Julia Skripals Genesung verstärkt Zweifel an „Nervengiftanschlag durch Russland“

Von Chris Marsden
2. April 2018

Wer dem weltweiten Propagandafeldzug gegen Russland Glauben geschenkt hatte, erlebte letzten Donnerstag das größte Osterwunder seit der Auferstehung Christi.

Seit Wochen käuen die Medien die Anschuldigungen der britischen Regierung wieder, der Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia seien am 4. März mit einem militärischen Kampfstoff namens Nowitschok vergiftet worden.

Das Nervengift sei so tödlich, dass die beiden wohl nie wieder oder nur mit schweren geistigen und körperlichen Schäden aus dem Koma erwachen würden. Letzten Mittwoch gab es sogar Schlagzeilen, dass die lebenserhaltenden Systeme möglicherweise abgeschaltet werden müssten.

Doch am Donnerstag meldete der Krankenhausbetreiber Salisbury NHS Foundation Trust, die 33-jährige Julia befinde sich nicht mehr in einem kritischen Zustand, sei bei Bewusstsein und spreche.

Julias Genesung lässt die offizielle Darstellung vollends unglaubwürdig erscheinen. Doch man darf sicher sein, dass sie auch diesmal nicht widerrufen, sondern bedarfsgerecht umgeschustert wird. Schließlich will sich die britische Regierung durch nichts daran hindern lassen, im Bündnis mit den USA Wirtschaftssanktionen und die Ausweisung von Diplomaten voranzutreiben, um längst geplante militärische Aggressionen an den Grenzen zu Russland und im Nahen Osten in die Tat umzusetzen.

Die Anschuldigungen gegen Russland wimmeln von Ungereimtheiten, Widersprüchen und offenen Lügen. Vor allem gibt es keine plausible politische Erklärung, weshalb Russland die Skripals hätte angreifen sollen.

Es gibt bislang keinerlei Hinweise auf den Täter, geschweige denn Beweise für die Schuld Russlands oder seiner Regierung unter Wladimir Putin. Die britische Regierung stützt sich einzig auf die (aus geheimen „Erkenntnissen“ der Chemiewaffenfabrik Porton Down abgeleitete) Behauptung, dass es sich um ein Nervengift des Typs Nowitschok handle, das in der ehemaligen Sowjetunion entwickelt wurde und dessen Verwendung so kompliziert sei, dass zwingend ein „staatlicher Akteur“ beteiligt gewesen sein müsse.

Diese Lüge bedurfte einiger nachgelagerter Hilfslügen, die von den Medien kritiklos geschluckt wurden. Doch bereits vor der Meldung von Julias Genesung begann sich das Lügengeflecht aufzulösen.

Nachdem die Skripals am 4. März bewusstlos aufgefunden worden waren, wurde ihre Erkrankung zunächst auf ein „weißes Pulver“ zurückgeführt, bei dem es sich um das „Opioid Fentanyl“ handele. Erst am 6. März wurde Russland als möglicher Täter benannt, und am 7. März erklärte die für nationale Aufgaben zuständige Metropolitan Police erstmals, dass ein Nervengift verwendet worden sei.

Am 8. März wurde gemeldet, dass ein Polizist, dessen Name später als Nick Bailey angegeben wurde, mit schweren Symptomen im Krankenhaus behandelt werde, da er einer der Ersthelfer gewesen sei. Auch weitere 21 Personen, so die Polizei, hätten eine (nicht genauer spezifizierte) Behandlung erhalten.

Vier Tage später, am 12. März, als mit Schutzanzügen und Gasmasken ausgerüstete Polizisten und Soldaten zu Hunderten in Salisbury einfielen und die Umgebung um die Parkbank, auf der die Skripals aufgefunden worden waren, ebenso absperrten wie das Restaurant Zizzi, in dem sie zu Abend gegessen hatten, teilte Premierministerin Theresa May dem Parlament mit, Porton Down habe die russische Herkunft des Nervengifts nachgewiesen. Daher sei es „sehr wahrscheinlich“, dass Russland für den Anschlag verantwortlich sei.

Russland hat wiederholt bestritten, im Besitz von Nowitschok-Kampfstoffen zu sein, die in der ehemaligen Sowjetunion entwickelt wurden. Es hat darauf hingewiesen, dass andere Staaten, die mittlerweile mit Russland verfeindet sind, beispielsweise die Ukraine, solche Stoffe besitzen könnten. Außerdem stehen Großbritannien und den USA mittlerweile nicht nur die Formel, sondern auch an ihrer Entwicklung beteiligte Wissenschaftler zur Verfügung.

Die jüngsten Entwicklungen werfen allerdings die Frage auf, ob es überhaupt Beweise dafür gibt, dass bei dem Mordversuch ein militärischer Kampfstoff verwendet wurde. Drei Fragen sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung: Was ist Nowitschok, wie wird es eingesetzt und wie wirkt es.

Als die Identifizierung des Stoffes gemeldet wurde, hieß es, Gifte der Notwitschok-Reihe könnten ebenso wie VX und Sarin als Flüssigkeit oder Gas vorliegen, seien aber „fünf bis zehn Mal so tödlich“ wie letztere.

Einer der Entwickler, Wil Mirsajanow, der sich Anfang der 1990er Jahre in die USA abgesetzt hatte, bezeichnete Nowitschok in einem Interview mit dem Guardian als „einzigartig und die stärkste chemische Waffe der Welt“.

Kein nicht-staatlicher Akteur sei fähig, waffenfähiges Nowitschok einzusetzen. „Dabei kann man ums Leben kommen ... ohne aufwändige technische Ausrüstung ist es unmöglich. Kein Land außer Russland ist dazu in der Lage, weil Russland Notwitschok erfunden, getestet und zur Waffe entwickelt hat“, erklärte Mirsajanow.

„Ich denke, sie brachten es als binäre Version ins Land. Es sind zwei Ampullen, kleine Behälter vom Umfang einer großen Gewehrkugel. Man fügt sie in einem Spray oder Ähnlichem zusammen und mischt sie mit einem geeigneten Mechanismus, wenige Sekunden später schießt man damit ... wenn es auf Haut trifft, setzt die Wirkung Minuten später ein.“

Die Wirkung sei „schnell und dramatisch“. Das Nervensystem werde betroffen, die Opfer könnten nicht mehr atmen, bekämen „Husten und Schaum vor dem Mund“, die „Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt lösen Erbrechen aus“. „Muskelkrämpfe setzen ein ... viele Betroffene nässen ein und verlieren die Kontrolle über ihre Schließmuskeln.“

Nach dieser Beschreibung konnte die Geschichte über das weiße Pulver natürlich nicht aufrechterhalten werden. Und es galt zu erklären, wie es möglich war, dass ein Nowitschok-Kampfstoff auf besagte komplizierte Weise verabreicht wurde und die Skripals dennoch das Haus verließen, einen Pub und ein Restaurant aufsuchten und erst nach sieben Stunden zusammenbrachen.

Ursprünglich hatte es geheißen, Julia Skripal habe den Giftstoff unwissentlich ins Land gebracht, er sei ihr in den Koffer gesteckt worden. Die zweite Version lautete, dass er auf der Kleidung der Skripals angebracht worden sei, was die verzögerte Wirkung erkläre. Der dritten Version zufolge wurde das Gift in Gasform durch die Klimaanlage des Skripalschen Autos geleitet.

Diese Darstellungen waren alle nicht plausibel und vor allem deshalb unglaubwürdig, weil kein Dritter zu Schaden kam. Meldungen zufolge wurden weitere Personen ins Krankenhaus eingeliefert, jedoch ausnahmslos ohne Behandlungsbedarf wieder entlassen. Am 22. März, wenige Tage vor der Erholung Julias, verließ der Polizist Nick Bailey das Wiltshire Hospital.

Mitten in diesem Debakel brüstete sich May vergangenen Dienstag damit, dass 18 Staaten insgesamt 100 russische Diplomaten ausgewiesen hätten, allein 60 müssten die USA verlassen.

Zum Auftakt einer Debatte über das Thema nationale Sicherheit und Russland erklärte May, Sergej und Julia Skripal befänden sich „nach wie vor in kritischem Zustand im Krankenhaus. Leider gingen die Ärzte Ende letzter Woche davon aus, dass sich ihr Zustand in nächster Zukunft nicht ändern dürfte und dass sie womöglich nie wieder richtig gesund werden.“

Als ob es nicht peinlich genug wäre, dass Julia zwei Tage später wieder recht munter ist, gab die Polizei überdies am selben Tag bekannt, das Gift sei den Opfern verabreicht worden, indem es an die Eingangstür von Sergej Skripals Haus geschmiert worden sei!

Wie dieser plumpe Trick wochenlang unentdeckt bleiben konnte, wurde ebenso wenig erklärt wie die Frage, weshalb außer den Skripals und dem Polizeibeamten Bailey niemand zu Schaden kam. Jedenfalls sperrte die Antiterroreinheit der Metropolitan Police einen Kinderspielplatz in der Nähe des Skripalschen Hauses ab. Der London-Road-Friedhof, wo Sergejs Frau und Sohn begraben sind, das Einkaufszentrum Maltings und das Werkstattgelände von Ashley Wood wurde wieder der Polizei von Wiltshire unterstellt.

Überall auf der Welt stoßen die Behauptungen der britischen Regierung auf großes Misstrauen. Dies ist mehr als gerechtfertigt. Die Personen mögen gewechselt haben, seit die Labour Party unter Blair 2003 mit einem gefälschten Dossier den Irakkrieg rechtfertigte. Aber die Kunst der Heuchelei und Intrige, die von der britischen Bourgeoisie aufs Äußerste verfeinert wurde, ist unverändert geblieben.

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