„Babylon Berlin“, eine aufwändige Fernsehserie über die 1920er Jahre

Von Sybille Fuchs
21. März 2018

„Zu Asche, zu Staub …“, Berlin 1929, ein Sündenbabel, eine zerrissene Gesellschaft, die sich zu Tode amüsiert, ein Tanz auf dem Vulkan vor dem Hintergrund sich zuspitzender Klassen- und Straßenkämpfe. Die Schrecken des Ersten Weltkriegs werden verdrängt, sind aber keineswegs vergessen, die kriegsversehrten Krüppel sind allenthalben sichtbar, die vom Krieg schwer traumatisierten „Zitterer“ versuchen ihr Gebrechen durch Opiate zu betäuben, mit denen Gangster ihre Geschäfte machen. Militärs und Industrielle arbeiten illegal am Erstarken der Reichswehr.

Babylon Berlin - im Vergnügungspalast Moka Efti

So präsentiert sich Berlin in der Fernsehserie „Babylon Berlin“, die seit Oktober letzten Jahres im Bezahlsender Sky zu sehen ist. Es handelt sich um die bislang wohl teuerste deutsche Fernsehproduktion.

Obwohl sie mit Geld der öffentlich rechtlichen ARD produziert wurde, wird sie dort erst im Spätherbst dieses Jahres zu sehen sein. Sie erhielt bereits den deutschen Fernsehpreis 2018 und wurde dabei gleich in mehreren Disziplinen ausgezeichnet. Seit dem letzten Jahr ist sie über Sky schon einem internationalem Publikum, darunter auch Zuschauern in den USA zugänglich. Für die Regie und das Drehbuch zeichnet ein Team bekannter Regisseure, Tom Tykwer, Achim von Borries, und Hendrik Handloegten, verantwortlich. Bisher existieren 16 Folgen, denen jedoch vermutlich weitere folgen werden.

Die Goldenen Zwanziger Jahre

Die Handlung spielt in Berlin am Ende der sogenannten Goldenen Jahre der Weimarer Republik. Es sind die wenigen Jahre einer gewissen Erholung der Wirtschaft, ermöglicht durch die Kredite des Dawes Plans und die Abmilderung der Zahlungsbedingungen für die Reparationen nach dem Versailler Vertrag. Aber der Börsencrash am Schwarzen Freitag wird nur wenige Monate später die Weltwirtschaftskrise auslösen.

„‘Babylon Berlin’ ist ein breit angelegter, facetten- und figurenreicher Polizeifilm in historischem Kontext, der auf verblüffende Weise die deutsche und europäische Gegenwart spiegelt.“ So definiert der Regisseur Tom Tykwer den Anspruch der Serie. Aber wird das aufwendige Spektakel dem gerecht?

Mit gewaltigem Aufwand wird versucht, in der Szenografie historische Authentizität zu erzeugen. Gedreht wurde an über 300 Orten. Das Rote Rathaus diente als „Rote Burg“, die Polizeizentrale. Ganze Berliner Straßenzüge oder Plätze wurden entweder im Studio nachgebaut oder dem damaligen Zustand entsprechend retuschiert. Unzählige Oldtimer fahren durch die Straßen, vorbei an Bettlern, Arbeitslosen und Passanten, die eilig ihren Geschäften nachgehen. Nicht nur die Hauptdarsteller tragen der damaligen Mode exakt nachempfundene Kostüme, sondern auch die vielen tausend Komparsen.

Die legendäre rauschhafte Atmosphäre der Goldenen 20er wird mit gewaltigem Aufwand an Kostümen und hervorragendem Soundtrack erzeugt. Die Musik, ein Mix aus Charleston, Jazz, Swing und Chansons im Stil der Zwanziger passt hervorragend zur Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung. Noch lange klingt einem das „Zu Asche zu Staub“ der Swetlana Sorokina alias Nikoros (Severija Janušsauskeitė) im Ohr.

All das zieht den Zuschauer hinein in den Strudel der Ereignisse. Aber war das die ganze Wahrheit im damaligen Berlin? Ein Verständnis, warum die Weimarer Republik scheitern musste, kann die Serie nicht wecken. Dazu bleibt sie zu sehr Klischees verhaftet. Die wirklichen Ursachen, weshalb kurze Zeit später die Nazis an die Macht kommen konnten, bleiben unscharf oder werden sogar falsch dargestellt. Auch die Bezüge zur Gegenwart bleiben daher recht oberflächlich.

Die Gesellschaft 1929 ist gespalten. Auf der einen Seite amüsieren sich Reiche und Neureiche, Boheme und Halbwelt in Nachtclubs, Bars, Cabarets und vornehmen Restaurants, Pornokinos und Bordellen. Auf der anderen Seite herrschen bittere Armut, Arbeitslosigkeit, Prostitution und die soziale Wut der Arbeiterklasse kocht. Politisch herrschen noch Sozialdemokraten und bürgerliche Parteien in einer Großen Koalition unter dem Reichskanzler Hermann Müller (SPD), aber die Nationalsozialisten stehen in den Startlöchern. Großindustrielle, Monarchisten und Reichswehroffiziere wollen Deutschland wieder zur imperialistischen Großmacht machen.

