Das Massaker von Parkland: Warum kommt es in den USA so häufig zu Amokläufen?

24. Februar 2018

Am 14. Februar tötete der 19-jährige Nikolas Cruz an der Stoneman Douglas High School in Parkland (Florida) siebzehn Menschen, darunter vierzehn Schüler.

Im April 1999 erschütterte das Massaker an dreizehn Schülern und Lehrern an der Columbine High School durch zwei Schüler, die danach Selbstmord begingen, das ganze Land. In den letzten zwanzig Jahren sind solche mörderischen Gewaltausbrüche fast schon Teil des Alltags geworden, die Zahl der Todesopfer bei vielen dieser Vorfälle überstiegen sogar diejenigen in Columbine. Der Amoklauf in Las Vegas im Jahr 2017 forderte 58 Menschenleben. Beim Anschlag auf den Nachtclub Pulse in Florida 2016 wurden 49 Menschen getötet. Bei dem Terroranschlag in San Bernardino 2015 wurden vierzehn Menschen getötet. Der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School forderte 28 Todesopfer. Bei dem Amoklauf in einem Kino in Aurora (Colorado) im gleichen Jahr wurden zwölf Menschen getötet. Die Schießerei in der Militärbasis Fort Hook 2009 forderte dreizehn Todesopfer.

Die Taten sind nicht nur tödlicher als der Amoklauf von 1999, sondern ereignen sich auch wesentlich häufiger. In den USA kommt es im Durchschnitt alle sechzehn Tage zu einer Bluttat mit mehr als vier Todesopfern, d.h. zehnmal häufiger als im gleichen Zeitraum zwischen 1982 und 2011. Damals lag die durchschnittliche Zeit zwischen solchen Massakern bei 200 Tagen.

Anders als bei früheren Amokläufen waren die üblichen heuchlerischen Appelle an „Einigkeit“ und „Gedenken“ diesmal begleitet von einem Aufflammen der Wut. Die Schüler übten scharfe Kritik an der Politik, u.a. auch an Präsident Trump, und tausende von Schülern aus dem ganzen Land nahmen an Demonstrationen teil.

Die Schüler verstehen, dass die Welle von Amokläufen Ausdruck einer tief verwurzelten Krankheit der amerikanischen Gesellschaft ist. Justin Gruber, der sich in einem Schrank versteckte, während Cruz seine Klassenkameraden niederschoss, erklärte am Mittwoch gegenüber ABC News: „Ich wurde in eine Welt geboren, in der ich nie Sicherheit und Frieden erlebt habe. Es muss sich deutlich etwas ändern in diesem Land.“

Anfangs konzentrierten sich die Demonstrationen auf Protest gegen Sturmgewehre, die bei vielen dieser Gewaltausbrüche benutzt wurden. Dass sich selbst Jugendliche mit schweren psychischen Störungen solche Waffen derart leicht beschaffen können, gilt als offensichtlicher Ausdruck der Irrationalität der amerikanischen Gesellschaft. Der Hass auf den faschistischen Schusswaffenverband National Rifle Association (NRA) und die Verachtung für Politiker, die von dieser reaktionären Organisation Geld annehmen, ist vollkommen berechtigt. Doch wenn der Protest nur auf die Frage von Schusswaffen beschränkt bleibt, wie es die Medien und die Demokraten fördern, besteht die Gefahr, dass die Schüler die tieferen Ursachen der Tragödie von Parkland aus den Augen verlieren.

Schreckliche Ereignisse wie der Amoklauf von Parkland schaffen es zwar in die Schlagzeilen, doch sie repräsentieren nur einen winzigen Bruchteil der extremen Gewalt innerhalb der amerikanischen Gesellschaft.

Seit dem Jahr 2000 gab es in den USA 270.000 Morde, 600.000 Todesfälle durch Überdosen von Drogen (in 200.000 Fällen handelte es sich um Opioide), 650.000 Selbstmorde (130.000 davon waren Kriegsveteranen) und 85.000 Todesfälle am Arbeitsplatz. Etwa 700.000 Menschen sind in dieser Zeit aufgrund mangelnder Gesundheitsversorgung gestorben. Von 2000 bis 2014 wurden 12.000 Menschen durch Polizisten getötet, und seit 1998 sind bis zu 27.000 Immigranten beim Versuch gestorben, die mexikanische Grenze zu überqueren. Die Regierung hat seit 2000 etwa 850 Gefangene hinrichten lassen. Mehr als 2,2 Millionen Menschen befinden sich derzeit in Gefängnissen, weitere 4,7 Millionen sind auf Bewährung oder Strafaussetzung frei.

Für das Phänomen der gesellschaftlichen Gewalt in Amerika gibt es zwei Faktoren. Der erste ist die extrem hohe soziale Ungleichheit.

Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und einem hohen Grad an sozialer Gewalt gibt. Laut dem Buch The Spirit Level: Why Greater Equality Makes Societies Stronger von 2009 gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Ungleichheit in einem Land und dem Ausmaß der sozialen Gewalt, die in diesem Land herrscht. Der britische Sozialepidemiologe Richard Wilkinson, einer der Verfasser von The Spirit Level, erklärte 2004 in einem Artikel: „Der Anstieg der Gewalt in Zusammenhang mit größerer Ungleichheit ist Teil eines allgemeinen Wandels in der Natur der sozialen Beziehungen.“

Wilkinson und Pickett demonstrieren in The Spirit Level, dass es in Ländern mit stärkerer Ungleichheit auch mehr Gewalt gibt.

Nach dem Anschlag von San Bernardino (Kalifornien) im Jahr 2015 schrieb der Direktor des Zentrums für Verhalten, Evolution und Kultur der Universität von Kalifornien in Los Angeles, Daniel M.T. Fessler, in der Los Angeles Times:

„Was genau macht dann die amerikanische Gesellschaft so gewalttätig? Studien zufolge ist die Einkommensungleichheit eine wesentliche treibende Kraft. Die amerikanische Gesellschaft ist nicht nur eine der gewalttätigsten unter den Industrienationen, sondern auch eine der ungleichsten. Das Vermögen ist in einigen wenigen Händen konzentriert.“

In Gesellschaften mit hoher Ungleichheit wie den USA treiben erdrückende Ausbeutung, ungerechte Behandlung durch profitgierige Arbeitgeber, fehlender Zugang zu Sozialprogrammen, erhöhte Konkurrenz und extreme wirtschaftliche Belastung Millionen Menschen an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit.

Anzahl der Todesopfer durch Amokläufe an Schulen in den USA im Vergleich zum Anwachsen der sozialen Ungleichheit

Ein zweiter Faktor sind zweifellos die Auswirkungen der endlosen Kriege, die die USA auf der ganzen Welt führen, auf die amerikanische Gesellschaft. Der „Krieg gegen den Terror“, der nun schon seit achtzehn Jahren andauert, dominiert nicht nur das politische Leben der USA, sondern auch ihre gesellschaftliche Kultur.

Ein heute 17-jähriger Schüler hat in seinem Leben nie eine Zeit erlebt, in der sich die USA nicht im Krieg befunden haben. Unter dem Deckmantel des „Kriegs gegen den Terror“ hat die Regierung die Polizei im Rahmen der Entwicklung einer „totalen Armee“ mit militärischem Gerät ausgerüstet. Sie hat ihre Kriegsziele ausgeweitet, indem sie ununterbrochen extremen Nationalismus, Gewalt, Paranoia, Fremdenfeindlichkeit, Angst, Misstrauen und Entfremdung geschürt hat.Number of US school shooting victims per year compared to the growth of social inequality

Am schlimmsten ist jedoch, dass die Streitkräfte der USA im Irak, Afghanistan, Libyen, dem Jemen, Syrien, Somalia und Pakistan hunderttausende Menschen getötet haben.

Die Behauptung, der ständige Krieg und die Massenüberwachung hätte keine Auswirkungen auf die soziale Psychologie des Landes gehabt, ist unhaltbar. Der 19-jährige Cruz trug Berichten zufolge das T-Shirt des örtlichen Offiziersanwärter-Ausbildungskorps (ROTC), dem er angehörte, als er ein Magazin nach dem anderen in die Körper seiner ehemaligen Klassenkameraden und Lehrer abfeuerte.

Wie üblich wenn Teile der Bevölkerung versuchen, ihre sozialen Probleme zur Sprache zu bringen, versucht das politische Establishment auch diesmal, die Forderungen der Bevölkerung zu manipulieren und die Proteste für reaktionäre Zwecke einzuspannen.

Ein Teil der herrschenden Klasse reagierte auf den Amoklauf mit der Forderung nach zusätzlichen Schusswaffen in Schulen. Am Mittwoch schlug Trump vor, Lehrer mit Waffen auszurüsten, damit sie potenzielle Amokläufer töten können. Der Polizeichef von Parkland kündigte an, dass alle Schulen mit Polizisten besetzt würden, die mit halbautomatischen Sturmgewehren vom Typ AR-15 bewaffnet sein werden. Die gleiche Waffe hatte auch Cruz benutzt.

Die Demokratische Partei hat versucht, die öffentliche Debatte auf das Thema Waffenrecht zu lenken. Dabei nutzt sie die Ablehnung der Bevölkerung gegenüber Gruppen wie der NRA aus, die von der nahezu uneingeschränkten Verbreitung von Kriegswaffen profitieren. Ein Gesetz zur Einschränkung der Verfügbarkeit von Sturmgewehren könnte zwar die Zahl der Todesopfer bei Amokläufen verringern, aber es würde nichts an den tieferen Ursachen für soziale Gewalt ändern. Die Täter würden dann andere und möglicherweise noch tödlichere Mittel finden, Mitmenschen zu ermorden.

Die Ursache dieser Gewalt liegt im kapitalistischen Gesellschaftssystem, das auf der ständig verschärften Ausbeutung durch die Konzerne, auf Ungleichheit und Krieg basiert. Diese grausame Realität wird erst enden, wenn der Kapitalismus abgeschafft und durch den Sozialismus ersetzt wurde.

Die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) erklären, dass jegliche Proteste, die sich an die Demokratische und die Republikanische Partei richten, auf taube Ohren fallen werden. Schüler, Studenten und Jugendliche müssen sich der Arbeiterklasse zuwenden, der großen fortschrittlichen und revolutionären Kraft in der Gesellschaft.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen