Skoda-Arbeiter in Tschechien bereiten Streik vor

Von Ulrich Rippert
27. Februar 2018

Ende vergangener Woche berichtete das Online-Magazin automobil-produktion.de über Streikvorbereitungen in den drei großen tschechischen Skoda-Werken Mlada Boleslav, Kvasiny und Vrchlabi. Das Hauptwerk Mlada Boleslav liegt unweit der Hauptstadt Prag. Skoda gehört zum VW-Konzern. Die Werke in Tschechien sind hochmodern und leisten einen wichtigen Beitrag zum Gewinn des Mutterkonzerns.

Skoda-Werk Mlada Boleslav (Bild Skoda)

Dem Bericht zufolge hat die gewerkschaftliche Verhandlungskommission ein Lohnangebot der Unternehmensleitung als Provokation zurückgewiesen und die tschechische Metallgewerkschaft Kovo dem Autobauer daraufhin mit einem „unbegrenzten Streik“ gedroht.

Die jüngsten Vorschläge der Arbeitgeberseite seien wie ein „Spucken ins Gesicht“, sagte Gewerkschaftsvertreter Jaroslav Povsik nach der vierten Verhandlungsrunde am Mittwoch vergangener Woche. Wenn der Unternehmensvorstand nicht ein deutlich besseres Angebot mache, sei ein großer Arbeitskampf unvermeidlich.

Die Gewerkschaft forderte zu Beginn der Verhandlungen 18 Prozent Lohnerhöhung und die Unternehmensleitung bot 14 Prozent an, allerdings bei einer Laufzeit von 27 Monaten, was aufs Jahr umgerechnet weniger als 6 Prozent bedeutet. Gleichzeitig verlangte die Unternehmensleitung eine sehr weitgehende Flexibilisierung des bestehenden Schichtenmodells mit dem Ziel, die Arbeitsproduktivität deutlich zu erhöhen.

Bereits jetzt ist die Arbeitshetze und der Druck auf die Beschäftigten sehr hoch. Im vorigen Jahr hatte Skoda die Rekordzahl von mehr als 1,2 Millionen Fahrzeugen ausgeliefert. Das war ein Plus von 6,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Skoda mit insgesamt fast 30.000 Beschäftigten stellt in Mlada Boleslav unter anderem das Modell Octavia her.

Volkswagen ist einer der größten Arbeitgeber und Exporteure in Tschechien. Innerhalb des VW-Konzerns wiederum gilt der Standort als einer der modernsten und produktivsten. Neben VW-Skoda produzieren auch Toyota, Peugeot-Citroën und Hyundai in Tschechien. Die Konzerne schätzen nicht nur die zentrale Lage mitten in Europa und die gute Infrastruktur, sondern auch die niedrigen Kosten, vor allem die niedrigen Löhne. Wegen seiner vielen Autowerke wird Tschechien oft als „Detroit des Ostens“ bezeichnet.

Im vergangen Jahr hatte die Metallgewerkschaft schon einmal mit Streik gedroht, aber im letzten Moment einem faulen Kompromiss zugestimmt. Auch jetzt versucht die Gewerkschaft einen Streik zu vermeiden. Aber der Widerstand in den Betrieben nimmt ständig zu und die Gewerkschaft befürchtet die Kontrolle zu verlieren.

Nach Angaben des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (European Trade Union Institute/ETUI) nimmt der Lohnunterschied zwischen West- und Osteuropa in den vergangenen Jahren wieder deutlich zu. Im Durchschnitt verdient ein tschechische Arbeiter nur ein Drittel dessen, was sein Kollege in Deutschland oder Österreich verdient.

Dazu kommt, dass die Teuerungsrate zunimmt. Im vergangen Jahr verdreifachte sich die offizielle Inflationsrate. Sie wird jetzt mit 2,4 Prozent angegeben.

