EU-Abschottungspolitik: Das Sterben im Mittelmeer geht weiter

Von Elisabeth Zimmermann
4. April 2018

Immer wieder ereignen sich furchtbare Dramen auf dem Mittelmeer. Seitdem die EU ihre Grenzen hermetisch abgeschlossen hat, steht den Flüchtlingen aus dem Nahen und Mittleren Osten und aus Afrika nur noch die lebensgefährliche Route über das Mittelmeer offen. Dort sind in den letzten Jahren schon Tausende ertrunken.

Das jüngste furchtbare Drama ereignete sich vor der griechischen Insel Agathonisi. Wie Spiegel Online berichtete, bestiegen am Freitag, den 16. März, zwei Familien am türkischen Strand ein Boot, das sie zu der nur 20 km entfernten griechischen Insel bringen sollte. Doch das Boot sank, und von den 19 Bootsinsassen, darunter neun Kindern, überlebten nur drei Erwachsene. Die alarmierte griechische Küstenwache unternahm nichts, um die Flüchtlinge zu retten.

Außer zwei türkischen Bootsführern hatten am frühen Morgen folgende Passagiere das Boot bestiegen: eine achtköpfige Familie aus dem Irak, bestehend aus zwei Ehepaaren mit ihren Kindern im Alter von dreizehn, fünf, drei Jahren und einem vier Monate alten Baby, sowie eine Familie aus Afghanistan, bestehend aus dem Vater (51), seiner Tochter Freshta (25), ihrer Tante Fahima und mehreren Geschwistern, Cousins und Cousinen im Alter von vier bis 20 Jahren.

Auf sie wartete Freshtas Bruder Darab auf der Insel Samos. Er lebt dort bereits seit über zwei Monaten in einem überfüllten Flüchtlingslager. Freshta hatte ihn frühmorgens über WhatsApp informiert, dass die Reise begonnen hatte. Sie hatte auf ihrem Mobiltelefon auch eine Funktion aktiviert, die dem Bruder ihren jeweiligen Standort übermittelte.

Zunächst lief alles gut. Doch nachdem sie etwa zwei Drittel der Meerespassage zurückgelegt hatten, erhielt Darab von seiner Schwester eine panische Nachricht: „Das Boot hat gestoppt! Wir sinken! Wir sinken!“

Sofort wählte Darab den Notruf 112 und erklärte, dass ein Boot mit seiner Familie auf dem Weg nach Agathonisi schiffbrüchig sei. Ein Rückruf informierte ihn, er solle die Telefonnummer des Joint Rescue Coordination Center in Athen anrufen, die die Küstenwache koordiniere. Darab rief dort an und erklärte die verzweifelte Lage seiner Angehörigen erneut.

Er erhielt eine Mobilfunknummer, an die er die letzte WhatsApp-Nachricht seiner Schwester weiterleiten sollte, was er unverzüglich tat. Darauf erhielt er die Antwort, die Standortinformation lasse sich nicht öffnen. Darab schickte einen Screenshot, die genauen Koordinaten des letzten Standorts, eine Google-Karte und eine Sprachnachricht, in der er erklärte, wie die Geokoordinaten eingegeben werden müssten. Danach hörte Darab von den Behörden in Griechenland, die für die Seenotrettung zuständig sind, nichts mehr.

Währenddessen spielte sich für seine Angehörigen und die irakische Familie ein verzweifelter Kampf ums Überleben auf dem Mittelmeer ab. Hier der Ablauf der Tragödie, die sich in den Morgenstunden des 16. März abspielte, wie die drei Überlebenden sie später berichtet haben:

Die zwei Bootsführer fühlen sich von der türkischen Küstenwache verfolgt und beschleunigen das kleine Boot stark. Der Motor hält jedoch die Vollgasfahrt nicht lange aus. Er fällt plötzlich aus, das Boot stoppt, Wellen schlagen über Bord. Panik bricht aus. Freshta kann gerade noch ihre Sprachnachricht an den Bruder absetzen, dann kentert das Boot in der unruhigen See, und alle stürzen ins Wasser. Erst können sie sich dank der Schwimmwesten noch über Wasser halten, bis auf das vier Monate alte Baby, ein irakisches Mädchen, das sofort ertrinkt. Die Erwachsenen versuchen, in der Nähe ihrer Kinder zu bleiben, und hoffen auf Rettung.

Etwa ein bis zwei Stunden später fährt in der Nähe ein größeres Schiff mit weiß-blauer Flagge vorbei. Die auf dem Meer Treibenden versuchen, mit den an ihren Rettungswesten befestigten Signalpfeifen und durch Winken auf sich aufmerksam zu machen. Aber das Schiff fährt weiter, an den Ertrinkenden vorbei. Es stoppt in einiger Entfernung, wartet eine Weile, ohne auf die Menschen in Seenot zu reagieren, und dreht dann ab.

Die Situation spitzt sich immer weiter zu. Ein frischer Wind kommt auf, die Wassertemperatur beträgt ungefähr 15 Grad. Die Flüchtlinge drohen vor Erschöpfung und Unterkühlung einzuschlafen. Die Kinder zittern im kalten Wasser.

