IWF-Chefin Lagarde erteilt der #MeToo-Kampagne den Segen der Banken

Von Alex Lantier
20. Februar 2018

Während des diesjährigen Weltwirtschaftsgipfels in Davos hat ein Ereignis schlaglichtartig den anti-demokratischen Charakter der feministischen #MeToo-Kampagne verdeutlicht. Umgeben von politischen Repräsentanten des Big Business und angereisten Milliardären, sowie abgeschirmt von jeglichen Protesten durch eine kleine Armee von einigen tausend Schweizer Soldaten, tauschten sich drei Personen in ihrem Alpenrefugium ernsthaft über ein großes Problem aus: die Unterdrückung, die sie als Frauen erleiden.

Es handelte sich um Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IMF), und die Le-Monde-Reporterinnen Sylvie Kauffmann und Isabelle Chaperon. Das nachfolgend in Le Monde abgedruckte Interview, in dem sich Absurdes mit Heuchelei mischt, legt vor allem offen, wie #MeToo dazu beiträgt, in den Kreisen der Begüterten eine reaktionäre Stimmung zu schüren, die wenig oder nichts mit der Verteidigung von Frauen gegen sexuelle Belästigung zu tun hat.

Die #MeToo Hexenjagden, bei denen es sich um beschämende, aber meist unbewiesene sexuelle Anschuldigungen handelt, begannen mit den Vorwürfen gegen den US Filmproduzenten Harvey Weinstein. Ihre Opfer sind bislang weder angeklagt worden, noch wurde ihnen ein ordentliches Verfahren gewährt. Aber es wurden beiderseits des Atlantiks beträchtliche politische Kräfte in Bewegung gesetzt. Das Interview mit Lagarde in Le Monde verdeutlicht, dass #MeToo auch von Seiten der Banken und Medienkonzerne befeuert wird.

Die Frage, ob sie häufig über #MeToo spreche, bejahte Lagarde: „Ich stelle fest, dass diese #MeToo-Angelegenheit den Männern peinlich ist. Jedes Mal, wenn ich diese Themen vor einem Publikum beider Geschlechter anspreche, merke ich, dass die Männer sich einfach schämen irgendetwas zu sagen.“ Lagarde verkündete, #MeToo sei eine „gemeinsame Sache“ im Interesse aller Frauen, die fortgesetzt werden müsse, und fügte hinzu: „Aber wir dürfen uns nicht einbilden, dass wir schon einen Sieg errungen haben.“

Sie fuhr fort: „Diese Bewegung kann nur weiter kommen, wenn wir das Ausmaß des Problems erfassen, Ziele, Maßnahmen und Auswertungen planen sowie Leute klassifizieren. Wir müssen das weiterhin zu tun. Wir müssen überhaupt stets wachsam sein.“

Genau das war es, was eine Gruppe von 100 Frauen, unter ihnen die Schauspielerin Catherine Deneuve, in einem Aufruf in Le Monde kritisiert hat. Sie warnten, dass #MeToo ein „totalitäres“ Klima erzeugt. Es werden Programme und Apparate zur Beobachtung, Einschätzung und Klassifizierung von Verhalten geschaffen, damit ein Klima umfassender sexueller Verdächtigungen entsteht. Dies dient ganz bestimmten politischen Interessen. #MeToo hat ein Gesetz hervorgebracht, mit dem eine neue Art von Polizei geschaffen wurde, angeblich, um Frauen gegen eingewanderte Arbeiter in den französischen Vorstädten zu verteidigen. Zur selben Zeit lenkt #MeToo davon ab, dass von Washington aus eine gefährliche Atomkriegshysterie gegen Russland erzeugt wird.

Die generalstabsmäßig geplante #MeToo-Kampagne für Recht und Ordnung hat nichts mit der Verteidigung von Frauen zu tun. Lagarde bestätigte, dass sie selbst nicht sexuell bedrängt worden sei, „wahrscheinlich, weil ich eins-achtzig groß bin!“ Trotzdem wurde im weiteren Verlauf des Interviews versucht, den Ausbau der #MeToo Bewegung mit Lagardes persönlichen Frustrationen als Chefin des IWF zu rechtfertigen.

Befragt von Le Monde, ob sie „glaubt ein Opfer von Diskriminierung zu sein”, antwortete Lagarde: „Ja, sogar bis heute. Ich finde die Art, wie Männer Frauen ansehen und wie sie Aufmerksamkeit zeigen und die Art, wie sie sich damit beschäftigen, was Frauen sagen, recht seltsam. Bestenfalls kann es die Form von Paternalismus annehmen, die Haltung des Beschützers. Aber es kann auch ein herablassender Blick, ein Anstarren sein, mit dem gesagt wird, ‚diese da wird uns nun eine weitere Viertelstunde langweilen‘.“

Was soll man dazu sagen? Es ist lächerlich, dass Christine Lagarde behauptet, sie werde unterdrückt. Wenn sie unter der Tortur eines leicht seltsamen männlichen Blickes leidet, dann kann sie auf Mittel zurückgreifen, die der überwiegenden Mehrheit der Frauen (und Männer) nicht zur Verfügung stehen. Immerhin hat sich in ihrer Kasse während ihrer Laufbahn als Konzernmanagerin, als Direktorin der weltweit tätigen Kanzlei Baker McKenzie und später als Ministerin in diversen französischen Regierungen Einiges zusammengeläppert. Und als sie wegen Sorgfaltspflichtverletzung verurteilt wurde, weil sie die unzulässige Zahlung von 405 Millionen Euro aus Steuergeldern an den Geschäftsmann Bernard Tapie übersah, erhielt sie nicht die geringste Strafe.

