Amerikanisches Massaker an syrischen Truppen könnte größeren Krieg auslösen

Von Bill Van Auken
10. Februar 2018

Am Mittwoch haben amerikanische Kampfflugzeuge und Artillerie in der nordostsyrischen Provinz Deir ez-Zor ein grundloses Massaker an bis zu 100 regierungstreuen Kämpfern verübt. Die Tat markiert den Beginn eines neuen und noch gefährlicheren Stadiums in der seit mehr als drei Jahren andauernden US-Militärintervention in Syrien.

Die syrische Regierung verurteilte den Angriff als „Kriegsverbrechen“ und „direkte Unterstützung des Terrorismus“. Sie betonte, ihre Truppen seien von den USA angegriffen worden, während sie im Gebiet zwischen den Dörfern Chasham und al-Tabiya am Ostufer des Euphrat gegen Elemente des Islamischen Staates im Irak und Syrien (IS) kämpften.

Das Pentagon erklärte stolz, es habe 100 regierungstreue Kämpfer getötet. Damaskus entgegnete, die US-Angriffe hätten „Dutzende Menschenleben“ gefordert, „viele weitere verwundet und schwere Schäden in dem Gebiet angerichtet“.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, sie könne nur zwanzig Tote unter den Regierungstruppen bestätigen.

Die Angaben des Pentagon sind insofern unglaubwürdig, als auf die Angriffe und den Artilleriebeschuss kein Angriff mit Bodentruppen erfolgte. Doch unabhängig von der genauen Zahl der Todesopfer markiert der Vorfall eine deutliche Eskalation der US-Aggression gegen Syrien, die den Abschuss von 59 Marschflugkörpern im letzten April noch weit in den Schatten stellt. Damals wurde behauptet, die syrische Regierung habe in der Provinz Idlib Chemiewaffen eingesetzt.

Der bisher einzige US-Angriff mit einer ähnlich hohen Opferzahl war ein Luftangriff auf eine Stellung der syrischen Armee nahe dem Flughafen von Deir ez-Zor, bei dem 62 Soldaten getötet und etwa 100 weitere verwundet wurden. Das Pentagon behauptete seinerzeit, der Angriff sei das Ergebnis eines „unbeabsichtigten, bedauerlichen Fehlers“.

Diesmal erklärte das US-Militär stattdessen, es übe sein „inhärentes Recht auf Selbstverteidigung“ aus – indem es die Streitkräfte eines Landes angreift, dessen Staatsgebiet von amerikanischen Truppen ohne seine Erlaubnis oder irgendein Mandat der Vereinten Nationen besetzt wird.

Laut der offiziellen Darstellung des Pentagon hat eine Kolonne von 500 regierungstreuen Kämpfern, die über Panzer und Artillerie verfügten, versucht, die Kontrolle über Gebiete östlich des Euphrat zu erlangen, die von den Demokratischen Kräften Syriens (Syrian Democratic Forces, SDF) besetzt wurden. Das dominierende Element dieser amerikanischen Stellvertretermiliz ist die syrisch-kurdische Miliz YPG. Das Pentagon behauptet, die Regierungstruppen hätten „grundlos eine gut befestigte Stellung der SDF“ angegriffen, auf der US-Spezialeinheiten stationiert waren, die das Vorgehen der kurdischen Kämpfer steuern.

Namentlich ungenannte Pentagon-Vertreter erklärten gegenüber der Presse, vermutlich befänden sich unter den Toten auch russische Söldner, die zusammen mit den syrischen Regierungstruppen operieren.

Das russische Verteidigungsministerium meldete, es habe kein Militärpersonal in dem Gebiet stationiert. Es behauptete auch, es wisse nur von 25 verwundeten syrischen Milizionären in Folge der US-Luftangriffe.

In einer Stellungnahme erklärte es außerdem, der amerikanische Angriff habe „erneut gezeigt, dass die USA mit ihrer rechtswidrigen Präsenz in Syrien nicht das Ziel verfolgen, [den IS] zu bekämpfen, sondern Einrichtungen der syrischen Wirtschaft zu besetzen und zu kontrollieren.“

Die Kämpfe fanden in einem Gebiet statt, in dem sich einige der wichtigsten Öl- und Gasvorkommen Syriens befinden. In dem Dorf al-Tabiya befindet sich eine Gasförderanlage, die bis 2005 von ConocoPhillips betrieben und danach der syrischen Regierung übergeben wurde. Nachdem der IS die Kontrolle über das Gebiet übernommen hatte, benutzte die islamistische Miliz Gas- und Ölexporte, um einen Großteil ihrer Ausgaben zu finanzieren.

Washington ist entschlossen, der syrischen Regierung die Kontrolle über diese Rohstoffe zu verwehren. Zu diesem Zweck plant es die Errichtung einer Kontrollzone, die etwa 30 Prozent des Landes ausmacht und dabei die Grenzen zur Türkei und dem Irak abschneidet.

