Filmregisseur Michael Haneke kritisiert #MeToo-Bewegung

Von Katerina Selin
16. Februar 2018

Die reaktionäre #MeToo-Kampagne lässt auch die Besucher und Teilnehmer der 68. Internationalen Filmfestspielen der Berlinale nicht in Ruhe. Am 15. Februar, dem Tag der Eröffnung, verkündete der langjährige Festival-Direktor Dieter Kosslick im Deutschlandfunk: „Ich glaube, dass die ganze Berlinale von diesem Thema beseelt wird.“

Doch trotz der Einschüchterung und Medienhysterie wehren sich immer mehr Künstler und Kulturschaffende gegen die undemokratische MeToo-Jagd, die vermeintliches sexuelles Fehlverhalten in der Film- und Theaterwelt aufdecken will.

Wenige Tage vor der Eröffnung der Berlinale wandte sich der bekannte österreichische Filmregisseur Michael Haneke in scharfen Worten gegen die MeToo-Bewegung. In einem Interview mit der Tageszeitung Kurier sagte er:

„Was mich an der jetzigen Debatte stört, ist die völlig unreflektierte Gehässigkeit, die blinde Wut, die sich nicht an Fakten orientiert und vorverurteilend das Leben von Menschen zerstört, deren Straftat in vielen Fällen noch gar nicht erwiesen ist. Leute werden einfach medial gekillt, Leben und Karrieren ruiniert.“

Natürlich sei „jede Form von Vergewaltigung oder Nötigung zu ahnden“, so Haneke. „Aber diese Vorverurteilungshysterie, die jetzt um sich greift, finde ich absolut degoutant. Und ich möchte nicht wissen, wie viele dieser Anklagen, die sich auf Vorfälle vor 20 oder 30 Jahren beziehen, in erster Linie Abrechnungen sind, die mit sexuellen Übergriffen nur wenig zu tun haben.“

Er warnt: „Jeder Shitstorm, der nach solchen ‚Enthüllungen‘ sogar über die Internet-Foren seriöser Zeitungen hereinbricht, vergiftet das gesellschaftliche Klima. Und das macht jede Auseinandersetzung mit diesem sehr wichtigen Thema umso schwieriger. Bei der Bösartigkeit, die einem im Internet entgegenschlägt, stockt oft der Atem. Dieser neue, männerhassende Puritanismus, der im Kielwasser der #MeToo-Bewegung daherkommt, besorgt mich.“

Der 1942 geborene Regisseur und Drehbuchautor ist für seine Spielfilme (darunter „Caché“ 2005, „Das Weiße Band“ 2009, „Happy End“ 2017) international anerkannt und hat mehrere Auszeichnungen erhalten. Zur Zeit arbeitet er an einer dystopischen Science Fiction-TV-Serie.

In dem Interview äußert er sich empört über die jüngsten Bestrebungen, Filme und Kunstwerke zu zensieren. Er bezieht sich auf einen Fall in New York, wo Ende 2017 das Metropolitan Museum of Art in einer Online-Petition aufgefordert wurde, ein Gemälde von Balthus abzuhängen. Diese Aktion sei „einfach grotesk“, sagt Haneke. Balthus gehöre zu den bedeutendsten Malern des 20. Jahrhunderts. „Welcher wildgewordene Kleinbürger maßt sich denn da an, klüger und moralischer als das Museumspublikum zu sein?“

Die Petitionsunterzeichner hatten behauptet, das 1938 entstandene Gemälde Thérèse, träumend, das ein junges Mädchen in zweideutiger Pose zeigt, würde „den Voyeurismus und die Sexualisierung von Kindern“ verklären.

Bei einem anderen Vorfall in der Manchester Art Gallery in Großbritannien wurde tatsächlich ein Gemälde – Hylas Nymphen von Waterhouse (1896) – entfernt und erst nach öffentlichem Protest wieder aufgehängt.

