Öffentlicher Aufschrei zwingt Manchester Kunstgalerie zur Wiederausstellung eines zensierten Gemäldes

Von Dennis Moore
22. Februar 2018

Der unverhohlene Akt der Zensur, mit dem die Kunstgalerie von Manchester (Manchester Art Gallery) Ende Januar „Hylas und die Nymphen“ (1896) von William Waterhouse aus ihrer Ausstellung entfernte, löste einen solchen öffentlichen Aufschrei aus, dass sich die Galerieleitung gezwungen sah, das Gemälde nach sieben Tagen wieder auszustellen.

Der junge Hylas, der gut aussehende Begleiter von Herakles (des römischen Herkules), wird in diesem Gemälde in einer Szene aus der griechischen Mythologie dargestellt, wie er von bezaubernden nackten Nymphen aus einem ruhendem Gewässer angeschaut und umringt wird. In der Erzählung heißt es, Hylas, der an der Quelle Wasser holen wollte, sei von den Nymphen hineingezogen und nie mehr gesehen worden.

John William Waterhouse, Hylas und die Nymphen, 1896

Das sehr bekannte Gemälde schuf Waterhouse (1849-1917) im Alter von 47 Jahren. Er wurde von den Präraffaeliten, einer Kunstrichtung von Malern, Dichtern und Kunstkritikern beeinflusst, die 1848 von William Holman Hunt, John Everett Millais und Dante Gabriel Rossetti gegründet worden war.

Das Museum besitzt zahlreiche Gemälde, die von dieser einflussreichen Kunstrichtung geprägt sind, wobei mehrere in der berühmten Viktorianischen Sammlung zu sehen sind. „Hylas und die Nymphen“, über die Jahre von Millionen Menschen gesehen und bewundert, wurde von der Galerie im Jahr seiner Fertigstellung gekauft.

Die Gemälde von Waterhouse finden beim Publikum viel Anklang, sein dauerhaft in der Tate Britain zu sehendes „The Lady of Shalott“ (1888) wird weithin geschätzt.

„Hylas und die Nymphen“ war unter Künstlern ein beliebtes Thema. Die bedeutende spätviktorianische Künstlerin Henrietta Rae bezog ihr Gemälde von 1909 – „Hylas und die Wassernymphen“ – auf dieselbe Sage und dieselben Motive.

Henrietta Rae, Hylas und die Wassernymphen, 1909

Die Verantwortlichen des Museums hängten das Gemälde unter dem Vorwand ab, dass seine Entfernung Teil eines laufenden Projekts mit der zeitgenössischen Künstlerin Sonia Boyce sei, das zu ihrer Eine-Frau-Schau im März hinleiten solle. Die Website der Galerie versicherte, dass der Vorgang als die „Übernahme einiger der öffentlichen Bereiche der Galerie“ durch Boyce konzipiert wurde, „um unterschiedliche Bedeutungen und Interpretationen der Gemälde aus der Galerie in den Blick zu nehmen und zum Leben zu erwecken“. Dies beinhalte eine „Serie von Darbietungen, alle von Boyces Team gefilmt, mit denen Fragen von Rasse, Geschlecht und Sexualität aufgeworfen werden, was in einer wohl überlegten Entfernung des Waterhouse Gemäldes gipfelt“.

Das nennt man dann wohl akademische Doppelzüngigkeit und Schadensbegrenzung.

Auch Postkarten des Waterhouse-Gemäldes wurden aus dem Verkaufsbereich entfernt – alles, um angeblich den „männlichen Blick“ in Frage zu stellen. An der Stelle des Gemäldes befand sich ein Stück leere Wand, was laut den Verantwortlichen „zu Gesprächen darüber anregen“ sollte, „wie wir Kunstwerke ausstellen und interpretieren“.

Dabei handelte es sich zu keinem Zeitpunkt um ein „Gespräch“; es war ein Akt der Zensur und wurde als solcher von Hunderten besorgter Besucher aufgefasst, die Kommentare auf Post-it-Zetteln hinterließen. Auch auf der Website der Galerie gingen fast 1.000 Kommentare ein.

