Der Fall Geoffrey Rush: Ein Schlag gegen die undemokratische #MeToo-Kampagne

Von Richard Phillips und James Cogan
23. März 2018

Am Dienstag gab ein australisches Gericht dem Schauspieler Geoffrey Rush in seiner Verleumdungsklage gegen eine Zeitung aus Sydney recht, die ihm sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen hatte. Dieses Urteil ist sehr zu begrüßen. Es ist zudem ein Schlag gegen die internationale Hexenjagd unter dem Hashtag #MeToo.

Seitdem im letzten Oktober Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein erhoben wurden, ergießt sich eine Flut von Vorwürfen aus den sozialen Netzwerken und den offiziellen Medien gegen bekannte Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Wirtschaft.

Die #MeToo-Kampagne ist von Verachtung für die demokratischen Grundsätze der Unschuldsvermutung und des Rechts auf einen fairen Prozess geprägt. In zahlreichen Fällen basierten die Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens auf Mutmaßungen über Vorfälle, die Jahre zurück liegen, bei denen kein Straftatbestand vorlag oder die Ausführungen der Ankläger die einzigen „Beweise“ waren. Noch bevor die Vorfälle aufgeklärt wurden, war die Existenz der Beschuldigten in vielen Fällen bereits irreparabel beschädigt.

Die wenigen bekannten Persönlichkeiten, die wegen dieser Vorgänge Bedenken geäußert haben, darunter die Schauspieler Matt Damon und Catherine Deneuve und zuletzt Regisseur Terry Gilliam, wurden vom Hollywood-Establishment und von den Medien an den Pranger gestellt.

Insgesamt waren die gesellschaftlichen Auswirkungen von #MeToo grob schädlich. An vielen Arbeitsplätzen, Schulen und Universitäten greift eine giftige Atmosphäre der Spaltung und der Angst um sich.

Zu jenen, die ins Fadenkreuz der Kampagne gerieten, gehört auch der 66-jährige australische Theater- und Filmschauspieler Geoffrey Rush. Er ist bekannt für seine Rollen in Filmen wie Shine, Elizabeth, Shakespeare in Love, Fluch der Karibik und The King’s Speech, für die er zahlreiche Preise erhielt.

Letzten November veröffentlichte der Daily Telegraph in Sydney, der zum Imperium des ultrarechten Medienunternehmers Rupert Murdoch gehört, anonyme Vorwürfe, laut denen Rush im Januar 2016 während einer Aufführung von Shakespeares King Lear, die von der Sydney Theatre Company (STC) produziert wurde, eine der weiblichen Hauptdarstellerinnen „unangemessen berührt“ habe.

Unter der Überschrift „König Lüstern“ („King Leer“) deutete der Telegraph an, dass es sich bei Rush um einen Sexualstraftäter handele. Die Zeitung behauptete außerdem, dass Rushs Fehlverhalten als so schwerwiegend erachtet werde, dass die STC entschieden habe, „nie wieder“ mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Behauptungen des Telegraph wurden von Medien auf der ganzen Welt wiederholt.

Innerhalb weniger Tage wurde Rush dazu gedrängt, sein Amt als Präsident der Australian Academy of Cinema and Television Arts (AACTA) niederzulegen. Von der Eröffnung der Preisverleihung der AACTA wurde er kurzerhand ausgeschlossen.

Rush entschied sich am 8. Dezember dafür, die Besitzer des Daily Telegraph und der Nationwide News sowie den Autor der Artikel, Jonathon Moran, wegen Verleumdung zu verklagen. Diese Entscheidung ist ihm anzurechnen.

Die eigentliche Anhörung soll im August stattfinden. Allerdings hat Rushs Anwälteteam schon vorab die Löschung von drei Paragraphen aus der Verteidigungsschrift der Murdoch-Presse beantragt. Darin versucht die Zeitung, ihre Vorwürfe mit Berufung auf den Rechtsmaßstab des „qualified privilege“ zu rechtfertigen. Dieser legt fest, dass beispielsweise Journalisten für eine Falschdarstellung nicht belangt werden können, sofern sie selbst diese Darstellung für wahr halten und sie nicht in rufschädigender Absicht veröffentlicht haben. Im Klartext bedeutet die Berufung auf das „qualified privilege“ jedoch, dass die Zeitung daran festhält, die Vorwürfe seien im Wesentlichen wahr.

Richter Michael Wigney gab dem Antrag am Dienstag im australischen Bundesgericht statt. Seine Rechtsprechung ist in jeder Hinsicht ein vernichtendes Urteil über die Vorwürfe gegen Rush. Sie ist zudem implizit eine Kritik an der Vorgehensweise der #MeToo-Kampagne, die auf juristisch nicht geprüften Vorwürfen basiert, auf die dann ein Prozess, ein Schuldspruch und die Bestrafung in den Medien des Establishments folgen. Dieses Vorgehen, so behauptet #MeToo, werde von der „öffentlichen Meinung“ getragen.

Richter Wigney erklärte, dass die Passagen der Verteidigungsschrift, in der sich Nationwide News auf die „Wahrheit“ beruft, gänzlich gestrichen werden sollten. Diese seien „unzureichend“, „vage und ungenau“, „mehrdeutig“. Wigney ist weiterhin der Ansicht, die Verteidigung liefere keine glaubwürdigen Details über eine angebliche Berührung.

Wigneys Urteil umfasst 201 Absätze, in denen er detailliert auf das angebliche „unangemessene Verhalten“ einging. Rush soll in seiner Rolle als King Lear angeblich etwas mit der Schauspielerin, die die Königstochter Cordelia spielte, getan haben, während er sie als leblose Leiche über die Bühne trug.

Wigney stellt lediglich die Fragen, die eigentlich hätten gestellt und beantwortet werden sollen, bevor die ersten Verunglimpfungen gegen Rush geäußert wurden.

