Streiks bei Amazon in Spanien und Deutschland

Von Marianne Arens
30. März 2018

In den Tagen vor Ostern haben Amazon-Arbeiter an mehreren europäischen Standorten gestreikt. Sie kämpfen gegen Niedriglöhne, Ausbeutung und totale Überwachung. Sie sind Teil von weltweit rund 300.000 Arbeitern in etwa 400 Versandzentren, die dem reichsten Mann der Welt, Jeff Bezos, gehören.

„Ostern steht vor der Tür – wir auch!“ steht auf dem Transparent vor dem Eingang zum Amazon-Logistikzentrum in Graben bei Augsburg, wo am gestrigen Donnerstag rund 300 Amazon-Mitarbeiter die Arbeit niedergelegt haben. Schon am Vortag hatten 900 Mitarbeiter im Versandhaus in Rheinberg mehrere Schichten bestreikt.

In Bad Hersfeld beteiligten sich am Dienstag über 500 Arbeiter an einem spontan ausgerufenen Streik, als das Versandvolumen und damit auch der Arbeitsdruck kurz vor Ostern immer unerträglicher wurden. Der Streik wurde auf Mittwoch ausgeweitet. Als der Arbeitskampf drohte, den Betrieb zum Erliegen zu bringen, schickte die Werksleitung die Büro-Angestellten als Hilfsarbeiter in die Produktion.

Europaweit unterhält Amazon mittlerweile über 60 so genannte Fulfillment Centers in Deutschland, Polen, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien und der Slowakei. Gegen die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen kommt es immer öfter zu Streiks und Protesten.

In Spanien bestreikten die Amazon-Arbeiter am 21. und 22. März das Logistikzentrum San Fernando de Henares bei Madrid. Es war der allererste Streik in diesem Betrieb, und laut Angaben der Gewerkschaft CCOO beteiligten sich 98 Prozent der 2000-köpfigen Belegschaft. Neben 1100 fest eingestellten Arbeitern sind dort 900 Arbeiter über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt.

Die spanischen Amazon-Arbeiter wehren sich gegen Kürzungen der Zulagen für Nachtschicht und Überstunden, und sie fordern eine deutliche Lohnerhöhung. Ein Arbeitsvertrag zwischen der CCOO und der spanischen Amazon-Leitung ist bereits vor über einem Jahr abgelaufen. Ein erstes Lohn-Angebot wurde zurückgewiesen, da es nicht einmal die Inflationsrate ausgleichen würde.

An deutschen Standorten haben im März verschiedene Amazon-Belegschaften gestreikt.

Am 5. März traten in Werne mehrere hundert Amazon-Mitarbeiter nach dem Umzug in ein neues Logistikzentrum in einen spontanen Proteststreik. Aufgrund des mörderischen Zeitdrucks kam es dort zu „chaotischen Zuständen“ und Mängeln der Arbeitssicherheit, als die Beschäftigten trotz enger, vollgestellter Gänge und noch nicht fest montierter Regale normal arbeiten sollten.

Parallel zu dem Streik in Spanien legten am 21. März in Leipzig rund 400 Mitarbeiter der Nacht-, Früh-, Mittag- und Spätschicht die Arbeit nieder. Morgens zwischen sechs und sieben Uhr fand während des Schichtwechsels eine Kundgebung vor dem Tor statt, an der sich etwa 200 Arbeiter beteiligten.

Am darauf folgenden Tag, dem 22. März, streikten auch in Bad Hersfeld mehrere hundert Amazon-Beschäftigte. Und zuletzt waren jetzt kurz vor Ostern in Graben und Rheinberg, sowie in Bad Hersfeld Amazon-Arbeiter im Ausstand.

Immer wieder geht es um die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, welche Amazon auf der ganzen Welt den Arbeitern aufzwingt. In Polen sind solche Bedingungen vor kurzem in einem Arbeitsgerichtsprozess aktenkundig geworden.