Seit 2011 steht sie an der Spitze des IWF, der größten internationalen Bank mit einem eigenen Bankenhilfsfonds, womit sie den Einsatz von Hunderten Milliarden Dollar steuert. Mit ihren Entscheidungen wurden ganze Staaten verwüstet und Millionen Arbeiter in Aufruhr versetzt. Zur Belohnung muss sie auf ihr Jahresgehalt von 437.847 Euro keine Steuern zahlen, ganz im Gegensatz zu den griechischen Arbeitern, denen mit ihrer Hilfe massive Sparmaßnahmen, riesige Steuererhöhungen sowie im Jahr 2012 eine drakonische Reduzierung des Mindestlohns um 20 % aufgebürdet wurden.

Lagarde pflegt ihren Ruf als Feministin und nutzt ihn zynisch aus. Bekannterweise hat sie den Bankrott von Lehman Brothers und den Börsenkrach von 2008 an der Wall Street nicht den Banken, sondern den Männern angelastet, indem sie erklärte: „Die Lehman-Schwestern hätten weniger Probleme erzeugt als die Lehman-Brüder.“ Und nach dem Tod von König Abdullah im Jahr 2015 – auch, um die saudische Königsfamilie zu umgarnen, deren Abscheu gegen demokratische Frauenrechte allgemein bekannt ist – nannte sie den Verstorbenen irrwitziger Weise einen „großen Verteidiger der Frauen“.

Die lächerliche Erzählung, in der Lagarde ihre „Diskriminierung“ beklagt, ist eine Lehrstunde über den reaktionären Charakter der #MeToo-Kampagne und über ihr grundlegendes politisches Konzept. Während #MeToo eine kleinbürgerlich feministische Anhängerschaft mobilisiert, welcher demokratische Rechte gleichgültig sind und die Kapitalismus und Krieg befürwortet, verbreitet es zugleich ein Klima, in dem sich eine reaktionäre weibliche Bankerin wie Lagarde als Verteidigerin der Unterdrückten aufspielen kann.

Diese Atmosphäre stellt nicht nur eine Bedrohung demokratischer Rechte der meist männlichen Opfer sexueller Hexenjagden durch #MeToo dar. Es handelt sich auch um die Bedrohung demokratischer Rechte von Frauen, wie klar wurde, als ein Sturm der Denunziation gegen Deneuve losbrach, weil sie die Erklärung der 100 Frauen unterzeichnet hatte, die #MeToo kritisierten und sich für die „Freiheit des Anmachens“ einschließlich sexueller Avancen einsetzten.

Einige der Frauen, die diese Erklärung unterzeichnet haben, sehen sich bereits der Zensur ihrer Arbeiten ausgesetzt: Ein pro-#MeToo-Kollektiv hat die Vorführung und Diskussion des Films L’Astragale von Brigitte Sy, die auch die Anti-#MeToo-Erklärung unterzeichnet hatte, verhindert.

Lagarde ignorierte schlichtweg all diese Probleme und verurteilte die Erklärung von Deneuve rundheraus: Sie sei „schrecklich plump“. Dann versuchte sie noch ihre Unterstützung für #MeToo als Verteidigung afrikanischer Frauen auszugeben.

Um die Bedeutung von #MeToo zu erklären, sagte Lagarde gegenüber Le Monde: „Die Bewegung wurde von Schauspielerinnen gestartet, schönen Frauen, die den Mut hatten den Mund aufzumachen, und das fand aufgrund ihrer Bekanntheit ein beachtliches weltweites Echo. Das ist sehr wichtig, wo doch bekanntlich 80 Prozent der neuen Aids Fälle in Afrika junge Frauen zwischen 13 und 14 Jahren betreffen, die oftmals erzwungene sexuelle Beziehungen eingehen.

Es ist ein Hohn, den Kampf gegen die Verbreitung von Aids in Afrika als ein Hauptanliegen des IWF, der französischen Rechten und von #MeToo auszugeben. Der IWF verordnet regelmäßig Sparprogramme für afrikanische Länder, die von ethnischen Spannungen zerrissen werden, welche vom französischen Imperialismus und anderen imperialistischen Mächten seit der Kolonialzeit dort bewusst heraufbeschworen werden. Der IWF ist alles andere als unschuldig an den Bürgerkriegen, die den Kontinent verwüstet und die Bedingungen geschaffen haben, unter denen viele junge Frauen tragischerweise mit Aids infiziert werden.

Der Kampf zur Verteidigung von Frauenrechten auf der ganzen Welt erfordert eine sozialistische Opposition gegen den Imperialismus, Krieg und die Banken, und nicht das Diktat der Finanzaristokraten, welche hinter #MeToo stehen.

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