„Zentralflughafen THF“ – Endstation Flucht

Von Verena Nees
15. März 2018

Ihn habe „der Kontrast zwischen der massiven militärischen Architektur des Dritten Reichs und den schäbigen Zelten für die ankommenden Flüchtlinge“ getrieben, diesen Film zu drehen, sagt Karim Aïnouz, der brasilianisch-algerische Regisseur von „Zentralflughafen THF“. Auf der Berlinale erhielt sein beeindruckender Dokumentarstreifen über die Massenunterkunft am ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof den Amnesty International Filmpreis.

Der in Berlin ansässige Regisseur, ursprünglich Architekt und vom Berliner Senat eigentlich mit einem Film über den geplanten Flughafen BER beauftragt, begann über den Flughafen Tempelhof zu drehen, nachdem eine Eröffnung des BER-Hauptstadtflughafens nicht abzusehen war und der Flugbetrieb in Tegel fortgesetzt wurde. Im Herbst 2015, als er die Dreharbeiten vorbereitete, strömten Zehntausende Menschen aus Syrien und anderen Kriegsgebieten des Nahen Ostens nach Deutschland und Berlin.

Wie Schachteln, in denen Menschen aufbewahrt werden, muten die Wohnkabinen an

Im Oktober 2015 ließ der Berliner CDU/SPD-Senat die alten Hangars des 2008 stillgelegten Tempelhofer Flughafens zur Notunterkunft umfunktionieren, in der teilweise zweitausend Menschen unter unwürdigen Bedingungen hausten. Zuerst wurden sie in Zelte gepfercht, danach in kleine Messekabinen, wie Schachteln aneinander gereiht, oben offen, mit Vorhängen statt Türen. Oder wie Bienenwaben, die ein Bienenzüchter auf dem Tempelhofer Feld dreht und wendet. „Ein Massenlager mitten in der Stadt“, sagt Regisseur Aïnouz, das habe es bisher nicht gegeben.

Zur Nazizeit habe Hitler hier einen monumentalen Flughafen geplant, der seinem Weltmachtgelüste entsprach, erzählt zu Beginn des Films eine Touristenführerin einer Besuchergruppe. Auf dem Gelände stand das erste offizielle Konzentrationslager Berlins. Im Zweiten Weltkrieg schufteten hier Zwangsarbeiter für die Rüstung. Ihre Baracken ähnelten den Containerreihen, die seit vergangenem Jahr vor den Flugzeughallen entstanden sind und in die nun Flüchtlinge eingewiesen werden. Nach dem Krieg versorgten amerikanische Flugzeuge die Westberliner mit Care-Paketen.

Sichtlich erschüttert fängt Aïnouz mit seinem Kamerateam die miserablen Bedingungen für die Tausenden ein, die nun nach ihrer Flucht aus Krieg und Tod in den Tempelhofer Hallen gestrandet sind. Sie sind ständigem Lärm und kaltem Neonlicht ausgesetzt, abends erbarmungslosem Dunkel, wenn die Abschaltmechanik der Lampen laut klackend in Gang gesetzt wird. Aus der schwarzen Tiefe klingen wie aus der Ferne Kinderstimmen.

Szenenwechsel am Morgen: ein in helles Licht getauchtes Tempelhofer Feld vor den Hangars, seit der Flughafenstilllegung als Parkgelände genutzt. Vor den Augen der Geflüchteten gehen Tausende Berliner wie in normalen Friedenszeiten ihrer Freizeit nach, lassen Drachen steigen, joggen, grillen.

Der schmerzende Kontrast begleitet den Film bis zum Ende. Hauptprotagonist ist der junge Ibrahim aus einem syrischen Dorf. Der zweite Protagonist Qutaiba kommt aus dem Irak, ist schon ein erfahrener Arzt, wird aber im medizinischen Zelt des Hangars hauptsächlich als Übersetzer bei Untersuchungen von Neuankömmlingen eingesetzt. Das Filmteam begleitet ihr Leben ein Jahr lang, Monat für Monat.