Das russische Außenministerium äußerte berechtigte Zweifel an der amerikanischen Darstellung der Ereignisse, vor allem an dem beträchtlichen Missverhältnis, dass angeblich 100 syrische Regierungstruppen getötet wurden, aber nur ein SDF-Kämpfer verwundet worden sei.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa fragte: „Zuerst einmal, wie konnte eine 500 Mann starke Einheit mit Panzer- und Artillerieunterstützung ein Hauptquartier angreifen und dabei nur einen Verteidiger verwunden? Wie konnten die Personen in diesem Hauptquartier mehr als eine halbe Stunde dort bleiben, bis Luftunterstützung angefordert und eingetroffen war?“

„Wie konnte in so kurzer Zeit die Entscheidung gefällt werden, einen massiven Beschuss auf syrische Streitkräfte zu eröffnen? Unsere Militärexperten und das Außenministerium sammeln jetzt relevante Informationen, um diese Fragen zu beantworten und ein vollständiges Bild der Geschehnisse zu bekommen.“

Trotz der Proteste aus Moskau erklärte das Pentagon, es habe das russische Militär im Vorfeld über den „Heißen Draht“ – die ständige Telefonverbindung zwischen Washington und Moskau – über seinen Angriff auf die syrischen Regierungstruppen informiert und sei während und nach dem Angriff in Verbindung geblieben. Pentagon-Sprecherin Dana White erklärte: „Wir hatten ein sehr produktives Gespräch [...] Wir haben ihnen darüber berichtet, sie wussten was passieren würde. Sie haben zugestimmt, keine Koalitionstruppen anzugreifen. Von daher war es also erfolgreich.“

Der Angriff auf Deir Ez-Zor ist Teil einer stetigen Verschärfung des umfassenden Konflikts in Syrien. Sie wurde hauptsächlich durch Washingtons Ankündigung ausgelöst, dauerhaft Besatzungstruppen im Land zu stationieren und eine „Post-IS-Politik“ zu verfolgen, in deren Mittelpunkt die ursprünglichen Ziele der USA stehen: das syrische Regime zu stürzen und den Einfluss Russlands und des Iran in der Region einzudämmen. Vor dem Feldzug gegen den IS im Jahr 2014 versuchte Washington, die Regierung von Präsident Baschar al-Assad zu stürzen, indem es die Al-Qaida-nahen Milizen unterstützte und mit Waffen belieferte, aus denen später der IS entstand. Die Folge war ein blutiger, seit sieben Jahren andauernder Krieg, der bereits etwa 350.000 Syrer das Leben gekostet und Millionen andere zu Flüchtlingen gemacht hat.

Seit das US-Militär vor über drei Jahren in Syrien eingefallen ist, war die kurdische YPG ihre wichtigste Stellvertretermiliz. Darüber hinaus wurden auch weitere islamistische Milizen bewaffnet und ausgebildet. Während der von den USA unterstützten Belagerung von Rakka und anderen ehemals vom IS kontrollierten Städten organisierten das US-Militär und seine kurdischen Stellvertretertruppen die Evakuierung von zahlreichen IS-Kämpfern und ihre Verlegung nach Deir ez-Zor, um sie gegen die syrischen Regierungstruppen einzusetzen, die auf die strategisch wichtigen Öl- und Gasvorkommen vorrücken.

Im Westen könnte der türkische Einmarsch in die kurdische Enklave Afrin einen direkten Konflikt zwischen den USA und ihrem vorgeblichen Nato-Verbündeten Türkei auslösen. Ankara reagierte damit auf den Plan der USA, eine 30.000 Mann starke „Grenzschutztruppe“ aufzubauen, die größtenteils auf der kurdischen YPG basiert, wodurch faktisch ein kurdischer Staat unmittelbar an der türkischen Grenze geschaffen würde.

Am Mittwoch besuchte der amerikanische Oberbefehlshaber in Syrien und dem Irak, Generalleutnant Paul Funk, die syrische Stadt Manbidsch am Westufer des Euphrat, die von der YPG und den für sie zuständigen US-Spezialkräften besetzt wurde. Nur einen Tag zuvor hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Abzug der amerikanischen Truppen aus Manbidsch gefordert und angekündigt, das türkische Militär werde seine Offensive auf die Stadt fortsetzen.

Auf die Frage, ob ihn die Bedrohung durch die Türkei beunruhige, erklärte General Funk: „Meine Aufgabe ist es nicht, mir Sorgen zu machen, sondern zu kämpfen.“

Gleichzeitig verurteilten die amerikanische und die französische Regierung Damaskus wegen seiner Luftangriffe in der Provinz Idlib und im Osten von Ghuta, sowie wegen der unbewiesenen Behauptungen, dort wäre Chlorgas gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt worden. Das US-Außenministerium erklärte, die Angriffe müssten „sofort aufhören“.

Die heuchlerischen westlichen Medien haben zwar größtenteils geschwiegen, als die USA letztes Jahr während der Belagerung von Mossul im Irak und Rakka in Syrien zehntausende Zivilisten ermordeten und ganze Städte zerstörten, doch jetzt berichten sie plötzlich über die zivilen Todesopfer durch die Angriffe syrischer und russischer Kampfflugzeuge. Und wieder verbreiten sie Propaganda, um eine militärische Eskalation vorzubereiten, die eine direkte militärische Konfrontation zwischen den USA und Russland auslösen könnte, den beiden größten Atommächten der Welt.

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