Austrian Airlines: Flugausfälle wegen geplanter Betriebsversammlung

Von Marianne Arens
8. März 2018

Wegen zwei angekündigter Betriebsversammlungen fielen bei Austrian Airlines am Dienstag und Mittwoch 140 Flüge aus. 10.000 Kunden wurden auf andere Flüge umgebucht. Da jedoch der Betriebsratschef erkrankte, wurden die zwei Versammlungen auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die Stimmung beim Bordpersonal der Lufthansa-Tochter Austrian Airlines (AUA) mit Sitz in Wien ist offenbar auf dem Nullpunkt. Die österreichische Dienstleistungsgewerkschaft vida hatte zu den Versammlungen am 6. und 7. März aufgerufen, um Arbeitskampfmaßnahmen in Aussicht zu stellen.

Die Tarifverhandlungen (in Österreich: Kollektivvertragsverhandlungen) waren abgebrochen worden, nachdem die Fluggesellschaft dem fliegenden Personal, insgesamt rund 3.900 Mitarbeitern, das erbärmliche Angebot von 2,1 Prozent, sowie einer Einmalzahlung von 1,4 Prozent, angeboten hatte. Dies sei „schlicht und einfach ein Witz“, sagte Johannes Schwarcz von vida. Die Kabinen-Beschäftigten hätten seit 2012 „so gut wie keine Erhöhungen“ erhalten.

Betriebsratschef Rainer Stratberger hatte der Presse erklärt, dass die AUA-Mitarbeiter vor mehreren Jahren bereits „mit einem hohen dreistelligen Millionenbetrag“ zur Sanierung der Fluglinie beigetragen hätten.

Das ist noch untertrieben, denn in Wirklichkeit hat der Lufthansa-Konzern nach seiner Übernahme vor neun Jahren dafür gesorgt, dass die Gehälter bei Austrian Airlines empfindlich abgesenkt wurden. Im August 2015 wurde zudem Eurowings Europe GmbH als österreichische Lowcost-Airline mit Sitz in Wien gegründet, um eine Billig-Sparte im Konzern aufzubauen.

Laut einer Spiegel-Erhebung vom August 2015 liegen die Unterschiede bei den Gehältern für Piloten und Flugbegleiter der österreichischen Töchter erheblich unter denen ihrer Kollegen, die direkt bei Lufthansa beschäftigt sind. So liege das Einstiegsgehalt eines Austrian Airlines-Piloten um 12.000 Euro niedriger als das eines Lufthansa-Piloten. Bei Eurowings Europe sei der Unterschied sogar noch krasser: Das Einstiegsgehalt eines Eurowings-Piloten liege um über 20.000 Euro niedriger als bei Lufthansa.

Ein Co-Pilot bei Eurowings bekomme anfangs ein Grundgehalt von 44.000 Euro, bei Austrian Airlines seien es 53.000 Euro und bei Lufthansa 65.000 Euro. Nach zehn Jahren erhalte der Eurowings-Co-Pilot dann rund 58.000 Euro, bei AUA seien es 68.000 Euro und bei Lufthansa 105.000 Euro.

Bei den Flugkapitänen sind die Unterschiede offenbar noch ausgeprägter, und auch bei Aufstiegschancen und Zusatzleistungen gibt es ein krasses Missverhältnis. Zudem sind sicherheitswichtige Errungenschaften im Flugbetrieb, wie Urlaubstage, Frührenten und bezahlte Übergangszeiten, bei allen drei Fluglinien stark unter Druck.

Seit Jahren wird Lufthansa strategisch als großer deutscher Luftkonzern aufgebaut, um europaweit auch Konkurrenten wie Ryanair, Easy Jet und andere Billigflieger aus dem Feld zu schlagen. In dem Zusammenhang werden Löhne, Errungenschaften und Arbeitsplätze systematisch angegriffen.

Das jüngste Beispiel bei Austrian Airlines betrifft die AUA-Tochter Tyrolean Technik in Innsbruck. Dort wurde vor zwei Wochen bekannt, dass 80 von 110 Mitarbeitern abgebaut werden sollen. Die Flugzeug-Wartungsarbeiten sollen ins Ausland verlagert werden.

Die Angriffe auf die Belegschaften sind dem Lufthansa-Konzern nur möglich, weil er sich auf die enge und loyale Zusammenarbeit der Gewerkschaften verlassen kann.

Lufthansa kann sich auf Verdi, Ufo und die Vereinigung Cockpit (VC) stützen, wobei besonders die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi eine Schlüsselrolle spielt. So ist Christine Behle (Verdi) nicht nur für den Fachbereich Verkehr im Verdi-Vorstand zuständig, sondern sitzt gleichzeitig als stellvertretende Vorsitzende im Aufsichtsrat von Lufthansa. Als SPD-Mitglied unterhält sie zudem die besten Beziehungen zur SPD-Fraktion in der Regierung, insbesondere zu Brigitte Zypries, die seit 2013 im Wirtschaftsministerium für Luft- und Raumfahrt zuständig war und seit Januar letzten Jahres das Wirtschaftsministerium führt.

Es ist also Methode und kein Zufall, wenn die Belegschaften zersplittert und gegeneinander ausgespielt werden und wenn bei den verschiedenen Arbeitsverträgen ein völlig undurchsichtiges Tarifregelwerk mit krassen Unterschieden existiert. Die Folgen sind unsichere und immer schlechter bezahlte Arbeitsverhältnisse, bis hin zu Schließungen und Stellenstreichungen.