So der Bericht von Fahima (45), der einzigen Überlebende der afghanischen Familie. Sie verlor bei dem Unglück ihre vier Kinder, zwei Neffen und eine Nichte. Die letzten Worte ihres jüngsten Sohns brannten sich bei ihr ein: „Mama, ich kann nicht mehr, bitte töte mich.“

Die drei Überlebenden sind Quassim, mit 51 Jahren der älteste Mann der irakischen Familie, die Ehefrau seines Neffen, sowie Darabs Tante Fahima. Sie haben sich zum Schluss eingehakt und werden durch Wind und Wellen näher an das Ufer von Agathonisi getrieben. Beide Frauen halten in dem jeweils freien Arm eines ihrer toten Kinder.

Bei Einbruch der Dunkelheit schaffen es die drei an Land. Quassim versucht, Hilfe zu holen, muss aber erschöpft aufgeben, und verbringt die Nacht unter einem Baum, während die beiden Frauen hinter einem schützenden Felsen übernachten.

Inzwischen versucht Darab den ganzen Freitag über, die griechischen Behörden dazu zu bewegen, dass sie nach seinen schiffbrüchigen Angehörigen suchen. Offensichtlich ohne Erfolg. Am nächsten Morgen schickt er erneut eine WhatsApp-Nachricht an den Kontakt vom Vortag mit dem Text: „Wir haben keine Information über meine Familie. Können Sie uns bitte helfen, sie zu finden?“

Bei Tagesanbruch erreichen die drei Überlebenden die Polizeiwache von Agathonisi, und diese alarmiert die Küstenwache.

Jetzt erst – 24 Stunden nach dem ersten Notruf! – werden dreizehn Schiffe, zwei Helikopter und ein Flugzeug mobil gemacht. Aber es ist zu spät. Sie können nur noch 16 Leichen bergen, die sie auf die größere Insel Samos bringen, wo auch die Überlebenden ankommen.

Darab, der die ganze Zeit ohne Nachricht bleibt, schöpft Verdacht. Schließlich eilt er zum Krankenhaus von Samos, wo er nur noch seine Tante lebend wiederfindet. Er bricht zusammen.

Seither sind weitere Familienmitglieder, die in Deutschland und England leben, nach Samos gereist, um Darab und Fahima beizustehen. Darunter sind seine Mutter, eine weitere Schwester und mehrere Brüder, sein Onkel und seine Cousins. Sie alle suchen nach Antworten, warum so viele Familienangehörige auf dieser Fluchtetappe sterben mussten.

Auch von der irakischen Familie ist ein Angehöriger aus den USA nach Samos gekommen und fordert Aufklärung von den griechischen Behörden. Diese versuchen, ihre Verantwortung für die Katastrophe zu vertuschen und von sich abzulenken. Sowohl der griechische Migrationsminister, Dimitris Vitsas, als auch der Minister für Schifffahrt und Inseln, Panagiotis Kouroumblis, besuchen die Überlebenden auf Samos.

Dies ist nur eine Tragödie von vielen, die sich in den letzten Jahren ereignet haben. Nur wenige dieser entsetzlichen Fälle werden überhaupt je bekannt. Auch der jüngste Fall ist nur bekannt geworden, weil die Angehörigen, allen voran Darab, alles ihnen Mögliche in Bewegung setzten, und weil drei Reporter von Spiegel Online darüber berichtet haben.

Zum Ende des Spiegel Online-Berichts vom 29. März heißt es, die Staatsanwaltschaft habe Vorermittlungen aufgenommen, und Minister Kouroumblis habe den Überlebenden einen schnellen Transfer auf das Festland und die Familienzusammenführung in Deutschland versprochen. „Seine Reaktion zeigt aber auch, dass es vor allem einen Grund für die Untersuchung gibt: die Hartnäckigkeit der Opferangehörigen und der Überlebenden. Wer auf sich allein gestellt ist, ist verloren.“

Allein in diesem Jahr haben in der Zeit von Januar bis Ende März schon 14.651 Menschen versucht, das Mittelmeer zu überqueren. 498 von ihnen haben es nicht überlebt oder werden bis heute vermisst, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) berichtet. Insgesamt sind laut pro asyl seit dem Jahr 2000 an den europäischen Außengrenzen über 35.000 Menschen ums Leben gekommen.

Verantwortlich für das anhaltende Massensterben ist die gnadenlose Politik der EU und ihrer Mitgliedstaaten, allen voran Deutschlands und Italiens, die die EU-Außengrenzen hermetisch abriegeln. Sie haben die Balkanroute dicht gemacht und die Nordafrika-Italien-Passage durch den schändlichen Deal mit der libyschen Küstenwache unterbrochen.

Seither bleibt den Flüchtlingen praktisch nur die Route über die Türkei und Griechenland übrig. Wöchentlich versuchen etwa 300 Flüchtlinge, die aus den Kriegsgebieten in Syrien, Irak, Afghanistan und aus zahlreichen afrikanischen Ländern entkamen, über diesen Weg die EU zu erreichen.

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