Die Eingriffe in die Kunst- und Meinungsfreiheit werden entweder mit – meist nicht belegten –Verdachtsmomenten gegen die Künstler oder mit angeblich anzüglichen Inhalten ihrer Werke begründet. Am weitreichendsten zeigten sich die Folgen der MeToo-Kampagne bisher im Filmbereich. Haneke erinnert an den japanischen Film „Im Reich der Sinne“, der aufgrund seiner Darstellung von Sexualität bei der Berlinale von 1976 einen Skandal auslöste. Heute könnte dieser Film gar „nicht mehr gedreht werden, weil die Förderungs-Institutionen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber diesem Terror das nicht zulassen würden“, meint er.

„Verdächtigte Schauspieler werden aus Filmen und Serien herausgeschnitten, um keine Besucherzahlen einzubüßen. Vor diesem Feldzug gegen jede Form von Erotik bekommt man es als Künstler mit der Angst zu tun. Wo leben wir denn? In einem neuen Mittelalter?“ Das habe nichts damit zu tun, dass „jeder sexuelle und jeder gewaltsame Übergriff“ verurteilt und bestraft werden müsse. „[A]ber die Hexenjagd sollte man im Mittelalter belassen“, forderte der Regisseur.

Die treffenden und mutigen Worte von Michael Haneke setzen ein wichtiges Zeichen kurz vor Beginn der Filmfestspiele in Berlin, die ein ganzes Rahmenprogramm zur MeToo-Frage organisiert haben. In einer Pressemitteilung zu #MeToo heißt es, die Berlinale setze sich „für die sexuelle Selbstbestimmung und gegen jeglichen Missbrauch ein“. Die Debatte sei „wichtig“ und führe zur „Hinterfragung gesellschaftlicher Machtverhältnisse“.

Die Festivalleitung hat sogar „verdächtige“ Filme im Vorfeld aus dem Programm genommen. Ohne konkrete Angaben zu den betroffenen Filmen zu machen, erklärte Berlinale-Direktor Kosslick: „Wir haben in diesem Jahr Arbeiten von Leuten nicht im Programm, weil sie für ein Fehlverhalten zwar nicht verurteilt worden sind, es aber zumindest zugegeben haben.“ Das ist genau der vorauseilende Gehorsam, den Haneke angeprangert hat.

Initiativen wie „Speak Up!“, die Beratungsangebote bei sexueller Belästigung anbieten, und „ProQuote Film“, die eine Frauenquote im Filmbereich anstrebt, sind auf dem Festival vertreten. Die Schauspielerin Anna Brüggemann hat die Kampagne #NobodysDoll initiiert und ruft Frauen dazu auf, nicht in High Heels und Kleidchen über den roten Teppich zu laufen, damit sie dem „herrschenden Schönheitsideal“, das sie als „frauenfeindlich“ bezeichnet, entgegentreten.

Dass die MeToo-Kampagne eng mit der Politik verknüpft ist, zeigt die Veranstaltung „Kultur will Wandel – Eine Gesprächsrunde zu sexueller Belästigung in Film, Fernsehen und Theater“, die am kommenden Montag im Theater Tipi am Kanzleramt stattfindet. Dort spricht Familienministerin Katarina Barley von der SPD, die schon im letzten Herbst auf den #MeToo-Zug aufsprang. Barley hatte damals auf Zeit online gefordert: „Bei Übergriffen wie Hand aufs Knie legen, sollten wir juristisch schärfer werden.“

Vor dem Interview mit Haneke waren bereits in Frankreich mehrere Künstlerinnen, unter ihnen die bekannte Schauspielerin Catherine Deneuve, der MeToo-Hysterie öffentlich entgegengetreten. Am Mittwoch hat auch die deutsche Schauspielerin Heike Makatsch in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung Kritik geäußert und vor einem Klima der Angst und Selbstzensur unter Künstlern gewarnt.

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