„Eine Welt ohne Nationen“ – ein Nachruf auf den deutschen Jazz-Gitarristen Coco Schumann

Von Bernd Reinhardt
17. Februar 2018

Am 29. Januar verstarb 93-jährig der deutsche Gitarrist Coco, eigentlich Heinz Jakob Schumann. Bis zuletzt war er musikalisch aktiv und dürfte damit zu den Jazz-Musikern mit der längsten musikalischen Biografie zählen.

Coco Schumann 2012 (Bild Emilio Esbardo)

Schumanns musikalische Laufbahn begann im Berlin der 30er Jahre. Die Nazi-Diktatur konnte nicht verhindern, dass sich die jugendliche Jazz-Begeisterung der Weimarer Zeit fortsetzte. Der Jazz hatte die Operette verdrängt, Musiker machten nicht Halt, ehrwürdige Märsche wie die „Berliner Luft“ zu verjazzen. Das Radio fand zunehmend Verbreitung.

Das Nazi-Rundfunkverbot für „Nigger-Jazz“ von 1935 erwies sich, wie Schumann in seiner Autobiografie schreibt, als nicht durchsetzbar. Die Fans wollten die Musik und der Schallplattenimport und -export boomte. Wer das Geld hatte, kleidete sich „englisch“. Die musikalischen Idole waren Duke Ellington, die Chick Webb Band mit der jungen Ella Fitzgerald, Horst Winter, Teddy Stauffer, Nat Gonella, Die goldene Sieben, Artie Shaw.

Zum Swing-Mekka avancierte das heutige Kino Delphi. Hier erlebte der 13-Jährige als Zaungast Teddy Stauffers Band. Von einem musikbegeisterten Onkel, von Beruf Friseur, lernt Coco erste Grundlagen des Schlagzeug-Spiels. Schließlich konnte der Junge ihn in seiner „Zigeunerkapelle“ vertreten.

Dann kommt die Gitarre. Der 16-Jährige erhält einige Stunden Gitarrenunterricht bei Hans Korseck, einem swingbegeisterten Medizinstudenten, der in etablierten Bands spielt und während eines US-Aufenthalts die Jazzmusiker und Band-Leader Benny Goodman und Tommy Dorsey kennenlernte. 1941 bringt er die erste deutsche Plektrum-Gitarrenschule heraus und fällt ein Jahr später 31-jährig an der Ostfront.

Prägend wird für Schumann die Begegnung mit dem Geiger Helmut Zacharias, ein gefeiertes klassisches „Wunderkind“, das gleichzeitig begeistert jazzt. Schumanns Weg scheint vorgezeichnet: Musik, Musik, Musik. In der Band des Italieners Tullio Mobiglia, Schüler von Coleman Hawkins und „schönster Saxophonist der Welt“, verdient Schumann gut.

Im März 1943 wird er plötzlich verhaftet und jäh mit Abgründen konfrontiert, die er bisher ausblendete. Offiziell heißt es u.a., er hätte den Judenstern nicht getragen und verbotene Musik gespielt. Der Vater, ein alter Kriegsveteran, kann die Deportation nach Auschwitz verhindern. So kommt der Junge „nur“ in das KZ Theresienstadt.

Schumann vermutet als wirklichen Grund für die Verhaftung den Kontakt seines Cousins zum antifaschistischen Widerstand. Heinz Rotholz war Mitglied der jüdischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum, die einen Brandanschlag auf die berüchtigte antikommunistische Propaganda-Ausstellung „Das Sowjetparadies“ verübte. Rotholz und die meisten anderen wurden schnell hingerichtet. Schumann hatte, ohne von der Widerstandsarbeit zu wissen, in diesem Kreis einmal Gitarre gespielt. Ein Denunziant war dabei.

Im KZ Theresienstadt ersetzt er bei den „Ghetto-Swingers“ den nach Auschwitz deportierten Schlagzeuger. Unter Leitung des ehemaligen Chefs der legendären Weintraub Syncopators Martin Roman formiert sich die Band zu einer Jazz-Band amerikanischer Art mit einem kurzem Auftritt im Nazi-Propagandafilm „Theresienstadt – ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“. Der Film sollte die innere und äußere Öffentlichkeit über den wahren Charakter der Konzentrationslager täuschen (offiziell galten sie als Umerziehungslager). Regisseur Kurt Gerron wurde, wie die meisten aktiven Darsteller, anschließend nach Auschwitz deportiert und ermordet. Schumann kommt im Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau an.

Auch hier braucht die SS Musiker. Dass Schumann gezwungen wird, Menschen auf dem Weg in die Gaskammer musikalisch zu begleiten, gehört zu seinen schlimmsten Erinnerungen. Immer wieder verlangten die Nazis dafür das Lied „La Paloma“. Schumann kommt später nach Dachau und wird kurz vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches auf einen der Todesmärsche geschickt.