Er fragt: „Worin genau bestand das ,skandalös unangemessene Verhalten’ oder das ,unangemessene Verhalten’, dessen Mr. Rush beschuldigt wird? Was genau hat er getan, was diesen Beschreibungen entspricht? ... Worin genau unterscheidet sich die behauptete Berührung von dem Kontakt, den es während der Szene zwischen Rush und der Schauspielerin ansonsten notwendigerweise geben musste? In welcher Weise und warum hat sich die Schauspielerin wegen der behaupteten Berührung unwohl gefühlt? Handelte es sich um körperliches oder emotionales Unwohlsein?“

Wigney erklärte in seinem Urteil: „Die Probleme, die sich aus dem allgemeinen Charakter, den fehlenden Details und der Ungenauigkeit der Angaben ergeben, schließen gleichermaßen die Feststellung aus, dass die Angaben, selbst bei großzügigster Auslegung, dazu in der Lage wären, den Wahrheitsgehalt irgendeiner der anderen erhobenen Beschuldigungen zu beweisen, die Gegenstand der Verteidigung des Unternehmens Nationwide und Mr. Morans sind.“ (Hervorhebung hinzugefügt.)

Wigney bezeichnete im Weiteren den Antrag der Murdoch-Medien, das Gericht solle Dokumente der STC unter Strafandrohung einfordern, die dann – so die Hoffnung der Verteidigung – weitere Vorwürfe gegen Rush erhärten sollten, als „Angelausflug“ und als Missbrauch des Gerichts. Er erklärte, wenn die Zeitung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Beweise für „unangemessenes Verhalten“ gehabt habe, hätte sie „die Verleumdung nicht veröffentlichen sollen und kann nun nicht dafür plädieren, dass ihr Vorgehen gerechtfertigt sei.“

Nur in einem Punkt urteilte Wigney gegen Geoffrey Rush. Sein Anwälteteam hatte gefordert, dass Berichte über die Details des angeblich „unangemessenen Verhaltens“ unterdrückt werden sollen. Wigney erklärte jedoch, jeder „ausgewogene Bericht“ über den Fall sollte Rush zugute kommen, da es nach seinem Urteil keine stützenden Beweise für die Vorwürfe gibt.

Er erklärte: „In einer ausgewogenen Darstellung würde höchstwahrscheinlich auch darauf Bezug genommen werden müssen, dass einige Absätze in der Verteidigungsschrift gestrichen wurden, weil sie nach Ansicht des Gerichts nicht in der Lage sind, den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe, die es zu rechtfertigen gilt, zu stützen. Es ist kaum anzunehmen, dass eine solche Darstellung Mr. Rush in Verlegenheit bringen könnte.“ (Hervorhebung hinzugefügt.)

Das Vertrauen des Richters darauf, dass die #MeToo-Bewegung und die Medien auf die juristische Widerlegung von Beschuldigungen mit einer „ausgewogenen Darstellung“ reagieren, ist wohl zu optimistisch. In den desorientierten Kreisen, die von der Hexenjagd gegen sexuelles Fehlverhalten auf die Beine gebracht wurden, wird das Urteil höchstwahrscheinlich verteufelt werden.

Ein Fachanwalt für Verleumdungsklagen erklärte am Mittwoch gegenüber der Australian Financial Review: „Rushs Fall könnte durchaus dazu führen, dass Leute zweimal darüber nachdenken, ob sie jemandem im Rahmen der #MeToo-Bewegung sexuelles Fehlverhalten vorwerfen... es ist zumindest möglich, dass der Fall Rush einen abkühlenden Effekt auf die Bewegung in Australien haben wird.“

Mit anderen Worten: Mit dem Beharren darauf, dass Beweise für ein angebliches Verbrechen oder Fehlverhalten vorgelegt werden, bevor ein Individuum angeklagt oder gar schuldig gesprochen werden kann, bedroht das Urteil im Fall Rush die undemokratische #MeToo-Kampagne.

Dieser erste Sieg Geoffrey Rushs vor Gericht ist ein bedeutender Schlag gegen das ganze reaktionäre Treiben. Das Urteil bestätigt auch Rush selbst, der von denen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, als menschliche und kultivierte Person beschrieben wird.

Die soziale Tendenz innerhalb des Kleinbürgertums, die sich mit Unterstützung durch die Medien und das politische Establishment um die #MeToo-Kampagne gesammelt hat, hat einen autoritären und reaktionären Charakter. In den USA steht sie in Verbindung mit der Demokratischen Partei Leitmedien wie der New York Times. Sie wird dazu genutzt, die Bevölkerung zu spalten und die Aufmerksamkeit von der enormen sozialen Krise und der Kriegsgefahr abzulenken, mit denen die Arbeiterklasse konfrontiert ist.

Die Hexenjagd gegen sexuelles Fehlverhalten spricht in keiner Weise die Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse an – von Frauen wie Männern. Sie fördert ausschließlich die selbstsüchtigen Interessen einer privilegierten Schicht von Frauen aus der Oberschicht, die auf lukrativere Positionen und Möglichkeiten in Hollywood, in den Konzernen und im politischen Establishment gerichtet sind. Gleichzeitig wird die Kampagne zur Zerstörung grundlegender demokratischer und juristischer Rechte genutzt, die im Kampf gegen Tyrannei über Jahrhunderte errungen wurden.

Diese demokratischen Rechte müssen durch eine vereinte Bewegung der internationalen Arbeiterklasse gegen die #MeToo-Hysterie, die direkt der McCarthy-Ära entstammen könnte, verteidigt werden. Diese Aufgabe ist ein wesentlicher Bestandteil des Kampfs für soziale Gleichheit und Sozialismus.

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