Besucher der Galerie vor dem Gemälde, nachdem es wieder aufgehängt worden war

Auf vielen der Post-it-Notizen wurde die Aktion der Galerie verurteilt. Der generelle Tenor kann an solchen Kommentaren abgelesen werden wie „Hände weg von unserem Gemälde“, „Das ist Zensur“, „Nein zur Zensur – was ist Kunst ohne Freiheit?“, „Zensur ist die scharfe Kante der Keule der Diktatur“, „1984“, „Froh, das schöne Gemälde wieder hängen zu sehen – war etwas besorgt, dass evtl. Bücher als Nächstes dran sind“, „Feministinnen im Wahnrausch – ich schäme mich Feministin zu sein“ und „Die Galerie gehört dem Volk, nicht den Direktoren“. Am folgenden Wochenende, mehr als eine Woche, nachdem das Gemälde wieder angebracht worden war; umhängten Galeriebesucher es immer noch mit Post-it-Notizen.

Ein Besucher nimmt mit einem Notizzettel Stellung

Phillip Dantes, Schriftsteller und Poet, sandte ein Tweet an die Manchester Art Gallery und Boyce, hängte Raes Gemälde an und schrieb: „Das ist dieselbe Szene aus derselben Zeit, von einer Frau, von Henrietta R. Rae, gemalt, die sich laut Christies hauptsächlich als Malerin klassischer Themen mit einer starken Betonung des weiblichen Akts verstand.“ Und dann: „Vielleicht finden Künstler eine Inspiration durch die Schönheit, Sinnlichkeit und die Form des Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht.“

Der Künstler Michael Browne aus der Region Manchester meinte: „Ich mag das Ersetzen und Entfernen von Kunst nicht, und auch nicht, dass man mir vorschreibt, was richtig oder falsch ist.“

Liz Prettejohn, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität York, die 2009 als Kuratorin eine Waterhouse Retrospektive an der Royal Academy in London betreut hatte, sagte der BBC: „Dies ist ein Gemälde, das die Leute lieben, und es ist ausgesprochen lächerlich zu behaupten, dass irgendwie eine Debatte ausgelöst wird, wenn die Öffentlichkeit es nicht mehr zu sehen bekommt.“

„Hylas und die Nymphen“ hängt normalerweise in einem Raum mit der Bezeichnung „Auf der Suche nach Schönheit“. Bei der Entfernung des Gemäldes erklärte die Kuratorin Clare Gannaway, dass dies ein schlechtes Motto sei: „Ich persönlich schäme mich, dass wir uns nicht früher damit beschäftigt haben … Wir haben gemeinsam vergessen uns diese Ausstellungsfläche anzusehen und angemessen darüber nachzudenken.“

Sie sagte dem Guardian, dass die Kampagnen #MeToo und Time’s Up den Ausschlag für die Entscheidung gegeben hätten, den Waterhouse abzuhängen. So spricht und handelt eine Zensurbehörde, aber nicht eine verantwortungsvolle Kuratorin. #MeToo hat dazu gedient elementare demokratische Rechte anzugreifen. Das Recht auf ein ordentliches Verfahren und die Unschuldsvermutung werden ausgehebelt.

Die Herausgeber des Guardian haben entscheidend daran mitgewirkt, das Abhängen des Gemäldes zu empfehlen oder zu rechtfertigen, indem sie den Befürwortern dieser Maßnahme breiten Raum einräumten.

In einem erbärmlichen Leitartikel mit dem Titel „Hylas und die Nymphen: keine Zensur“, veröffentlicht, nachdem das Gemälde wieder an seinem Ort hing, kommentierte der Guardian zynisch: „Weil ein Waterhouse eine Woche lang abgehängt wurde, muss man nicht gleich auf die Barrikaden gehen.“ Während eingeräumt wurde, dass in dem Gemälde „die Frauen die Raubtiere sind, nicht Hylas“, fuhr der Guardian fort, dass „das Gemälde zugleich den Betrachter eindeutig dazu einlädt, sich an den nackten Brüsten der Nymphen zu ergötzen, womit mehr als nur ein bisschen Angst vor der weiblichen Sexualität zum Ausdruck kommt“.

Wenn hier jemand Angst hat, dann nur solche Leitartikler.