Dies hat zuletzt sehr krass der Fall von Air Berlin gezeigt. Als die Fluggesellschaft im letzten Herbst pleiteging, verloren 8000 Beschäftigte ihre Arbeit als Ergebnis eines abgekarteten Spiels zwischen der deutschen Bundesregierung, Lufthansa und Verdi. Während die Lufthansa die Slots und viele Flugzeuge der insolventen Fluglinie übernehmen konnte, und die Bundesregierung einen Überbrückungskredit zur Verfügung stellte, sorgte Verdi mit Unterstützung von Ufo und VC dafür, dass jeder Arbeitskampf der Beschäftigten isoliert und sabotiert wurde.

Die Air-Berlin-Beschäftigten, die zu Lufthansa wechseln wollten, mussten sich schließlich bei Eurowings bewerben und ganz unten neu anfangen – mit Einstiegsgehalt, Probezeit und ohne Kündigungsschutz. Obwohl sie dort dieselbe Arbeit wie bisher leisten, verdienen sie heute deutlich weniger. Etwa hundert Air-Berlin-Piloten haben mittlerweile auch bei RyanAir angeheuert, und wer kurz vor der Rente stand, der hatte überhaupt keine Chance außer Arbeitslosigkeit und Absturz in Hartz IV.

Bei Air Berlin haben Verdi, Ufo und VC effektiv dafür gesorgt, dass trotz großer Kampfbereitschaft der Belegschaft kein wirksamer Widerstand zustande kam. Mit ihren Manövern halten die Gewerkschaften der Lufthansa seit Jahren den Rücken frei und machen es möglich, dass Gehälter und Arbeitsbedingungen in der gesamten Luftfahrtindustrie immer weiter abgesenkt werden.

Die Unzufriedenheit steigt im gesamten europäischen Flugverkehr. Ein typischer Brief eines Piloten an den österreichischen Standard lautet: „Ich bin seit 6 Jahren bei einer Billigfluglinie beschäftigt, und ich kann nur sagen, dass die Gehälter seit meinem Einstieg um die Hälfte eingebrochen sind – mit Tendenz nach unten. Dazu kommen Sozialdumping, Werksverträge über Offshore-Firmen, keine Pensionsansprüche, zum Teil mangelnde Sozialversicherung und dazu Einsatzorte irgendwo in Europa, ohne jede Jobsicherheit.“

Lufthansa hat zuletzt seine Blicke auch begehrlich in Richtung Alitalia gerichtet. Die insolvente italienische Fluglinie hat von der EU nur noch eine Frist bis Ende April, bis der vom italienischen Staat finanzierte Übergangsbetrieb abläuft. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat schon mehrfach betont, dass Alitalia für eine LH-Übernahme in Frage käme – allerdings nur bei komplett umstrukturierten Arbeitsbedingungen.

Gleichzeitig bereiten sich die europäischen Luftkonzerne auf kommende Arbeitskämpfe vor. In Brüssel fand am 6. März ein Treffen der „Airlines 4 Europe“ statt, an dem mehrere Vorstände europäischer Fluglinien, darunter auch Carsten Spohr, teilnahmen.

Zweck des Treffens war offiziell, sich auf den kommenden Brexit vorzubereiten, doch auch hinsichtlich künftiger Streiks soll die Zusammenarbeit in Europa verbessert werden. Die Fluglinienchefs forderten, die EU müsse den Kosten künftiger Streiks durch den Abbau von Regulierungen entgegenwirken. Insbesondere solle die EU-Kommission den „oberen Luftraum“ öffnen, damit im Fall eines Fluglotsenstreiks nicht, wie bisher, der jeweilige nationale Luftraum gesperrt bleiben müsse.

Für den Konflikt bei Austrian Airlines wies Spohr jede Verantwortung von sich und erklärte, dies müsse der AUA-Vorstand lösen. Zu den stornierten Betriebsversammlungen in Wien soll er geäußert haben: „Nicht einmal streiken können sie.“ Damit hat er wohl unfreiwillig deutlich gemacht, dass auch die Manöver von vida durchaus Bestandteil der Lufthansa-Strategie sind.

Die österreichische Dienstleistungsgewerkschaft vida, die 2006 aus dem Zusammenschluss der Eisenbahnergewerkschaft mit mehreren weiteren Gewerkschaften entstanden ist, unterscheidet sich nicht von Verdi und den deutschen Gewerkschaften, sondern arbeitet genau wie diese eng mit Konzernen und Regierung zusammen.

Dabei gibt es schon spontane Äußerungen von Solidarität unter den Belegschaften, auch über die Grenzen von Firmen und Ländern hinweg. Als die Flugbegleiter und Piloten von Air Berlin durch die Pleite gezwungen waren, sich bei Eurowings zu bewerben, warnte ein Offener Brief von Eurowings-Beschäftigten auf Austrian Aviation Net die Berliner Kollegen vor den Arbeitsbedingungen bei der Lufthansa-Tochter Eurowings.

Dies zeigt, dass das Potential für eine neue Strategie und den Aufbau einer neuen Führung vorhanden ist. Eine solche ist auch dringend notwendig, um die Spaltung zu überwinden, die Interessen aller Beschäftigten gemeinsam zu vertreten und den Angriffen der Konzerne wirksam entgegenzutreten. Wie die World Socialist Web Site wiederholt betont hat, erfordert die Verteidigung von Löhnen, Errungenschaften und sozialen Rechten den Bruch mit den national basierten Gewerkschaften und den Zusammenschluss der Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen Programms.

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