Im Zentrum der Serie, die sich sehr frei auf den historischen Kriminalroman „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher stützt, stehen der aus Köln nach Berlin versetzte Kriminalkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) und die junge Berlinerin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die versucht, sich aus einem verarmten proletarischen Milieu hochzuarbeiten und ihre Familie über Wasser zu halten: Tagsüber durch Sekretariatsarbeit im Polizeipräsidium und nachts als Gelegenheitsprostituierte in dem angesagten Vergnügungspalast Moka Efti, dessen Chef ein Armenier (MišelMatičević) ist, der die organisierte Krimimalität beherrscht. Zwischen Rath und ihr bahnt sich eine Beziehung an, die aber in den bisherigen Folgen vor allem auf Hindernisse stößt. Beide Darsteller sind in der Lage, die komplizierten Stadien dieser Beziehung, die sich hinter ihrer beruflichen Zusammenarbeit entwickelt, auf wunderbare Weise anzudeuten.

Raths Gegenspieler ist der Oberkommissar Bruno Wolter (hervorragend gespielt von Peter Kurth). Er ist Chef der Sittenpolizei und Verbindungsmann zur Schwarzen Reichswehr. In der Person Wolters vereinen sich der liebevolle Ehemann und Kinderfreund mit dem brutalen Scharfschützen und korrupten Sittenbullen, der auch zu eiskaltem Mord bereit ist, wenn es darum geht, seine Aktivitäten für die Wiederherstellung von Deutschlands Größe zu verstecken.

Außer Rath, Ritter, Wolter und zahlreichen anderen fiktiven Personen der spannend erzählten Handlung treten wie auch im Roman von Kutscher im Verlauf der Serie eine ganze Reihe historischer Figuren auf.: Darunter der seinerzeit berühmte Kriminalist und Leiter der Berliner Mordkommission Ernst Gennat ( Udo Samel), der Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß (Detlef Bierstedt), der Reichspräsident Paul von Hindenburg (hintergründig, jovial präsentiert von Günther Lamprecht), der deutsche Außenminister Gustav Stresemann (Werner Wölbern) und sein französischer Kollege Aristide Briand (Rolf Kanies), die sich in einer Aufführung der „Dreigroschenoper“ langweilen und gerade eben noch einem Attentat entgehen.

Anders als in der Buchvorlage taucht immer wieder ein Psychiater auf, der durch Suggestive Therapie (Hypnose) Traumatisierte wie Rath zu heilen versucht, indem er sie zurückführt zum Ursprung ihres Traumas, dem Krieg. Ein Kunstgriff, der mit der Vergangenheit zugleich die reale Gefahr ahnen lassen soll, die in der Zukunft lauert.

Historisches Unverständnis

Die Darstellung einer historischen Epoche anhand einer fiktiven Geschichte ist im Film wie in der Literatur ein legitimes Mittel. Auf dem Gebiet des historische Romans haben hier viele Autoren, von Victor Hugo bis Lion Feuchtwanger, Herausragendes geleistet. Damit die historische Epoche aber mehr bleibt als dekorative Kulisse, müssen nicht nur das Ambiente und die Kostüme stimmen, der Autor muss auch die Klassenbeziehungen und die Politik der Epoche durchdrungen haben. Hier liegt die größte Schwäche von „Babylon Berlin“.

Am deutlichsten zeigt dies die Schlüsselhandlung der Serie. Eine Gruppe angeblicher „Trotzkisten“ namens „Rote Festung“ schmuggelt einen Goldschatz aus der Sowjetunion, um den in der Türkei exilierten Trotzki zu unterstützen. Sie begeht terroristische Akte, druckt Aufrufe für die Vierte Internationale und wird von Angehörigen der sowjetischen Botschaft brutal durch Maschinengewehrfeuer niedergemäht.

Diese Räuberpistole geht vollständig an der historischen Realität vorbei. Und dies nicht nur, weil Trotzki über keinen Goldschatz verfügte, Trotzkisten individuelle Terrorakte grundsätzlich ablehnten und 1929 von einer Vierten Internationale überhaupt nicht die Rede sein konnte. Letztere wurde erst 1938 gegründet.

Trotzkis Anhänger in Berlin schmuggelten kein Gold. Sie warfen auch nicht, wie im Film, mit Messern auf Stalinbilder. Arbeiter wie Anton Grylewicz und Oskar Hippe kämpften unter schwierigsten persönlichen und politischen Bedingungen gegen die ultralinke Politik Stalins und seines Statthalters Ernst Thälmann, der zufolge die Sozialdemokraten Sozialfaschisten. also dasselbe wie die Nazis waren. Trotzki schrieb aus seinem Exil in der Türkei zahlreiche Artikel zur Lage in Deutschland. Er trat für eine Einheitsfront der Kommunisten mit den Sozialdemokraten gegen den Nationalsozialismus ein. Nichts davon taucht in „Babylon Berlin“ auf.

