigen“ Quellen entnehmen werde, d. h. aus Zeitungen des Establishments wie der New York Times und dem Wall Street Journal.

Zuckerberg gab sich wenig Mühe, die politischen Motive der jüngsten Veränderung zu verbergen. Es gehe darum, „die Aufregung über kontroverse Themen abzukühlen und die Aufmerksamkeit stattdessen auf konkrete lokale Angelegenheiten zu richten“, damit die Bevölkerung „gemeinsam am Fortschritt teilhaben kann“, so Zuckerberg.

Damit ist wohl gemeint, dass über Kuchenverkäufe an Schulen und über Sportereignisse ausführlicher berichtet werden wird, und weniger über die Trump-Regierung, die globale Krise des Kapitalismus und die wachsende Gefahr eines Weltkriegs.

Zuckerberg bedauert offensichtlich den großen technischen Fortschritt, der das World Wide Web ermöglichte und Menschen auf allen Kontinenten in die Lage versetzte, schnell mit anderen kommunizieren zu können, ohne dass Zensoren aus Unternehmen und Regierungen Einfluss darauf haben. Zuckerberg zieht es vor, die Haltung des Vogel Strauß einzunehmen und seinen Kopf in den Sand zu stecken.

Seine Erklärung zu den Zensurmaßnahmen von Facebook ist ganz im Stil des orwellschen „Neusprech“ gehalten. Nutzer daran zu hindern, sich über Ereignisse außerhalb ihres engeren Umfelds zu informieren, soll „Gemeinschaft fördern – online und offline“ und sicherstellen, dass Facebook „nicht nur Spaß bereitet, sondern auch für dich und für die Gesellschaft gut ist.“

Der Facebook-Milliardär möchte nicht, dass Menschen Zugang zu ungefilterten Informationen über bestimmte Themen haben – zum Beispiel über die Vorbereitungen der USA auf einen Nuklearkrieg gegen Nordkorea, Russland und China; über Internetzensur sowie das Ausspähen der Bevölkerung durch Regierungen; über Massendemonstrationen gegen Razzien, denen Migranten zum Opfer fallen, sowie gegen Polizeigewalt; über Arbeiterstreiks; über die Details der zunehmenden sozialen Ungleichheit, einschließlich der Tatsache, dass fünf Multimilliardäre (von denen Zuckerberg einer ist) so viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung.

Die Neuerungen werden zunächst nur für Facebook-Konten in den USA gelten, doch wie Zuckerberg erklärt, sei das Ziel, die Maßnahmen „in diesem Jahr auf weitere Länder auszuweiten“. Mit seiner abschließenden Bemerkung, „ich freue mich, euch bald weitere Updates mitzuteilen“, deutete er weitere Zensurmaßnahmen an.

Weltweit nutzen über 2 Milliarden Menschen Facebook. In der Mehrheit informieren sie sich über Neuigkeiten auf der Social-Media-Plattform. Laut einer Untersuchung des Pew Research Center von November 2017 lesen etwa 45 Prozent der amerikanischen Bevölkerung, also 145 Millionen Menschen, die Nachrichten auf Facebook. Das ist die größte Leserschaft für Nachrichten unter allen Social-Media-Plattformen.

Millionen von Menschen orientierten sich mit Hilfe der sozialen Medien auf unabhängige und alternative Nachrichtenmedien, gerade weil sie die etablierten Medien umgehen wollten, in denen breite Teile der Bevölkerung zu Recht Instrumente der Regierungspropaganda sehen. Laut einer Umfrage des Pew Research Center von 2016 war das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in die Medien auf ein Rekordtief von 32 Prozent gefallen.

Durch die Beschränkung ihres Angebots auf „lokale Nachrichten“ für die User wollen die Social-Media-Riesen die Uhr zu den Tagen zurückdrehen, als die Bevölkerung sich fast nur aus lokalen Medien informieren und nur über die offiziellen kommerziellen Zeitungen etwas über die Weltereignisse erfahren konnte.

Zuckerberg kündigte an, dass Facebook Medienunternehmen danach einstufen wird, wie oft User in „engen geografischen Regionen“ Links zu deren Artikeln anklicken. Inhalte nach diesem Kriterium auszuwählen, benachteiligt eindeutig Websites, die sich an eine nationale oder internationale Leserschaft wenden, wie die World Socialist Web Site (WSWS), die sich an die internationale Arbeiterklasse wendet.