Von amerikanischen Soldaten befreit, kehrt er zurück nach Berlin und findet die alten Swing-Freunde in einer improvisierten Bar inmitten der Trümmer. Über Cocos KZ-Aufenthalt wird nicht geredet. Man setzt fort, was der Krieg unterbrach: Jazz. Da man die Weiterentwicklung Richtung Bebop verpasst hat, saugt man nun begierig diese Musik auf. Helmut Zacharias schreibt einige Stücke im Bebop-Style, und Schumanns Gitarrenidol heißt nun Charly Christian. Wie er spielt er elektrisch verstärkt, im damaligen Deutschland etwas Neues.

Dann kommt aus den USA der Elektro-Gitarrensound von Chet Atkins und Les Paul. Beide werden zu Idolen der 50er Jahre. Der zitronenfrisch-cleane Ton hilft den Schmutz der Vergangenheit zu vergessen. Exotik in internationalem Gewand ist gefragt: Schmachten auf Italienisch, spanische Leidenschaft, Karibik, Bossanova. Swing und Improvisation, so Schumann, waren plötzlich out. Er spielt weiter mit Zacharias auch in anderen Bands und für den Rundfunk. Ihn faszinieren jetzt brasilianische Rhythmen, wo er improvisieren kann. Zacharias verabschiedet sich vom Bebop und stapelt süßliche Geigensounds übereinander.

Gesellschaftlich vermisst Schumann einen wirklichen Aufbruch. Im Kalten Krieg werden alte Nazis als zuverlässige Antikommunisten wieder gebraucht. Bereits 1950 kommen die ersten in den Nürnberger Prozessen verurteilten Nazi-Verbrecher wegen „guter Führung“ frei und man diskutiert über Wiederaufrüstung. Schumanns Mutter wird das USA-Visum verweigert, weil sie in die SED eingetreten ist. Schumann wandert mit Frau und Kind nach Australien aus, um wenige Jahre später zurückzukehren, weil er seine Freunde vermisst.

Er spielt Musik für alle Anlässe (nur deutsche Volksmusik und Country mag er nicht). Dabei stellt er fest, in welchem Maß die musikalische Welt den Jazz „verinnerlicht“ hat. Er „stand mehr oder weniger heimlich hinter allem, was die Launen der Jahre hervorbrachte. Für die meisten Unterhaltungsmusiker war er die Seele, das Wesen dessen, was sie anstellen mussten, um von ihrem Beruf leben zu können, ganz gleich ob sie Schnulzen, Karnevalsschlager, Folklore oder ‚experimentelle‘ Pop- oder Rockvarianten spielten.“

In den 60ern wird Schumann einmal eingeladen, Freejazz zu spielen, kann aber mit „der Selbstverwirklichung, die hier gefordert wurde“, nichts anfangen. Gesellschaftlich setzt er Hoffnungen in die SPD und unterstützt Willi Brandt musikalisch im Wahlkampf.

In den 70ern spielt er auf einem sowjetischen Kreuzschiff, das für das westdeutsche Neckermann-Unternehmen westliche Urlauber befördert. Noch zehn Jahre davor hatte der Kapitän ein sowjetisches Kriegsschiff in der Schweinebucht vor Kuba befehligt. Die Annäherung von Kapitalismus und „Sozialismus“ im Zuge der Neuen Ostpolitik erfolgt auch im persönlichem Gespräch. Der „kommunistische“ Politoffizier pflichtet Schumann bei, dass der Kapitalismus schlecht, es aber schön sei, eine Million in der Tasche zu haben.

Mit über 60 beschließt Schumann, nur noch Musik zu spielen, die ihm wichtig ist. Mit der Besinnung auf den Swing kommt die Erinnerung. Über 40 Jahre hat er über die Hölle des KZ geschwiegen. Er vertraut sich dem alten Freund Zacharias an, der ist schockiert. Journalisten und Medien werden auf Schumann aufmerksam. Der Filmemacher John Jeremy befragt Schumann für den Dokumentarfilm „Swing Under The Swastika“ (1989). Ein ambivalentes Verhältnis hat Schumann zu dem Bundesverdienstkreuz, dass ihm Anfang 1989 schnell verliehen wird. Das Deutschland, das die Nazi-Vergangenheit nie ernsthaft aufarbeitete, wurde ihm keine Heimat. Er spielt mit dem Gedanken in die USA auszuwandern.