Der Verweis auf den „männlichen Blick” ist eine unhistorische, moralisierende Herangehensweise an Kunstgeschichte, ganz im Sinne des akademischen Postmodernismus. Er hilft uns in keiner Weise, den gesellschaftlichen Kontext zu verstehen, in dem das Werk geschaffen wurde, und besagt nichts über seinen Wert. Kein Künstler kann aus seiner bzw. ihrer Haut heraus. Ein solches Vorgehen, wie es die Manchester Kunstgalerie an den Tag legte, ist ein irregeleiteter und reaktionärer Versuch, die Identitätslehre der heutigen Mittelschicht in die Geschichte zurück zu projizieren und diese Geschichte im Sinne der Ansichten heutiger Feministinnen und anderer „zu säubern“. Wenn das gelänge, hätte es fürchterliche Folgen.

Warum es bei Waterhouse belassen? Warum nicht jeden weiblichen (oder männlichen) Akt aus den Galerien und Museen entfernen? Viele davon lassen zweifellos „beunruhigende“ und „voyeuristische“ Tendenzen erkennen.

Bei dem Versuch, die Darstellung des menschlichen Körpers durch Künstler beiderlei Geschlechts in historischen oder heutigen Werken zu verbannen oder zu „regulieren“, kann nichts Gutes herauskommen. Die Vorstellung, dass solche wunderbaren Figurationen verwerflich sind, ob sie nun eine distanzierte ästhetische Wertschätzung ausdrücken oder sogar ein eindeutiges und lustvolles Verlangen gegenüber der dargestellten Form, ist ein Vergehen gegen die Kunstgeschichte und gegen die Menschheit selbst.

Die Anzahl der Kunstwerke, die auf dieser Grundlage von den neuen Puritanern denunziert oder abgehängt werden könnten, ist erschreckend. Selbst der Autor einer Kolumne des Guardian namens Jones, der die Entfernung des Gemäldes ablehnte, bemüßigte sich der philisterhaften Haltung eines Zensoren, indem er ignoranter Weise Waterhouse als „abartigen alten viktorianischen Perversen“ bezeichnete, der „sich das Recht nimmt, Nymphen als Softporno zu malen“.

Als das Gemälde wieder aufgehängt wurde, bezeichnete der Guardian es in einer Überschrift mit Bezug auf Jones ebenso als „Softporno“.

Auch die Kolumnistin Rhiannon Lucy Cosslett ließ sich in ihrem Beitrag über das Waterhouse-Gemälde weidlich darüber aus: „Nein, natürlich würde ich es nicht verbannen, genauso wenig wie den alten perversen Degas mit seinen vorpubertären Ballerinen. Aber ich würde es gerne als Teil einer Ausstellung sehen, in der gefragt wird, warum so viel der künstlerischen Energie in unserer Gesellschaft darauf verwendet wird, junge Mädchen zum sexuellen Objekt zu machen.“

Und diese prüde Dümmlichkeit spielt sich als der letzte Schrei der Ästhetik und Gesellschaftsbetrachtung auf. In Wirklichkeit hat diese Art der „Kontextualisierung“, bei der Identitätsverfechter entscheiden, was die Öffentlichkeit sehen darf oder nicht, mehr als nur ein bisschen Ähnlichkeit mit der Nazi-Kampagne gegen „degenerierte Kunst“.

Ende 2017 erschien eine Onlinepetition, mit der das Metropolitan Museum of Art in New York gedrängt wurde, das Gemälde des polnisch-französischen Künstlers Balthus „Die träumende Therese“ (1938) zu entfernen oder zu „kontextualisieren“. Veröffentlicht auf Betreiben eines Personalentwicklers aus einem Finanzinstitut beklagte die Petition, dass das Werk „ein junges Mädchen in einer sexuell anzüglichen Weise darstellt“. Es wurde zudem gefordert, das Museum solle das Werk zensieren, „indem das Stück entweder aus der besagten Galerie entfernt wird oder der Bildbeschreibung ein umfassender Kontext hinzugefügt wird“.

Das Metropolitan weigerte sich, das Gemälde abzuhängen, wertete den Vorfall jedoch auch als „Gelegenheit zu einem Gespräch“. Die nächste Stufe dieses „Gesprächs“ war der erfolgreichere Akt der Zensur – die Entfernung von „Hylas und die Nymphen“.

Die breite öffentliche Ablehnung der Zensur der Manchester Art Gallery und der ihr zu Grunde liegenden Identitätskampagne ist zu begrüßen. Es sollte keine Zugeständnisse an Reaktionäre in Politik und Gesellschaft geben, die sich als „Progressive“ hinstellen und doch nichts als Repression und Konformismus zu bieten haben.

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