Darüber hinaus stärkt Facebook dadurch die Monopolstellung der Medienriesen, in deren Besitz sich die große Mehrheit der kleineren, lokalen Publikationen befinden. Durch anhaltende Fusionen und Firmenkäufe hat die Konzentration der Medienbranche auf wenige Eigentümer enorm zugenommen. Newspaperownership.com berichtet, dass 2014 eine Handvoll privater Medienunternehmen zusammen 1.449 Zeitungen besaßen. 10 Jahre davor waren es noch 1.128. Eine noch größere Anzahl lokaler Zeitungen haben den Betrieb eingestellt.

Anfang Februar gab Facebook bekannt, das Unternehmen teste einen Bereich seiner Smartphone-App „Today in“, der nur lokale Nachrichten, Veranstaltungen und Bekanntmachungen anbietet. Bisher wurde der Test nur in sechs Städten der USA durchgeführt. Alle Zeitungsverlage, die in die App aufgenommen werden, müssen von Facebooks New Partnership Team erst geprüft und für geeignet befunden werden.

Facebooks jüngste Bekanntmachung fiel zeitlich zusammen mit Googles eingeschränkter Freigabe seiner neuen Smartphone-App Bulletin. Die App soll, wie Google es nennt, „hyperlokale“ Nachrichten fördern, die das Unternehmen als Nachrichten „über deine community, für deine community“ beschreibt.

Mit der App können User Geschichten über Google direkt ins Netz stellen, ohne dafür eigens einen Blog oder eine Webseite einrichten oder soziale Medien nutzen zu müssen. Praktisch bedeutet das, dass Google das Erscheinen von unabhängigen Nachrichten, die die vom Staat akzeptierten und von der Wirtschaft kontrollierten Medien nicht gutheißen, noch direkter kontrollieren wird.

Google arbeitet schon jetzt systematisch daran, sozialistische und linke Publikationen, insbesondere die WSWS, zu zensieren. Die Ergebnisse der Suchmaschine werden manipuliert, um Links zu bestimmten Websites zu blockieren. Google nahm diese Veränderung unter dem Vorwand, „Falschmeldungen“ entgegenzutreten und „seriöse“ Inhalte zu fördern, bereits im April 2017 vor.

Ziel und Zweck der aktuellen Veränderungen machte Zuckerberg in einem Beitrag am Mittwoch letzter Woche im Zusammenhang mit dem aktuellen Jahresbericht des Unternehmens deutlich. Daraus ging hervor, dass Facebook im letzten Jahr zum ersten Mal weniger genutzt wurde, was Zuckerberg in seinem Posting begrüßt. Er erklärte, dass Facebook Maßnahmen ergreife, um „schädliche Videos“ zurückzudrängen, weil derartiges Material – wozu auch Videoaufnahmen über Polizeigewalt und Kriegsverbrechen gehören – nicht „gut für das Wohlbefinden von Menschen und für die Gesellschaft“ sei. Dieses Argument passt zu der Kampagne der Demokratischen Partei, der Geheimdienste und Internetkonzerne im Stile McCarthys, die jede politische Opposition in den USA als Ergebnis russischer Einflussnahme und von „Fake News“ brandmarkt, die vom Kreml verbreitet würden.

Der Beitrag erwähnt auch, dass Facebook künstliche Intelligenz einsetzt, um jedes Foto und Video, jede Nachricht und jeden Beitrag auf der Plattform genau zu überprüfen, um „alle Inhalte auf Facebook zu verstehen“, was praktisch der Überwachung von Milliarden von Menschen gleichkommt. (siehe auch: Aus Facebook wird Policebook).

Die Lawine neuer Maßnahmen zur politischen Massenzensur und Überwachung, die jetzt Woche für Woche und sogar täglich bekannt werden, unterstreichen die Korrektheit und Dringlichkeit des Offenen Briefs der World Socialist Web Site an sozialistische, linke und Antikriegs-Organisationen, Individuen und Websites, „Für ein internationales Bündnis gegen Internetzensur“. Wir appellieren an unsere Leser, diesen Brief zu lesen und zu teilen und sich diesem Kampf anzuschließen.

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