Ibrahim hofft auf eine neue Lebensperspektive, will studieren. Aber sein Dorf und seine Familie gehen ihm nicht aus dem Sinn. Als er im Flughafen ankommt und eine historische Maschine aus der Zeit der amerikanischen Luftbrücke sieht, ist er geschockt. Er hat Angst, dass man ihn mit dem nächsten Flugzeug wieder nach Syrien zurückschicken will. Dann beginnt eine Zeit des Wartens – er wird 17 Jahre alt, als er ankommt, und als er 18 Jahre alt wird, ist er immer noch da, holt sich sein Fertigessen und sitzt allein auf einer Bank.

Ibrahim ist ein gewöhnlicher junger Mann wie Millionen auf der Welt, mit Sehnsüchten und Hoffnungen. Er ist mit seinen Kumpels zusammen, dreht Zigaretten, redet Belangloses und schießt Handy-Fotos vom Feuerwerk an Silvester, das ihn an den Krieg in Syrien erinnert.

Am Ende hat Ibrahim Glück und erhält eine dreieinhalb-jährige Aufenthaltserlaubnis, um zu studieren. Arzt Qutaiba erhält von den Asylbehörden jedoch keine Antwort und wartet weiter. „Wie Passagiere“, sagt Karim Ainouz, die auf einem Flughafen gestrandet sind und nicht mehr weiterkommen. Endstation Flucht!

Immer wieder hilft Qutaiba traumatisierten Leidensgenossen, die Schreckliches erlebt haben. Manches habe er aus seinem Film herausgeschnitten, sagt Regisseur Ainouz, aus Rücksicht auf die Gefühle der Flüchtlinge. Während eines Drehs habe es einmal laute Schreie in der Halle gegeben – ein Flüchtling hat über Whatsup erfahren, dass seine Schwester bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen ist.

Flüchtlingshelfer, Dolmetscher, Ärzte, Nachbarn bemühen sich inzwischen, das Leben für die Hangar-Bewohner erträglicher zu machen, organisieren Deutschkurse und sogar ein Weihnachtsfest mit zwei Weihnachtsmännern und Musik, die schnell von deutschen Weihnachtsliedern zu arabischen Rhythmen umschlägt. Ihre Bemühungen muten hilflos an angesichts eine kalten Asylbürokratie, die die Menschen wie Nummern behandelt.

Die Regie kommt mit wenig Worten aus, umso aussagekräftiger ist die Kameraführung. Sie zeigt die Weihnachtsfeier aus der Perspektive des oberen Endes einer Fabriktreppe am anderen Ende der Halle. Sie wirkt fast lächerlich und traurig angesichts der riesigen, hohen Hangarwände. Dann der Schnitt – Ibrahim und seine jugendlichen Flüchtlingsfreunde treffen sich vor dem Hangar und machen sich lustig. „Das soll eine Party sein“, sagt einer. „Das ist höchstens was für Kinder“.

Einmal sagt ein Freund zu Ibrahim: „Egal wohin sie mich noch schicken. Ich werde immer wieder nach Tempelhof kommen. Hier kenne ich mich wenigstens aus.“ Am Ende ist auch Ibrahim wieder zum Flughafengelände gekommen. Er sitzt auf einer Bank vor den Hangars und beobachtet stumm das fröhliche Treiben auf dem Feld. Die Kamera folgt von hinten der langsamen Bewegung seines Kopfs, nach links, nach rechts, nach links, nach rechts. Noch immer ist er von diesem Leben ausgeschlossen.

Der Film „Zentralflughafen THF“ hat den Anmesty-Preis verdient. Er zeigt auf sehr sensible Weise die Kälte und Perspektivlosigkeit, die Flüchtlinge in der deutschen Hauptstadt erleben. Auch wenn er die grausame Flüchtlingspolitik nicht in Worten anklagt, so sprechen doch die eindringlichen Bilder für sich und gehen dem Zuschauer lange nicht mehr aus dem Kopf.

Siehe auch:

Massenlager für Flüchtlinge mitten in Berlin (14. November 2015)

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