Dass Schumann dann verstärkt die Öffentlichkeit sucht, hängt weniger mit Musik, als mit der Veränderung des politischen Klimas zusammen. Bereits der offizielle Antikommunismus der Nachwendezeit ermutigte Rechte aller Couleur. Schumann wurde angefeindet. Man drohte sogar, sein Haus anzuzünden. Aus einem Gefühl heraus geht er nicht zur Polizei. 1994 trifft er dann während eines Kuraufenthalts mit jungen Leuten zusammen, die sich als rechte Holocaustleugner entpuppen, darunter mehrere Polizisten.

Die Autobiografie „Der Ghetto-Swinger“ (1997) ist seine Kampfansage an die Lügen über die schrecklichste Zeit seines Lebens. Er erzählt unpathetisch, was er erlebte. Eine deutsche „Kollektivschuld“ (Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ erscheint ein Jahr zuvor auf Deutsch) lehnt er ausdrücklich ab. Er berichtet, wie nichtjüdische Nachbarn der Familie halfen, zu überleben. Er äußert große Bewunderung für die unbekannten Helden des Alltag wie seinen „arischen“ Vater, der offen die Scheidung von seiner jüdischen Frau verweigerte. Dass Schumann, der als Jude keine Spielerlaubnis bekam, in Berlin bis 1943 öffentlich auftreten konnte, spricht dafür, dass es unter dem von den Nazis geschürten allseitigen Misstrauen eine verborgene Solidarität gab.

Kritisch äußert sich Schumann über den prominenten Musikers und Komponisten Peter Kreuder („Ich brauche keine Millionen“). Unter Musikern, so Schumann, sei er bekannt gewesen für gleichermaßen große Musikalität, Eitelkeit und Käuflichkeit. Seit 1932 NSDAP-Mitglied, „darf man behaupten, dass er ein Meister der Unbedarftheit war“. Schumann sieht sich selbst nicht unkritisch. Ihn hätte damals nur Musik interesseiert, er wäre ein Mitläufer geworden, wenn man ihn als Juden nicht selbst öffentlich ausgegrenzt hätte.

Dem hartnäckigen Mythos einer generell widerständigen Swingszene begegnet Schumann nüchtern. Die Swingfans, so Schumann, waren in Jungvolk und Hitlerjugend, fühlten sich als „richtige“ Deutsche. „Der ‚Widerstand‘ der Swings drückte sich höchstens in jugendlicher Renitenz aus. Wir bestanden auf unseren Vorlieben und Vergnügungen und empfanden eine tiefe Abneigung gegen militärische Hierarchien (...) Weitblick war nicht vorhanden.“

Stets fand sich ein Weg, ihre musikalische Welt, für Schumann eine „Welt ohne Nationen“, zu verteidigen. Amerikanische Titel erhielten unverfängliche deutsche Namen. Ein Frühwarnsystem vor ungebetenem Nazi-Besuch wurde entwickelt. Eine künstlerische Provokation war 1941 der in Deutschland produzierte jüdische Hit „ Joseph! Joseph!“ in der Interpretation von Horst Winter als „Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade“. Der veralberte Joseph Goebbels soll getobt haben.

Das Aufwachen in der realen Welt erfolgte für viele erst an der Front oder im Konzentrationslager. Schumann bewahrte sich seitdem eine Wachheit gegenüber neuen rechten Gefahren. Sein lesenswertes Buch ist eine aktuelle Warnung.

Musikalische Links

„Jawohl meine Herrn“ by Hans Sommer / Richard Busch

Interpret: Die goldene Sieben (Rhythmusgitarre: Hans Korseck) (1937)

„Caravan“ by Duke Ellington

Interpret: Tanz-Sinfonie-Orchester Peter Kreuder (1937)

„The Flat Foot Floogy“ by Slim Gaillard / Slam Stewart / Bud Green

Interpret: Teddy Staufer mit seinen Original Teddies (1938)

„Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade“ by Hans Carste / Klaus S. Richter

Interpret: Horst Winter mit seinem Orchester (1941)

„Swing To Bop“ by Charly Christian

Interpret: Charly Christian (1941)

„Tullio s Rhythmen“ by Tullio Mobiglia

Interpret: Tullio Mobiglia mit seinem Bar-Orchester (1942)

Gitarre: wahrscheinlich Coco Schumann (man hört das Vorbild Django Reinhardt heraus)

„Helmis Be-Bop Nr. 3“ by Helmut Zacharias

Interpret: Helmut Zacharias und die AMIGA-STAR-BAND (1948)

Gitarre: Coco Schumann

„World Is Waiting For The Sunrise“ by E. Seitz / Gene Lockhart

Interpreten: Les Paul & Mary Ford:

„Mr. Sandman“ by Pat Ballard

Interpret: Chet Atkins (TV 1954)

Moskauer Nächte“ by Wassili Pawlowitsch Solowjow-Sedoi

Interpret: Coco Schumanns „Radio- und Schallplatten-Quartett“ (60er Jahre)

Coco Schumann: Live in Berlin (2012)

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