Trotzkis Schriften aus jener Zeit beantworten die Schlüsselfrage der Weimarer Republik: Wie war es möglich, dass Hitler und seine Nazi-Banden die Macht übernehmen konnten, ohne dass die beiden großen Arbeiterparteien, die SPD und die KPD, die über mehrere hunderttausend kampfbereite Mitglieder und Millionen Wähler verfügten, Widerstand leisteten?

Babylon Berlin - Blutmai 1929

„Babylon Berlin“ ignoriert die Arbeiterbewegung und die heftigen Konflikte zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten nicht. Eine Schlüsselepisode zeigt den Blutmai 1929, als die Berliner Polizei unter der Verantwortung des Polizeipräsidenten Karl Friedrich Zörgiebel (Thomas Thieme) und des preußischen Innenministers Carl Severing (beide SPD) ein Massaker an kommunistischen Arbeitern verübte. Über 30 Demonstranten und unbeteiligte Anwohner wurden getötet.

Die sozialdemokratische Führung verteidigte die bürgerliche Ordnung mit äußerster Brutalität – auch und gerade gegen Arbeiter. Doch bei der letzten Wahl hatte die SPD immer noch 9 Millionen Stimmen erhalten, fast drei Mal so viel wie die KPD. Die KPD verstand es nicht, die sozialdemokratischen Arbeiter von ihrer Führung zu lösen und auf ihre Seite zu ziehen. Der ultralinke Kurs, den die Kommunistische Internationale 1928 auf ihrem sechsten Kongress eingeschlagen hatte, trieb die sozialdemokratischen Arbeiter in die Arme ihrer Führung zurück.

Die KPD lehnte eine Einheitsfront gegen die faschistische Gefahr ab und machte in einigen Fällen sogar gemeinsame Sache mit den Nazis gegen die SPD. Das lähmte und demoralisierte die Arbeiterbewegung und erlaubte es Hitler, 1933 die Macht zu übernehmen, obwohl seine Partei in der Krise war und ihn Millionen Arbeiter hassten.

All das erscheint in der Serie nur bruchstückhaft, zusammenhangslos, ohne jedes Verständnis der politischen Fragen und Zusammenhänge.

Schwarze Reichswehr

Andere Entwicklungsstränge, wie die illegale Aufrüstung der Reichswehr, stellt „Babylon Berlin“ gelungener dar. Der Versailler Vertrag hatte Deutschland den Unterhalt von Luftstreitkräften untersagt und die Landstreitkräfte auf 100.000 Mann begrenzt. Dennoch arbeiteten Freikorps und hohe Militärs die gesamte Weimarer Republik hindurch daran, das Gebot zu umgehen. Da werden mit versteckten, überschüssigen Beständen an Waffen, Munition und Ausrüstungsgegenständen, die nach dem Krieg noch in erheblichem Umfang vorhanden waren, unterstützt von Großgrundbesitzern auf deren Gütern geheime Manöver abgehalten.

Die Reichswehrführung will Deutschland um jeden Preis massiv bewaffnen. Im Film wird deutlich, wie rechte Politiker, alte Seilschaften, reguläre Offiziere, ehemalige Freikorpsangehörige und Großindustrielle dafür sorgen, dass riesige Bestände an mordernsten Waffen und Giftgas gebunkert werden.

In Lipezk bei Moskau entsteht illegal eine neue deutsche Luftwaffe. All dies findet mehr oder weniger unter den Augen der politischen Führung statt. Auch die SPD, die Wahlen mit Parolen wie „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ gewonnen hatte, stimmte 1928 unter ihrem Reichskanzler Hermann Müller im Reichstag für die Bewilligung weiterer Mittel für den Bau von Panzerschiffen. Bei einer zweiten Abstimmung kurze Zeit später sprach sich die SPD-Fraktion für eine Beendigung des Projekts aus. Dieser Antrag erreichte jedoch keine Mehrheit.

In der Fernsehserie wird die illegale Luftwaffe durch einen Journalisten (Karl Markowics) aufgedeckt. Das erinnert an Carl von Ossietzky, der in der Zeitschrift Die Weltbühne am 4. März 1929 den Artikel „Windiges aus der deutschen Luftfahrt“ abdrucken ließ. Ihm wurde auf Betreiben der Reichswehr der Prozess gemacht und er wurde 1931 wegen Spionage zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung verhafteten die Nazis den Pazifisten erneut und bis zu seinem Tod 1938 kam er nicht mehr frei.

Diese Vorgänge und Machenschaften um die Aufrüstung der Reichswehr, die schließlich auch wesentlich zum Sieg der Nationalsozialisten beitrugen, werden in „Berlin Babylon“ recht eindrucksvoll geschildert. Weil aber unklar bleibt, warum die mächtige deutsche Arbeiterbewegung, nicht in der Lage war, die reaktionären Kräfte zu besiegen, und welche Alternative es gegeben hätte, haftet der ganzen Serie eine pessimistische Weltuntergangsstimmung an, aus der es keinen Ausweg gab.

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