Als im vergangen Frühjahr die Busfahrer der Regionalbusse in Tschechien streikten, wurde das ganze Ausmaß der Niedriglöhne bekannt. Viele Busfahrer werden gezwungen zum Mindestlohn zu arbeiten, der für die Branche knapp 98 Kronen (3,62 Euro) für eine Fahrstunde und 88 Kronen (3,25 Euro) für eine Wartestunde beträgt. Zwar kommen noch Zulagen von rund sechs Kronen (22 Euro-Cent) hinzu, doch angesichts von Lebensmittelpreisen, die von deutschen und französischen Konzernen bestimmt werden und sich vom westlichen Preisniveau nicht unterscheiden, ist das ein Hungerlohn. Viele Arbeiter müssen 60, 70 oder mehr Stunden in der Woche arbeiten und kommen trotzdem nicht über die Runden.

Die Streikvorbereitungen bei Skoda sind Teil einer wachsenden Radikalisierung von Arbeitern in Osteuropa, die nicht länger bereit sind, die extremen Ausbeutungsbedingungen zu akzeptieren, die in den vergangen zwei Jahrzehnten von deutschen Konzernen in enger Zusammenarbeit mit der EU durchgesetzt wurden.

In der Slowakei streikten im vergangen Frühsommer mehr als 8.000 Arbeiter im VW-Werk Bratislava und setzten schließlich eine Lohnerhöhung von über 14 Prozent durch. Im August protestierte die Belegschaft des VW-Werks im portugiesischen Palmela gegen die geplante Einführung von Samstagsarbeit mit einem 24-stündigen Streik. Laut Gewerkschaft beteiligte sich ein Großteil der rund 3500 Arbeiter am ersten Streik seit der Werksgründung 1991.

In Polen gründeten bei VW in Poznań Beschäftigte im selben Monat eine Betriebsgruppe der Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza (Arbeiterinitiative) in Opposition zur konzernnahen Solidarność. VW hatte drei Arbeiter entlassen, weil sich diese auf Facebook über die miserablen Arbeitsbedingungen ausgetauscht und dort bereits die Gründung einer alternativen Gewerkschaftsgruppe angekündigt hatten. Laut Labournet hat die Gruppe in Poznań trotz Repressionen mittlerweile 300 Mitglieder und Zulauf von jüngeren Beschäftigten und Zeitarbeitern, die rund ein Drittel der landesweit rund 10.000 VW-Beschäftigten ausmachen.

Ende Dezember begannen dann etwa 1000 Ford-Arbeiter in Craiova im Südosten Rumäniens einen spontanen Streik, nachdem die Gewerkschaft Sindicatul Ford Automobile Craiova einen Deal mit dem Autokonzern unterschrieben hatte, der massive Verschlechterungen für die Arbeiter beinhaltete. Mit der von der Gewerkschaft unterschriebene Vereinbarung sollten die Gehälter der langjährig Beschäftigten eingefroren und die Löhne der neu eingestellten Arbeiter auf einen Betrag abgesenkt werden, der noch unter dem Mindestlohn liegt.

Damals fand der Autoarbeiter-Newsletterder WSWS großes Interesse unter den Streikenden. Darin hieß es: „Wenn die transnationalen Unternehmen in ihrem Krieg gegen die Arbeiterklasse eine internationale Strategie verfolgen, dann müssen die Arbeiter ebenfalls eine internationale Strategie für den Klassenkampf entwickeln, um ihre Interessen zu verteidigen. Solange sie von ihren Kolleginnen und Kollegen überall auf der Welt isoliert sind, bleiben die Arbeiter in Craiova Schachfiguren in den Händen der multinationalen Konzerne und ihrer Verbündeten. Dabei sind die Arbeiter in Rumänien mit den gleichen Problemen konfrontiert wie ihre internationalen Kollegen. Gemeinsam mit ihnen haben sie eine enorme gesellschaftliche Macht, denn die Profite der Konzerne sind das Ergebnis der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft.“

Angesichts der Streikvorbereitung bei Skoda in Tschechien sind diese Zeilen brandaktuell.

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