Wie LabourNet berichtete, hatte ein Arbeiter aus Poznan gegen Amazon geklagt. Er war wegen seiner Teilnahme an einem Bummelstreik im Jahr 2015 entlassen worden. Als Grund für seine Kündigung wurden „Verlangsamung der Arbeit“ und „Nichterfüllung der Normen“ angegeben. Der Arbeiter ist einer von zahlreichen Kollegen, die damals entlassen wurden.

Im Prozess bestätigte ein Gerichtsgutachter, dass die Art und Weise, wie Amazon die Arbeit organisiert, die „physischen und psychischen Möglichkeiten des Menschen“ systematisch missachtet. Der Gutachter hatte die Verhältnisse im Versandlager Sady bei Poznan im November 2017 untersucht.

Wie er vor Gericht ausführte, dauern die Nachtschichten in Sady von 17:30 Uhr bis 4:00 Uhr morgens, also zehneinhalb Stunden. In dieser Zeit müssen im Eiltempo Waren aus den Regalen herausgesucht und zum Förderband geschafft werden. „Die ganze Zeit stehen oder gehen die Leute – am Tag legen sie ca. 20 km zurück. Und all das in hohem Tempo, denn jeder Arbeiter muss im Verlaufe einer Schicht 1000 Artikel packen.” Kritisiert wurde auch, dass es für fast 500 Arbeiter nur einen einzigen Stuhl zum Ausruhen gebe, und dass die wenigen Toiletten sehr weit von den Arbeitsplätzen entfernt lägen.

Solche und ähnliche Bedingungen herrschen in allen Versandlagern von Amazon vor. Deshalb müssen sich die Amazon-Arbeiter im Kampf gegen diesen Weltkonzern international zusammenschließen. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) und die World Socialist Web Site haben die Plattform International Amazon Workers Voice gegründet, damit sich Amazon-Arbeiter aller Länder untereinander vernetzen können.

Das IKVI und die WSWS kämpfen für die internationale Einheit aller Arbeiter und für ein sozialistisches Programm, das die Wirtschaft nach den Bedürfnissen der Menschen, und nicht nach den Profiten der Banken und Milliardäre organisiert.

Die Amazon-Arbeiter können eine ungeahnte Kampfkraft entwickeln, wenn sie sich auf der Grundlage eines solchen Programms weltweit zusammenschließen. Sie werden sich aber gegen die Dominanz der national basierten Gewerkschaften durchsetzen müssen, die die Streiks isolieren und die Arbeiter spalten, weil sie die kapitalistische Ordnung und nationale Interessen verteidigen.

An den deutschen Standorten werden die Streiks bisher im Rahmen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi organisiert. Verdi hat sich im Frühjahr 2013 eingeschaltet, als in Bad Hersfeld ein spontan ausgebrochener Streik die Kontrolle der DGB-Gewerkschaften in Frage stellte. Seither organisiert Verdi an verschiedenen Standorten immer wieder kurzfristige Einzelstreiks mit dem Ziel, den Amazon-Konzern zur Akzeptanz eines Tarifvertrags nach den Regeln des deutschen Einzel- und Versandhandels zu zwingen.

Solange der Arbeitskampf auf dieser beschränkten Grundlage geführt wird, ist er nicht zu gewinnen. Amazon ist es ein Leichtes, ihn auszuhebeln und seine Wirkung durch Mehrarbeit an andern Standorten zu konterkarieren. Gegen die Verdi-Forderung nach einem deutschen Tarifabschluss führt Amazon das Argument ins Feld, der Logistikkonzern bezahle auch so schon „faire“ Löhne, die dem ebenfalls von Verdi ausgehandelten Tarifvertrag für die Logistikbranche entsprechen.

In mehreren deutschen Betrieben stützt sich Amazon mittlerweile auf Betriebsräte von Verdi, die sich an der Organisation eines reibungslosen Betriebsablaufs beteiligen. Um erfolgreich gegen Amazon zu kämpfen, ist es notwendig, mit Verdi zu brechen, unabhängige Arbeiterkomitees zu gründen und den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen.